Intelligenz-Blatt der Stadt Frankfurt s. M., verbunden mit den Frankfurter Nachrichten als Extrabeilage.
(Expedition: am h. Geistpförtchen, Schlachthausgasse 21.)
M 95 Donnerstag den 22. April 1869.
strenge Verbot bestand, sich mit Astronomie als Selbststudium zu befassen; der Gelehrtenneid hatte diesen unsinnigen Erlaß hervorgerufen. Die Europäer dagegen bauten auf der mathematischen und astronomischen Grundlage, welche der chinesische Scharfsinn geschaffen hatte, auf; um den Chinesen zu schmeicheln, wird der Osten, speziell China, die Heimath aller Erfindungen genannt; die Fremden hätten es verstanden, durch Entwicklung des Veralteten neues zu erzeugen und die ursprünglichen Erfinder der Principien zu überflügeln; die wissenschaftliche Grundlage sei aber dem chinesischen Scharfsinn zu danken. Die neue Universität soll nun die Chinesen mit der Entwicklung der Astronomie im Abendland und mit den neuen Grundsätzen der Mechanik bekannt machen; deswegen die Berufung Auswärtiger. Der Beschränkung des Programms auf diese zwei Wissenschaften liegt weniger Unterschätzung der Wichtigkeit der andern Zweige menschlichen Wissens zu Grunde, als die Absicht, der Neuerung bei dem Volke leichter Eingang zu verschaffen; Mathematik und Astronomie haben dem chinesischen Geist von jeher am meisten zugesagt. Das Universitätsstatut ist in der officiellen „Pekinger Zeitung" in allen Details veröffentlicht. Die einzelnen Bestimmungen sind folgende: 1) Die „classischen" Studien müssen absolvirt sein; hierunter wird das Studium jener Masse gelehrter, fast heilig gehaltener Bücher verstanden, welche den Prüfungsgegenstand für die Staatsämter bilden. Wer diesen Stoff inne hat, gilt als fähig und gewöhnt, seine Denkkraft zu üben; von ihm kann auch Fleiß und Ausdauer erwartet werden, um der verborgenen Bedeutung der mathematischen und astronomischen Wissenschaften auf den Grund zu kommen. Die Zulassung der Universität ist überdies noch von einem besonderen Examen bedingt. 2) Nach dem Grundsätze der Classiker: „Um die Arbeit zu vollenden, muß man tn der Werkstatt weilen, und um wirksam zu lernen, durchaus in der Nähe des Lehrers sein", ist ein Internat eingeführt; die Studirenden wohnen im Gebäude; sie haben vom Morgen bis zum Abend daselbst anwesend zu sein, um die Lehrer über schwierige Punkte, auf die sie beim Arbeiten stoßen, befragen zu können. 3) Monatlich werden Prüfungen abgehalten; Semestralprüfungen entscheiden über die Location und das Aufsteigen. 4) Nach 3 Jahren ist die Austrittsprüfung; nicht Befähigte haben das Studium fortzusetzen; die Befähigten erhalten aber, außer Einreihung in die höheren Klaffen der Staatsaelehrten, besondere Auszeichnungen. Jeder Studirende erhält freie Station, dabei noch „eine einträgliche Remuneration, um sich schwermüthiger Betrachtungen zu entheben'" Dieses Taschengeld ist vorläufig auf 10 Tael (ä 2 Thlr. 8 Sgr.) monatlich festgesetzt. Von den europäischen Einrichtungen unterscheidet sich diese neue Universität wesentlich; sie ist mit unsern
Ueberblick der Ereignisse im Gebiete der politischen und materiellen Interessen.
Frankfurt, 22. April. (Die Universität von Peking.) Die Chinesen hatten in den Kriegen mit den Seemächten kaum die Wirkungen der neuen Geschosse und die Wunder der Mechanik kennen gelernt, als sie Dampfer und Gewehre ankauften, um ihre Flüsse und Meere zu befahren und die Feinde im eigenen Lande zu überwinden. Bald folgte unter der Leitung französischer Unternehmer die Gründung einer Anstalt zu Tsche-fu, in welcher Dampfschiffe und Dampf- maschinen im eigenen Lande hergestellt werden; im Jahre 1866 * wurde zu Schanghai eine mechanische Werkstätte errichtet, nach welcher Offiziere aus der Garnison von Peking zum Lernen beordert wurden. Hierauf trug der Gouverneur der südlich davon liegenden See-Provinz Fu-tschien darauf an: in seinem Gebiet eine polytechnische Schule zu errichten, für dieselbe talentvolle junge Leute anszuwühlen, und als Lehrer Ausländer anzunehmen, damit durch diese der Grund zu späterem Dampfschiff- und Maschinenbau gelegt werden könnte. Die Nothwendigkeit, die eigenen Unterthanen zu Maschinenbauern heranzubilden, war schon längst erkannt; die Eigenliebe der Chinesen sträubte sich aber gegen Berufung von Fremden als Lehrer. Dem Prinzen Kung und den gegenwärtigen Mitgliedern des auswärtigen Ministeriums gebührt das Verdienst, auch dieses Vorurtheil glücklich überwunden zu haben; sie legten dem Kaiser ein ausführliches Memorandum vor, welches die Nothwendigkeit der Gründung einer Universität in Peking unter Ausländern als Lehrer betonte. Am 26. Februar 1868 genehmigte der Kaiser den Plan und bewilligte die nöthigen Geldmittel. An die Ausführung wurde sogleich gegangen, ohne die Einwürfe der Gelehrtenkaste zu beachten, die bis je^t die Wissenschaft (nach chinesischer Definition) als ihr Monopol betrachtet hat und ihren Einfluß nicht mit Unrecht bedroht sieht. Als Lehrer wurden meist Franzosen berufen, von Deutschen befindet sich J. v. Gumpach darunter; sie wurden unter der Bedingung angestellt, binnen zwei Jahren sich die chinesische Sprache anzueignen, da in dieser vorgetragen werden muß. Inzwischen sollen die Baulichkeiten hergestellt werden, darunter eine Sternwarte nach europäischem Muster, für welche die besten Instrumente, meist in England und Frankreich, bestellt sind. Man zählt in China sechs schöne Künste: 1) Beobachtung der Prinzipien gesellschaftlicher Ordnung, 2) Musik,
Bogenschießen, 4) Wagenlenken, 5) Schreiben, 6) Rechnen.
Denkschriften über Errichtung einer Universität weisen nun nach, daß das Rechnen, die sechste der schönen Künste, Eniählich in China seltener geübt wurde; der Staat hatte selbst Schuld daran, da bis zur gegenwärtigen Dynastie das