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KuldnerMZeitung
spalt. Sarmoud- zrile oder berat Raum 15 Pf-, Re- Hamen die Petitzeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.
26. Jahrgang
Iuköa, Samstag, den 30. September 1899
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Angeblich soll er die Einladung eines ners angenommen haben, demnächst in dessen Villa
In Wien weilte in diesen Tagen Fürst Ferdi- ™ " l BW in Wien
chweigt des Sängers Höflichkeit. Noch erheblich geringere Freude natürlich empfindet man über den andern „lieben Vetter" Milan Obrenowitsch in Belgrad, der durch Standgerichte mit unwillkürlicher Grausamkeit unbequemen politischen Männern den Prozeß machen und sie für 20 Jahre in den Kerker mit schweren Ketten sperren läßt. Wie lange wird die Schmach dieser Herrschaft noch auf dem bedauerns- werthen Lande Serbien lasten? Unter solchen Umständen ist es sehr erklärliche daß in allem Ernste andere Leute auf den Thron von Serbien Absichten hegen: so namentlich Fürst Nikita von Montenegro. Dieser, bisher gar kein Freund des Sultans, war kürzlich zum Besuche in Konstantinopel, und bei dieser Gelegenheit soll die serbische Frage die Hauptrolle gespielt haben. Rußland würde den Fürsten Nikita natürlich gern als König in Belgrad einziehen sehen, Oesterreich aber nicht. Prinz Nikolaus von Griechenland wird sich nächstdem mit der Prinzessin Xenia verloben, der jüngsten Tochter des Montenegriners, und man schließt daraus auf ein zukünftig enges Bündniß zwischen Griechenland und Mon-
Die Gutsbesitzersfamilie feierte den Geburtstag der Hausfrau. Unter Anderem sollte im Gartensaal auch eine Dilettantentheateroorstel- lung stattfinden, bei der Stationschef Fröhlich als amüsanter Spaßmacher eine komische Rolle übernahm. Witte mußte an diesem Tage den Dienst verrichten und Fröhlich hörte am Vormittag während der Probe, wie sehr man dies bedauere. Das Fräulein, das Mädchen der beiderseitigen Wahl bat ihn sogar, den „lieben, lieben Witte" nach der Vorstellung für ein Stündchen oder zwei aüzulösen, bamit der „gute Junge" doch auch etwas von dem Feste genieße. Fröhlich versprach dies sehr widerwillig und begab sich dann zur Station hinaus, um sich sein Kostüm zu holen, welches er sich durch den Stationspacker, einen gelernten Schneider, hatte nähen lasten und durch besten Originalität bet bie Zuschauer sehr zu überraschen gebachte.
Als er die Dienstkanzlei betrat, fand er Witte nicht vor. Die unterdrückten Klänge einer Fidel verriethen ihm, daß der junge Mann auf seinem Zimmer weile. Er sandte seinen Stationspacker, der eben das Bündel mit dem Theaterschmucke brachte, um den Assistenten.
„Was willst Du?" lautete Wittes Frage, als er die Kanz'ei betrat.
„Vor allem im Dienste kein Du mehr," herrschte ihm Fröhlich, der durch die blinde Eifersucht so gänzlich umgewandelte Vorstand, zu. „Dergleichen taugt denn doch Nichts. Außer Dienst kann es meinetwegen dabei bleiben."
„Bitte sehr, ich verzichte gänzlich auf diese Ehre falls es Sie reut." Witte war vor Erregung feuerroth geworden.
„Auch recht! Warum sind Sie auf Ihrem Zimmer und nicht hier in der Kanzlei. Sie stehen im Dienste und müssen den Telegraphenapparat überwachen."
Sufpendirt.
