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M 171

ZluLöa, Samstag, den 29. Juli 1899.

26. Jahrgang.

q Herr Milan Obrenowitsch, Nebenkönig in Serbien und Vormund seines un­glücklichen Sohnes Alexander, hat noch niemals, feit er Fürst und König von Serbien geworden ist, die serbische Volksgunst besessen. Wohl aber weiß jedermann, daß mehr als einmal die Mög­lichkeit in nächste Nähe gerückt war, das ganze Haus Obrenowitsch vom serbischen Schauplatze verschwinden zu sehen; und diese eine Behaup­tung ist jedenfalls richtig, daß es auch jetzt wieder bei den neuesten Mossenverhaftungen und bei dem Walten des Standrechtes in Belgrad um das Dasein dieser Dynastie sich handelt. Herr Milan, das muß man ihm als eine Entschuldigung für sehr viele sehr tadelnswerthe Thaten anrechnen, kämpft einen Verzweiflungskampf für sein Haus; aber dieses Haus besteht eigentlich nur noch in ihm allein, und so viel ist die Dynastie Obreno­witsch keiner Macht werth, daß sie Mord und Todtschlag in Serbien zuließe, nur damit diese Dynastie an der Herrschaft bleibt.

Der junge König Alexander lebt ein unglück­liches, bedauern swerthes Leben. Er ist geistes­krank und es ist vollkommen ausgeschlossen, daß er nachfolgeberechtigte Nachkommenschaft erhielte. Irgendwelche Thaten für Serbien sind also von ihm niemals zu erwarten; und wenn auswärtige Mächte ihren Einfluß geltend machen für ihn und sein Haus, so geschieht dies niemals zu dem Zwecke und in dem Sinne, die wenig kostbaren Personen Milan und Alexander im Königspalaste von Belgrad zu erhalten, sondern nur deswegen, um neue Unruhen an der untern Donau za ver­meiden, weil man niemals wiffen kann, was alles daraus noch entstehen könnte. Denn mit Recht hat man die Länder an der untern Donau ein Pulverfaß genannt, das man behüten muß vor jedem Funken. Ein einziger Funke kann es in die Luft fliegen lassen!

So wenig Freundschaft man für den Mann Milan Obrenowitsch hegen kann, so kann man es ihm auf der andern Seite also auch nicht ver­denken, daß er Alles aufbietet, um sich und fein Haus im Besitze der serbischen Macht zu erhalten — Alles, was gerecht und erlaubt ist. Aber leider ist es sehr fraglich, ob Alles, was unter Milan's Herrschaft geschieht und geschehen ist, diese Kritik aushalten kann. Namentlich die ser­bischen Gefängnisse und das, was in ihnen ge­schieht, stehen in einem so entsetzlichen Ruse, daß man unmöglich annehmen kann, sie hätten diesen außerordentlich schlimmen Rus ohne allen Grund. Furchtbare Erzählungen scheußlicher Martern laufen um, die Gefangene dort auszuhalten haben; und wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr wäre, was erzählt wird, so würde schon das hinreichen, um das Regiment des Herrn Milan Obrenowitsch als ein vollkommenes, sürchterliches Schreckens- regimert^zu brandmarken.

Unter solchen Umständen verdient es immer doppelte Beachtung, wenn berichtet wird, in Ser­bien arbeite wieder einmal die Massenverhaftung,

Zwei Krben.

Erzählung von Klara Wilhelmi.

36 ------ (Nachdruck verboten.)

Siebenzehntes Kapitel.

Das Wetter war umgeschlagen; statt Schnee und Els sah man jetzt Wafferbäche in den Straßen und Rinnen; Sturm und Regen zogen von Nord- west und verkündeten den herannahenden Frühling. Es hatte den ganzen Tag geregnet, nur gegen Abend brach die Sonne durch den vom Sturm gepeitschten Wolkenschleier. Und so stürmisch wie da draußen in der Natur, sah es auch in der guten, alten Stadt Arbach aus. Auf den Gassen Nachte sich, trotz der zunehmenden Dämmerung Und des Sturmes, eine große Erregung bemerk­bar; während es sonst beinahe menschenleer war Um diese Zeit, standen jetzt Leute in Gruppen zusammen und unterhielten sich und gestikulirlen sehr lebhaft.

