Druck ent Verlag der Auldaer Rctiendruckerei
66
PetttsgaAe «r. 2 (txnrmoHk).
^I-serale J. Parzelle» tu L-lda.
26. Jahrgang
Iulda, Samstag, den 15. April 1899
i Zweites WLatt
Unfrr Lea«! ,-tzt heute mm erste» Male in die Schirle.
(Zur Beobachtung für die Eltern.)
Am Montag konntest du die kleinen ABC- Schützen mit dem Ranzel auf dem Rücken oder dem Büchlein und der Tafel unterm Arm zur Schule wandern sehen. Einerlei, ob sie auf dem belebten Pflaster der Großstadt oder auf dem einsamen Pfade der Bauerschaft wandeln: sie thaten einen wichtigen Gang, den ersten ®anc; zur Schule, der gleichzeitig der erste Gang m die große Schule, in die weite, wette Welt ist. Mich beschleicht allemal ein seltsames Gefühl,
ZnsrraKrDieeia- spalt. Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petit« zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechen». Rabatt gewährt.
tot täglich, Ehme der v und Feier« OiertelMl. «ring-rohu »eftellgeld tu ,Q und au*' >zlM.50 Pf
wenn ich die jungen Weltbürger mit leuchtenden Augen oder zaghaften Blicken so sorgenlos und doch so erwartungsvoll, so gewichtig und selbstbewußt und doch wieder zögernd und sinnend emhergehen sehe, und wenn sie es verstehen önnten, möchte ich ihnen wohl mit dem Dichter iurufen:
Da gehst du nun — es ist der erste Schritt In deine Welt! ES Sffnen sich Thüren Des Wissens dir; — o nimm den Segen mit Der Mutter, die dich ferner nicht kann führen! Sie hieß dich gehn; still löst sich auf das Band, DaS dich an Mutterhand so süß geschlossen. — So steht die Mutter wohl am Meeresrand Und steht deS Sohnes Kahn vom Ufer stoßen. Bon nun an — o wie manches Meisters Hand Wirst du ergreifen, wie hindurch dich schlagen Durch Schul' um Schule, bis dein Schifflein Land Gefunden, und die Antwort deine Fragen!
Völkerftieden und für den Krieg. Wenn etwa alle Vertreter der Konferenz ebenso ausgewählt fein sollten, dann könnte man merkwürdige Dinge erleben von dieser Friedens-Konferenz. Diese letztere wird übrigens d,e erste Gelegenheit sein für die anmuthige junge Komgm Wilhelmina von Holland, als Königin vor emer großen diplomatischen Versammlung sich zu zetgen.
In Frankreich tobt die sogenannte „Affäre weiter, nämlich die Dreyfus-Affäre; aber allgemach wird es zum Ekel, diesen unsauberen Dingen m allen ihren Einzelheiten zu folgen. Das Neueste ist dte Behauptung, daß wieder einmal im französischen Mrnr- terium Meinungsverschiedenheiten bestehen ollew über die Behandlung der „Affäre". Dte Be- Mptung wird zwar von den Pariser Offiziösen als unwahr bezeichnet ; daraus folgt aber noch lange nicht, daß sie auch wirklich unwahr ist. .
Den überspannten Deutschnationalen tu Oesterreich geht neuerdings die Regierung ein wenig zu leibe. Sie sind, so weit sie dem böhmischen Landtage angehören, aufgefordert worden, deffen Sitzungen zu besuchen oder aber ihr Mandat überhaupt niederzulegen nach den Bestimmungen der Verfassung. Mehrere Jahre hat man die Herren ihr Spielchen treiben lassen. Jetzt hat man noch einmal den Versuch gemacht zu gütlicher Auseinandersetzung. Da diese aber zu nichts geholfen hat, folgt naturgemäß die entgegengesetzte Methode. Wen kann es wundern?
O daß in eines Meisters Schule nur Ich dich am Ende deiner Schule finde! Sein ist der Wahrheit Reich, - aus semer Spur Wird Sohn und Mutter wieder froh zum Kmde.
