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Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 1. Juli.

Merkwürdig verschiedene Urthcile liest man in der Presse der verschiedenen Parteien über die Thätigkeit des Reichstages während der abgelaufenen, genauer gesagt unterbrochenen Sitzungsperiode. Die konser­vative ,Kreuzzeitung' spricht von einer „der unfrucht­barsten Reichstagsperioden", in der „die wichtigsten Aufgaben unerledigt geblieben" seien. Das ist nun sicherlich ein ungerechtes Urtheil, sicherlich entsprungen aus dem Unmuthe der Konservativen darüber, daß die Zuchthausvorlage im Reichstage denjenigen Empfang gefunden hat, den sie verdiente. Das ist wahr, nur ein geringer Theil der schwebenden Gesetzesvorlagen ist erledigt und verabschiedet worden. Aber dafür kann man unmöglich den Reichstag selbst verantwort­lich machen ; denn ein großer Theil seines Arbeits­stoffes ist ihm viel zu spät von der Regierung zuge­gangen, als daß er noch vor der Tagung vollkommen hätte erledigt werden können. Und namentlich wäh­rend der allerletzten Zeit seines Beisammenseins hat der Reichstag geradezu mit Hochdruck gearbeitet. Vor Ostern waren nur abgeschlossen der Etat und die Militärvorlage. Zwischen Ostern und Pfingsten kam das Bankgesetz hinzu. Nach Pfingsten sind erledigt worden das neue Invalidenversicherungs-Gesetz, das «Gesetz über die Hypothekenbanken, Unterstützung hilfs­bedürftiger Veteranen, Gebühren im Kaiser Wilhelm- Kanal, Erwerbung der spanischen Südsee-Jnseln, Ver­längerung des vorläufigen Handelsübereinkommens mit England. Mit einem Knalleffekte schlossen die Be- rathungen mit der Verurtheilung der sogen. Zuchthaus- Dorlage. Aber der Knalleffekt kommt nicht den Be­strebungen der Regierung zugute, und leider hat das sozialdemokratische Berliner Centralorgan nicht unrecht, wenn es in einem Rückblicke schreibt: „Da liegt sie (nämlich die Zuchthausvorlage), auf den Kehrricht­haufen geworfen von dem deutschen Reichstage — ver- urtheilt von der Ungeheuern Mehrheit des deutschen Volkes. Und als Siegerin über der Leiche steht lachend dieSozial dem okratie . . ." Das letztere ist nun freilich nicht wahr. Im Gegentheil: der Ter­rorismus, den die Sozialdemokratie ausübt, ist die Veranlassung zu dieser Vorlage gewesen, und andere Parteien, namentlich das Centrum, haben die Arbeiterschaft beschützt davor, unter den Folgen dieses Terrorismus zu leiden. Aber nur zu sehr ist die Sachlage geeignet, von der Sozialdemo- kratte für ihre besonderen Zwecke weiterhin ausgenützt zu werden; und das hat diese der Politik der Reichs­regierung zu verdanken.

Erfreulicher haben die Berathungen des Reichs­tages für den Staatssekretär des Auswärtigen abge­schlossen: Freiherr Bernhard von Bülow ist vom Kaiser nach der Annahme der Karolinen-Vorlage im Reichstage in den Grafenstand erhoben worden. Aber nicht nur wegen der Vergrößerung des deutschen Kolonialgebietes um die bisher spanischen Südsee- Jnseln, die Karolinen, Palau-Inseln und Marianen; sondern auch, wie eine halbamtliche Zeitungsnotiz fest­stellte, wegen der Verdienste des Staatssekretärs um die Erhaltung des Friedens und die Erhal­tung der freundschaftlichen Beziehungendes Deutschen Reiches zu England und zu Rußland.