Es war auch ein großes Ereigniß, welches die Eemüther, besonders des weiblichen Theiles der Bevölkerung, in nicht geringe Aufregung versetzte. Seit länger denn 20 Jahren hatte in dem Kur- Arstenthume keine Hinrichtung mehr stattgefunden. Der alte verstorbene Kurfürst hatte nie ein Todes- urtheil unterschreiben wollen, begnadigte vielmehr leben zum Tode verurtheilten Verbrecher zu lebens» sanglicher Zuchthausstrafe. Nach dessen vor einigen Jahren erfolgtem Ableben war der Sohn zur Legierung gekommen, ein strenger, doch gerechter Herr, dessen Grundsatz es war, der Gerechtigkeit sreren Lauf -n lassen.

verbunden mit darauf folgendem Standrecht. Und diese Beachtung wird den Vorgängen in Serbien thatsächlich unausgesetzt von den Nachbarländern Rußland und Oesterreich gezollt. Von Belgrad aus ist schon so unheimlich viel und so unheimlich unverschämt gelegen worden, daß man gar zu sehr geneigt ist, zunächst hinter allen Vorgängen und hinter allen Meldun­gen eine Jntrigue zu wittern, und daß man nicht eher glaubt, als bis man gesehen und sich ganz genau überzeugt bat. Und darum brauchten sich die Belgrader Offiziösen und die serbischen Gesandtschaften im Auslande gar nicht erstaunt darüber anzustellen, daß man im Auslande auch das neueste Attentat auf Herr Milan Obreno- wisch mit sehr mißtrauischen Augen ansieht. Man kennt doch eben die serbischen Gepflogenheiten gar zu genau, und wenn es sich diesmal wirklich nicht um ein gemachtes, sondern um ein richtiges Attentat handelt, so ist doch etwas anderes nicht zu bestreiten, daß es nämlich Herrn Milan so willkommen kam, als wäre es bestellte Arbeit.

Statt sich zu ereifern, sollte man in Belgrad darauf bedacht sein, einen besseren Leumund zu erwerben!

Deutsches Deich.

Berlin, 28. Juli.

O Der Kaiser hat während der letzten Tage regnerisches und stürmisches Wetter gehabt, so daß nur kurze Spaziergänge am Lande erfolgten. Am heutigen Freitag ist von Olden die Weiter­reise auf der Rückfahrt nach Bergen erfolgt.

• Der Dortmunder Kaiser Besuch und feine anfängliche Absage haben eine ganze Reihe von wundersamen Erfindungen zur Folge gehabt. Das Neueste auf dir fern Gebiete ist die Nachricht gewesen, es fänden Unterhandlungen zwischen Berlin und Paris darüber statt, ob die Kaiser­yacht „Hohenzollern" auf der Rückkehr von der Nordlandsreife nicht einen französischen Hasen anlaufen könne, etwa Cherbourg; das Neueste und unter allen großartigen Erfindungen die großartigste. Natürlich ist im Ernste nicht die *" Rede davon gewesen; vielmehr wird der Kaiser nach den neuesten Meldungen bereits am 1. August wieder in Kiel ein treffen. Der Erfinder jener Meldung scheint ganz übersehen zu haben, daß bereits einen Tag vor seiner „Nachricht" durch den halbamtlichen Draht von Paris aus die Kundgebung eines französischen Regierungsblattes verbreitet wurde, wonach die französische Regierung nicht die Bürgschaft dafür übernehmen könne, daß dem Kaiser in Frankreich die ihm schuldige Ehrfurcht entgegengebracht werden würde.

X Aever de« ZlufaK der Kaiserin i» Berchtesgaden am 18. Juli bringt jetzt der .Reichsanzeiger' einen genauen Bericht. Daraus ist zu entnehmen, daß der Unfall eintrat beim Heimwege von der sogenannten Eiskapelle, einem kleinen Gletscher, und zwar auf einem gut ge­pflegten Promenadenwege. Die Kaiserin glitt auf einer schmalen Bohle aus, wie dort viele gelegt sind, um bei Regengüssen den Ablauf des Wassers zu regeln, und das Abschwemmen des Erdreiches zu verhindern. Nachdem die Kaiserin