Da fitzt nun die kleine Schaar Bank an Bank; wie verschiedenartig find die Gefühle, die ch auf ihren Gesichtern abspiegeln! Freude, trauer, Hoffnung, Enttäuschung, Neugier und Angst kann man aus ihren Augen lesen. Der eine lacht, der andere weint; jener schäkert und neckt den unbekannten Nachbar, und dieser sitzt raumverloren da, als betrauere er den Verlust eines Königreichs. Und der Lehrer? Ich kann eine Gefühle nicht verrathen, aber ich weiß, daß hm das Herz weit aufgeht und freudigbang chlägt, da er all die unschätzbaren Güter sieht, nit denen so viele Vater- und Mutterherzen hängen mit tausend Hoffnungen und Sorgen. Wenn je, so treten ihm in diesem weihevollen Augenblicke die Würde und Bürde seines Berufes lebendig vor die Seele. Und den fortgehenden Müttern möchte er wohl nachrufen: „Ohne eure Interstützung bleibt meine Arbeit nur Stückwerk! Wollt ihr ein Band schlingen um Schule und Haus und es fester und enger flechten, oder wollt chr es lockern und zerreißen?" — Ich weiß, daß alle Eltern herzinnig ihre Kinder lieben, werden te darum das Segenbringende wollen? Der englische Friedensgesang tönt auch heute noch »enen, die guten Willens sind.
Das Kind hat ein Bedürfniß, die Kenntnisse und Fertigkeiten, die es in der Schule erworben hat, daheim zu zeigen und zu verwerthen. Es ummt z. B. sein Schulliedchen in der Kinderstube weiter, malt im Uebereifer das erste n und m au alle Ecken und Wände, zeichnet das HauS und seine Umgebung, nimmt Ausmessungen und Berechnungen vor und erzählt von den Begebenheiten der heiligen und vaterländischen Geschichte mit eben der Begeisterung, mit welcher es dieselben ausgenommen hat. Dieses alles sollte doch den Eltern ein deutlicher Wink fein, daß sie wenigstens für das Bedürfniß des Kindes Ver- ständniß und liebevolle Aufmerksamkeit zeigen. Und wo die Früchte der Schularbeit nicht so offenkundig sich zeigen, da müffen sie mit Geschick und in anregender Weise hervorgeholt werden. „Nun bin ich doch neugierig, ob unser ABC-Schütze schon ein hübsches n machen tarnt l — Karl löse mir mal eben die Aufgabe! — In welcher Weise habt Ihr die Handarbeit in der Schule angefertigt?" — Franz bekommt jetzt ein neues Lesebuch, da müssen wir doch sehen, welche Fortschritte er gemacht hat! Lies einmal der Mutter dieses Gedicht vor. Das war recht laut und mit guter Betonung, nur die armen Endsilben verschluckt er noch wie Wasser. Das hat mir der Herr Lehrer auch neulich schon gesagt. Doch weil es sonst gut war, soll er auch das erste Erzählungsbuch haben; aber viele Bilder dürfen noch nicht darin stehen: denn daS Zeichenheft war noch gar nicht fein sauber gehalten." — Wenn der Gedanke, den ich hier nur im allgemeinen angedeutet habe, fleißig zum Ausdruck kommt, so denkt oder fühlt doch wenigstens das Kind: Es muß doch etwas Wichtiges um den Schulunterricht sein, daß der Vater bet all seinen Geschäften noch Zeit für meine Letstungen hat. Die gute Wirkung bleibt ebensowenig aus, als die nachtheilige sich bald zeigt, wenn es nur immer wieder in hundert Variationen heißt: „Ihr lernt ja nichts in der Schule und bleibt so dumm wie Bohnenstroh." Der Schüler glaubt das am schnellsten selbst, weil es ja die Eltern sagen, und bald bewegt er nur noch die Lippen, wenn er den Stock sieht, aber daS Herz tft dann noch fein von den Büchern.