Diese letzteren immer ungetrübt zu erhalten mag in der That bisweilen schwierig sein. Von England aus wird jedenfalls alles Mögliche aufgeboten, um einen Keil zwischen Deutschland und Rußland zu treiben; und neuerdings wird dazu wieder die inter­nationale Friedenskonferenz im Haag benützt. Von London aus gibt man sich die größte Mühe, den An­schein zu erwecken, als arbeiteten die deutschen und die russischen Vertreter innerhalb dieses Friedenskongreßes einander entgegen. Aber in sehr ernsthaftem Tone versichern die Berliner Regierungsorgane, daß daran gar nicht zu denken sei; und es liegt kein Grund vor anzunehmen, daß diese Versicherungen nicht der Wahr­heit entsprächen. Was für Ergebnisse die Friedens- Konferenz erzielen wird, läßt sich zunächst noch nicht übersehen.

Leidenschaftliche Kundgebungen hat das Wahl­gesetz der Regierung in Belgien hervorgerufen, in der Kammer und außerhalb derselben. In der Kammer sucht die eine Partei durch Lärm nach den berühmten Pultdeckel-Mustern der Opposition im öster­reichischen Reichsrathe Ausführungen von Rednern der andern Partei unmöglich zu machen; sozialistische Ab­geordnete werfen Minister und katholische Parlaments- Kollegen mit Papierkugeln; die gesammte Linke singt Spottlieder auf den Ministerpräsidenten, und schon ist es vorgekommen, daß der Sitzungssaal der Kammer mit Gewalt geräumt werden mußte. Draußen aber wagt es der König nicht mehr, sich öffentlich zu zeigen, aus Furcht vor Verhöhnungen durch die Sozialisten. Es wird also sehr großer Energie und Umsicht der Regierung bedürfen, um da wieder allmählich alles in geordnete Bahnen zu lenken, und vorläufig ist schwer einzusehen, wie das Ende dieser Bewegung sich ge­stalten wird.

Besserer Erfolge hat sich das neue französische Ministerium zu erfreuen, obwohl auch diese Erfolge nicht allzu glänzend sind. Dieses Ministerium ist ja bekanntlich aus sehr verschiedenartigen. Elementen zu­

Iulöcr, Samstag, den 1. Juli 1899.

sammengesetzt. Es gehören ihm Männer an von der äußersten republikanischen Rechten, so der neue Kriegs­minister Marquis de Gallis et — am andern Flügel aber steht der sozialistische Advokat Mille- rand, ein persönlicher Freund des opportunistischen Ministerpräsidenten Waldeck-Rousseau, und es ist kaum anzunehmen, daß dieses Ministerium eine län­gere Lebensdauer haben wird als seine Vorgänger. Aber immerhin hat die Abstimmung am letzten Mon­tag gezeigt, daß das Kabinet Waldeck - Rousseau zu­nächst über eine rein republikanische Mehr­heit verfügt, obwohl nicht weniger als 107 gemäßigte Republikaner gegen das Kabinet gestimmt haben; und darauf baut Herr Waldeck-Rousseau seine Hoffnungen. In diesen Tagen landet der frühere Hauptmann D r e y f u s an den Gestaden Frankreichs, und dann wird es nicht mehr lange dauern bis zum Beginne der Verhandlungen des neuen Kriegsgerichtes in Rennes.

Wie in Belgien, so hat sich auch in Spanien eines großen Theiles der Bevölkerung eine wilde Be­wegung bemächtigt. Die neuen Steuermaßregeln der Regierung sind es hier, welche die Unruhen her­vorgerufen haben. Namentlich in Valencia und in Saragossa ist es zu bedenklichen Straßenunruhen gekommen, und in Madrid hat sich der Ministerpräsi­dent Silvela selbst höhnische Kundgebungen gefallen lassen muffen. Aber es ist nicht anzunehmen, daß die Regierung nicht schließlich Herr der Bewegung werden würde; und wirklich bleibt ja auch nichts Anderes übrig, als vor allen Dingen wieder die Finanzen des Landes in Ordnung zu bringen, auch wenn dies dem vielgeplagten Lande zunächst schwer fällt.

