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M 40.

mit Anterhallungs-Meilage „Mstrirte Sonntags-Zeitung«

JuLöa, Samstag, den 18. Februar 1899.

26. Jahrgang.

Zlus den Fasten-Hirtenbriefen der deutschen Bischöfe.

i.

Nachdem wir den Fastenhirtenbrief unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofes Adalbertus in feinem vollen Wortlaute zur Kenntniß unserer Leser gebracht haben, glauben wir den Wünschen vieler 'entgegenzukommen, wenn wir während der hl. Fastenzeit aus den Hntenschreiben der übrigen deutschen Bischöfe größere oder kleinere Auszüge zum Abdruck bringen.

Der Hochw. Herr Bischof von Münster hat dasselbe Thema behandelt wie unser Oberhirte; er warnt seine Diözesanen eindringlich vor den großen Gefahren, welche die glaubens- und sitten­lose wie auch die farblose Preffe — Bücher, Zeitschriften und Zeitungen — dem christlichen Volke und besonders der Heranwachsenden Jugend bereitet. Es heißt in dem Hirtenbriefe u. A.:

Die Schriften, die ich hier vor Allem als eine überaus große Gefahr für Unschuld und Sittenreinheit bezeichnen muß, das sind jene Erzähl ungen, Ro­mane, Schauspiele undGedichte, die dasGist der Unlauterkeit mit dem Schleier gewandter Dar­stellung verhüllen, die vielfach als Meisterwerke der Sprache und Dichtung gelten wollen und unter dem Aushängeschild feiner Bildung und reinen Kunstge­nusses die verderblichste aller Leidenschaften erst wecken, chann nähren, dann befriedigen — wenn sie zu be- friedigen wäre! O wie unabsehbar groß ist die Zahl der Opfer dieser Leidenschaft und diese? Lasters, von 'dem der hl. Geist sagt: „Ein Feuer ist es, das bis zur Vernichtung zehrt." (Job 31, 12.)

Wer hätte, wenn er auch selbst geschützt blieb vor solchen Giften, in seiner Umgebung noch nichts von den verheerenden Wirkungen unsittlicher Schriften ge­schaut oder erfahren? Welch ein trüber Strom von Sünde, Qual und Jammer ergießt sich nicht aus dieser vergifteten Quelle in die Seelen, in die Familien, in die Gesellschaft! O daß die Gräber reden könnten, deren Hügel so manches durch das Laster geknickte junge Leben decken! Daß Priester, Lehrer, Aerzte, Eltern die bittersten Erfahrungen ihres Standes laut aussprechen dürften! — Und solcher Schriften, sei es, daß sie gegen den Glauben, sei es, daß sie gegen die Sittlichkeit gerichtet find, sei es, daß sie gegen beide zugleich verstoßen, gibt es in unseren Tagen eine u n- gezählte Menge, eine wahre Sündfluth.

Und wo ich von der Größe der Gefahr rede, die aus der Verbreitung schlechter Schriften erwächst, darf ich nicht unterlassen, auf die sogenannte Tagesliteratur hinzuweisen, auf Zeitschriften und Zeitungen. Grade sie bieten heutzutage fast für Jedermann die ständige, tägliche geistige Nahrung. Ihr Einfluß ist so groß, daß man die sogenannte Tagespresse als die größte Weltmacht bezeichnet hat. Nicht mit Unrecht Täglich, und immer von Neuem und überall, im Pa­last des Reichen wie in der Hütte des Armen, erscheint die Zeitung: alle lesekundigen Mitglieder der Familie lesen darin. Für Unzählige ist die Zeitung ein stän­diger Lehrer, Freund, Berather und Führer. Ihn fragt man, auf ihn hört man, ihm vertraut man, ihm folgt man sozusagen blindlings. Wer hätte auch noch Zeit und Lust und Ausdauer, ein gründliches Werk zu lesen und sich ein selbständiges Urtheil zu bilden?

Zr MMscher Kries: In der KMna.

Von A. Jüngst.

(Nachdruck verboten.)