Woher mag es doch kommen, daß manche Kinder bei ihrem Eintritt in die Schule so ängstlich den Lehrer anblicken und dann bald tn em jämmerliches Weinen ausbrechen? Sie fühlen ihre ganze Hilflofigkeit und Verlassenheit, sobald sie von der Mutterhand getrennt sind, und denken ; gewiß: Jetzt geht es los, das Prügeln nämlich. ■ Wie kann es anders sein, wenn die Eltern, statt , die Schule als einen angenehmen, gef eiligen Ort , und den Lehrer als einen Vater hinzustellen.
[] Hit üdmsäMkii ins Mtchaodes
u.
Wir haben in einem früheren Artikel Belege aus der neuen Statistik dafür mitgetheilt, daß in Landwirthschast und Gewerbe die Entwicklungsrichtung des Mittelstandes nicht eine rasch fortschreitende Auflösung desselben befürchten lasse. Am wenigsten Zweifel herrschen hierüber wohl bezüglich der Landwirthschast. Wir sahen aber, daß auch im gewerblichen Leben die kleinen und mittleren Betriebe an Zahl wie an Personenmenge (zwischen 1882 und 1895) noch zugenommen haben.
Nun müssen wir allerdings auch nach den Betriebsmerkmalen von Unternehmern und Abhängigen fragen und in dieser Hinsicht die Ergebnisse der beiden letzten großen Berufszählungen im deutschen Reich prüfen. Denn die Verschiebungen im Berhältniß von Selbständigen und Abhängigen können gewiß nicht außer Acht gelassen werden, wenn man die Frage nach der Entwicklungsrichtung des Mittelstandes erhebt. In Gewerbe, Bergbau und Industrie zählte man nun 1882: 2,201,146 Selbständige und 4,195,319 Abhängige, also 34,4 bezw. 65,5 pCt.; dagegen 1895: 2,061,870 Selbständige und 6,219,360 Abhängige, also 24,9 pCt. bezw. 75,1 pCt. Das bedeutet allerdings eine erhebliche Aenderung in der Richtung der gewerblichen Betriebskonzentration und die ganze Entwicklung zum Großbetrieb ist damit zweifellos noch nicht vollendet. Sie ist aber noch recht weit davon entfernt, den Mittelstand, soweit dafür die Leiter mittlerer und kleinerer Betriebe in Betracht kommen, zu beseitigen. Kommen doch nach der letzten Statistik auf 73,441 Großindustrielle 653,980 Mittel- industrielle und 1,3 Millionen Haus- und Kleinindustrielle.
Auch im Handels- und Verkehrswesen ist zwischen 1882 und 1895 eine zunächst erheblich scheinende Veränderung in der Richtung der Betriebskonzentration bemerkbar. Statt 701,508 — 44,7 pCt. Selbständigen und 868,810 — 55,3 pCt. Abhängigen im Jahre 1882, zählte man 1895: 843,556 — 36,1 pCt. Selbständige und 1,494 952 — 63,9 pCt. Abhängigen. Doch erscheint diese Verschiebung weit weniger bedeutsam wie jene in der Industrie, zumal noch zu berücksichtigen ist, daß sie vorwiegend wohl durch die Betriebskonzentration im Post- und Eisenbahnwesen und wenigen andern Zweigen verursacht wird, die eingerechnet sind.
