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Fokales

Aus dem Reichstage

52. Sitzung vom 9. März.

D Der Fuldaer Kewervevereiu hielt gestern Abend seine erste Generalversammlung ab, in der der Vorsitzende Herr Ludwig Fleischmann über die Gründung und den Zweck des Vereins sprach, deffen Ausführungen dahin gipfelten, daß in allen Berufsarten, ob Fabrikanten, Bauern oder Arbeiter die Signatur der heutigen Zeit Zu­sammenschluß und Organisation sei, und es mit­hin auch eine nothwen>-ige Pflicht der Selbft- erhaltung sei, daß sich die Handwerker enger zu- fammenschließen und vereinigen. Diese Aus­führungen wurden sehr beifällig ausgenommen, tznd nach Verlesung der Protokolle beschlossen, daß jeden Mittwoch Abend im Ballhause (oben hinteres Zimmer) Vereinsversammlungen statt­finden sollen. Ferner wurde die Anschaffung von geeigneten Fachschriften und Büchern zur Auflage im Vereinszimmer beschlossen. Es wird dann an jedem Vereinsabend ein Vortrag wie z. B. über Regelung des Lehrlingswesens, Obli­gatorische Innung, Handwerkerkammern, Bildung von Genossenschaften rc. stattfinden. Schließlich wurde nach einem Vortrag über ein Technikum in Fulda gestern Abend schon beschlossen, gleich dieser Tage eine Liste in Cirkulation zu setzen, die an unfern Herrn Oberbürgermeister Dr.

s Der bereits angekündigte Moko«iakv-r- trag wird am Mittwoch den 15. März im Ballhaussaale gehalten werden. Der Redner, derr Maler Weidmann-Lübech hat Deutsch- Ostaftika in zweijährigem Aufenthalt gründlich ennen gelernt. Durch die strenge Sachlichkeit einer Vorträge hat er überall großen Beifall gesunden und viel zu einer richtigen Auffassung 'er deutschen Kolonialpolitik beigetragen. Herr Weidmann hat tn den letzten Jahren die Gründung einer großen Zahl von Abtheilungen und Orts­gruppen der deutschen Kolonialgesellschaft mit Tausenden von Mitgliedern veranlaßt. Auch der Vortrag, den er hier in Fulda hält, hat den Zweck, der Kolonialbewegung neue Freunde zu- zuführen.

. t Kassel, 9. März. Die diesjährige Früh, lahrsprüfung für den einjährig freiwilligen Militärdienst soll vom 16. bis zum 25 d Mts., und vom 12. - bis zum 15. April er. im deinen Stadtbausaale abgehalten werden. — Ejg aus Berlin an den Herrn Regierungspräsidenten gelangte Mittheilung soll es als kaum möglich erscheinen lassen, daß die Eingemeindung Wehlheidens vor dem 1. Juli d. Js. per­fekt werden könne. Die noch vorhandenen Weiterun- gen glaubt man erst bis dahin beseitigt zu sehen.

* DeeKerHage«, 9. März. Ein interessanter Streik ist hier ausgebrochen. Ein auf Erhöhung des Grundgehalts wegen der örtlichen Theuerungs- verhältnisse gestellter Antrag der vier Lehrer wurde von der Gemeindevertretung mit der Be­gründung abgelehnt, die Lehrer hätten durch Privatunterricht rc. ganz bedeutendeNebenverdienste. Infolge dieses Beschlusses haben sämmtliche Lehrer die Privatunterrichtsstunden gekündigt, sowie den Unterricht in der gewerblichen Fortbildungsschule und die Leitung der Gesangvereine aufgegeben.

