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Wochen -Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 29. April.

Reichskanzler Graf von Caprivi sagte einmal im Reichstage, unter ihm sollte die Politik so lang­weilig werden, baß sich niemand mehr dafür in- eremren möchte. Er sagte das im Gegensätze zu den «uständen vor seiner Kanzlerschaft, wo das ganze deutsche Volk durch eine innexe Politik der Gewalt, Hasses und der absichtlich gesäten und geflissentlich genährten Zwietracht aufgewühlt war bis in seine innersten Tiefen hinein. Dem Grafen von Caprivi ist es nicht mehr gelungen, sein Versprechen zu erfüllen. Er mußte von dem politischen Schauplatze abtreten, bevor ihm dies gelungen war. Aber es scheint, als habe sein Nachfolger Fürst zu Hohenlohe mehr Glück damit. Schon die letzten Neuwahlen zum Reichs­tage vollzogen sich so außerordentlich ruhig und ge­lassen, wie man dies ehedem noch niemals erfahren hatte, und die Verhandlungen des Reichstages spinnen den gleichen Faden weiter. Sie schreiten mit wenigen und geringfügigen Ausnahmen so ruhig vorwärts, daß rs schon ein Ereigniß besonderer Art ist, wenn einmal ein radaulustiger Antisemit von dem Schlage des Herrn Dr. Vielhaben wegen des von ihm erfundenen „Bülow-Schinkens" zur Ordnung gerusen wird. ,

Aber wer wollte das beklagen? . Ist es nicht besser, es geht alles in der Politik fein säuberlich, artig und ruhig zu, als wenn Tag aus Tag ein Donnerworte in den Parlamenten widerhallen und Regierungen und Volksvertreter mit einander einen Krieg b's auf's Messer führen? ohne Zweifel; und -an wirklichen Ergebnissen gewinnen die parlamentari- fchen Verhandlungen nur durch Ruhe und Sachlichkeit, wie die Erfahrung der allerletzten Jahre ganz un­zweifelhaft bewiesen hat. Freilich scheint die Lang­weiligkeit in der Politik — um mit dem Grafen von Caprivi zu reden! — auch eine unangenehme Wirkung zu haben. Jedenfalls ist der Reichstag, so lange er besteht, durchschnittlich noch niemals so schwach besucht gewesen wie jetzt. Aber diese Wirkung besteht wohl nur dem äußeren Anscheine nach, und die wirk­lichen Gründe dafür sind aller Vermuthung nach von anderer Art. Jetzt kann es vorkommen, daß einer und derselbe Gesetzentwurf fünf ober sogar sechs mal nach einander durchverathen wird: erste Lesung im Plenum, zwei oder mitunter drei Lesungen in der Kommission, und dann nochmals zwei Lesungen im Plenum des Reichstages. Viel Lob schon ist der deutschen Gründlichkeit gespendet worden. Aber hier geht diese Gründlichkeit bisweilen zu weit, denn oft genug kommt es vor, daß die neuen Lesungen keine neuen Gesichtspunkte mehr zu Tage fördern, und da ckann man es denn so manchem Abgeordneten wahr­haftig nicht verargen, wenn er einmal und das andere mal seinen wichtigen Berufsgeschäften daheim nachgeht, anstatt für sein eigenes Geld das theure Berliner Pflaster zu treten und dabei noch seine Berufsgeschäfte zu vernachlässigen. Unter solchen Umständen ist es sehr erklärlich, daß von neuem die Frage in der Presse erwogen wird, ob denn nichl auch denMitglie- dern des Reichstages Tage gelber zu zahl en seien; und es verlautet, daß solche Erwägungen zur Zeit auch wieder einmal in den Kreisen der Reichs­regierung eine bedeutsame Rolle spielen. Ob die Nachricht zutrifft, muß man abwarten. Unwahrschein­lich klingt sie keineswegs; denn schließlich wird doch nichts Anderes übrig bleiben, als solche Diäten zu zahlen, und auch im Lager der konservativen Partei, die sonst immer geschlossen gegen die Ge­währung von Diäten war, machen sich in neuester Zeit Stimmen dafür geltend.

Der Schwerpunkt der Reichstagsarbeit lag wäh­rend der letzten Tage in den Kommissionen. Die Kommission für das Jnvalidenversicherungs-

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Ilnterhattungs-Mlage „Muflrirte Sonntags-Zeitung

26. Jahrgang

Irrlöa, Samstag, den 29. April 1899

Druck uud Verlag der Suldaer Actiendruckerei peterrgaüe Nr. 2 (Barmimte).