Was nun eigentlich die Bedeutung dieser Veränderungen für die Lebensfähigkeit des Mittelstandes anlangt, so ist nicht zu vergessen, daß Überhaupt die Erörterung des Mittelstandes nach den Betriebsmerkmalen von Unternehmern und Abhängigen, wie in neuerer Zeit der bekannte Nationalökonom Professor Schmoller einmal gesagt hat, keine erschöpfende, in gewisser Beziehung nicht einmal eine zutreffende ist. Gewiß gibt die Leitung eines eigenen Betriebes, zumal wenn sie mit einem gewissen Besitz verbunden ist, eine Selbständigkeit, eine soziale Stellung, eine persönliche Unabhängigkeit, wie sie der Abhängige, der Beamte, auch der gut bezahlte Arbeiter nicht so leicht hat. Aber doch nur, wenn mit der Unternehmerstellung ein gewisses, nicht zu sehr verschuldetes Eigenthum verbunden ist, wenn die Stellung eine gewisse Sicherung des Einkommens in sich schließt. Das trifft heute für viele Betriebsleiter nicht zu. Der von fremben Kredit ganz abhängige Unternehmer ist der wenigst selbständige Mann, den es geben kann; der in seinem Absatz bedrohte ist in seiner Zukunft, in seinem Einkommen wenig gesichert. Von den in Staats-, Gemeinde-, Akttendienst Angestellten,
auch von allen bessern Arbeitern haben die meisten ein gesicherteres Einkommen, als viele Unternehmer, Bauern und Handwerker, sehr viele der Angestellten haben an einem kleinen Vermögen so gut einen Rückhalt wie die Geschäftsleute. Und in dem Maße, als die großen Orgam- sationen aller Art zunehmen, hat zugleich die Sitte und der Grundsatz gesiegt, daß geschäft- kicher Gehorsam und pflichttreuer Dienst in den Geschästsstunden mit sonstiger Unabhängigkeit der Gesinnung, des Charakters, der Lebensführung vereinbar fei. So haben wir gerade hier breite neue Schichten eine? Mittelstandes vor uns, die schwer ins Gewicht fallen.
Will man sich überhaupt ein vollständiges Bild von der Bedeutung des heutigen Mittelstandes machen, so darf man nicht nur nach Betriebsmerkmalen, sondern muß vor allem auch nach sozialer Stellung, Vermögen und Einkommen fragen. Eine Scheidung der ganzen Bevölkerung nach all diesen Gesichtspunkten ist freilich recht schwierig und namentlich in Bezug auf Einkommen und Vermögen etwas willkürlich. Immerhin dürfte die hierdurch gewonnene Vorstellung vom Umfang des Mittelstandes nicht allzusehr von der Wirklichkeit abweichen. Zur obersten Gruppe könnte man abgesehen von der höheren Aristokratie etwa die Betriebsleiter mit 50 Hektar oder über 11 Hilfs- personen und die Leute mit einem Vermögen über 100,000 Mk., einem wirklichen Einkommen von ca. 8—9000 Mk. an rechnen, zum oberen Mittelstände die Betriebsleiter mit 5—50 Hektar bezw. 2—10 Hilfspersonen, die Familien mit 6—100,000 Mark Vermögen, 2700—8000 Mk. Einkommen, — zum unteren Mittelstand die Kleinbauern, Kleinhandwerker, Hausindustrielle Betriebsleiter, Kleinhändler, Subalternbeamte, Werkmeister, besser bezahlte Arbeiter, bezw. Familien von ca. 1800—2700 Mk. Einkommen und vielleicht noch einigem Vermögen, — zu den untern Klassen diejenigen, welche wesentlich von ihrer Arbeit und ihrem Lohn leben und in der Regel nicht über 1800 Mk. Einkommen haben. ,
Im einzelnen wollen wir den Berechnungen des schon genannten Professor Schmoller nicht folgen, die er unter Zugrundelegung jener Ein- theilung mittels gründlicher Vergleichungen und Schätzungen angestellt hat und nur ihrer interessanten und sehr wahrscheinlichen Resultate gedenken. Darnach gibt es in Deutschland XU Million Familien der obersten Gruppe, 23/« Mill. Familien des oberen und 3e/< Mill. Familien des unteren Mittelstandes, sowie 51/« Mill. Familien der unteren Klassen.
Daß wir also von der Auflösung des Mittelstandes, welche in sozialdemokratischen Zu- kunftsplänen eine so große Rolle spielt, sehr weit entfernt sind bedarf keines weiteren Wortes mehr. Erfreulich ist, daß diese lieber» zeugung, wie schon in unserm früheren Artikel ausgeführt, auch bei Sozialisten heute mehr zur Geltung kommt.
