KuIdaerMZertung
26. Jahrgang
IuLöa, Dienstag, den 28. März 1899.
Inserat»: Die an« spalt. Garmond» »eile oder deren Raum 15 Pf., Ra» flamen die Petitzeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechens. Rabatt gewährt.
Ein Dnell.
Roman der Gegenwart von Max Benno.
27 ------ (Nachdruck verboten.)
Theodor begriff, daß er Sepp, wenn-er deffen Unterstützung in Anspruch nehmen sollte, über seine Vergangenheit volle Offenheit schuldig war, und deshalb erzählte er Alles, wie es von ihm seiner Zeit dem Freunde Distel mitgetheilt worden war. „Nun werdet Ihr wohl auch errathen," schloß er, „warum ich Josephs Namen annahm. Ich muß im Verborgenen bleiben und vorsichtig sein."
In wachsender Spannung hatte Sepp zugehört.
„Und diese verworfene Schurkenbande ist wirklich hier," nahm er, als Theodor geendet, das Wort, „in diesem Hotel? Das ist ja ein merkwürdiges Zusammentreffen und ich glaube selber auch, daß er dort Oben Euch wieder zu Gnaden annehmen will. Aber da war es ja doch am einfachsten, wenn man diesen gottlosen Hallunken die Larve vom Gesicht reißen, wenn man über sie herfallen würde und . . . ."
„Nein, das geht nicht," unterbrach Theodor den Erzürnten, der seine mächtigen Fäuste geballt hatte und in drohender Haltung dastand, „übereilen dürfen wir nichts und können nichts Entscheidendes unternehmen, so lange nicht Luigi mit den Kindern da ist. Wir müssen uns lediglich aufs Beobachten beschränken und dafür sorgen, daß man die Elenden im Auge behält."
Sepp räusperte sich. „Ihr werdet Recht haben," sagte er, „und ich will Euch folgen, wenn
G Die Lokal-Schulinspektion.
mon allgemeinem Interesse dürfte es wohl .-,in was in der 44. Sitzung des Abgeordneten- hmiMom 15. März über das Verhältniß n-r Kreisschulinspektoren zu den geist- licken Lokalschulinspektoren verhandelt worden ist. Wir theilen daher die betreffenden «gerungen des Abg. v. Heydebrand und der Lasa, des Führers der Konservativen, und ;>es Herrn Kultusministers Dr. Bosse wörtlich mit.
Ersterer führte Folgendes aus:
Meine Herren, ich bin veranlaßt, auf den Wunsch meiner Freunde einen Gegenstand noch einmal zur Sprache zu bringen, der bereits in der Budgetkommisfion behandelt worden ist: es ist die Stellung und das Verhältniß der Kreisschulinspektoren zu den geistlichen Lokalschulinspektoren. Es liegen nach der Richtung hin Klagen darüber vor, daß die Sreisschulinfpektoren dieses Verhältniß in einer überaus büreaukratischeu Weise auffasfen und nicht immer den nitthigen Takt walten lassen, so daß den geistlichen Lokal- schulinspektoren durch dies Amt, das mit manchen Opfern für fie verknüpft ist. recht wenig Freude gemacht wird. Darin muß ich von meinem Standpunkt aus einen erheblichen Uebelstand erblicken. Wir sind hier der Meinung, daß es im Interesse der Schule, der Lehrer und der Schüler vom höchsten Werth ist, wenn die Geistlichen die Lokalschulaufstcht nicht nur wahrnehmen, sondern auch mit Freuden wahrnehmen und mit allem Eifer, deffen sie nur fähig sind. Da muß es allerdings recht erkältend und wenig ermunternd wirken, wenn die Stellung dieser Geistlichen, die doch ein reines Ehrenamt ist, in dieser büreaukratischeu Weise aufgefaßt wird. Es find mir Fälle bekannt, daß auch einzelne Bezirksregierungen diese büreaukratische Auffassung der Kreisschulinspektoren getheilt haben. Ich glaube nun zu wiffen, daß der Herr Minister in der Frage die Auffassung theilt, die ich ausgesprochen habe, und Remedur hat eintreten lassen. Es wäre sehr erwünscht, wenn der Herr Minister Anlaß nehmen wollte, diese seine Stellung zur Sache allgemeiner bekannt zu geben, so daß man im Lande weiß, wie man in der Frage daran ist. Der Gegenstand, um den es sich handelt, ist von großer Bedeutung. Deswegen glaube ich, daß der Herr Minister keinen triftigen Grund haben wird, dies Ersuchen, daS ich hiermit aussprechen möchte, abzulehnen. (Bravo! rechts und im Centrum.)