In Italien macht die Opposition dem Ministe­rium Pelloux das Leben doch schwerer, als dieses letz­tere vorher angenommen hatte, so daß die Regierung bereits mit dem Gedanken sich beschäftigt, ohne Par­lament zu wirthschaften. Es ist kein Wunder, wenn das neue Italien niemals zu Ruhe und innerer Ord­nung gelangt.

Den Vereinigten Staaten von Nordamerika macht ihr Schmerzenskind, die Philippinen, fort­gesetzt großen Kummer. Daß General Otis eigent­lich gar keine Erfolge gegen die Eingeborenen erkämpft hat, daß diese vielmehr Herren des Landes sind bis vor die Thore von Manila, muß selbst der Ge­neral Otis in seinem neuesten Berichte an die Regie­rung der Vereinigten Staaten zugestehen. Und doch ist dieser General sonst immer so unheimlich gewandt gewesen in dem Frisiren der Thatsachen. Da wird es wohl in Wirklichkeit recht traurig bestellt sein mit der Lage der Amerikaner.

Die Heißsporne in England möchten lieber heute als morgen mit Bomben und Granaten unter die zähen Buren von Transvaal hineinfahren und diese mitsammt dem Oranje - Freistaate unter die englische Oberherrschaft beugen. Namentlich Minister Chamber­lain thut ein Uebriges, um durch wilde Reden den Leuten von Transvaal Angst einzujagen. Aber die Verhandlungen nehmen dabei ihren Fortgang, und England hat es schon ost so gemacht. Da wird es wohl auch hier wieder so sein, daß nichts so heiß ge­gessen wird, wie es gekocht worden ist.

□ Wirtschaftliche Hebung der Landbevölkerung.

ii.

In dem vorhergehenden Artikel sind die Vor­theile genossenschaftlicher Unternehmungen auf dem Lande bereits an dem Beispiele einer Mol­kereigenoffenschaft zu zeigen versucht worden. In ähnlicher Weise wirken, unter passenden Verhält­nissen geschaffen, Genossenschaften zur Ver- werthung des Getreides,;. B. eine Mühlen» genoffenschaft in Peiskern bei Winzig (Schlesien). Dadurch, daß die Genossenschaftsmitglieder (Land- wirthe) ihre Getreide zum großen Thril — in dem erwähnten Orte immer etwa 50000 Cenlner — selbst verwerthen, sparen sie nicht nur einen beträchtlichen Zwischenhändler-Verdienst für sich selbst, brauchen kein ausländisches Futter zuzu­kaufen, sondern beleben auch möglichst die Nach­frage nach dem übrigen Getreide und wirken so auf die Hebung der Preise ein. (Vergl. Sohn- rey, Wohlfahrtspflege auf dem Lande; S. 22.) — Ferner Eierverkaufsgenossenschaften, welche Besserung der Eier- und Geflügelpreise, auch Hebung der in Norddeutschland sehr zurück­gebliebenen Geflügelzucht herbeizuführen geeignet sind. — Obst-Verwerthungsgenofsen- schaften, insbesondere für Frischobstoerkauf und Apfelweinbereitung, welche im Süden, Westen, wie im äußersten Nordosten sehr im Aufblühen sind und ein wirksames Mittel bilden, den heimi­schen Obstbau gegenüber der amerikanischen Kon­kurrenz zu kräftigen. Sodann seien noch u. a. Genossenschaft, n zum Verkauf von Tabak, Wein, Weiden usw., zur Viehzucht und Viehverwerthung, für Bodenverbesserung, zum gemeinsamen Bezug und Gebrauch landwirthschaftlicher Maschinen rc. genannt. Weiterhin sei aber auch erinnert an die Nützlichkeit der Betheiligung am landwirth- schaftlichen Vereinswesen, unter denSpe- zialoereinen, z. B. an Rindvieh-, Pferde-, Ge­flügelzucht-, Fischerei-, Obstbauvereinen, Betheili- gung am ländlichen Versicherungswesen, und be­sonders an den Bestrebungen zur Aufklärung über die Fortschritte in landwirthschaftlicher Wissen­schaft und Technik, Einführung landwirthschaft­

licher Buchführung für mittlere und kleinere Land- wirthe (Allg. landwirthschaftliche Vereine, Winter- schulen, Versuchsstationen, Wandervorträge).