Wird aber unsere freilich noch lange nicht abgeschlossene wirthschaftliche Entwicklung überhaupt zu einer solchen Auflösung führen müssen? Was uns die Zukunft bringen wird, — so denken wir, um mit Schrnollers Worten zu schließen — das weiß niemand sicher. Es kann die Ungleichheit vielleicht zeitweise wachsen, es können weitere Glieder des momentan vorhandenen Mittelstandes verschwinden. Nicht darum handelt es sich, sondern darum, daß wir wissen und glauben, es gebe höhere sittliche Kräfte, es gebe Hilfsmittel, gesetzlichen Schutz und berufsgenossenschaftliche Selbsthilfe, die es hindern können, daß eine große, gesunde Nation in wenige Ueberreiche und zahllose Proletarier zerfalle. In den Dienst dieser Kräfte, in den Dienst der sozialen Reform wolley wir uns um so hoffnungsfreudiger stellen, als bisher, trotz der nur sehr schwachen Anfänge der Sozialreform sich der Mittelstand verhältnißmäßig so kräftig behauptet hat. Wird die Sozialreform in Zukunft allseitig kräftig gefördert, so wird vielleicht sich auch schon verlorenes Terrain für den Mittelstand zurückgewinnen lassen. Dazu, daß lähmender Pessimismus unter uns Platz greife, ist gewiß kein Grund.
- Wochen-Rundschau.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 15. April.
Das „Bischen Samoa" hat während der letzten laat die politische Situation beherrscht, wir müssen Vas gestehen, aber nicht zu unserer Freude. Denn der Keamftand ist wirklich nicht so wichtig, daß es sich Uchnie, in allem Ernste darüber in Hitze und lieber» Str sich zu verrennen, und wenn nun gar deutsche Organe sich finden, die behaupten, Deutschland stehe am Leichenstein seiner Ehre", wenn es die Sache aicht mit aller Gewalt betreibe und mit der Schärfe i«s Schwertes drohe, so stellen sich solche Organe auf fine Stufe mit dem tollen Revanchehelden Derou- lede in Paris, den wir Deutsche doch sonst stets als Narren anzusehen und zu beurtheilen gewöhnt sind. Wohl ist hier Energie nothwendig gegenüber den Unverschämtheiten der amerikanischen und englischen Seeoffiziere vor der samoanischen Hauptstadt Wa- aber gerade deswegen ist nebenher Ruhe und /altes Blut doppelt am Platze. Die verschiedenen Aeußerun gen in der Regierungspresse dürfen wir als gutes Zeichen dafür annehmen, daß die Reichsregierung nach diesem Rezepte handelt; und deswegen dürfen wir das wiederholen, was wir darüber schon vor acht Tagen sagten, daß wir nämlich das Vertrauen zu den verantwortlichen Leitern der Reichspolitik haben dürfen, daß alles seinen rechten Weg gehe in der Behandlung der Samoa-Frage. Demnächst wird im Reichstage die Vorlage zu berathen sein wegen der Verlängerung der vorläufigen handelspolitischen Abmachungen mit Großbritannien. Vielleicht wird das von der Reichsregierung als günstige Gelegenheit dazu benützt, eine Kundgebung in öffentlicher Reichstags-Sitzung über die Samoa Frage zu veranstalten.