Darauf erwiderte der Herr K u l t u s m i n i st e r wörtlich, wie folgt:
„Meine Herren, ich kann dem Herrn Abgeordneten Dr. v. Heydebrand bestätigen, daß ich mit ihm in der Auffassung der Bedeutung der geistlichen Lokalschulin- spektion vollkommen übereinstimme. Ich bin dankbar dafür, daß die kirchlichen Organe dem Staate, der Schule diesen Dienst so selbstlos leisten, wie es der Fall ist. Ich bedauere es tief, daß in einem Fall ein hauptamtlicher Kreisschulinspektor feine Stellung gegenüber einem Ortsschulinspektor, einem Geistlichen, falsch aufgefaßt hat. Ich habe das gemißbilligt, und habe, glaube ich, die Sache in Ordnung gebracht. Ich habe auch Veranlassung genommen, meine Stellung zur geistlichen Ortsschulinspektion dem Evangelischen Oberkirchenrath Senüber auszusprechen und ihn, wie ich hoffe, von der tigen Regelung überzeugt. Die Provinzialbehörden habe ich dahin mit Instruktion versehen, daß sie dieses Verhältniß zwischen der geistlichen Ortsschulinspektion und der Kreisschulinspektion als ein solches auffasfen, das nur durch gegenseitiges freundliches Entgegenkommen und durch diejenige achtungsvolle Haltung gegenüber den Organen der Kirche richtig wirksam werden und aufrecht erhalten werden kann, welche der' Selbstlosigkeit entspricht, mit der die kirchlichen Organe ihre Thätigkeit in den Dienst der Schule stellen. Die Verfügung, die auf Grund dieser Anordnung erlassen wird, werde ich veröffentlichen; sie wird demnächst im Centralblatt erscheinen, und ich hoffe, daß dadurch über die Stellung der Unterrichtsverwaltung volle Klarheit auch im Lande verbreitet wird, und daß berartige Fälle nicht wieder vorkommen werden."
S-Mährl. D»Iv-eprei»
Warten wir also ruhig das Weitere ab und hoffen wir, daß das Verhältniß in einer für die geistlichen Lokalschulinspektoren beider Konfessionen erträglichen Weise geregelt werde.
Eine andere Seite dieser Frage behandelte der konservative Abg. Lückhoff in derselben Sitzung des Abgeordnetenhauses in folgenden Ausführungen:
Auch ich möchte meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß der Herr Minister meiner zweimal gegebenen Anregung Folge geleistet und den Titel 29 des Etats erheblich erhöht hat. Meine Freude ist dadurch erhöht, daß der Herr Regierungsvertreter mitgethellt hat, die Fonds, aus welchen die Remunerationen für die Schulinspektoren bestritten werden, seien eigentlich noch weit größer, als aus dem Etat ersichtlich ist.
Das Amt als Lokalschulinspektor ist ein Ehrenamt und soll auch in Zukunft Ehrenamt bleiben. Es ist aber nicht zu leugnen, daß es den betreffenden Herren, und namentlich den Geistlichen auf dem Lande, große Lasten und Schwierigkeiten auferlegt. Ich kenne Geistliche, welche die Halste ihrer Zeit der Schule opfern. Das find solche, welche derselben ein ganz besonderes Interesse zuwenden und ihres Amtes als Schulinspektoren mit großer Gewissenhaftigkeit walten.
