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FuldaerMZeitung
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mit Unterhattungs-Meikage „Issuflrirte Sonntags-Ieitung"
JuLöa, Samstag, den 25. Februar 1899.
M 46.
Aus den Fasten-Hirtenbriefen der deutschen Bischöfe. ii.
Der Hochw. Herr Erzbischof von Köln, Kardinal Krementz, ruft seinen Diözesanen mit dem hl. Apostel Paulus zum Beginne der heil. Fastenzeit zu: „Sehet, jetzt ist die gnadenreiche Zeit; jetzt sind die Tage des Heiles. Wir ermahnen euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfanget!" (1. Kor. 6. 1, 2.) Sodann ermahnt Se. Eminenz die Gläubigen, die gnadenreiche Fastenzeit richtig,zu benutzen, und schreibt: u. A.
Geliebte Erzdiözesanen! Höret und erwäget fleißig das Wort Gottes, wozu ja in der heiligen Fastenzeit so viel Gelegenheit geboten wird; kämpfet standhaft gegen die Versuchungen und überwindet die bösen Neigungen, indem ihr mit Jesus sprecht: „Weiche von mir, Versucher, denn es steht geschrieben, Du sollst den Herrn, Deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen." (Matth. 4, 10.) Füget dann zum Gebete und zur Uebung der Abtödtung noch das Almosen und die Werke der Barmherzigkeit. „Denn gut ist das Gebet mit Fasten und Almosen" (Tob. 12, 8), sagt der hl. Geist. „Das Almosen befreit von aller Sünde und vom Tode; Almosen gibt großes Vertrauen vor dem höchsten Gott Allen, die es spenden." (Tob. 4, 11, 12.)
Bringen wir die heilige Fastenzeit in diesen fromme« Uebungen zu, dann erfüllt sich an uns, was die heilige Kirche in der Präfation der Fasten singt: „Die Sünden werden getilgt, der Geists wird befreit und erhoben, die Tugend vermehrt, ewiger Lohn uns ae- sichert." -
Üeberaus gnadenreich ist die heilige Fastenzeit ganz besonders darum, weil sie uns beständig hinsührt zur Betrachtung unseres leidenden und sterbenden Heilandes. Das erste Wort des gekreuzigten Heilandes war ein Gebet für seine Mörder: „Vater, verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie thun!" Wer wollte bei einem solchen Beispiele seines Herrn und Meisters noch Haß und Groll gegen seine Feinde hegen?
Geliebte Erzdiözesanen! Unerschöpflich ist das Buch des heiligen Kreuzes! Leset fleißig in demselben, besonders in dieser dem Leiden unseres göttlichen Herrn gewidmeten Zeit. Nehmet auch willig das Kreuz an, welches der Heiland auf euere Schultern legt. Denn er sagt selbst: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt, ist meiner nicht werth." (Matth. 10, 38.) Noch eine Mahnung will ich nicht unterlassen, hier auszusprechen. Unser Heiland sagte am Tage vor seinem bitteren Leiden zu seinen Jüngern: „Herzlich hat es mich verlangt, dies Osterlamm mit euch zu essen," und dann gab er sich ihnen selbst zur Speise im heiligen Sakramente. So ruft die heilige Kirche im Namen Jesu Christi alle ihre Kinder in der österlichen Zeit zum Genüsse des wahren Osterlammes in einer würdigen heiligen Ost er ko mm Union. O, möchten doch alle meine geliebten Erzdiözesanen diesem Rufe folgen und die Warnung beherzigen: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, dann werdet ihr das Leben nicht in euch haben." (Joh. 6, 54.)
Fahret denn auch fort, eures Oberhirten, der für eure Seelen Rechenschaft geben muß, im Gebete zu gedenken, wie auch ich nicht aufhöre, tagtäglich euch Gott und seiner Gnade zu empfehlen. In diesen segensvollen Tagen können wir ja besonders vertrauen, von Gott erhört zu werden, wie der Apostel uns ausdrücklich versichert: „Zur gnadenreichen Zeit erhöre ich Dich, spricht der Herr, und am Tage des Heiles helfe ich Dir." (2. Kor. 6, 2) Beten wir also für einander und mit einander, auf daß Gott den Hirten und die ihm anvertraute Heerde zum ewigen Leben führe.