Der 7. Februar, der Todestag Pius' IX., ■ein Tag der Trauer und Wehmuth für Rom, wie für die gesammte Christenheit! ein Tag, an welchem Leo XIII. selbst die Absolutio an dem Katafalk feines Vorgängers vornehmen wollte, mithin ein Tag, dem ganz Rom erwartungsvoll emgegenschaute. Aber — 7000 Anmeldungen, biethellweise schon seit Monaten eingereicht waren, xinb nur 500 verfügbare Plätze! Wie sollte da Jemand, der eben erst in der ewigen Stadt an­gekommen, Aussicht haben, dem feierlichen Amte in der Sistina beiwohnen zu dürfen? Ich hatte ■also von vornhinein jede Hoffnung auf Erfo'g aufgegeben, wenngleich ich, um mir nicht selbst ein Versäumniß vorwerfen zu müffen, die nöthigen Schritte gethan. Aber noch in der Frühe des 7. hieß es: »Unmöglich, ganz unmöglich! Alle Karten sind vergeben."

„Nun, wenn nicht unter den Augen seines er­habenen Nachfolgers in der Sistina, dann in St. Peter," dachte ich und wohnte der dort in der Chorkapelle abgehaltenen Seelenmeffe bei. In die Monotonie der Todtenmetten donnerte seltsam das Geräusch der unablässig auffahrenden Wagen hinein, einen gewissen wehmüthigen Neid er­weckend, daß ihre Insassen binnen Kurzem das Glück haben sollten, Leo XIII. gegenüber zu siehen.

Und siede da — ich wagte im ersten Augen­blicke kaum daran zu glauben — noch eben vor Beginn der Feierlichkeit wurde mir von Freundes­hand eine Karte zugesteckt! Eilends, wie noch

Wie nun, wenn dieser Lehrer den Jrrthum lehrt, wenn dieser Freund falsch, dieser Berather eigennützig, dieser Führer treulos ist? Tag für Tag wird er ins Haus gelassen: wie, wenn er nicht aufbaut, sondern niederreißt, wenn er für falsche Freiheit eintritt, die gottgesetzte Obrigkeit nicht achtet, wenn er gar, um zu gefallen und zu locken, es nicht genau nimmt mit den unerbittlich strengen Gesetzen christlicher Sittlichkeit? Unabsehbar ist die Verwüstung, die durch schlechte Zeitungen, durch glaubensfeindliche oder auch nur glaubensgleichgiltigc Blätter und durch fittengefährliche Schriften angerichtet wird. Wie gewissenhaft sollte da ein Jeder sich vorschen! Wie gewissenhaft solltet ihr Herrschaften, ihr Väter und Mütter, in eurem Hause, in eurer Familie wachen. . . .

Sorget, geliebte Diözesanen, für gute Schrif­ten und Zeitungen in euren Familien. Die Jugend vor Allem will nun einmal lesen. Wird sie nicht bewacht und wird ihr nicht etwas Gutes zum Lesen geboten, dann findet sich nur zu bald etwas Schlechtes. Wir Katholiken sind ja so reich an guten Büchern, Schriften und Zeitungen jeder Art. Kaufen wir also, halten wir sie. Es muß für jeden guten Katholiken als eine Ehrensache gelten, die gute Presse nach besten Kräften und in jeder Weise zu unterstützen.

Der Hochwürdigste Herr Bischof von Lim­burg behandelt in feinem ersten Fastenhirtenbriefe die Pflicht, das Wort Gottes zu hören. U. A. schreibt er:

Es ist sehr zu bedauern, daß gerade in unseren Tagen in manchen Kreisen eine große Lauheit in An­hörung des Wortes Gottes einzureißen droht. Wir leben im Zeitalter einer fast krankhaften Lese­wut h, und wirklich werden neben vielem literarischem Gifte auch in geistlicher Beziehung Mittel zur Beleh­rung und Erbauung geboten, deren unsere Vorfahren vielfach entbehren mußten. Aber die kleinere Zahl greift nach dem Erbauungsbuche, die Mehrzahl sucht leider nur zerstörende oder wenigstens zerstreuende Lektüre. Aber auch das beste Erbauungsbuch wird niemals das gesprochene Wort Gottes ersetzen, auf welchem wahrhaft Gottes Segen ruht. . . .