Nun ward vor Kurzem beim Gericht das Todesurtheil über eine Mörderin gefällt. Der Wahrspruch, die Gerichtsverhandlungen und das Vorleben der Verbrecherin selber bildeten die Unterhaltung am Kaffeetisch der Damen, wie das Wirthshausgespräch der Männer beim vollen Humpen. Viel wurde für und gegen Vollziehung des Urtheils gesprochen. Im Allgemeinen meinte man, der Kurfürst werde vorn Begnadigungsrecht Gebrauch machen. Jndeß, ein Tag nach dem anderen verstrich, ohne daß die Begnadigung ein­traf, und als dann die Entscheidung eintraf, da lautete sie im Sinne des Urtheilsspruches, und die Vollziehung des Urtheils wurde ange­ordnet.

Der Frühling hatte bereits feimn Einzug ge­halten und im Gegensatz zu anderen Jahren waren die Tage sonnig, beinahe warm zu nennen, denn in jenem Theile Deutschlands pflegt er häufig recht unfreundlich aufzutreten zwischen den Bergen und der Tiefebene. Der Abend war lau und an­genehm, und die Menschenbrust athmete gleichsam auf nach der langen, starren Winterszeit. Dazu stand der volle Mond hellglänzend hinter lichtem, silbernem Gewölk und übergoß die dunkle Erde da unten mit feinem Silberlichte, die Thürme und die Dächer, die Straßen und die Gestalten, welche sich in seinem Lichte bewegten.

Plaudernd standen die Leute in der Nähe des Marktbrunnens trotz der späten Stunde. In Gruppen gingen sie in lebhaftem Gespräche auf der Straße spazieren. Die für den nächsten Tag bevorstehende Vollstreckung des blutig? n Urtheils hatte eine große Menge Volkes von nah und fern herbeigeführt. Man liebte derartige traurige

noch etwa 200 Schritte gegangen war, erfolgte die Heimkehr auf einer Tragbahre bis Bartholomae, die der Förster von dort herbeischaffte, und her­nach auf einem Ruheieffel, der in ein Boot ge­stellt worden war. Am Tage danach, nachdem die Geschwulst nachgelassen hatte, wurde eine Verstauchung des Fußgelenkes und eine Verletzung in der Mitte des Wadenbeins festgestellt. Am dritten Tage wurde ein fester Verband angelegt, vom 24. Juli ab hat die Kaiserin täglich im Zimmer Gehversuche gemacht, die jetzt mit steigend besserem Erfolge fortgesetzt werden.

+ Avg. Spies ist heute (Freitag) früh in Schlettstadt i. Els. gestorben. Abg. Spies hat ein Alter von 67 Jahren erreicht. Dem Reichstage gehörte er seit 1896, dem Landes- ausschuffe von Elsaß-Lothringen seit 1888 an. Von 1886 bis 1893 bekleidete Herr Spies den Posten eines Ehrenbürgermeisters von Schlett­stadt. In dem Verstorbenen verliert das Land Elscß einen rührigen und zielbewußten, dabei in seinem Auftreten klug gemäßigten Vertreter im im Reichstage und einen Mann, der sich um das Land viele Verdienste erworben hatte. Er ruhe in Frieden!

* So ganz unbewußt deshalb auch ganz un­gewollt kommt mitunter aus den Spalten von Blättern, die mit der Regierung durch Dick und Dünn zu gehen gewohnt sind, eine so scharfe Kritik vo« Alegierungsmaßreget«, wie man deren entschiedensten Gegnern kaum sie zutrauen sollte. Im vorigen Jahre, es war kurz vor den Reichstagswahlen, bei denen man heftige Oppo­sition der hoch oben in Ostpreußen wohnenden Litthauer fürchtete, machte der Kultus­minister eine Informationsreise in jene Gegend, auf der er einer Abordnung Litthauer, die neben der deutschen Sprache noch ihre eigene sprechen, nach Anhörung ihrer auf ausgiebiger Berücksichtigung ihrer Muttersprache in der Schule abzielenden Wünsche deren Berück­sichtigung zusagte. Die Sache erregte damals Aufsehen, weil sie, wie gesagt, kurz vor den Wahlen sich abspielte, und weil bei den Litthauern die Verhältnisse ähnlich liegen wie bei den Polen, die vergeblich die den ersteren ein­geräumten Konzessionen erstreben. Nun preist ein mittelparteiliches Blatt, die .Schlesische Zeitung', die Weisheit der Regierung, die sie in der der litthauischen Sprache gewährten Gleichberechtigung mit der deutschen bewiesen habe. Dadurch habe die Regierung „nicht nur einen politisch unge­fährlichen Schritt gethan, sondern sogar direkt die L e b e n s i n t e r e s s e n der Ostmark gesördert". Nachdem das Blatt den Litthauer als aufrichtig fromm geschildert hatte, „der vollständig in feiner Bibel und in feinem Gesangbuch lebe", sagt es u. A.:

„Will man diesen Zusammenhang zwischen Religion und Sprache zu lockern suchen, oder der Trennung wenigstens Vorschub leisten, so bringt man damit das religiöse Leben des Litthauers in Gefahr. Eine deutsche Bibel reißt den Litthauer von seinen alten Traditionen los und versetzt ihn in eine fremde Umgebung. Wer einmal alte tüchtige Litthauer mit Thränen im Auge hat verfichern hören, der Herrgott wünscht durchaus, daß ihre Kinder auf litthauisch zu ihm beten, dem wird die Entgegnung, daß sie das ebenso gut und herzlich auf Deutsch könnten, nicht über die Lippen kommen, weil er empfindet, daß sie unwahr ist"

Schauspiele; je tiefer sie erschütterten, desto mehr zogen sie an.

Das Haus der Freifrau von Korni lag in der Nähe des Thores, ein schmaler Vorgarten trennte es von der Straße. An einem der Fenster des oberen Stockwerks stand» eine junge Dame und schaute in die volle Mondscheibe, während der balsamische Duft der in voller Blüthe stehenden hohen Roth- und Weißdornstaude.i aus dem Gärtchen in das geöffnete Fenster drang. Es war Erna von Steinau, die feit mehreren Wochen bei der Großmutter in Arbach weilte. Bisweilen be­wegten sich ihre Lippen, als spräche sie mit dem Monde. Vielleicht trug sie ihm Grüße auf an den in der Ferne weilenden Geliebten, die der ver­schwiegene Vertraute ihres Liebesleides auf seiner stillen Bahn mitnahm, umherspähte und dem Adressaten dieselben freundlich lächelnd überbrachte.

Das junge Mädchen dort oben am Fenster befand sich in sehr erregter Gemüthsstimmung; war es Angst und Besorgniß, war es Hoffnung auf Glück, die ja mit dem Wiedererwachen der Natur in eines jeden Menschen Herz von Neuem auflebt, was seine Seele erzittern ließ? Es wußte es sich selbst nicht zu deuten; vielleicht war es auch mehr eine dunkle Vorainung von einem bald kommenden furchtbaren Etwas, wofür es keinen Namen hatte; das unsagbar beklemmende Gefühl raubte ihm fast den Äthern.

Das Mitleid mit dem unglücklichen Geschöpfe, welches dem Schwerte des Henkers verfallen war, sowie der Gedanke an das morgige Strafgericht erregten zwar Erna sehr, allein die Erinnerung an Ernst Hellborn, dem sie mit inniger Liebe er­geben war, verdrängte alles Andere aus ihrem

Wohlgemerkt, es ist ein regierungsfrom­mes, mittelparteiliches Blatt, das dies schreibt, nicht etwa ein CentrumS- oder irgendein oppo­sitionelles Organ. Nun setze man in dem vor­stehenden Citat überall, wo das Wort Litthauer steht,. Polen, und erinnere sich dann, wie die Polen hinsichtlich ihrer Muttersprache in Schule und Haus behandelt werden, so hat man eine Verurth eilun g der preußischen Polenpolitik, wie sie uns schärfer noch nicht begegnet ist. Oder sollte der Umstand, daß die Litthauer Prote­stanten, die Polen aber Katholiken sind, die verschiedenartige Behandlung Beider erklären und rechtfertigen? Dann hätte man einen neuen werthvollen Beitrag zu der preußischen „Parität".