Se. Eminenz Kardinal Kopp, Fürstbischof von Breslau wendet sich in seinem Fasten- fchreiben gegen die einseitige Pflege der natürlichen Erkenntniß und die Vernachlässigung der geoffenbarten Wahrheiten des Glaubens, indem er u. A. schreibt:
Es gehört zu den Zeichen unserer Zeit, daß alle menschliche Thätigkeit vorzugsweise, ja oft ausschließlich auf die Sorge und Pflege derjenigen Beziehungen gerichtet ist, welche das irdisch menschliche Leben angehen; auch die Beschäftigung der Geister kennt in weiten Kreisen keine andere Aufgabe, als das Wesen der sinnfälligen Dinge und Erscheinungen zu ergründen und die Bedingungen des irdischen Lebens zu verbessern. Wohl wäre dagegen vom christlichen Standpunkte an sich nichts einzuwenden; aber die einseitige Pflege der natürlichen Erkenntniß ist eine Krankheit der Zeit, durch welche dein Menschengeschlechte große Gefahren droht und die Quelle der Unordnungen ist, die wir beklagen und bekämpfen. Niemals im Laufe der Zeiten ist der menschliche Forschergeist in die Geheimnisse der Natur so tief eingedrungen, wie in unseren Tagen. Ruhelos durchsucht er bisher unbekannte Gebiete und entdeckt immer neue Kräste und Erscheinungen in der sichtbaren Schöpfung. Er verfolgt diese Erscheinungen bis in ihre letzten Ursachen und macht die Naturkräfte in einem immer größeren Umfange den Bedürfnissen des Lebens dienstbar. Aber alle Kennt- niß der natürlichen Ordnung in der sichtbaren Welt und alle Gelehrsamkeit des menschlichen Geistes können nicht die sittliche Ordnung schaffen, ohne welche die
menschliche Gesellschaft nicht bestehen kann. Dazu reichen weder die Gesetze der Natur, noch die Lehren der Weltweisheit hin, da sie nicht das Recht haben, den Menschen die Opfer aufzulegen, welche ein jeder seinen Mitmenschen zum allgemeinen Wohle bringen muß, noch die Kraft verleihen, diese Opfer wirklich zu bringen. Eine jede sittliche wie bürgerliche Ordnung, welche aus den natürlichen Beziehungen der Menschen zu einander oder aus den Lehren der Weltweisheit ihre Berechtigung herleiten will, ist ohne bindende Autorität; und Gesetze, welche aus diesen Quellen stammen, sind ein schwacher Zaum gegen die Leidenschaften des menschlichen Herzens, ganz abgesehen davon, daß die tägliche Erfahrung zeigt, wie schwankend und unsicher die Ergebnisse der mensch. lichen Forschungen sind, und wie rasch die Meinungen der Wellweisen wechseln! Das Recht und die Macht, Gehorsam zu fördern, bedarf als letzter Stütze einer lebendigen Autorität, die das Recht hat, Glauben zu fordern. Wohl ist also der Fortschritt des menschlichen Geistes ein hohes Gut ; jedoch allein ist er nicht im Stande, den Menschen die Wege zu seinem wahren Heile zu führen. Unsere Lebensreise geht über die Grenzen der Erde hinaus — darum gibt es für den Menschen noch eine andere Ordnung als die Naturordnung, welche er mit seiner natürlichen Erkenntniß- kraft äußerlich erfassen kann. Darum gibt es noch eine andere Wissenschaft, als die natürliche, noch ein anderes Forschen und Suchen, als das Forschen und Suchen in den endlichen Dingen. Mag auch die Kenntniß der Naturkräfte wie der menschlichen Seelenkräfte noch so werthvoll für das irdische Leben sein, sie führt den Menschen nur bis an die Pforte des Todes; aber jenseits derselben liegt noch ein anderes Leben, das ewige Leben. Von diesem sagt der Heiland der Welt: „Das ist das ewige Leben, daß sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum." (Joh. 17, 3.) Diese Erkenntniß, die Gotteserkenntniß, ist also die noth- wendige Ergänzung der natürlichen Erkenntniß. Bei ihr aber verlassen den Menschen seine eigenen Geisteskräfte, er bedarf eines anderen Lichtes, der Offenbarung beä^rdgert, der sich selbst das Licht nennt.