Privatpersonen veranstaltet worden; im letzten Jahrhundert der Republik aber wurden daraus öffentliche Belustigungen, die zu den staatlichen Ausgaben gehörten und regelmäßig im Jahre wiederkehrten. Dabei fuhren jedoch einzelne Reiche und Vornehme fort, zu Ehren eines Ver­storbenen, hauptsächlich aber, um die Gunst des Volkes zu gewinnen, solche Spiele auf eigene Kosten zu veranstalten. Ja, die meisten mächtigen Römer unterhielten ganze Schaare von Gladia­toren, für die es in vielen Städten sogar einige Schulen gab. Panem et circenaes! Brod und Cirkusspiele! Das war das stets sich wieder­holende Geschrei des römischen Pöbels. Aber nicht allein in Rom waren die grausigen Spiele beliebt, sondern die Leidenschaft für diese Blut­szenen bemächtigte sich der Bewohner aller be­deutenden Städte. In Judäa z. B. ließ Herodes Agrippa an einem Tage 700 Paare kämpfen. Die Kaiser wetteiferten, sagt Döllinger, sich und dem Volke diesen Genuß zu verschaffen, die Tage reichten nicht mehr aus; man ließ auch Nachts bei Fackelschein fechten; und hatte Cäsar einmal 320 Personen auftreten lassen, so warf der Kaiser Trajan bei einer einzigen Gelegenheit 10000 Sklaven in die Arena, und ließ die Spiele 123 Tage lang fortsetzen. Welch' eine Barbarei! Sehen wir uns einmal im Geists ein solches Spiel an. Da sitzen sie, Priester und Senatoren und Staatsbeamte und ihre Freude und Töchter und sogar die keuschen Vestalinnen, alle Klassen und Stände des Volkes in dem ungeheuren Amphitheater.

„Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen, Von Menschen wimmelnd wächst der Bau In weiter stets geschweiftem Vogen Hinauf bis in des Himmels Blau."

Und alle diese Tausende saugen in langen Zügen den süßen Genuß strömenden Menschen­blutes ein und laben sich an dem Anblick klaffender Wunden und sterbender Männer, Die schwer Getroffenen heben den Zeigefinger empor und flehen um Erbarmen die zarten Damen an, aber selbst diese kennen oft kein Erbarmen. Statt die Bitte zu gewähren durch Emporhaltung der ge- ballten Hand mit eingezogenem Daumen, strecken sie die Hand aus zum Zeichen (Plinius erwähnt die unmenschliche Erscheinung, daß bisweilen das Blut der Gefallenen von Leuten, die mit schlimmen Krankheiten behaftet waren, getrunken wurde), daß der siegreiche Gladiator den über­wundenen Gegner nochmals durchbohren und ihm dem Todesstoß geben solle.

So verfloß im dämonischen Wechsel von Wollust und Blutdurst den Bewohnern der großen Städte das Jahr, und Alles geschah natürlich zur größeren Ehre der Götter. Zur Abwechselung ergötzte man sich neben den Gla­diatorenspielen auch wobl an sogenannten Nau- machien, Seegefechten, für welche große Wasserbehälter ausgegraben wurden, und bei denen dann Tausende durch ein einziges Schau - gefecht ums Leben kamen; oder es wurden Thier­hetzen veranstaltet, wobei die Bestiarii, meist verurtheilte Sklaven, später, wie bekannt, auch Cbristen, nackt und webrlos, manchmal sogar gebunden, den Löwen, Leoparden und Tigern entgegen getrieben wurden.

Schauspiele, wie sie auf unseren Bühnen aufgefübrt werden, waren für heidnisch-römische Narren viel zu reizlos. Man bedurfte auch bei derartigen Darstellungen der lebensvollen Wirk­lichkeit, und so wurde der Schauspieler, der in