Der Zug, welcher den sehnlichst erwaneten „Erlöser" bringen sollte, fuhr ein. Drei Männer entstiegen dem Dienst - Koupee. Zwei derselben der Material- und der Kasten-Revisor — hielten große Portefeuilles unter dem Arme, der dritte aber, ein kleiner, kugelrunder, bartloser junger Mann, mußte der neue Stations - Chef Anton Fröhlich sein. Schon die Art und Weise, wie sich der neue Vorgesetzte vorstellte, gewann demselben das Herz des jungen Witte. Diese Zuneigung steigerte sich aber zum Enthusiasmus, als Herr Fröhlich nach erfolgter Stations-Uebernahme und nachdem die Revisoren, wie auch der enthobene Stationsleiter mit seiner griesgrämigen, grundhäßlichen Ehegattin abgereist waren, durch die Weichenwärtersfrau, ein lukullisches Abendessen bereiten, aus dem Dorfe Wein holen ließ und dem jungen Kollegen dann in der Dienst-Kanzlei beim „ Einstandsmahle" sein Programm entwickelte:
„Wir sind beide jung, beide rnverheiralhet und wollen uns daher gegenseitig das miserabele Streckenleben erleichtern. Rangunterschied zwischen uns gibt es nur, so weit es sein muß, das heißt.
wenn Züge und Vorgesetzte auf der Station sind. Angestoßen, Kamerad! Auf gute Freundschaft! Duzen wir einander!"
Die Gläser erklangen, die beiden Strecken- Pioniere küßten sich, die weißgetünchten Kanzlei- wände, welche dergleichen noch nie gesehen hatten, staunten, der Fahrkarten - Schrank schien zustimmend zu nicken und selbst der Telegraphen-Appa- rat klapperte freudig auf.
„Und werden Sie — wirst Du für mich — Billets ausgeben?"
„Versteht sich, Bruderherz! Alles wollen nur uns gegenseitig leisten. Die Diensteintheilung mag pro forma dort an der Wand hängen. Der Dienst soll auch gemacht werden, exakt, flott, wie es sich bei richtigen Eisenbähnlern von selbst versteht. Aber wer von uns und wann wir im Dienste stehen sollen, das werden wir hübsch unter einander ausmachen."
Freund Witte war überglücklich. Ec holte seine Geige aus seinem Zimmer und spielte seinem Vorgesetzten, der dazu aus den Tisch trommelte, lustige Weisen vor, und wenn ein Zug einfuhr, dann tänzelte der neue Stations-Chef hinaus, um denselben zu empfangen und abzufertigen, freilich draußen mit einer Miene, als sei er die Strenge und Skrupulosität in Person. Als Witte dann spät in der Nacht schlafen ging, da träumte ihm, sein neuer Freund und Höherer sei zum Direktor und er selbst zum Oberinspektor ernannt worden, Eulenstein aber, der abgewirlhschaftete Stations- Chef und frühere Schrecken der Linie, mußte bei ihnen als untergeordneter Kanzlist arbeiten.
Es waren auch recht schöne Tage, die Fröhlich und Witte nun miteinander ober vielmehr nicht miteinander verlebten, denn wenn der Eine im Dienste stand, ging der Andere seinem Vergnügen nach. Der junge Witte war nun häufiger Gast bei seinen Angehörigen in der Stadt, aber auch im Dorfe Blumenthal machte er des Oefteren und zwar bei der Familie eines Gutsbesitzers, deren Mitglieder bei ihren häufigen Touren nach der Residenz auf dem Bahnhofe mit den beiden Beamten bekannt geworden waren, wie denn das muntere Wesen des neuen Vorstandes der Station überhaupt viele Fremde aus der Umgegend anzog. Aber eben diese Besuche bei der erwähnten Gutsbesitzersfamilie sollten dem Freundschaftsbunde der beiden Stationsbeflisfenen verhängnißvoll werden. Die jungen Leute verliebten sich nämlich in eine und dieselbe junge Dame des Hauses und Einer hielt den Anderen für den Bevorzugten, während es im Grunde genommen keiner von Beiden war. Diese unglückselige Eifersucht zweier Gesellen, die den Gegenstand ihrer gemeinschaftlichen Neigung niemals zu gleicher Zeit sehen konnten, mußte ihre bösen Früchte tragen. Fröhlich begann allmählich seinem jüngeren Freunde den Vorgesetzten fühlen zu lasten. Ec bekrittelte besten häufige Gänge nach der Residenz, meinte, daß diese gar zu lockere Disziplin das Dienst- intereffe schädige, und wenn der Jüngling dann zu Hause blieb, beziehungsweise zu Gutsresitzers ging, dann ärgerte es ihn noch mehr. Endlich kam es, wie es kommen mußte: zum Bruche.