Der Fastenhiltenbrief des Hochw. Herrn Bischofes von Mainz verbreitet sich über die siegreiche Macht des Glaubens, „der auch am Ende unseres Jahrhunderts in der Christenheit lebendig, mächtig und unüberwindlich ist, wie er es war in den Jahrhunderten der Apostel und Märtyrer, in den Stürmen der Völkerwanderung, in den grauenhaften Wirren der Reformation und in den blutigen Tagen der Revolution". Es heißt u. A. in dem oberhirtlichen Schreiben:
Der Glaube überwindet die thörichten Anschauungen der Welt, welche die Bestimmung des Menschen in dem Genüsse zeitlicher Güter suchen; die falschen Lehren, welche äußerliche Bildung, Wissenschaft und Kunst als höchstes Ziel des Menschen darstellen.
Der Glaube führt uns aber auch zu Christus dem Herrn, der uns am Kreuze erlöst und sein Amt der Versöhnung den Aposteln übertragen hat. Der Glaube an Jesus ist die Bedingung der Seligkeit.
Mit der Gnade des ewigen Lebens erschließt uns der Glaube an Christus, den Sohn Gottes, aber auch schon in diesem Leben die Gnadenquellen, welche Christus der Herr in den Sakramenten der Kirche uns bereitet hat.
Aus dem Glauben und den mit ihm innig verbundenen Tugenden der Hoffnung und der Liebe erwächst aber der Gehorsam gegen Gott, die Befolgung seiner Gebote, die Frömmigkeit und die christliche Vollkommenheit, welche die Welt überwindet.
Vor allem die Frömmigkeit; jene Tugend, in welcher der Mensch sich dem Dienste Gottes mit allen seinen Kräften weiht, um in Gott und für Gott und aus Gott zu leben.
Leider wollen so viele Menschen von diesem Leben des Glaubens nichts wissen — sie verachten das Gebet, die Andachtsübungen, die Werke der Frömmigkeit. „Verschont uns mit diesen unnöthigen Dingen," sagen sie, „gebt uns Brod, höhere Löhne, größere Genüsse"; me Aermsten vergessen, daß man nicht allein vom Brode lebt, daß ohne den Segen Gottes kein Lohn genügt, daß der Mensch zum Thiere niedersteigt, wenn er von Gott sich trennt. Das, meine Lieben, ist der rnnerste Kern der sogen, sozialen Frage: Wird dem Volke seine Religion erhalten bleiben, wird es in gläubigem Gebete seine Arbeit heiligen und in Frömmigkeit die Mühen des Lebens tragen, oder wird es verroht, entweiht das Leben des Thieres führen.
Warum sollte es nicht mit vereinten Kräften gelingen, den Arbeiterstand zu heben und die gottlosen Verflihrer zurückzuweisen, welche die Armen um ihren Glauben betrügen, um sie erst recht elend und unzu- machen. Sie nähren die Unzufriedenheit absichtlich, weil sie auf diese ihre Pläne bauen. Ein frommes Volk ist auch ein zufriedenes Volk, welches die Leiden des Lebens im Glauben und Vertrauen auf Gott erträgt. Noch finden sich viele gute Elemente, namentlich in der Landbevölkerung. Es gilt nur, sie zu erhalten, sie zu wecken. Gott segne alle Männer, welche sich dieser Aufgabe widmen. Gott segne die Vereine, welche an ihr arbeiten.
Mit der Frömmigkeit erwachsen aber aus dem Glauben alle Tugenden, sowohl diejenigen, welche durch Gottes Gebote vorgeschrieben sind, wie auch jene, m welchen die christliche Vollkommenheit besteht: die Geduld, dieReinheit, dieLiebe. Es sind diese Lugenden in Wahrheit nur verschiedene Arten der Gottesliebe, welche in dem hl. Glauben wurzelt, gleich wie die Farben Arten des Lichtes sind.
Zu aller Zeit haben in der Kirche Jesu Christi die;e wunderbaren Früchte des Glaubens sich den
Lastern der Welt gegenübergestellt; verborgen und offenbar haben sie die Welt beschämt, überwunden und besiegt.