Gesetz hat ihre Berathungen beendet, ohne aber be­stimmten Beschluß über die ganze Vorlage zu fasten. Die Kommission für die neuen Postgefetze steht mitten in ihren Berathungen, ebenso diejenige, die den Gesetzentwurf gegen die Unsittlichkeit zu berathen hat, und außerdem tagen regelmäßig noch mehrere andere Kommissionen. Kurz und gut, dem Reichstag bleibt noch ein Riesen-Pensum zu erledigen, und man begreift nicht, wie er damit fertig werden soll, wenn nicht die Sitzungsperiode vor Pfingsten bis zum Herbst vertagt wird. Nach Pfingsten kommt doch kein be­schlußfähiger Reichstag mehr zusammen, und würde der Reichstag geschlossen, so würde ein großer Therl der geleisteten parlamentarischen Arbeit wieder einmal umsonst gethan worden sein. Auch die Unsicherheit in solchen Dingen kann die Abgeordneten unmöglich zu größerer und lebhafterer Theilnahme an den Sitz­ungen anspornen, während das umgekehrt sicherlich der Fall sein würde, wenn man sagen wollte: zehn Tage vor Pfingsten wird geschlossen oder vertagt, und bis dahin muß noch dies und das erledigt werden. Und dabei will die Regierung durchaus noch den vielbe­sprochenen Entwurf „zum Schutze der Arbeits­willigen" einbringen, obwohl dieser bisher noch nicht einmal bis an den Bundesrath gelangt ist! Wie soll das enden?

Im preußischen Abgcordnetenhanse sieht es un­gefähr ebenso aus. Dort hat die Kommission für den Mittelland-Kanal ihre Arbeiten begonnen, und Minister v. Miquel bietet dort nunmehr alles Mögliche auf, um aus Kanalgegnern Kanalfreunde zu machen. Ob ihm das gelingen wird, ist indessen vorläufig noch ebenso fraglich wie vorher.

Lustig ist es neuerdings wieder einmal bei dem Bayerischen Bauernbünde zugegangen. Vor einigen Wochen wurde Wieland, der Stifter des Bundes, abgesetzt und der Abg. Eßlinger statt feiner zum Vorsitzenden und Führer erkoren. Aber in voriger Woche ist nun wieder Herr Eßlinger abgesetzt und Herr Wieland von neuem zum Vorsitzenden gewählt worden — der richtige Frosch-Mäuse-Krieg ohne Ende. Und zuletzt wird es im Bunde so aussehen wie nach dem berühmten Löwen-Kampfe: die Herren werden allmählich einander selbst aufgefressen haben bis auf die allein übrig gebliebenen Schwänze.

Aehnlich sieht es bei der Sozialdemokratie aus. Dort wogt der Kampf der Meinungen gegeneinander: hie Bernstein, hie Bebel und Kautsky. Und es ist wohl möglich, daß der Parteitag, der nach soeben getroffener Bestimmung vom 8. bis 15. Oktober in Hannover abgehalten werden soll, den einen oder andern der Herren „Genossen" hinausfliegen lassen wird. Vom schönen „Zukunfts-Staate" will nun auch Herr Liebknecht nichts mehr wissen. „Zu­kunftsstaat — so schreibt er in einer Wiener sozial­demokratischen Zeitschrift — was versteht man denn eigentlich unter diesem seltsamen Worte? Zu­kunftsstaat! Wo fängt die Zukunft an, wo hört die Gegenwart auf? . . ." Aber wenn Jemand den „Genossen" vorhält, wie sie sich und ihre Anschauungen ändern im Laufe der Zeit, so leugnen sie und be­haupten, sie blieben die Alten. Es geht nichts über Aufrichtigkeit der Gesinnung!

In der auswärtigen Politik ist es diesmal auch recht ruhig zugegangen. In Paris Dreyfus und Dreyfus ohne Ende — in Oesterreich alter Kampf zwischen Deutschnationalen und Slaven, ohne Aussicht auf Aenderung ober Klärung — in Italien neue Bankerott-Erklärung bes Ministers bes Aeußern Ca- nevaro, ber im Senat sagte, Italien könne nichts Anberes thun als ruhig zusehen, wie Frankreich bas Hinterlanb von Tripolis für sich einheimst — unb wenn nicht ein betrunkener amerikanischer Marine­kapitän Namens C o g h l a n in einem New-Aorker Klub unter bem johlenden Beifall der Klubgenossen Deutschland und den deutschen Kaiser verhöhnt hätte, so könnte man sagen, es sei im Auslande gar nichts vorgekommen, das einer besondern Aufzeichnung Werth wäre. Der sektdurstige Herr Coghlan wird hoffentlich am längsten amerikanifcher Marineoffizier gewesen fein. Sonst hat auch dieser Fall nichts von Bedeutung auf sich!

UK. Staun ein Heide tugendhaft sein?

(Nachdruck verboten.)