Der eifrige Besucher der Predigt empfängt nicht nur die so dringend nothwendige Belehrung in der Glaubens- und Sittenlehre, sondern sein Herz bewahrt die Begeisterung für das Gute und entflammt das er- kältende Feuer seiner Gottesliebe an den zündenden Worten des hl. Geistes. — Erkenntniß und Kraft sind die Früchte, welche der Anhörung des Wortes Gottes folgen, also gerade solche Früchte, deren wir in unfern aufgeregten stürmischen Zeiten so sehr bedürfen. Durch Wort und Schrift wird alles angegriffen, was wir für heilig halten; unser Glaube, unsere kirchlichen Ein­richtungen werden verspottet und verhöhnt, der Un­glaube dagegen darf sich öffentlich zeigen und wird bejubelt. Wohl bleibt die Kirche nie ohne Verthei- diger, welche den Kampf mit dem Unglauben und der damit eng verbundenen Sittenlosigkeit aufnehmen und den katholischen Glauben in Wort und Schrift ver- theidigen. Aber die wahre, vom Heiland selbst er­öffnete und geheiligte Quelle der Belehrung und der Stärke bleibt das Wort Gottes. Wie tief muß man es daher teklagen, daß so viele die Anhörung des Wortes Gottes langweilig finden und unter nichtigen Vorwänden vernachlässigen, ja daß so manche jahraus jahrein ohne zwingenden Grund ihrer Sonntagspflicht zu genügen wähnen, wenn sie, namentlich in Städten, einer stillen Früh- oder Spätmesse beiwohnen und letzteres noch gar für recht vornehm halten! Sind auf solche nicht die Worte des Heilandes anzuwenden: „Wer aus Gott ist, der höret auf Gottes Wort; darum höret ihr nicht darauf, weil ihr nicht aus Gott seid?"

nie, klopfenden Herzens, schier stockenden Alhems flog ich an den heute in vollster Uniform und mit aufgepflanztem Seitengewehr das Broncethor des Vatikans bewachenden Schweizern vorüber und die Scala Regia hinauf, die mir so unver­hofft zu Theil gewordene Karte, das wunderbare Stücklein violetten Papiers, vor welchem allePforten aufsprangen, hoch in der Hand haltend, um durch Vorzeigen keine Sekunde zu verlieren. Und ich kam gerade noch zur rechten Zeit. Freilich war an einen Sitzplatz auf der Tribüne kein Gedanke mehr, ich mußte froh sein, mit der letzten Woge der Eingeladenen in die Kapelle hineinzukommen und so weit nach vorn getragen zu werden, daß ich, halb schwebend, halb stehend, Fuß au den für den hohen römischen Adel reseroirten Bänken fassen, und so über die Köpfe meiner Vordermänner hinwegsehen konnte. Keine angenehme Situation in drang- und qualvoller Enge, einer Enge, die es nicht zuließ, daß ich während der anderthalb Stunden meine noch immer krampfhaft gehaltene Karte in die Tasche beförderte. Aber wer fragt nach dem Wie, wenn Seele, Geist und Herz nun eingenommen sind von dem Was, wenn alle Sinne sich zusammendrängen in Auge und Ohr, um nichts von dem zu verlieren, was am Altäre sich vollzieht?

Leo XIII., der glorreich regierende, dem feierlichen Seelenamte für Pius IX., den so schwer geprüften, assistirend! Der selbst im höchsten Greisenalter stehende, nur wie durch ein Wunder des Himmels erhaltene Papst für die Seelenruhe seine- letzten Vorgängers betend!

Ach. mit welch' wehmuthsooller Freude, welch' tiefer Rührung sah ich es wieder vor mir, daS feine, geistvolle, mild verklärte Antlitz Leo's XIII.,

(Joh. 8, 47.) In diesen Worten aber liegt für die Lauen und Nachlässigen eine furchtbare Drohung für die Zeit und für die Ewigkeit.