Nicht leicht freilich ist der Kampf der christlichen Tugend mit dem Laster der Welt. Wird diese ja erst recht gereizt durch den Anblick der Vollkommenheit unserer Priester und Ocdensleute, die sie nicht leugnen und nicht nachahmen kann. Der Haß gegen die Klöster und Ordensleute entspricht ganz vorzüglich diesem Gefühl der Beschämung. Auf die Dauer aber kann die Welt der Macht des Glaubens und der Tugend nicht widerstehen und ganz besonders ist es die Barmherzigkeit, vor welcher sie sich beugen muß.
Der Sieg des Glaubens und der Tugend über den Unglauben und das Laster vollzieht sich zunächst in den einzelnenSeelen, welche aus der Knechtschaft des Satans befreit, unter das Joch Christi sich beugen; aber auch die Gesellschaft nimmt in ihren verschiedenen Stufen an demselben Theil.
Wenn der Glaube in der Familie herrscht und seine süßen Früchte entfaltet, so wird die Einheit und der Friede in ihr einkehren. Die Herzen der Kinder werden, vom Glauben genährt, mit Gott vereinigt, der ihre Jugend erfreut. Die bösen Neigungen werden überwunden, und die liebliche Tugend der Frömmigkeit, des Gehorsams, der Liebe, erblühen in ihnen. Die Würde der Eltern wird mächtig gehoben durch das Gebot des Glaubens und die erhabenen Vorbilder der christlichen Familie. Freilich findet die Gnade des Glaubens gerade auf diesem Gebiete den heftigsten Widerstand. Die Unzucht verwüstet die Ehe, die Religionsverschiedenheit zerrüttet ihre Kraft, die Weltsucht und Genußsucht nimmt ihr den Segen. In weiten Kreisen herrscht diese Verwüstung. Umsomehr müssen wir muthig kämpfen und von der Verehrung der hl. Familie geleitet, das Zeichen des Glaubens in unseren Familien aufzupflanzen suchen, des Glaubens, der die Welt überwindet.
Auch in der Gemeinde soll dieses geschehen. Es ist von äußerster Wichtigkeit, daß die Ortsbürger unter thatkräftigen Vorständen Zucht und Ordnung halten und das Gesetz Gottes zur Geltung bringen. Glücklich die Gemeinden, welche im Glauben einig Gott die Ehre geben durch gewissenhafte Sonntagsfeier, durch fromme Theilnahme an den kirchlichen Festen.
Am meisten müßte die Macht des Glaubens im Staate sich zeigen, von welchem Plato sagt, daher die Gerechtigkeit in größerer Schrift offenbaren soll. Der Staat ist als Theil der natürlichen Weltordnung von Gott gegründet. Die zusammenlebenden Menschen müssen einer Obrigkeit unterworfen sein, welche die Rechtsordnung wahrt und die gemeinsamen Interessen fördert. Wenn der christliche Glaube die Herrscher und Bürger leitet, so werden sie in Gerechtigkeit und Liebe einander entgegenkommen und zu dem gemeinsamen Besten Zusammenwirken. Darum kommt den Gefahren der Gegenwart gegenüber alles darauf an, daß das Gesetz Jesu Christi im Staate Geltung habe. Dahin zu streben, ist vor Allem die Pflicht der Fürsten, welchen Gott die Gewalt gegeben hat. Aber auch die Bürger und besonders Jene, welche durch Wahl zur Theilnahme an der Gesetzgebung berufen sind, haben die hl. Pflicht, die Grundsätze des Glaubens zur Geltung zu bringen. Wir haben in unserem Vaterlande Gottlob viele edle und hoch- begabte Männer, welche dieser Pflicht eingedenk sind. Es ist Pflicht aller christlichen Männer, sie in den Wahlen zu unterstützen und so auch ihrerseits dazu mitzuwirken, daß das Gesetz Jesu Christi Geltung habe in Staat, Gemeinde und Familie.
Wochen-Rnndschail.
(Nachdruck verboten.)
X Fulda, 22. Februar.