Was insbesondere noch die dringend noth- wendige Verbreitung des Genoffenschaftswesens angeht, so gilt es, durch Sachverständige, nament­lich landwirthschaftliche Wanderlehrer, planmäßig auf die beteiligten Kreise einzuwirken, und be­darf es der eifrigen Unterstützung durch die Geist­lichen, Lehrer, Verwaltungsbeamten, an erster Stelle z. B. des Landrathes, behufs zweckmäßiger Einrichtung einer Genoffenschaft, Zusammensetzung des Vorstandes undAufsichtsrathesusw. Inder Einrichtung der Genossenschaften hat sich nur für Spar- und Darlehnskassen und Molkereigenossen­schaften unbeschränkte, sonst beschränkte Haftpflicht als Regel herausgebildet. (Vergl. Die Wohl­fahrtspflege im Kreise. Schr. der Centralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, Nr. 16, S. 21 ff.)

Für die wirthschaftliche Hebung der Land­bevölkerung ist von besonderer Bedeutung die Förderung vernachlässigter Zweige der Landwirth- schaft und Erschließung ländlicher Neben­erwerbsquellen (Obst- und Flachsbau, Korb- und Schälweide-Kultur, Gemüsebau, Bienen-, Fisch- und Geflügelzucht rc.). Von diesen Erwerbs­zweigen ist zwar eine Beseitigung der abgemeinen landwirthschaftlichen Nothlage nicht zu erwarten, aber richtig und am rechten Orte betrieben, wer­den sie der landwirthschaftlichen Bevölkerung eine wesentliche Hilfe leisten können. Lebhaftes In­teresse auch bei den Behörden und landwirth­schaftlichen Vertretungen findet namentlich die Wiederbelebung des Flachsbaues und die Hebung der Hausweberei auf dem Lande. Mehrfach sind z. B. Flachsmusterfelder mit staatlicher und kom­munaler Unterstützung eingerichtet worden, so im Kreise Münden.

Endlich sind unter den Mitteln zu wirthschaft- lichem Fortschritt auf dem Lande noch die ge­rn einsame Wasserversorgung, event. Ein­richtung von kleinen Thalsperren, Ent» wässerungs- und Bewässerungs-An­lagen rc. zn nennen. Was speziell die Wasser­leitungsfragebetrifft, so kann in Gebirgsgegenden eine Quellwafferleitung mit natürlichem Hochdruck selbst für kleine Orte verhältnißmäßig billig ein­gerichtet werden. Thüringen u. a. bieten hierfür viele Beispiele. Aber auch im Flachlande haben Wasserleitungs - Anlagen in Anbetracht der son­stigen Kostenersparniß an Brunnen-Anlagen, Feuer­teichen rc., der wegen Verbesserung des Feuer­löschwesens meistens gewährten Herabsetzung der Feuerversicherungs-Prämien, Wertherhöhung der Häuser, keine unüberwindlichen finanziellen Schwie­rigkeiten. Unter den Vortheilen — von dem ge­sundheitlichen Werthe hier abgesehen — sei noch die mit Wasserleitungen leicht zu verbindende Einrichtung von Selbsttränken für das Vieh ge­nannt, sowie die beffere Sicherung gegen größeren Brandschaden.