X Treysa, 9. März. In der bei Herrn Gastwinh K. Asteroth abgehaltenen Versammlung der neugegründeten Bäcker- und Müller- Innung wurde der Beschluß gefaßt, dahin zu wirken, daß für sämmtliche Handwerker des Amts­gerichtsbezirkes Treysa eine Zwangsinnung eingeführt werde. Zu dem Zwecke wurde eine Petition an das Kgl. Landrathsamt zu Ziegen­hain unterschrieben, in welchem dasselbe um Er­richtung einer Zwangsinnung ersucht wird. Die in Ziegenhain gestern Abend abgehaltene Ver­sammlung der dortigen Küfer, Schreiner, Wagner und Drechsler hatte denselben Gegenstand zur Berathung. — Dem bei der hiesigen Poststation bediensteten Postillon Joh. Georg Hasenpflug wurde eine Ehrenpeitsche verliehen. — Die hiesige Polizeioerwaltung gibt bekannt, daß das Fahren, Radeln, Reiten und Viehtreiben über den von der Burgstraße bis zur Eisenbahnbrücke führenden sogen, schwarzen Weg bei einer Strafe bis zu 9 Mark verboten ist. Diese Verordnung tritt mit dem heutigen Tage in Kraft.

® Iosvach, Kreis Kirchhain, 9. März. Das hrerinder Nähe gelegene Rittergut v. Nordeck ging durch Kauf in den Besitz mehrerer jüdischer Händler über. Der Preis betrug für die Gebäude, außer Inventar und mehrere 100 Acker Land annähernd 70 000 Mark. Die Käufer beabsichtigen das Land, von dem sie den Acker mit durchschnitt­lich 300 Mark bezahlten, in kleinen Parzellen wieder zu vereinzeln. Da hier verkoppelt ist und das Land gern gekauft wird, so dürften sie ein gutes Geschäft machen.

Der Abg. ZSeöet bezeichnete die Prostitution als em Produkt der Noth. Man möge gute soziale Gesetze machen und der Noth steuern, dann werde man die Hauptaufgabe der Unstttlichkeit beim Theater und auch sonst der Unzucht mehr zu Leibe gehen, namentlich in Berlin; sie thun es aber nicht aus Rücksicht auf gewisse reiche und vornehme Kreise. Von dem polizeilichen Kampfe gegen Bilder und Schriften erwarte seine Partei nichts.

Schließlich wurde die Regierungsvorlage nebst dem Anträge des Centrums und dem Anträge Stumm einer 14er Kommission überwiesen.

Es folgten noch Wahlprüfungen ohne allgemeines Interesse. Die Wahl des Abg. Stöcker wurde bean­standet.

Morgen 1 Uhr: Etat der Kolonien und des Auswärtigen Amtes.

Fulda, 10. März.

<D= Die Mitglieder der beiden hiesigen Ai«ce«z- ko«fere»ze« gehen nächsten Sonntag um 7 Uhr in der Michaelskirche gemeinschaftlich zur heiligen Kommunion. Nachmittags findet nach der Fasten­predigt in der „Harmonie" die öffentliche General­versammlung statt, an welcher auch Freunde und Gönner der Bestrebungen des Vereins theil- nehmen können.

Sprache und zwar in jenem Dialekt, der sie so­fort als Landsleute und Söhne des deutschen Südens kund that.

Gleichwohl hätte in dem Manne mit den ent­stellenden Narben und dem Graukopf schwerlich Jemand Theodor Meinhold gesucht; und doch war er es, der ehemalige reiche Bankierssohn, der mit dem Glücksrittenrupp nach den Silber­und Goldminen zog.

Die Gefährte kamen ins Stocken. Die Ur­sache wurde sofort bekannt. Ein spekulativer Banker hatte auf der Hochebene und an dem Wege, der täglich von Dutzenden passirt wurde, einen jener Store errichtet, in welchen es für Thier und Mensch Befriedigung fast aller Be­dürfnisse gibt. Da es in diesen Buden nament­lich an allerlei Magenstärkungen, die freilich sehr häufig zweifelhafter Natur sind, nicht fehlte, so brauchte man sich nicht zu verwundern, daß die Fuhrleute Halt gemacht hatten, um sich nach den ausgestandenen Strapazen etwas gütlich zu thun.