nand von Bulgarien, zum ersten als Fürst empfangen. Ob man in der Mener Hofburg große Freude über den Besuch bis „lieben Vetters" von der unteren Donau empfindet, darüber
„Ich übe eine Sonate, die ich mit dem Fräulein drüben morgen spielen soll. Es ruft uns um die Zeit Niemand von der Strecke. Bis der Bummler signalistrt wird, bin ich mit dem Stücke zu Ende."
„Sie werden nicht Violine spielen, sondern hier in der Kanzlei bleiben!
„Um Vergebung! Ich verrichte bett Verkehrs- bienst selbständig und auf meine eigene Haut. Ich werde demnach spielen!
„Ich wiederhole Ihnen, baß Sie nicht spielen sollen. Ich, Ihr Vorgesetzter, befehle Ihnen, hier in bet Telegraphenkanzlei zu bleiben!"
Witte wurde ein wenig blaß und dachte eine kleine Weile nach. „Ich werde trotzdem spielen!"
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Herr Dreyfus weilt seit einer uWoche im äußersten Süden Frankreichs, in Carp enrxas. Er ist also in Frankreich geblieben, aber f)<ü sich doch so nahe an die Grenze gemacht, daß er jej|n Augenblick den ungastlichen französischen Boden
Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 30. September.
Noch beinahe zwei Monate trennen uns von dem Wiederbeginn der Berathungen des Reichstages; aber schon ist in der Presse von neuem ein Kampf entbrannt, um die Vorlage zum Schutze der gewerblichen Arbeit, die aber nun einmal tm Volksmunde den Beinamen der Zuchthaus-Vorlage nicht los werden kann. Ein ganzer Sagenkreis hatte sich gebildet: innerhalb der nationalliberalen Partei sollte sich, ebenso wie in den Reihen der Centrumspartei, ein Umschwung vollzogen haben zu Gunsten der Vorlage. Was da von dem Centrum erzählt wurde, ist natürlich nicht wahr; das hat Abg. Dr. S ch a e d l e r festgestellt bei der Generalversamm- des Bauernvereins in Tuntenhausen, und in derselben Tonart hat der Centrumsabgeordnete Baumann gesprochen gelegentlich des Handwerker-Kongresses in Würzburg. Thatsächlich war es ja von Anfang an ganz unwahrscheinlich, daß innerhalb einer so kurzen Frist die Ansichten sich so geändert haben sollten, ohne daß die Centrumsfraktion des Reichstages ein einzigmal sich hätte versammeln können. Aber auch mit dem Umschwünge bei den Nationalliberalen wird es nicht weit her sein. Wenigstens hat in diesen Tagen ein süddeutsches Blatt, die ,Badische Landeszeitung', augenscheinlich im Einverständnisse mit dem Abg. Bassermann, nachdrücklich gegen die Auffassung Widerspruch erhoben, als wollten alle die nationalliberalen Abgeordneten, die bisher Gegner der Vorlage waren, nunmehr für die Vorlage sich in das Joch des Bundes der Industriellen spannen lassen. Daß dieser Bund bei der Unterstützung der Vorlage mehr sein eigenes Unternehmer-Interesse im Auge hat als den Schutz der gewerblichen Arbeit, das konnte man gerade in diesen Tagen wieder einmal ganz deutlich lesen in derjenigen Presse, die dem Bunde der Industriellen ergeben ist.