Die politische Bedeutung des Zeitraumes, über den wir hier zu berichten haben, liegt der Hauptsache nach auf dem Gebiete des Auslandes. Denn das vornehmste Ereigniß ist ohne Zweifel der Präsidentenwechsel in Frankreich, obwohl ja nicht anzunehmen ist, daß dieser Wechsel auch zu einem Systemwechsel führen werde. Herr Loubet, der neue Präsident der französischen Republik, ist so ziemlich aus demselben Holze geschnitzt wie sein Vorgänger Felix Faure; und dieser letztere, hat in der Erkenntniß dieser Thatsache kurz vor seinem" Heimgange auch Herrn Loubet als den geeignetsten Mann für den Präsidentenstuhl empfohlen. Die Wahl des Herrn Loubet ist in der Nationalversammlung mit einer so ansehnlichen Mehrheit erfolgt, daß er seine anfänglichen Bedenken aufgab und die Wahl annahm, und so hatte Frankreich einen neuen Präsidenten, noch ehe zweimal 24 Stunden nach dem Tode Felix Faure's vergangen waren. Die französische Verfassung schreibt es so vor; und gerade diesmal war es ohne Zweifel für die Republik recht gut, daß die-Sache so schnell ging. Diese Republik ist nicht auf gar zu fettem Grunde erbaut, und Viele arbeiten daran, diesen Grund vollends zu untergraben und dadurch den ganzen Bau zum Stürzen zu bringen.
Kann man die Wahl des Herrn Loubet zum Präsidenten von Frankreich als eine günstige Vorbedeutung für die Erhaltung des Friedens auffassen, so will auf der andern Seite die Sache der vom Zaren vorgeschlagenen internationalen Friedens-Konferenz gar nicht vom Flecke kommen. Zwar ist nun der Haag, die holländische Residenzstadt, als Ort der Konferenz bestimmt in Aussicht genommen. Aber die eigentlichen Einladungen zu der Konferenz sind noch immer nicht versandt worden, und es wird berichtet, daß diese Einladungen nicht eher verschickt werden sollen, als bis der Zeitpunkt festgesetzt sei, an dem die Konferenz stattzufinden habe. Das ist noch nicht geschehen, und es ist auch noch keine Aussicht darauf, daß dies alsbald geschehen werde. Zunächst dauert noch das unwürdige Jntriguenspiel der italienischen Re-
26. Jahrgang.
gier ung fort, die durchaus verhindern will, daß der Vatikan eine Einladung zu der Konferenz erhalte. Sie will selbst ihre Theilnahme verweigern, wenn dies geschehen sollte, und von Rom aus werden Meldungen in die Zeitungen gebracht, daß Deutschland in diesem Sinne mit Italien gemeinsame Sache machen wolle. Hoffentlich beruhen diese Meldungen auf Unwahrheit, und hoffentlich werden sie auch recht bald als solche gekennzeichnet.
Während solchergestalt die Aussichten der vom Zaren vorgeschlagenen Friedens-Konferenz immer schlechter werden, wird im Deutschen Reichstage gegenwärtig eifrig auf dem Felde des K rie gsh a ndw erkes gearbeitet. Die Budget-Kommission des Reichstages beschäftigt sich mit der Vorberathung der neuen Heeresvorlagen der verbündeten Regierungen, und da das Arbeiten vornehmlich die Sache der Kommission, Sache der Berathungen im Plenum, in öffentlicher Reichstags-Sitzung aber mehr das Reden und Darlegen der allgemein grundsätzlichen Standpunkte ist, so verdienen diese Kommissions-Berathungen die allergrößte Beachtung. In den meisten Fällen ist ja das Schicksal eines Gesetzentwurfes auch schon entschieden, ehe er aus der Kommission an das Plenum des Reichstages zurückgelangt. Diesmal sind die Verhandlungen in der Kommission dadurch sehr vortheil- haft ausgezeichnet, daß sie sich strenge auf dem Boden sachlicher Auseinandersetzungen bewegen, und für das Centrum sind es namentlich die Abgeordneten Gröber und Müller- Fulda, welche die Forderungen der Regierung einer sehr gewissenhaften und eingehenden Prüfung unterziehen. Die von der Regierung gewünschten neuen Heeres-Organisationen sind bereits vollständig gesichert, also die neue Organisation der Artillerie, die Vermehrung der Zahl der Infanterie-Bataillone, die Errichtung von drei neuen Armeekorps, und es ist im voraus als ganz gewiß anzusehen, daß diese Punkte der Militärvorlagen im Reichstage eine sehr starke Mehrheit finden werden. Aber nicht so glatt geht die Sache mit der von der Regierung geforderten neuen Erhöhung der Friedensstärke des Heeres. Hier stehen Regierung und Kommissions- Mehrheit, die letztere unter der Führung des Centrums, noch gegensätzlich einander gegenüber, und die Regierung wird wohl ein wenig Wasser in ihren Wein schütten müssen, wenn sie zu einem befriedigenden Ende gelangen will.