Den Uebrigen war diese Gelegenheit offenbar ebenfalls in hohem Grade willkommen und alle eilten dem einladenden Wirthshause zu.

Auch die int Nachtrab befindlichen zwei Männer folgten und traten in den Salon, deffen nicht allzu großer Raum von den Gefährten bereits nahezu gefüllt war. Sie hatten sich theils auf die im Hintergrund liegenden großen Brannt- weinfäffer gesetzt, theils standen sie vor der Bar, aus welcher der Keeper sie mit den verlangten Getränken versah.

Der Alkohol blieb nicht ohne Wirkung. Die Stimmung unter den Männern wurde allmählich eine gehobene, und als der Wirth Tische und

fünf sozialdemokratischen Vertreter gegen die Kandidaten der bürgerlichen Parteien.

() Die Wahrer der dritte« Klaffe haben demnächst eine Ersatzwahl für den Herrn Stadtverordneten W. Mehl er, der sein Amt niedergelegt hat, vorzunehmen. Die Wahl ist auf den 27. d. M. anberaumt worden.

5 Für die regelmäßige Sladtverordueleu- Nerfammk««g am kommenden Montag wurden folgende 8 Punkte auf die Tagesordnung gesetzt: 1) Antrag, von der Erwerbung der Häuschen int Hitzenplan Abstand zu nehmen. 2) Löschungs- und Freigabe - Urkunden. 3) Abkommen mit Friseur O. Hartmann, das Krengler-Gäßchen be» treffend. 4) Wahl von 2 Beisitzern und 2 Stell­vertretern zu der am 27. März ds. Js. zu voll­ziehenden Ergänzungswahl für das ausgeschiedene Mitglied W. Mehler. 5) Genehmigung der Kostenansckläge für Erweiterung des Wafferrohr- netzes am Frauenberg und an der Leipzigerstraße. 6) Etat der Realschule resp. dessen Prüfung und Genehmigung. 7) Fluchtlinienplan für das Terrain zwischen Leipziger - Straße und Horaserweg. 8) Etatsberathung.

Bänke in den Raum hineintragen ließ, entspann sich ein förmliches (Belage. Der Vorschlag, über Nacht in dem Store zu bleiben, wurde mit all­gemeinem Jubel begrüßt. Man spannte die Zag- thiere aus und brachte sie in einen Schuppen unter, der sich in der Nähe befand.

In dem Salon ging es mit jeder Viertel­stunde lebhafter zu. Die Einen spielten. Andere sangen, und sogar an Musik fehlte es nicht, da einer der Leute die Handharmonika zu bearbeiten, ein anderer die Klarinette zu blasen verstand.

ES war ein Summen und Surren in dem mit Branntweingeruch und Tabakqualm gefüllten Raum, daß man fein eigenes Wort nicht mehr verstand.

Die beiden Süddeutschen hatten sich neben­einander auf ein Faß gefetzt und ein paar Gläser getrunken. Ihr Mienenspiel, namentlich das­jenige Theodors, drückte eine gewisse Unbehag­lichkeit aus.

Er wandte sich an seinen Nachbar. „Komm, Joseph«, raunte er ihm zu, „wir wollen in's Freie ; in diesem Qualm und Trubel halte ich es nicht länger aus. Wir lassen unsere Feld­flaschen füllen und Proviant habe ich noch in der Tasche. Ein Plätzchen aber wird sich schon finden, wo man ungestört ein vernünftiges Wort sprechen kann.«

Der Angeredete war sofort bereit. Sie er­hoben sich, verließen den Salon und schritten einem Eichenhain zu, der nicht weit entfernt war.

Auf einem umgefallenen Baumstamm nahmen sie Platz und athmeten mit Wohlbehagen die würzige Abendluft ein.

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Landtage.

*<* Abgeordnetenhaus. — 39. Sitzung vom 8. März.