Ich bin mit dem Herrn Abgeordneten Schall nicht ganz einverstanden, wenn er betont, daß mit dem Amte des Geistlichen das der Schulinspektion verbunden fein müsse. Ich weiß, daß in vielen Fällen gerade die Amts- thätigkeit des Lokalschulinspektors den Geistlichen in große Konflikte mit der Gemeinde gebracht hat; am liebsten möchte ich ihn also von diesem Amte entbunden wiffen, gerade um seines geistlichen Amtes willen.
Darin gebe ich aber dem Herrn Abgeordneten Schall recht: das geht einmal nicht; wir können die Herren als Schulinspektoren nicht entbehren. Je größer aber die Opfer find, welche der Geistliche in feiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor dem Staate bringt, desto größer ist die Verpflichtung des letzteren, ihn voll und ganz für feine Amtsunkosten zu entschädigen. Ich will darauf nicht weiter eingehen. Der Herr Kollege Bröse hat ja diese Frage etwas eingehender behandelt, und Herr Kollege Schall hat sogar angedeutet, daß der Geistliche, der mehrere Schulen zu inspiziren hat, froh fein muß, wenn ihm alle paar Jahre mal 50 Mark Entschädigung zugebilligt werden. Das ist meines Erachtens kein würdiger Zustand für den betreffenden Geistlichen. (Sehr richtig! rechts.)
Ich möchte den Herrn Minister dringend bitten — die Zeit scheint sehr günstig dazu zu sein, da der Titel bedeutend erhöht ist —, doch zu veranlassen, daß die Entschädigung, welche dem Lokalschulinspektor zukommt, nach Maßgabe der Anzahl der Schulen, die er zu beaufsichtigen hat, und der Entfernung seines Wohnorts von diesen Schulen, ein für allemal pro Jahr festgestellt werde, und daß dem Geistlichen diese Entschädigungssumme ohne weiteres jährlich zugewiesen werde. Auch das scheint mir des Geistlichen, welcher der Schule so große Opfer bringt und dem Staat so treue Dienste leistet, nicht würdig zu sein, daß er alle zwei Jahre um die Entschädigung seiner Unkosten, die er für Fuhren u. f. w. hat, erst betteln muß. (Sehr richtig! rechts.)
Ich bitte den Herrn Minister dringend, diese Angelegenheit ernstlich zu erwägen und meinen Wunsch zu erfüllen. (Bravo! rechts.)
Hierzu äußerte sich der CentrumSabgeordnete Dr. Glattfelter wie folgt:
Meine Herren, nur eine kurze Bemerkung zu dem, waS Herr Schall und Herr Lückhoff über die Ortsfchul- inspektion gesagt haben. Die Remunerationen, welche die Ortsschulinspektoren bekommen, werden nach meiner Kenntniß der Dinge jetzt so ziemlich ohne Grundsatz ver- theilt. Man kann wenigstens eine bestimmte Regel, einen bestimmten Grundsatz bei der Bertheilung kaum erkennen- Die Folge davon ist, daß der eine Geistliche sich fragt, warum bekomme ich 20, 30 und 50 M„ und daß ein anderer sich fragt, warum bekomme ich sie nicht. Das gibt selbstverständlich Anlaß zu Mißverständnissen. Die Regierungen können nichts dazu thun, denn die Summen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden, sind so gering, daß sie eben damit nicht auskommen.
Ich möchte darum der Meinung sein, daß es an« auch das Aufpassen und Spioniren nicht gerade meine Passion ist. Ein Kerlchen wie ich, das überall auffällt, eignet sich auch nicht besonders dazu. Aber das thut schließlich nichts, da mich an diesem Platz Niemand kennt. Und wenn mir je ein Bekannter in die Hände laufen sollte, so ist der Anton Sepp ein Bursche, der Jedermann frei in's Auge schauen darf!"
Sie besprachen noch Dieses und Jenes, dann zog sich der Tiroler zurück.
