Einzelbild herunterladen
 

der Stadl Frankfurt a. M.,

verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.

(Expedition: am H. Geistpförtchen, Schlachthausgâffe 21.)

M 135 Samstag dm 29. Mai 1869.

Ueb erblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.

Frankfurt, 29. Mai. (Deutschland zur See.) Die Ankunft der schönen Panzerfregatte „König Wilhelm" im Kieler Hafen veranlaßt ein dänisches Blatt, einen Vergleich zwischen der Entwickelung der deutschen und der dänischen Seemacht anzustellen, der ganz zu unseren Gunsten ausfällt. Das ist ein gewaltiger Unterschied gegen die Sprache, welche die Dänen noch 1864 führten. Damals glaubten sie sich ihrer Ueberlegenheit zur See noch auf lange Zeit sicher und meinten die Herrschaft über die Ostsee nur mit Schweden und Ruß land, die zudem Beide nicht als Rivalen, sondern vielmehr unter Umständen als Bundesgenossen betrachtet wurden, zu theilen. Jetzt fühlt man, daß es mit der eigenen Herrschaft zur See vorbei ist, und daß Schweden und Rußland in dem Norddeutschen Bunde einen Rivalen bekommen haben, der ihnen bald über den Kopf wachsen wird. Früher galt Deutsch­land im baltischen Meere gar nichts, jetzt macht es Anstalt, dort die vorherrschende Macht zu werden: das ist eine der wichtigsten und doch bisher noch am wenigsten beachteten Folgen der Ereignisse von 1866, welche ohne dieselben gar nicht hätten eintreten können. Erst mußte ein Bund entstehen, in welchem Preußen als fast alleiniger Besitzer der deutschen Ost- und Nordseeküsten das Uebergewicht hatte, ehe man im Ernst an die Herstellung einer deutschen Flotte denken konnte. Die deutsche Flotte in einem Bundesstaate, dessen einzelne Glieder sich argwöhnisch im Gleichgewicht zu halten suchten, wie man sie sich 1848 dachte, war ein schöner Traum, eine Schöpfung, deren Anfänge schon an der Natur der Verhält­nisse scheitern mußten. Die größeren Binnen- und namentlich die süddeutschen Staaten, die zu den Kosten mit hätten bei­tragen müssen, und doch auch ein Wort bei der Errichtung und Verwaltung der Flotte hätten mitsprechen wollen, würden nie ein rechtes Herz dafür gewonnen haben. Daß sie zur Vildung eines Bundeshecres von übrigens sehr mangelhafter Cohäsivnskraft mit beigetragen haben, ist noch kein Beweis dafür, daß sie sich sür die Flotte ebenso bereitwillig gezeigt naben würden. Die großen nationalen Interessen, zu deren Schutz eine Kriegsmarine dienen soll, liegen ihnen ziemlich ern: der Schaden einer Blokade der deutschen Häfen oder der -Insichcrheit des Seehandels wird ihnen unmittelbar gar nicht uhlbar. Süddeutschland kann ja nöthigenfalls über das neu- trale Holland excortiren, wenn Elbe und Weser gesperrt sind. Für die Regierungen der Binnenstaaten selbst hat die Land- armee einen ganz anderen Werth, als eine Flotte und wäre E die größte. Die Armee ist die immer sichtbare Stütze der Dynastie, und für den Regenten ein täglicher Gegenstand der

Beschäftigung; sie vermehrt außerdem nicht nur den Glanz, sondern auch den Einfluß der Krone, welche durch die aus dem kriegsherrlichen Verhältniß fließenden Gunstbezeugungen zahlreiche Familien an sich fesseln kann. Mit der Flotte ist dies ganz anders. Sie kann nicht aus einzelnen Contingenten gebildet werden, wie eine Bundesarmee; sie ist nicht in den Residenzen, nicht einmal im Lande selbst sichtbar; behufs ihrer Verwaltung kann man nicht eine aus den Bevollmächtigten der ein­zelnen Regierungen bestehende und von diesen ihre Instruktionen empfangende Bundesmilitärcommission (etwas ganz anderes als der Marineausschuß des norddeutschen Bundes) einsetzen, und eben­sowenig die Offiziere etwa reiheum von den einzelnen Regierungen ernennen lassen. Soll etwas aus ihr werden, so muß ihre Leitung eine einheitliche sein, und ihr Offiziercorps darf nur einen Kriegsherrn kennen, wie jetzt die norddeutsche Flotte. Zur Erhöhung des Glanzes und des Einflusses der einzelnen Dynastien trägt daher eine Flotte aus allen diesen Gründen nichts bei, und ebensowenig zu ihrer Sicherheit; es wäre daher wider die Natur, von ihnen zu verlangen, daß sie ein lebhaftes Interesse für ein solches Institut haben sollten. Scheiterte ja doch sogar der so bescheiden angelegte Plan zur Küstenver- theidigung außer an der Eifersucht Hannovers auf Preußen an dem Widerspruch der Binnenstaaten. Jetzt, durch die Gründung des norddeutschen Bundes, ist dies anders geworden. Preußen allein besitzt jetzt eine größere Handelsmarine, als die übrigen norddeutschen Staaten zusammen; es kann daher schon seinen eigenen Interessen zu Liebe nicht mehr, wie ihm früher vorgeworfen worden, die deutsche Kriegsmarine als eine Art Nebensache betrachten, sondern muß ihre Entwickelung mit allen Kräften betreiben. Neben ihm verlangen noch Mecklenburg und Oldenburg, fowie die Hansestädte für ihre ansehnliche Schiff­fahrt ausreichenden Schutz, den sie ihr selbstständig nicht schaffen können. Die Mehrheit des Bundesrathes ist daher bei der Erhaltung einer deutschen Kriegsmarine direkt interessirt, und es ist nicht einmal ein Widerspruch der binnenländischen Minorität zu fürchten, denn Sachsen, der größte der Binnen­staaten, hat ausgedehnte überseeische Handelsinteressen, und da die andern wegen ihrer Kleinheit nur wenig mit Beisteuern für die Flotte in Anspruch genommen werden und dabei durch das Bundesverhältniß die gerade ihnen nothwendige Sicherheit der Existenz genießen, so bringen sie dem größeren Gewinn zu Liebe gern das kleine Opfer. Vor Anfechtungen aus dem Schooße des Bundes ist daher die deutsche Flotte sicher und sie wird sich stetig und kräftig weiter entwickeln können. Kommt dann die Zeit, wo sich die Einigung vom Gesammtdeutschland vollzieht, so steht die deutsche Kriegsmarine als fertige Bundes- institutioU da, welche die süddeutschen Staaten als solche werden anerkennen müssen, wenn sie Mitglieder des Bundes werden