Im Abgeordnetenhause gab es gestern aber­mals eine 2'/,stündige Abendsitzung. Trotzdem wurde das Extraordinarium des Etats der Bauver­waltung nicht erledigt, da sich an die Kosten der Er­haltung der Düne von Helgoland eine lange Debatte knüpfte. Schließlich wurde die Berathung des Etats der Bauverwaltnng abgebrochen und zunächst der Kultusetat auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt.

40. Sitzung vom 9. März.

Im Abgeordnetenhause knüpfte sich heute an den Kultusetat die übliche Generaldebatte, die mit einer friedlichen Szene begann. Kultusminister Dr.

Arrslarrd.

* Saris, 9. März. Der päpstliche Nun- ttus in Paris, Mgr. Clari ist heute Vormit­tag gestorben. Derselbe war, bevor er durch besondere Gunst des Papstes zur Stellung eines Nuntius in Paris berufen wurde, Bischof von Viterbo. Zuvor war er Bischof von Amelia, geboren wurde er zu Sinigaglia am 9. Septem­ber 1836, zum Bischof präkonisirt am 25. Sep­tember 1882. — Nach Faures Begräbniß fühlte Clari, welcher den Weg zu Fuß zurückgelegt hatte, em leichtes Unbehagen. Letzten Sonntag klagte er über Frösteln in allen Gliedern. Gestern Nachmittag sagte er zu feinem Sekretär Bel­monter „Telegraphiren' Sie Rampolla, daß ich einen längeren Urlaub erbitte." Kurz darauf trat eine Ohnmacht und der Verlust des Bewußtseins ein. Der Protonotar Montagnini wurde schon gestern durch eine Depesche ' aus dem Vatikan interimistisch zum Leiter der Nuntiatur ernannt. Claris Leichnam wird nach Rom gebracht. R. I. P.

* Lands«, 9. März. Wie die .Times" meldet, werden die Voranschläge für die

* WiesSade«, 9. März. Der Stadtpfarrer Herr Prälat Dr. Adam Keller und dessen Bruder Herr Pfarrer Dr. Aegidius Keller in Höhr, sowie die Herren Pfarrer Hirschmann in Kiedrich und Hubrich in Winden bei Nassau werden sich an dem gleich nach weißen Sonntag nach dem hl. Lande abgehenden Pilgerzuge beteiligen. Aus diesem Grunde gehen heuer in unserer St. Bonifatius-Kirche auch die Erst- kommunikanten statt am weißen Sonntag schon am Oster-Montag zum Tische des Herrn. — Bei den Limes-Ausgrabungen entdeckte man die porta prätoria und die Frontmauer eines römischen Kastells.

* Mai«z, 9. März. Ein Einbrecher stand vor der Strafkammer. Es ist ein gewisser Ludwig Hinze aus Küsel. 21 Fälle, meist Man­sardeneinbrüche, * wurden ihm nachgewiesen, die er in Magdeburg, Braunschweig, Sßütenberg, Eisenach, Fuld a, Worms und Mainz verübt hatte. Er führte ein vollständiges Einbrecher­werkzeug bei sich. Das Urtheil lautete auf 8 Jahre Zuchthaus. — Wegen eines Theiles deS hiesigen Gesellen Haus es, des sogen. „Alt­baues", in welchem sich ein großer Saal und ein Th eil der Wohnräume für die Vereinsmstglieder befanden, sah sich der Schutzvorstand genötigt, einen Neubau errichten zu lassen. In demselben werden außer einem Saale für Versammlungen etwa 30 Zimmer für Logis der Mitglieder ein-

Mlmster beschloß heute, eine Heeres Vermehrung um 10,000 Rekruten und 20 Batterien, sowie die Errichtung eines neuen Armeekorps von den Delegationen zu fordern.

L * Belgrad, 9- März. König Alexander hat dle Vermehrung der Regimenter um wei Bataillone angeordnet, wodurch die Zahl der Bataillone auf 60 erhöht wird.