* Sokizei Derorduungen für ZSarrte«- aröeiter. Der Minister der öffentlichen Arbeiten und die Minister des Innern und für Handel und Gewerbe haben Grundzüge für Polizei­verordnungen, betreffend die Arbeiter- fürforge auf Bauten, ausarbeiten und den Nachgeordneten Behörden zur weiteren Veran­lassung zugehen lassen. Dieselben beziehen sich im Allgemeinen auf umfangreichere Hoch- und Tiefbauten, und ihre Verwerthung soll sich nach dem vorhandenen Bedürfnisse der einzelnen Be­zirke richten. Die Grundzüge schreiben die Her­stellung geeigneter Räume zur Unterkunft für die an Bauten beschäftigten Arbeiter bei ungünstiger Witterung und in den Ruhepausen, und die Vor­haltung genügender und gesundheitsgemäßer Aborte vor und beschäftigen sich auch mit der Sorge für die Gesundheit der in Neubauten arbeitenden Personen. In letzterer Beziehung bestimmen sie, daß vom 15. November bis 15. März Stuckateur-, Putzer- und Töpferarbeiten in Neubauten nur dann ausgeführt werden dürfen, wenn die Räume, in denen gearbeitet wird, durch Thüren und Fenster verschlossen sind, so­wie daß in Räumen, in denen offene Koksseuer ohne Ableitung der entstehenden Gase brennen, nicht gearbeitet werden darf, vielmehr solche Räume gegen andere, in denen gearbeitet wird, dicht abzuschließen sind.

x Die Solen im rheiniscHwekfäkische« AudnSrieöezirke nehmen an Zahl in über­raschender Weise zu, so sehr, daß die Verwal­tungsbehörden schon bei der Anstellung von Beamten darauf Rücksicht nehmen müssen, daß diese polnisch verstehen. So erläßt jetzt der Bürgermeister von Bor deck in westpreußischen und posenschen Zeitungen eine Ar zeige, durch die die erledigte Stelle einesPolizeikommissars ausgeschrieben wird. Es heißt in der Anzeige: „Die Bewerber müssen der deutschen und pol­nischen Sprache vollkommen mächtig fein."

+ Gutes Material gegen die Incht- hans Dorlage liefern die Ereignisse im Berg. werkSdezirke von Herne und die letzten Krawalle in Augsburg. Im Bezirke von Herne sowohl als auch in Augsburg sind es nicht organi- firte Arbeiter gewesen, die Urheber der Un­ruhen waren, in Herne vielmehr junge, zum Theil erst neuerdings zugewanderte Leute, die auf die Abmahnungen der organistrten Bergleute von ihrem Beginnen nicht hören wollten, und in Augsburg haben die ausständigen Maurer ausdrücklich jede Gemeinschaft mit den Ausschreitungen von sich

Herzen. Hatte er doch jüngst ein Lebenszeichen von sich gegeben, indem er Hans den Tod seines Vaters meldete! Der Brief hatte auch einige dunkle, unverständliche Andeutungen über den Antritt seiner Erbschaft enthalten, sowie die Be­merkung, daß jeder Pulsschlag seines Herzens Erna gehörte, daß er aber bitte, sie möge ihn zu vergessen suchen, ba sie sich doch niemals angehören könnten.

Ihn vergeffen? Ihn, andern die ganze Seele hing?

Das vermochte sie nicht. Zu tief wurzelte die Liebe, die innigste Verehrung für ihn in ihrem Herzen. Erna glaubte und hoffte, daß die Ursache, welche für die zeitweilige Trennung sprechen sollte, sich beseitigen ließe, da sie nicht in Ernst selbst lag, denn dieser war rein und edel. Sobald ihr das Hinderniß klar geworden, war es so gut wie Überwunden, meinte das liebende junge Mädchen. Hielt Ernst dasselbe auch für unüberwindlich, so war es doch nicht größer als ihre Liebe, in der sie sich so groß und stark fühlte, welche sie jenes Hemmniß zu besiegen befähigte. Ein unerklärliches Gefühl ließ sie ahnen, daß die Zeit, welche den dunklen Schleier in den das Geheimniß gehüllt schien, fortziehen werde, nahe sei.

Eine sanfte Stimme weckte Erna aus ihrem Sinnen, und eine weiche Hand streichelte ihre Wangen.

„Wie blaß Du wieder bist, liebes Kind!" sagte Frau von Komi, „lege Dich zur Ruh! Nimm Dir das Schicksal der Verbrecherin nicht zu Herzen und bedenke, daß ein Jeder erntet, was er gefäet hat."