Arm in Arm wandelten „Lord Brugham", mit welchem Namen der englische Gast sich eingeschrieben hatte, und dessen schöne Tochter Miß Ellen über den gewundenen Kiesweg der präch- tigen Parkanlagen und nahmen in einer Grotte Platz, welche durch Ausbrechen der Steine in einem kleinen Hügel fast unmittelbar über dem Meere hergestellt war.
Schlank und majestätisch ragten in derselben die von Künstlerhand gefertigten und von Schlingpflanzen umrankten Tropfsteinpfeiler empor. Darüber lag die kühn gewölbte Kuppel, durch deren vereinzelten Spalten und Höhlungen das spärliche Licht hereinfiel. Eine Quelle rauschte mit ge- heimnißvollem Plätschern aus der Nische einer Felswand. Sie durchrieselte in schmaler Rinne Die Grotte und stürzte sich im Hintergründe derselben, wo durch eine breite Oeffnung der wellengekräuselte Spiegel des Meeres heremschaute, in einen tiefen Abgrund hinab. Kunstreich geschnitzte Sessel und Bänke standen an den Wänden, während sich in der Mitte ein aus Marmor gehauenes, mit prächtigen Reliefbildern und Figuren geschmücktes Tischchen erhob.
An diesem ließen die Beiden sich nieder und
mit Ztuterhattungs-Meikage „Illuflrirte Sonntags-Ieitungi'
gezeigt wäre, den Regierungen so reichliche Summen zur Verfügung zu stellen, daß sie den Ortsschulinfpektoren entweder die Kosten ersetzen, die sie bei der Ausübung ihres Ehrenamtes haben, oder daß, wenn darüber hinaus noch Remunerationen für die sehr lobenswerthe und anerkennenswerthe Thätigkeit der Ortsschulinspektoren vorhanden sind, diese Remunerationen nach beftimmten Grundsätzen vertheilt werden.__________________________
£ Industrie und Landwirthschaft.
Die Zeiten liegen hinter uns, in denen das Vorhandensein einer Nothlage bei der Landwirthschaft geleugnet wurde. Wenigstens für alle ernsthaften Leute liegt diese Zeit hinter uns. Aber noch außerordentlich verschieden lauten die Meinungen über den Ursprung dieser Nothlage und über die Bedeutung sowohl der Landwirthschaft als auch der Industrie für das allgemeine volkswirthschastliche Wohl.
Ziemlich alt und noch immer sehr stark vertreten ist die Anschauung, das Heil unserer Industrie und damit unser ganzer Volkswohlstand hänge davon ab, daß die Industrie möglichst massenhaft für das Ausland arbeite, daß also die deutsche Industrie mehr und mehr zu einer Ausfuhr-Industrie sich entwickele. Andere sind der entgegengesetzten Meinung. Nach deren Ansicht sollte die Industrie die Ausfuhr links liegen lassen, in allererster Reihe nur für die Bedürfnisse des Inlandes arbeiten und an Ausfuhr nur das mitnehmen, was sich so nebenher von ungefähr bietet. Diese zweite Anschauungsweise erblickt unser volkswirthschaftliches Heil einzig und allein in der Hebung der Landwirthschaft: die Landwirthschaft sollte der einzige Träger des Volkswohlstandes fein, und von einer blühenden, kaufkräftigen Landwirthschaft sollte allein, oder doch der großen Hauptsache nach auch das Gedeihen der inländischen Industrie abhängen.
Ohne Zweifel ist nun in neuerer Zeit vielfach die Bedeutung der Ausfuhr für unsere Industrie überschätzt worden. Aber das wird Niemand in zweifelloser Weise beweisen können, daß diese Ausfuhr nur geringe Bedeutung habe und darum nur so nebenher berücksichtigt werden müsse, und wie so häufig im Widerstreite der Meinungen über Tagessragen der Politik und Volkswirthschast, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitte. Der Absatz an das Inland hat eine sehr große Bedeutung, und darum muß es auch der Industrie durchaus darum zu thun sein, eine kaufkräftige, wohlhabende Landwirthschaft zu erhalten; und genau ebenso wichtig und werthvoll ist für die Industrie der vortheilhafte Absatz ihrer Erzeugnisse an sremde Länder.