Was von der Anhörung der Predigt gilt, gilt in gleicher Weise auch vom Besuch der Christen- lehre, welche von der Kirche den Seelsorgern so ernstlich ans Herz gelegt wird. Und doch wie viele gibt es leider, die hinsichtlich der Christenlehre meinen, dieselbe sei eigentlich nur für Kinder, nicht mehr für Erwachsene, die schon genugsam unterrichtet seien! Auf diese dürfen wohl die bitteren Worte des Apostels an­gewendet werden: „Sie gaben sich für Weise aus, waren aber Thoren." (Röm. 1, 22.) Gerade in der Christenlehre werden die Glaubenswahrheiten in geord­neter Reihenfolge und gründlich durchgenommen und erklärt, und diese Erklärungen dienen nicht allein dazu, die Kenntniß religiöser Dinge zu vertiefen nnd zu er­weitern, sondern sie erhalten die Lehren des Katechis­mus im Gedächtnisse und geben dem Einzelnen die Waffen in die Hand, seinen katholischen Glauben wirk­sam zu vertheidigen. Aber noch aus einem anderen Grunde find auch die Erwachsenen verpflichtet, die Predigt und die Christenlehre fleißig zu besuchen, es ist die Pflicht des guten Beispiels für die Mit­menschen und namentlich für die eigenen Hausgenossen. Welche Verantwortlichkeit laden Eltern auf sich, die ihren Kindern in Anhörung des Wortes Gottes das Beispiel der Lauheit geben und dadurch Schuld tragen, daß diese dem schlechten Beispiele folgen und dasselbe weiter vererben; denn „ein schlechter Baum kann keine guten Früchte bringen". (Matth. 7, 18.)

Der Hirtenbrief des Hochw. Herrn Bischofes von Trier handelt über die heilige Schrift und beantwortet die beiden Fragen: Was lehrt der Glaube Über die hl. Schrift, und wie sollen wir uns die himmlischen Schätze aneignen, die sie enthält. Nach einer ausführlichen Beant­wortung der ersten Frage fährt der Oberhirt fort:

Wie glücklich sind wir, geliebte Diözesanen, die hl. Schrift zu besitzen! Welch innigen Dank schulden wir zuerst Gott für dieses kostbare Geschenk, dann aber auch der katholischen Kirche, die es ihren Kindern alle Jahrhunderte hindurch unversehrt bewahrt hat! Man hört zuweilen den Wunsch äußern: Hätte ich doch zur Zeit Christi gelebt, um von seinen gebene- deiten Lippen den Ruf zur Nachfolge zu hören und die Worte des Heiles zu vernehme«; mit welcher Freude wäre ich ihm gefolgt! Dieses Glück, geliebte Diözesanen, kann uns jetzt noch zu Theil werden. Wir brauchen uns nicht in die weite Vergangenheit zu versetzen, nein, cs genügt, mit innig gläubigem Sinne das Evangelium zu lesen. Jesus ist gestern, heute und in Ewigkeit derselbe; durch seine Apostel und Jünger spricht er zu unS, eS sind feine Worte, die wir hören, es sind die von ihm vorgetragenen Lehren und Parabeln, die wir vernehmen, er ist es, der darin mit göttlicher Autorität zu uns spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." „Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsterniß, sondern wird das Licht des Lebens haben." „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken." Ja wahrlich, in der hl. Schrift be­sitzen wir jene Gnadenquellen und übernatürlichen Güter, zu deren Gebrauch der Prophet eindringlich uns einladet: „Alle, die ihr dürstet, kommet zum Wasser, und die ihr kein Geld habt, eilet, kaufet und esset; kommet und kaufet ohne Geld und ganz um- fonst Wein und Milch." Möchten wir Alle dem Rufe folgen und uns bestreben, diese hohen Güter zu ge­winnen : den Wein der Tugendkraft und die Milch des göttlichen Trostes.

Was sollen wir nun thun, geliebte Diözesanen, damit „der himmlische Schatz der hl. Schrift, die der

von dessen Stirne wie einst von der des Moses, nachdem er vom Sinai herabgestiegen, ein über­irdischer Glanz auszustrahlen scheint! Ein wahrer Fürst des Friedens, des Erbarmens für alle, ein Hirt und Vater der Völker saß der Nachfolger des Fischers von Galiläa auf feinem Throne, be­kleidet mit einem rothen gestickten Gewände, eine silberne Mitra auf dem Haupte, und afftftirte der" von Sr. Eminenz dem Kardinal Vincenzo Vannutelli celebrirten Trauer messe.