* Montevideo, 9. März, Nach einer Meldung der ,Times" vom gestrigen Tage haben die Kammern eine Amnestie bewilligt für alle lolitifchen Verbrechen, sodaß die wegen olcher Verbrechen in Buenos Aires in der Ver­bannung lebenden Personen jetzt zurückkehren können.

englische Flotte für das Etatsjahr 1899/1900 eine Erhöhung von ungefähr 3 Millionen gegen diejenigen für 1898/99 aufweisen. Das Parlament wird daher um die Bewilligung von nahezu 28 Millionen ersucht werden. Man beab­sichtigt die gegenwärtige Effektivstärke um 4000 bis 5000 Mann zu erhöhen, der größte Theil der Neuforderung ist jedoch für den Bau von Schiffen bestimmt.

* Ilom, 9. März. Die Leibärzte Dr. Mazzoni und Lapponi erklären die von einigen auswärtigen Blättern gemeldete Nachricht, daß der Papst an Altersbrand leide, für völlig erfunden. Es fei auch unrichtig, daß Mazzoni und Lapponi täglich zweimal dem Papste Kranken­besuche abstatteten. Wahr sei nur, daß Lapponi neuerdings im Vatikan schlafe, aber er tue dies seiner eigenen Bequemlichkeit wegen, und nicht weil er glaube, daß der Zustand des Papstes dies nötig mache. Lapponi begebe sich gegen 10 Uhr in den Vatikan und verlaffe ihn um 9 Uhr Morgens. Der Papst nehme so reichliche Nahrung zu sich, wie es seit langer Zeit nicht nehr geschehen sei. Mazzoni untersuchte heute >ie Wunde und fand ihren Zustand ausgezeichnet. Der Papst werde nach kurzer Zeit die Empfänge wieder aufnehmen können.

* Mie«, 9. März. Ein gemeinsamer

Antoni die Bitte aussprechen soll, den , verein in der Frage der Errichtung eines #5* kums in Fulda kräftig unterstützen zu wollen

Im Reichstage gelangte heute bei schwach be­setztem Hause aber vollen Tribünen und in Gegenwart des Reichskanzlers die Novelle zum Strafgesetz­buch (Lex Heinze) in Verbindung mit dem denselben Gegenstand behandelnden Antrag des Centrums und einem Antrag des Abg. Frhr. v. Stumm betr. d,e schärfere Bestrafung von Sittlichkeitsverbrechen gegen Kinder, zur ersten Berathung.

Staatssekretär Aieverding gab eine Vorgeschichte der sich nun durch zwei Legislaturperioden hinziehenden Angelegenheit und bedauerte, daß es angesichts des sitt­lichen Niederganges unseres Volkes, wie er bei den ver­mehrten Sittlichkeitsverbrechen zu Tage trete, in der Sache noch zu keiner Verständigung zwischen Reichstag und Regierung gekommen sei. Die Regierung appellire noch einmal an den Reichstag und werde, wenn auch dies­mal nichts zu Stande komme, mit dem Bewußtsein trösten müssen, ihre Pflicht gethan zu haben. Den Arbeitgeber- Paragraph könne sie aber nicht «cceptiren, ebensowenig den zu weit gehenden Antrag des Centrums, der den praktischen Lebensverhältnissenzu wenig Rechnung trage.

Abg. Aoeren begründete dann den Antrag des Centrums, das die Sache in keiner Session habe ruhen lassen. Leider habe der vorjährige Kommissionsbeschluß wegen Schluß der Session das Plenum nicht passiren können. Das Cenlrum lege Werth darauf, daß nicht bloß die Ausstellung und Verbreitung unzüchtiger Bilder und Schriften, sondern auch schamlose Tingel-Tangel- Vorstellungen streng bestraft würden, ebenso auch der Mißbrauch der Gewalt der Arbeitgeber zu unsittlichen Zwecken. Kunst und Wissenschaft hätten mit schamlosen Vorstellungen und Bildern nichts zu thun, deshalb lasse ,hn auch das Geschrei einer gewissen Presse kalt. Es gelte dre Jugend zu schützen und das Schamgefühl des Volkes. Auch die Besorgniß, daß die Strafbestimmungen zu Denunzationen mißbraucht werden könnten, müsse da zurucktreten. Er werde in der Kommission weiteres Material beibringen.