Die Nothlage der Landwirthschaft möchte mancher gern auf eignes Verschulden der deutschen Landwirthe zurückführen. „Mangel an Intelligenz" — „Unrationelle Wirthschaft" — „Trägheit und wachsende Genußsucht" — das sind die Schlagworte, mit denen in diesem Sinne noch immer häufig gearbeitet wird. Wer die Landwirthschaft wirklich kennt, der weiß, daß sie vollkommen falsch sind. Und was für eine außerordentliche Bedeutung der Verbrauch im Inlande, namentlich also durch die Landwirthschaft, für unsere Industrie hat, das geht aus jeder neuen fachmännischen Untersuchung darüber stets von neuem hervor. Sehr der Lord begann: „Es wird jeden Tag schöner! Nun habt ihr schon wieder eine Summe verloren, die ein Vermögen darstellt. Das Gold roll euch nur so aus den Händen und unserer Lordschast wird bald ein Ende gemacht sein, wenn nicht auf irgend eine Weise für Ersatz gesorgt wird."
Miß Ellen scharrte mit ihrem Sonnenschirm in dem feinen Sand, mit dem der Boden der Grotte zum Theil bestreut war.
„Es muß schließlich gelingen," stieß sie ärgerlich hervor. „Ein Herr weihte mich in eine Methode ein, bei deren Befolgung man sicher geroinfie. Aber kaltblütig zu bleiben ist die erste Bedingung, und diese zu erfüllen, gelang mir bis jetzt noch nicht.
Der Lord lachte höhnisch. „Bleib mir mit Deiner einfältigen Methode vom Leib," grollte er, „mit der man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt. Zum Spielen erhaltet ihr von mir nichts mehr. Ich kann euch nichts geben, denn die Kasse ist nahezu leer. Dein Galan hat allerdings noch Geld, aber wenn ihr fo fortwirth- schaftet wie seither, wird es in kurzer Zeit durchgebracht fein. Ueberhaupt ist es mir hier nicht ganz wohl, an diesem Platze, wo sich die ganze Welt ein Rendezvous gibt. Wenn ein tückischer Zufall den Andern hierher führte? Das fiele schlimm aus!"
Ellen schnippte mit den Fingern; „pah", entgegnete sie, „sprich nicht von dem! Er hat ja nichts mehr und wird sich hüten, nach Monaco zu kommen, wo man Vagabunden und Bettler nicht brauchen kann."
Der „Lord" schaute eine Zeit lang stumm vor sich hin.
werthvoll in diesem Sinne ist eine Berechnung, )ie der volkswirthschastliche Professor W.Sombart darüber angestellt hat und in der Zeitschrift .Soziale Praxis' veröffentlicht; nebenbei gesagt ein Mann, der nichts weniger ist als das, was man einen Agrarier nennt und schon mehrfach >urch seine Schriften und Vorträge den Zorn der Agrarier erregt hat. Man kann also von Herrn Sombart mit Bestimmtheit voraussetzen, daß er durchaus nicht voreingenommen ist zu Gunsten der Landwirthschaft.
Der gewerbliche Auffchwung ist in Deutschland während der neuesten Zeit außerordentlich und stauneuswerth — „märchenhaft" nennt ihn Prof. Sombart. Aber man soll ja nicht glauben, daß dieser Aufschwung einzig und allein einer gesteigerten Ausfuhr zu verdanken fei. Die Zunghme der gewerblichen Erzeugung ist vielmehr nach Prof. Sombart während der letzten zwanzig Jahre um die Hälfte stärker gewesen als die Zunahme der Ausfuhr; die vermehrten Erzeugnisse müssen also hauptsächlich im Jn- lande gekauft worden fein. Wie das geschehen ist, geht deutlich hervor aus den Zusammenstellungen, die Prof. Sombart gibt. In der Fabrikation von Dampfmaschinen beispielsweise hat die Zahl dervonihrbeschäftigten Menschen während dieser letzten zwanzig Jahre um 7 vom Hundert zugenommen, die Menge der Ausfuhr aber hat sich bei diesem Industriezweige während derselben Zeit um 20 vorn Hundert vermindert; und bei der chemischen Industrie ist in den Jahren von 1882 bis 1895 die Ziffer der beschäftigten Personen um 60 vom Hundert, die Ausfuhrmenge im Jahresdurchschnitt aber nur um 38 vom Hundert gestiegen. Und dabei rechnet man gerade diese letztgenannte Industrie zu den vornehmsten Ausfuhrindustrieen bei uns in Deutschland! „Von dem märchenhaften industriellen Aufschwünge der letzten Jahrzehnte — so schreibt Prof. Sombart wörtlich — ist nur ein geringer Theil der Ausfuhr zu gute gekommen; ein wachsender Löwenantheil entfällt auf den Verbrauch im Jn- lande."