Unter solchen Umständen mußte die Berliner Regierung sich Mühe geben darum, sich wenigstens diejenigen Freunde zu erhalten, die ihr bei dieser Vorlage schon zur Seite standen: also die Konservativen und Freikonservativen. Und deshalb ist inzwischen auch die Streitaxt begraben worden, die die Berliner Regierungspresse gegen die genannten Parteien, namentlich gegen die Konservativen, wegen deren Widerstand gegen die preußische Kanalvorlage erhoben hatte. Die ministerielle .Berliner Korrespondenz' hat erklärt, die fortgesetzte Streiterei in der Presse sei überflüssig und unzweckmäßig; und seitdem ist cs still geworden davon. Umgekehrt bemühen sich nun die ,Berliner Offiziösen' recht demüthig und bescheiden wieder um die Freundschaft der vorher Angegriffenen — gerade kein gutes Zeugniß für die Einheitlichkeit und Stetigkeit der Berliner Regierung.
In jscharfen, packenden Darstellungen hat am letzten Sonntag beim hessischen Katholikentag in Mainz der Abg. Dr. Lieber die ganze politische Lage wundervoll klar gekennzeichnet; das Centrum, die deutschen Katholiken mögen sich hüten vor allzu großer Vertrauensseligkeit; Freunde haben sie nicht, außer sich selbst, und in Berlin wird von einflußreichen Mitgliedern des Staate Ministeriums ohne Aufhören daran gearbeitet, das Centrum wieder aus der Stellung zu verdrängen, die es nach so langen und harten Kämpfen endlich erreicht hat. „Ich kann — meinte Herr Dr. Lieber — nicht alles sagen, was ich weiß. Ich kann aber wohl sagen, daß es einen sehr einflußreichen Herrn im preußischen Staatsministerium gibt, der nichts sehnlicher wünscht, als das Centrum aus seiner ausschlaggebenden Stellung zu verdrängen und der nichts mehr erhofft, als in der bevorstehenden Tagung des nur vertagten Reichstages gelegentlich der Zuchthaus-Vorlage, der Militär-Vorlage und was sonst noch an der maßgebenden Stelle den Eindruck zu erwecken: zwar haben wir Konservativen Dir Deinen Kanal verdorben; aber doch sind wir, wenn es darauf ankommt, die einzig sicheren Stützen von Thron und Altar." Herr v. Miquel, dem dies natürlich gilt, soll nicht mehr so fest wie früher in seinem Ministersessel sitzen, behaupten allerhand Gerüchte. Bald wird es sich zeigen, ob etwas Wahres an dielen Gerüchten ist.
Im sächsischen Wahlkreise Pirna ist der antisemitische Abgeordnete Lotze, dessen Wahl vom Reichstage für ungiftig erklärt worden war, in der Stichwahl am 26. Sept, mit 12 937 Stimmen gegen den sozialdemokratischen Kandidaten Fräßdorf wiedergewählt worden. Dieser letztere hat nur 12 370 Stimmen erhalten. In der Hauptwahl hatte Herr Fräßdorf mehr Stimmen als Herr Lotze, weswegen die Sozialdemokraten schon auf einen Sieg gehofft hatten. Die Landtagswahlen, die im Königreiche Sachsen staitgefundeu haben, ändern nichts an der Zusammensetzung der zweiten sächsischen Kammer. In dieser haben nach wie vor die Konservativen eine in sich geschlossene Mehrheit. In der Sozialdemokratie war ein großer Streit ausgebrochen über die Betheiligung an den Landtagswahlen, zum großen Jammer der Parteileitung, die ihren Schmerz über die Empörung so vieler Genossen in dem Berliner sozialdemokratischen Central Organ aushauchte. Es hat aber nichts geholfen, und sehr viele Sozialdemokraten haben sich trotz aller Wehklagen ihrer Parteihäupter der Wahl enthalten.