Diese Frage wurde neulich einmal im preu­ßischen Abgeordnetenhause gestreift. Wer möchte leugnen, daß es auch unter den Heiden zu allen Zeiten gar manchen edlen Charakter gegeben hat, der nach besten Kräften bestrebt war, ein tugend­haftes Leben zu führen — man denke nur an Sokrates, Plato, Pythagoras rc. Einen innern Zug nach Tugend und die Hochachtung vor der­selben ist ja von Gott in das Menschenherz selbst gelegt und hat sich bei allen Völkern, auch den alleroerworfensten, stets gezeigt. Ebenso sicher aber ist, daß ohne eine richtige Gotteserkenntniß auch die größten und edelsten Geister der alten Philosophen in den wichtigsten ethischen Fragen, sowohl gegenüber der Gottheit wie gegenüber dem eigenen Selbst und der Mitmenschen, auf Irrwege geriethen und die Menschheit im ganzen im Heidenthum in einen ganz grauenhaften Sumpf sittlicher Verkommenheit hineingerieth. Man denke nur an die unwürdige Stellung, welche der Frau und den Kindern, ebenso wie den Sklaven, selbst bei den hochgebildeten Griechen und Römern zugewiesen war. Einige andere Beispiele mögen hier folgen, wie vor dem Cbristenthum das Ge­fühl der Humanität, der Nächstenliebe gänzlich unbekannt war, wie das alte Heidenthum nur Hartherzigkeit, Gefühllosigkeit und Verachtung hatte gegen den schwächeren Mitmenschen, vor Allem gegen Arme und Kranke, gegenüber denen doch heute gerade die höchste Vollendung in der Tugend sich bewährt.

Den Alten galt es als eine böse Vorhedm- tung, einem Bettler nur zu begegnen. Das Aeußerste, was z. B. die römische Moral bezüg­lich der Bedürftigen anrieth, beschränkte sich nach einem Ausspruch Cicero's darauf, einem Fremden dann zu geben, wenn man die Gabe ohne irgend emen-v!äch!b?il für sich entbehren könne, „Wozu auch Holl ' man," sagte der Dichter Plautus, „einem Bettler etwas geben? Man verliert, was man gibt, und verlängert dem Armen nur ein elendes Dasein." Sehr bezeichnend ist auch ein Ausspruch Vergil's, der doch zu den besten und edelsten Charakteren gehört, an der Stelle näm­lich, wo er den Frieden und die Ruhe eines Weisen schildert, zählt er es auch zu dessen Vor­zügen, daß er niemals mit einem Noth- leidenden Erbarmen empfinde. Das war heidnisch. Das war sogar heidnische Weisheit: kein Mitleid und kein Erbarmen zu empfinden für die leidende Menschheit. Kein Wunder, daß man im Alterthum vergebens sucht nach An­stalten der Wohlthätigkeit. Da gab es noch teilte Krankenhäuser oder Armenhäuser oder Findelhäuser oder Waisenhäuser. Erst das Christenthum hat alle diese Institute der Nächsten­liebe geschaffen, ebenso wie Vereine nnd Genoffen- schaften, welche sich die Pflege der Kranken, die Erziehung der Waisen, die Beherbergung der Wanderer zur Lebensaufgabe gewählt haben.

Vielleicht in ihrer allerabschreckendsten Form zeigt sich die Verthierung der Gladiatoren- Spielen, welche bei den klassischen und welt- beherrschenden Römern so beliebt waren. Diese Spiele bestanden darin, daß geübte Kämpfer in der Arena des Theaters sich einander mordeten. Ursprünglich waren solche Kämpfe als Leichen­spiele, welche an die Stelle der zum Andenken der Verstorbenen vollzogenen Menschenopfer traten, bei dem Scheiterhaufen eines Todten von

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Er und Sie, oder: Wieviel Uhr ist's?

Original-Roman in neun Bänden.

1. Band.

Der Mond schien schon schön, — die Laternen verbreiteten das nöthige Licht auf den dunklen Straßen, und die Nachtwächter thaten gewissen­haft ihre Pflicht, sie — schliefen für die Sicher­heit der Stadt. Bei Kommerzienraths aber herrschte noch ein reges Leben in den glänzend erleuchteten Salons bis spät nach Mitternacht. Die Wollsackaristokratie feierte wieder einen ihrer verblüffenden Triumphe.

2. Band.

Dort sah Sie — Ihn.