Solche Ziffern beweisen schlagend, welchen ungeheuren Werth der Absatz an das Inland für gewisse Zweige unserer Industrie hat; und bei der zukünftigen Gestaltung der Handelspolitik werden diese Verhältnisse eine große Rolle spielen müssen. Gleichzeitig kommt in Betracht, daß die moderne Industrie in der Erzeugung vieler Gebrauchsgegenstände die Landwirthschaft verdrängt hat; man denke nur an den massenhaften Verbrauch von Eisen statt Holz für Häuserbauten, Brücken- und Schiffsbauten; an die Verdrängung von Tauen und Stricken aus Pflanzenfaser durch Retten und Drahtseile, an den Ersatz von pflanzlichen Leucht- und Brennstoffen durch andere, fabrikmäßig erzeugte, und man wird damit gleichzeitig einen der vielen Gründe entdeckt haben, die in neuerer Zeit zu einer Abnahme der landwirthschaftlichen Absatzfähigkeit zu Gunsten der Industrie in sehr erheblichem Maße beigetragen haben. „In Berg- werken und Hochöfen — schreibt treffend Prof. Sombart — in Glashütten und chemischen Fabriken werden jetzt dieselben Stoffe erzeugt, die in früherer Zeit der Landmann auf seinem
„Und der eine," wandte er sich wieder an Ellen, „denkst Du nicht mehr an ihn? Ich weiß nicht, warum mir der Gedanke an ihn seit einiger Zeit immer im Kopfe umgeht, dienlich träumte ich sogar von ihm."
Ein Zischen kam zwischen den Zähnen des Mädchens hervor. „Da sieht man," spottete sie, „was Du für ein Hasenfuß bist. Sogar Träume jagen Dir Schrecken und Angst ein! Von dem halbverrückten Träumer haben wir, wenn er ja noch leben sollte, vollends nichts zu fürchten, verlaß Dich darauf."
Der Vater räusperte sich. „Nun ja. Du magst Recht haben," sagte er, „aber gut wird es doch sein, wenn man nicht mehr lange hier bleibt. Vorher aber müssen wir Geld haben, und, um uns dieses zu verschaffen, erdachte ich bereits einen Plan. Wir führen ihn aus, sobald Dein Verlobter da ist, der heute Nacht eintreffen wird. Er ist ein Bursche, wie man ihn zu derartigen Sächlein braucht, und der zu Allem bereit ist, wenn es von Dir verlangt wird."
Mit etwas gedämpfterer Stimme, aber doch noch so laut, daß die Tochter jedes feiner Worte, ohne ihm näher zu rücken, verstand, entwickelte der Lord nunmehr fein Vorhaben und berottne dadurch, daß die verdrießliche Miene auf dem Gesichte der Dame verschwand.
„Der Herr hat uns," schloß er, „durch seine Laune die Arbeit ganz leicht gemacht, denn er bewohnt die Zimmer unmittelbar neben den unserigen, so daß wir nur durch eine verschlossene Thür getrennt sind. Diese zu öffnen wird keine Kunst sein. Durch den Kellner Beppo, dem ich durch ein hübsches Trinkgeld die Zunge löste, er-