Gerade glänzend ist der Wiederbeginn der ReichstagS-Berathungen nicht ausgefallen. Man ist abgehärtet gegen schwachen Besuch des Reichstages. Aber so lückenhaft wie am Eröffnungstage nach den Osterferien sieht man doch den Sitzungssaal selten. Präsident Graf Balle st rem richtete darum einen beweglichen Anruf an die wenigen Erschienenen, alles auszubieten, um dem Reichstage in der Folgezeit zu besserem Besuche zu verhelfen; denn wichtig und umfangreich ist das Pensum, das dem Reichstage noch zu erledigen bleibt, so groß, wie selten um diese Zeit des Jahres. Es sei nur erinnert in aller Kürze an die drei Postvorlagen, das Bankgesetz, das Gesetz über die Fleischbeschau, die Novelle zur Gewerbe-Ordnung, die Vorlage über die Hypothekenbanken, die „lex Heintzc", die „lex Salisch", d. h. also Ersetzung des Voreides durch den Nacheid bei Zeugenvernehmungen, und vor allen Dingen der neue Entwurf über die Jnvaliden- Lersicherung, ganz abgesehen von den kleinen und mehr nebensächlichen Dingen. Zuerst nach den Osterferien hat der Reichstag die neuen Postvorlagen in Angriff genommen, zu denen eine so riesenhafte Anzahl von Petitionen eingegangen ist wie selten sonst, und auf die Postvorlagen folgt der Entwurf über die Fleischbeschau. An lebhaften Debatten fehlt es bei diesem letzteren sicherlich ebenso wenig wie bei den Postgesetzen. Kommissionsberathung ist in beiden Fällen unvermeidlich.
Auch das preußische Abgeordnetenhaus hat gegenwärtig einige große Tage: das macht die K a n a l- V vrla g e, die schon lange Zeit vorher ihre Schatten geworfen hat. Noch ist die erste Lesung der Vorlage nicht abgeschlossen, während diese Zeilen zum Drucke wandern. Aber Eines steht schon im Voraus fest: das endliche Schicksal der Vorlage ist sehr zweifelhaft, und wer weiß, was dann nach langen Beratungen des Abgeordnetenhauses das Herrenhaus dazu sagen wird.
Eine herzliche Freude hat allen Katholiken die Nachricht bereitet, daß der hl. Vater in Rom am 11. April wieder seinen ersten größeren Empfang abgehalten hat. Es war der Empfang der Kardinale, dem diesmal 18 Kardinäle, sowie zahlreiche Bischöfe, Prälaten und hol;e Staatspersonen beiwohnten. In seiner Ansprache drückte der Papst zunächst seinen Tank gegen Gott aus dafür, daß er seine Gesundheit wieder erlangte und alsdann seine Freude über die dielen Beweise der Theilnahme, die ihm während seiner Krankheit zugegangen sind. Ihrem sachlichen Inhalte nach ist die Ansprache der bevorstehenden internationalen Abrüstungs-Konferenz gewidmet, die am 18. Mai in der holländischen Residenz eröffnet werden soll. Gerade der Vatikan hätte zu allererst Anspruch auf eine Einladung zu dieser Konferenz gehabt. Er hat keine erhalten, in Folge der gehässigen Umtriebe des neuen Königreiches Italien. Aber auch "icht mit einem Hauche hat der hl. Vater in seiner Ansprache dieser Kränkung gedacht. Im Gegentheil gab der hl. Vater in feiner Ansprache seiner Fr ende darüber Ausdruck, daß die Konferenz zu Stande gekommen ist und sprach den Wunsch aus, daß die Absichten, die ihr zu Grunde liegen, reichliche Früchte für dieAllgemeinheit tragen möchten. Ipüren die Neu-Italiener in dem unrechtmäßig in Besitz genommenen Ouirinal in Rom die glühende Kohle auf ihrem Haupte? Die meisten Mächte haben 'hre Vertreter für die Abrüstungs-Konferenz bereits scannt, die größeren Mächte jedesmal mehrere Ver- tteter. Aber jede Macht, ob groß oder klein, wird ”UI je eine Stimme in der Konferenz haben. Unter ßen Vertretern des deutschen Reiches wird sich auch 7er Münchener Rechtsgelehrte Professor Freiherr ^»Stengel befinden. Dieser hat erst vor wenigen Wochen eine Flugschrift veröffentlicht — gegen den
FuidaerMZertung mit Anterhattungs-Meitage „MuKrirte Sonntags-Zeitung