Am Donnerstag ist der bayerische Landtag durch den Prinzregenten Luitpold 'eröffnet worden. Der Abgeordnetenkammer gehören jetzt an 83 Mit
glieder vom Centrum, 44 Liberale, darunter ganze drei Mann vom „Freisinn", 1 vom Bunde der Land- wirthe, 5 vom bayerischen Bauernbunde, 1 Demokrat, 11 Sozialdemokraten und 2 Parteilose. Auch eine genaue amtliche Statistik ist festgestellt worden, daß bei den Neuwahlen am 10. Juli das Centrum 440 Wahlmänner gegen früher gewann, die Sozialdemokraten 370, die Konservativen 50 Wahlmänner; daß dagegen die Liberalen nicht weniger als 1405 Wahlmänner verloren haben."
Das Ministerium des Grafen Thun im benachbarten Oesterreich besteht nicht mehr: am 23. September, eher als man es erwartet hatte, hat das Kabinet den Kaiser Franz Joseph um seine Entlassung gebeten und diese auch erhalten. Der Sturz dieses Ministeriums war schon lange unvermeidlich und kam :ür niemand mehr überraschend; dennoch konnte bis zu der Stunde, in der diese Zeilen zu Papier gelangen, kein Ersatz gefunden werden. Die Verhandlungen mit dem Fürsten Alfred Liechtenstein scheiterten, und bis zum Mittwoch wurde angenommen, es werde zunächst ein farbloses Beamtenministerium eingesetzt werden, das vor allen Dingen die Sprachenverordnungen des Grafen Badeni zu beseitigen hätte.
Das Erzbisthum Prag hat einen neuen Oberhirten bekommen: Domkapitular Leo Frhr. Skrbensky von Hriste in Olinütz ist vom Kaiser zum Erzbischof von Prag ernannt worden. Der neue Erzbischof ist noch nicht älter als 36 Jahre und wurde erst vor zehn Jahren zum Prieste« , geweiht. Wie aus Wien versichert wird, hat sich Kaiser.Frqffz Joseph bereits vor der Ernennung der Zustimmung des Papstes versichert. Daß der neue Erzbischof einer tschechischen Adelsfamilie angehört, besagt der Name. Die Familie ist eine der ältesten in Böhmen!
in St. Goar am schönen Rhein Wikehr zu halten.
Mit Ungeduld erwartet FMkreich Nachrichten aus dem Niger-Gebiete. Man fürchtet, daß auch die Expedition Foureau-Lhimy von den rebellischen Hauptleuten Chanoine jr$ Boulet aufgerieben worden sein könnte. Diese EnchRer hatten 600 Mann, jene Expedition nur 275 —;tia könnte es wohl sein, daß die Rebellen auch mit dieser Expedition kurzen Prozeß machten! /
Was aus der TrMsvaal-Krise werden wird, ist noch immer ungewiß. Die Engländer ziehen die Sache nach Möglichkeit in die Länge, um Zeit zu gewinnen, so viele Truppen als möglich nach dem Kaplande zu bringen. Soll gekämpft werden, so ist den Buren zu wünschen, daß dies bald geschehe. Jede Verzögerung bringt ihnen Schaden.
sagte er bann bestimmt.
„Wie? Sie verweigern mir ben Gehorsam?" „Wo Sie keinen zu fotbern haben: ja!" „Gut! Dann suspenbire ich Sie vom Dienste!" Witte sah seinen Vorgesetzten betroffen an, bann aber brach er in lautes Gelächter aus.
„Worüber lachen Sie?" schrie ihn Fröhlich wüthenb an.
„Ha, ha, ha, ha! Es ist wirklich köstlich! Haben Sie denn bas Recht bazn, einen Beamten zu suspendiren? Sie müffen doch erst telegraphisch von ber Betriebsleitung bie Zustimmung erwirken. Na, so melben Sie, baß Sie mich fufpenbiren wollen, weil ich Violine gespielt habe. He, he, he, es ist zum Todtlachen!"
„Ich habe auf meiner Station unbeschränkte Rechte, soweit ich biefelben zu verantworten geneigt bin. Ich habe Sie fufpenbirt unb nehme es auf meine Kappe."