Nachdem dann Abg. Irhr. ».Stumm (Rp.) seinen Antrag begründet und für den Mißbrauch von Kindern zu unsittlichen Zwecken die Prügelstrafe empfohlen hatte, mid nachdem der kons. Abg. Kimvnrg im Großen und Ganzen die Zustimmung seiner Partei zu der Regierungs­vorlage und zum Anträge Stumm, nicht aber zu den Arbeitgeberparagraphen erklärt hatte, hielt der nat.-lib. Abg. Kudemau« eine bemerkenswerthe Rede, deren Spitze sich gegen die neulichen kirchenfreundlichen Aus­lassungen seiner Fraktionsgenossen Paasche und Graf Oriola richtete. Die Prostitution sei ein nothwendiges Uebel, die Ansicht über Zucht und Sitte nach Zeit und Volk verschieden. Die beseligende Kraft der Kirche könne der größte Theil feiner protestantischen Freunde nicht anerkennen. Eine gefestete Moral, die Bethätigung der Menschenliebe sei das Beste. Man könne gut und moralisch sein, ohne einer Kirche anzugehören. (Wider­spruch rechts und im Centr.). Einer strengeren Be­strafung der Kuppelei stimme er zu.

,£ Die Abgg Aorgman« (fr. Vp.) und Haukke (fr. Vg.) erklärten sich für eine schärfere Bestrafung der Kuppelei und der Verbreitung unzüchtiger Schriften, mcht aber für den Theater- und Arbeitgeber-Para­graphen. Beide sagten die Mitarbeit ihrer Parteien in der Kommission zu. 1

Söffe hatte neben dem Rednerpult Platz genommen. Als nun der Abg. Dauzenberg (Centrumi als erster Redner die Rednertribüne betrat, kam es zwischen ihm und dem Minister zu einer Begrüßung, wobei sich beide unter großer Heiterkeit des Hauses die Hände schüttelten. Gemäßigt tn der Form, aber scharf in der Sache trug sodann Abg. Iauzenberg die Beschwerden des Centrums vor. Noch immer fehle die volle Freiheit der Kirche, die volle Gleichberechtigung der Katholiken, und noch immer beständen die Reste der Kulturkampfgesetzgebung. Hier muffe der Minister Wandel schaffen. Namentlich das Ordensgesetz empfänden die Katholiken schmerzlich, ebenso die Nichtwiederherstellung der katholischen Ab- theUung im Kultusministerium und die Verweltlichung

K'rche müsse mehr Einfluß auf die Volksschule erhalten. Das Centrum werde seine Be­schwerden so lange vorbringen, bis denselben abge- holfen sei. “

Der Kultusminister erwiderte, daß er aus Achtung, und weil die Gegensätze nicht mehr in der früheren Scharfe zu Tage träten, dem Vorredner die vand gereicht habe. Er gab zu, daß die Reste der KullurkampfgesetzedenKalboliken unhenunn nnh m«*

Aus dem Aachbargebiet.

- Schlächter«, 9. März. Arn 12 findet dahier ein Zuchtk>ullen-Mark't bei bem gegen 50 junge Bullen Simmentffi Remzucht und Kreuzungsprodukte zum Vertag gestellt werden.

OK««««, 9.März. DerdieSjährighessjfz Feuer wehrtag wird Mitte Juli hier in abgehalten.