Im Reichstage selbst hat der Bundesrath sich wieder einmal eine Niederlage geholt. Der dänische Abg. Johannsen hatte, wie bekannt, eine Interpellation eingebracht über die Ausweisungen von Dänen aus Nordschleswig, und Reichskanxler Fürst Hohenlohe erklärte, er werde diese Interpellation nicht beantworten, da die ganze Angelegenheit gar nicht vor das Forum des Reichstages gehöre und auch bereits genügend im preußischen Abgeordnetenhause besprochen worden seien. Aber dieser Ansicht war der Reichstag nicht. Die Interpellation Johannsen wurde im Gegentheil sehr ausführlich besprochen, und vornehmlich Abg. Lieber hat ganz unwiderleglich klar bewiesen, daß es geradezu die Pflicht des Reichstages, nicht nur sein Recht ist, sich darum zu kümmern, wenn ein deutscher Bundesstaat Ausweisungen vornimmt. Bei Interpellationen und ihren Besprechungen werden keine Abstimmungen vorgenommen. Aber wäre das in diesem Falle geschehen, so würde der Bundesrath mit seiner Auffassung eine ganz durchschlagende Niederlage erlitten haben.
Ueber eine Vorlage besonderer Art hat am letzten Dienstag das preußische Herrenhaus berathen. Die preußische Staatsregierung hat, ohne die maßgebenden katholischen Stellen um ihre Meinung zu befragen, einen Gesetzentwurf gemacht, wonach eine allgemeine gesetzliche Einführung des Karfreitags als Feiertag in der ganzen preußischen Monarchie beschlossen werden soll. Dieser Entwurf ist nun zunächst auf den Antrag des Kardinal-Fürstbischofs Dr. Kopp von Breslau einer Kommission zur Vorberathung überwiesen worden. Der Kultusminister Dr. Bosse versicherte so- ernst, daß man es wohl glauben muß, niemand habe dadurch den Katholiken zu nahe treten wollen. Er schien kein Gefühl dafür zu haben, daß das dadurch schon geschehen ist, daß man solche Gesetzentwürfe einbringt, ohne die Bischöfe auch nur davon zu benachrichtigen.
Endlich ist nun in Ungarn das Ereigniß eingetreten, das schon lange als unvermeidlich galt: Baron Banffy hat aufgehört, Ministerpräsident zu sein, und an seiner Stelle bemüht sich Herr Koloman Szell, ein neues Kabinet zu bilden. Es heißt, die Opposition kommt diesem fteundlich entgegen. Aber allzu lange wird es die ganze liberale Regierungspartei nicht mehr treiben können — den Todeskeim trägt sie schon jetzt unverkennbar in sich.
In Griechenland haben Neuwahlen zum Parlament stattgefunden. Die Regierungspartei hat dabei gesiegt; Herr D e l y a n n i s, ehedem allgewaltig in Griechenland, hat mit seiner Partei eine schmähliche Niederlage erlitten. Jeder ehrliche Mann kann sich darüber freuen; denn gerade er war der Vater der schlechten und ungesunden Finanz- wirthschaft in Griechenland — um nicht noch härtere Bezeichnungen für d'ese Wirthschaft zu brauchen!
Recht merkwürdige Dinge spielen sich am persischen Meerbusen ab; auch dort scheint es ernstlich an die Au ft Heilung zu gehen, und wieder einmal sind es England und Frankreich, die dabei um die besten Bissen in Streit gerathen. Im Staate Oman hatte Frankreich den Hafen Bandah Hissar als Kohlenstation für längere Zeit pachten wollen. Aber England hat sehr energischen Einspruch erhoben und den Sultan von Maskat gezwungen, seine Abmachung zu widerrufen, sonst — werde geschossen. Natürlich mußte der Sultan folgen, und Frankreich hat wieder einmal das Nachsehen!