Es erübrigt noch, den Zusammenhang zwischen wft thschaftlicher Hebung des Landes und der Belebung und Unterstützung des Ver­kehrswege ns zu betonen und damit eine der Hauptpflichten der Provinz, aber auch der niederen Verwaltungen, so der preußischen Kreisoerwal­tungen, zu erwähnen. Insbesondere wird ein Aufschwung des platten Landes auch von Fort­schritten im Kleinbahnwesen zu erhoffen fein, lieber« Haupt sind gute Berkehrsverhältniffe, Wege, Brücken Bahnen, Post- und Telegraphenverbindungen in ländlichen Gegenden außerordentlich wichtig und notwendig, einmal für die Verbreitung von Bildung und Aufklärung, die Grundlage auch der wirthschaftlichen Hebung der Landbevölkerung, weil meist erst auf diesem Boden die Anregung wirthschaftlicher Fortschritte durchgreifende Wir­kungen erzielen kann. Verbefferte Verkehrsver­hältnisse bieten sodann in der Ermöglichung ver­mehrter Produktion und größerer Ausnutzung der Naturschätze schon unmittelbar wirthschaft­liche Erfolge. >

△ Harmlose Plauderei.

(Nachdruck verboten.)

Die interessantesten Anzeigen in den Zeitungen sind ohne Zweifel die Heirathsgefuche, die besonders in „liberalen" Blättern recht zahlreich zu finden sind. Ein uns wohlbekannter Herr hat nun aus den verschiedensten Zeitungen aller poli­tischen Richtungen ein ganzes Hundert solcher Heirathsgesuche gesammelt — wie andere Leute Briefmarken ober Ansichtspostkarten sammeln.

Die äußere Form der Heirathsgesuche hat bei manchen Verschiedenheiten viel Gemeinsames ober Aehnliches. In ber Größe schwanken sie von 2 bis 30 Zeilen, meist sinb es 10—12 Zeilen, alle aber sind einspaltig. Die Rebensart „auf biefem nicht mehr ungewöhnlichen Wege" fcheint sich über­lebt zu haben, denn sie finbet sich in feiner von ben 100; dagegen ist „Diskretion" noch immer

26. Jahrgang.

„Ehrensache", bei manchen ist sie „selbstoerständ lich". „Nur ernstgemeinte Offerten" werden überall „vertrauensvoll erbeten"; anonyme Offerten werden überhaupt „nicht berücksichtigt", meist sinb „Vermittler verbeten", hier unb da sinb nur „geschäftsmäßige Vermittler" ausgeschlossen, da- gegen „ehrenhafte Vermittlung" „erwünscht". Nur zwei von ben Heirathsgesuchen thun bes Ver­mögens keine Erwähnung, bei ben meisten spielt es, wenn auch theilweise etwas verschämt, bie größte, bei einigen fast allein eine Rolle.

Unter ben 100 sinb 69 von männlichen, 31 von weiblichen Personen; unter ben letztem sinb 17 Selbstreflektantinnen, in ben übrigen 14 Fällen werben für Damen Männer gesucht. Dem Stanbe nach finben wir bei ben Männern 29 Kauf- oder Geschäftsleute, 7 aus bem Ge­lehrtenstande, 6 Handwerker, je 5 Fabrikbesitzer unb Beamte, 3 Rittergutsbesitzer, barunter 2 Ablige, 3 Lcmbwirthe unb schließlich 11 Rentner ober solche, bie ihren Stand nicht angegeben haben. — Die Angabe der Religion wirb häufig unterlassen; unter ben 69 finben wir 15 protestantische, 4 katholische unb 6 israelitische Herren; unter ben 31 Damen 10 israelitische — alle Übrigen haben bie Konfession nicht angegeben, wahrscheinlich weil sie wenig Gewicht barauf legen; 8 Heirathslustige erklären ausbrücklich „gleichviel welcher Konfession".

Es scheint, baß nur Herren „von angenehmem Aeußern" ober mit ähnlichen körperlichen Vor­zügen burch bie Zeitung eine Frau suchen — ein solcher Zusatz kehrt nämlich stets roiebet. Auch bie „achtbare Familie" finbet sich sehr häufig. Die Damen sinb ebenfalls meist „angenehme Erscheinungen", theilweise sinb sie „hübsch". Fast alle sinb „häuslich" unb „wirthschaftlich", unb es wäre ungalant von uns, bie Aufrichtigkeit biefer Angaben bezweifeln zu wollen.