„Gut!" schrie Witte, ber nun selbst tn Zorn gerathen war. „Ich nehme es an, benn babei können nur Sie verlieren. Gott fei Dank! Nun werbe ich mich heute orbentlich ausschlafen können!"
Der junge Mann schritt auf bas Verkehrsjournal zu unb schrieb : „In Folge Aufforderung bes Stationschefs Fröhlich übergebe ich bemfelben ben Dienst. Die regelmäßigen Züge verkehren. Telegraphensignal in Ordnung. Witte." Dann eilte er, ohne ben Vorgesetzten weiter eines Blickes zu. würbigen, zur Thür hinaus. Er hörte wohl, wie Fröhlich seinen Namen rief unb ihm nachschrie, er möge keine Dummheiten machen, es wäre nicht ernst gemeint. Aber er kehrte sich nicht baran, rannte auf fein Zimmer, nahm Hut unb Stock unb eilte hinaus.
Nach zweistündigem Umherstreifen, es begann bereits dunkel zu werden, langte er vor dem Garten des Gutsbesitzers an, in welchem, rote ihm nun einfiel, das Geburtsfest ber Hausfrau gefeiert werben sollte. Er trat ein unb schritt auf ben hellerleuchteten Gartensalon zu. Nun erinnerte er sich auch baran, wie durch das unbegreifliche Benehmen Fröhlich's die ganze Dilettantenvorstellung gestört sein mußte. Er betrat auch ben Saal des Gartenpavillons unb sah mit großem Erstaunen, baß ein geputztes Publikum erwartungsvoll ba saß und wie ber Vorhang ber improvi- sirten Bühne eben in die Höhe ging. Ein Ritter, ü la Don Quixote herausstasfirt, aber mit ber Gestalt Sancho Pausa's, trat auf unb bas an» roefenbe Publikum brach bei biefem Anblicke in großes Gelächter unb bonnernben Applaus aus. Aber was war das? Stimme unb Gestalt dieses Bühnenritters waren ja diejenigen feines Vorgesetzten, der draußen auf der Station im Dienste stehen mußte. Und jetzt setzte der Ritter mit einer Geberde des Schreckens mitten in der Rede ab — er hatte Witte unter ben Zuschauern entdeckt. Aber auch dem Verkehrsafsistenten stockte im nächsten Momente vor Schreck das Herz im Leibe, denn von der nahen Station her tönte fürchterliches Pfeifen.
„Der Dreiundsechziger und der Zwölfer! Kreuzung!" extemporirte die Angst aus Ritter Fröhlich. Mit einem Satze war er von der Bühne herab und rannte wie befeffen mitten durch die schreienden Zuschauer zur Thüre hinaus und querfeldein davon.
Witte, von den Anwesenden bemerkt unb mit Fragen überschüttet, riß sich mühsam los und lief, was er laufen konnte, ebenfalls zur Station.
Vor dem Schlußwagen des gemischten Zuges, der statt einer Minute nun schon über eine Viertelstunde dastehen mußte, holte er erst seinen Vorgesetzten ein. Unb, o Entsetzen! ber Unglückliche stand im Ritterkostüm — dem Generalinspektor Haller von der Direktion gegenüber. Gerade bei diesem Zuge mußte dieses „große Thier" sein!
„Jch-ich-ich bin — im Dienste!" schrie Witte außer Äthern und opferfreudig. „Mich, mich allein trifft die Schuld!"
„Nein, Herr Generalinspektor", widerlegte Fröhlich reftgnirt, indem er sich in seinem Ritterkostüm verneigte. „Ich hatte ihn suspendirt, er war im Rechte, daß er die Station verließ, ehe ihm meine schriftliche Bitte um Verzeihung zukam. Ich baute daraus, daß Witte ben Dienst wieder Übernahm, und verließ mit einem Wagen, den man um mich gesendet, die Station. Ich
mit Anterhaktungs-Meikage „Mustrirte Sonntags-Zeitung?