3. Band.

Und Er sah — Sie.

4. Band.

Sie war die einzige Tochter ihres ver- wogenden Vaters, Er dagegen ein junger Mann, wit den nöthigen Schul- und Schuldenkenntnissen versehen, und einem empfehlenswerthen Aeußern. SBag war daher natürlicher, als daß Sie Ihn liebte, — liebte mit der ganzen Gluth einer — fünften Liebe!

5. Band.

Sie hatte eine fchloflose Nacht.

6. Band.

Er auch!

7. Band.

Ich liebe und kann nicht leben ohne Ihn, sprach Sie am anderen Morgen zu ihrem Vater.

Das kennen wir, antwortete dieser.

Aber Vater, es ist doch nicht ber Erste . . .

Was? unterbrach sie der Vater polternd. Mädchen, was werde ich hören müssen!

Ich habe schon vier Bewerber gehabt, fuhr die Tochter fort, aber Du hast sie alle abschläz- lich beschieden.

Weil ich sie durch meine Frage: „Wie viel zeigt Ihre Uhr?" in Verlegenheit setzte, erwiderte dieser, weil ich Menschenkenntnisse besitze und Jedem an der Nase absehe, ob er solide ist und bloß Deine Mitgift heirathen will.

Da trat Er ins Zimmer und stellte sich dem Vater vor. Beide stutzten.

„Der kommt mir so bekannt vor, den muß ich schon wo gesehen haben," sagte der Vater für sich.

„Merkwürdig, den Alten muß ich schon wo gesehen haben," dachte der junge Mann.

8. Band.

Wie viel Uhr ist's? fragte eine Stunde später der Vater.

Ein Ubr, entgegnete ruhig der junge Mann, indem er eine goldene Ankeruhr aus der Tasche zog.

Er hat sie noch! sagte sich der Vater sicht­lich erfreut, unb fügte laut hinzu: Sie lieben meine Tochter?

Von ganzem Herzen unb ganzem Vermögen! erroiberte Er.

Vermögen? Sie hat nichts.

Das thut nichts.

Und kriegt nichts.

Das s chab't nichts.

Sie sollen meine Tochter haben, sprach er­freut der Later. Sie gefallen mir, — Sie sind mein Mann!

Also auch mein Mann! sprach erröthend die Tochter, und Er und Sie umarmten sich stürmisch.

9. Band.

Vier Wochen später — es war just vor Fast­nacht — eilte Er durch die Straßen. Wohin so eilig? rief ihm ein Freund nach.

Uhr einlöfen, Hochzeit — heute ! entgegnete Er und verschwand im Flur des Leihamtes, be­trat das Zimmer und präsentirte dem Bureau- Vorsteher seinen Pfandschein.

Ha! Was war das!

Sein Schwiegervater in spe stand vor ihm.

Wie kommen Sie denn hierher? fragte ihn dieser.

Ich? Schwiegervater — ich — löse meine Uhr ein, — stammelte Er.

Sie hüben sie versetzt? fragte Jener entsetzt.

Schwiegervater, — ich stellte sie nach der Postuhr, — aber sie ging nach dem Leih­amt! ....

Und jene Ankerubr, die Sie herauszogen, als ich Sie fragte, wie viel Uhr es fei?

Geborgt!

Nun weiß ich auch, weßhalb Sie mir damals so bekannt vorkamen, sagte der Bureauchef.

Ich auch, meinte der junge Mann mit ton­loser Stimme.

Hätte ich geahnt, daß Sie Uhren versetzen, Oie hätte ich Ihnen mein Kind versprochen, zürnte der Alte.

Hätte ich geahnt, daß Sie Bureauchef dieses Instituts sind, so hätte ich meine Uhr — nach einem anderen Leihamt getragen, entgegnete Er dumpf.

Wissen Sie auch, Herr, daß meine Tochter aarnicht so arm ist, wie Sie glauben! eiferte ber Vater . . . daß sie 50000 Mk. besitzt?!

Schad't nicbts, sagte der junge Mann, das wird für mich kein Hinderniß sein, ich nehme sie dennoch! . „

Edler junger Mann, sagte der Vater gerührt. Aber so viel febe ich ein, um Menschenkenner fein zu wollen, muß man sich Eins merken: der Schein trügt!

„Nur ber Pfandschein nicht", ergänzte ber balbige glückliche Besitzer einer jungen Frau nebst 50000 Mark baar.

Dr. Schrumm.