Um nun zu ben einzelnen Kategorien über­zugehen, fo finben wir bei ben 29 Kaufleuten einen „routinirten Reisenden"; die übrigen be­sitzen Geschäfte, die erfreulicherweise „sehr gut gehen", „sehr rentabel" ober kurzweg „schön" ober „sehr schön" sinb. Die Bewerber sind größtenteils „gebilbet" unb erfreuen sich des „besten Rufes". Die Altersangabe fehlt bei zweien, zwei sind „jung", drei „Wittwer"; ber jüngste ist 26, ber älteste 45 Jahre alt. Das gewünschte Atter ber demnächstigen glücklichen Bräute wirb nicht immer angegeben; in ber Regel sollen sie „jung" sein — unb welche Dame wäre bas nicht! — mehrere wollen sie nicht über 25, anbere gehen bis zu 28 und 30 Jahren — ganz junge Dame» scheinen nicht säuberlich gesucht zu sein. Fünfmal wirb ausbrücklich angegeben, baß es auch eine Witwe fein bars, aber „ohne Kinber". Die Vermögensforberungen an bie Damen sinb in ber kaufmännischen Abtheilung sehr verschieben. Nur einmal heißt es „wenn auch ohne Vermögen" (ber Suchenbe ist ein Witwer mit 5 Kinbern), bie geringste Ziffersumme ist 4000 M., sonst finden wir 10—15 000, 25 000, 30—40000, mehrfach 50-60000 M.

Unter den Fabrikbesitzern begegnen wir einem „jungen unb gutfituirten“, derselbe bean­sprucht nur Schönheit unb häuslichen Sinn; ein kathol. Besitzer einer kleinen Fabrik macht gleiche Konfession zur Bebingung, ferner bie üblichen Charaktereigenschaften unb ein Vermögen „nicht unter 1000O Mk.". Die übrigen drei Fabrik­besitzer bewegen sich im Anfänge ber Dreißiger, haben sämmtlich ein „ansprechendes Aeußere" unb vortreffliche Charaktereigenschaften; besonders thut sich darin ein Israelit hervor, der 60000 Mark beansprucht.

Von den 3 Rittergutsbesitzern ist einer von „hohem Adel", sicherer Erbe eines Fidei­kommisses; die Dame muß „adlig" sein, etwas Vermögen ist gut, aber nicht Bedingung. Ein anderer ist von „altem Adel" unb Besitzer mehrerer Rittergüter, hat natürlich ein „ange­nehmes Aeußere" unb fordert edlen Charakter, Geistes- und Herzensbildung, sowie „angemessenes Vermögen", damit er sich mit seinen Kindern erster Ehe auseinandersetzen kann. Der dritte, aus der Provinz Sachsen, fordert außer den üblichen Eigenschaften 20000 Mark.

Die Landwirthe stellen einen Domänen­pächter, der selbstverständlich „gut fituirt“ und „gebildet" ist, dafür aber auch 30—40000 Mk. verlangt; ein Predigerssohn sucht einfach eine Lebensgefährtin mit Vermögen. Der dritte ist 31 Jahre, Landwehroffizier, bevorzugt eine Jüdin, welche ihm gleich 30, im Ganzen aber mindestens 90 Tausend einbringen muß.

Viel bescheidener treten die Handwerker auf. Zwei wünschen selbständig zu werden und haben deshalb „etwas Vermögen" nöthig; Witwen sind von ber Konkurrenz nicht ausgeschlossen. Ein junger Bäcker, bem es „an Damenbekanntschaft fehlt" — auch diese Redensart scheint verbraucht zu sein, ba sie sich nur selten findet — will in eine Bäckerei „hmeinheirathen". Ein kinderloser