* Ir««Kf«rt a. M., 9. März. Herr UeL. brschof Dr. Schmitz, stellv. Vorsitzender £

Vereins vom hl. Lande, bringt das Antwortte^ gramm des hl. Vaters zur Kenntniß der Besuch» - der Generalversammlung vom 5. d. M. D°L selbe lautet in der Uebersetzung:

„Rom, 7. März. Der heil. Vater, welcher U» immer bester befindet, segnet bereitwilligt die katholisch^ Männer des Vereins vom heiligen Lande. Sarbnw Rampolla."

* Kfchw-g-, 9. März. Heute Morgen Uhr brach tn dem Hause des Kaufmann Güntbe, rvth tm Brühl Feuer aus. Der Brand entWch ' tn dem Hinterhaufe, wo viele Maaren lagert«, und griff dann in das Vorderhaus über. Herr Günteroth mußte, um fein Leben zu retten, aus dem Fenster des zweiten Stockes auf die Straße^ springen, wobei er sich an den Beinen stark oerJ letzt hat. Der Schaden ist ziemlich bedeutend da außer den Lagervorräthen fast alle Möbel verbrannt sind.

i Harten enthalten mögen; aber als es in den achtziger - Jahren darauf angekommen sei, den Frieden herzustellen, l habe man nicht mehr koneediren können, als geschehen, weil ; man anderenfalls Rechte des Staates preisgegeben hätte.

Er könne also nicht die Initiative zur Beseitigung der Kulturkampfreste ergreifen; man möge Anträge stellen, die er gern in Erwägung nehmen werde. Die Katho- "ach den Gesetzen und gerecht behandelt.

Dre Wiederherstellung der kathol. Abtheilung würde für die Katholiken ein Schaden sein, da sie sich bei dem leAßrn Berhältniß bester ständen. Er unterhalte zu den Bischöfen die besten Beziehungen. Die Schule solle durchaus mcht zur reinen Staatsanstalt gemacht werden. Er würdige die Bedeutung der religiösen Erziehung. Aer Satz : Religion ist Privatsache, ist eine Lüge, denn bte Steligjon ist Volkssache. Andererseits können wir, nachdem die preußische Schule vorbildlich für andere Staaten geworden ist, nicht zurück. Solange er Minister ser, werde die kathol. Abtheilung nicht wieder errichtet werden. (Beifall und Widerspruch)

, Der natlib. Abg. Dr. Iriedverg glaubte die An­sprüche des Centrums als unberechtigt zurückweisen zu bedauerte, daß mit Rom kein Konkordat abge- schloflen worden, denn dann hätte das Centrum nichts hineinzureden, und verwies auf die Vermehrung der katholischen Ordensniederlaffungen.

, , Der kons. Abg. v. Keydevrandt bedauerte die Klagen oe§ Centrums. Man könne dem Centrum hier keine Gegenleistungen für seine nationale Haltung im Reichstag machen. Die Katholiken sollten gerecht behandelt werden, aber sie sollten auch Rücksichten auf die Protestanten nehmen. Auch die Konservativen wünschten die christliche Volksschule, die durchaus keine technische Abrichtungs­anstalt werden dürfe.

Nach einer Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Dr. v. Jagdzewski und dem Kultusminister

I über den polnischen Religionsunterricht bedauerte

Abg. Dr. forsch das Festhalten an den Resten der Kulturkampf-Gesetzgebung, bestritt, daß die Katholiken Vorrechte beanspruchten und brachte eine Reihe von Be­schwerden vor, um zu beweisen, daß den Katholiken gegen­über die Parität noch immer verletzt werde. Bismarck habe selbst zugegeben, daß die Friedensgesetzgebung der 80er Jahre nur ein Waffenstillstand sein solle, aus dem der endgiltige Frieden erwachsen werde.

^bg. Kopsch bemängelte die ländlichen Schulverhältnisse und wünschte zu wiffen, wie der Kultus- : unntfter über die neulichen Auslassungen seines land- wirthschaftlichen Kollegen über die Schule denke.

Gegen 5 Uhr wurde die Weiterberathung auf 1 morgen 11 Uhr vertagt. <