Gibt es ein Stimmungsbild ernster, feierlicher, überwältigender, als die Excquien in der Sistina? Rann daS „requiescat in pace“ an irgend einem anderen Orte erschütternder widerhallen, als von den Wänden dieser Kapelle, wo über dem Altäre die unsterbliche Schöpfung Michel Angelo's die ergreifende Illustration zu den ernsten Worten gibt, wo vor unseren Augen gleichsam das Welt­ende sich vollzieht, wo Christus wiederkommt in den Wolken des Himmels als Richter und Rächer, wo bei seinem Erscheinen die Todten aus ihren Gräbern erstehen und die Gerechten von den Un­gerechten geschieden werden?

Mark- und beindurchschneidend, die Seele in ihren tiefsten Tiefen aufwühlend, scholl, von oer päpstlichen Kapelle meisterhaft vorgetragen, alle Zungen, alle Herzen feffelnd, das „Dies irae, dies illa* durch den geweihten Raum. Es war beinahe, als ob die Engel, welche auf dem Bilde die Posaunen zur Erde niedergerichtet halten, den Ton angestimmt hätten und der große Tag der Vergeltung gleich anbrechen müsse. „Teste David cum bibylla® klang es weiter, und da schauten die hehren Gestalten wie leibhaft lebend von der Decke nieder, groß und feierlich aus der Vergangen­heit in die Gegenwart hineinragend.

hl. Geist mit größter Freigebigkeit den Menschen ge­schenkt hat, nicht vernachlässigt werde?" Wir müssen vor Allem der Verkündigung des Wortes Gottes in Predigt und Christenlehre mit Fleiß und Andacht beiwohnen. Ferner ist der fromme Gebrauch, die heilige Schrift, besonders die aufSonn- und Festtage vertheilten Lehrstücke zu lesen, in christ­lichen Familien in Ehren zu halten, und, wo er auf­gehört hat, wieder einzuführen. Wie erbaulich nnd segensreich war es, wenn früher nach schöner Sitte in den Abendstnnden des Sonntags die Epistel und das Evangelium des Tages im Kreise der Familie ge­lesen wurden. . . . (Darauf erörtert der Hirtenbrief die Früchte, welche bei der richtigen Anwendung am Lebensbaume der Kirche reifen, und fährt dann fort):

Diese Früchte stehen Allen zu Gebote, welche guten Willens sind, laden Alle zum Genüsse ein, die müde und erschöpft Labung und Ruhe suchen. In unserer Zeit wird viel, leider zu viel gelesen, die heil. Schrift aber wird zu oft vernachlässigt, auch von den­jenigen, die sich unter die Gebildeten rechnen. Flüch­tige Tagesnachrichten, leichte Romane und öde Erzäh­lungen finden mehr Anklang, weil sie wenig Geistes­arbeit verlangen und den Leidenschaften schmeicheln. Es ist erstaunlich, was man heutzutage den Christen zu bieten wagt, erstaunlich, was eine moderne Kritik Alles zu lesen gestat­tet: die Laster des sinkenden Heidenthums werden kaum mit einem christlichen Schleier bedeckt, Schilde­rungen und Verhältnisse, welche nie aus dem Dunkel treten dürften, sind mit Behagen zur Schau gestellt und mit dem berückenden Reize der Sprache umgeben, als ob die Worte des Apostels heute keine Geltung mehr hätten: „Unzucht aber und alle Unlauterkeit . . . ollten unter euch nicht einmal genannt werden, wie es Heiligen geziemt; auch nicht Schamlosigkeit, thörich- tes Gerede oder Possen, die sich nicht schicken." Und abermals: „Uebrigens, Brüder, was wahr ist, was ehrbar, was zur löblichen Zucht gehört, das beherziget." „Die Weisheit, die von oben herabsteigt, ist zu aller­erst keusch." Diese überaus kostbare Weisheit, welche die Verheißung des ewigen Lebens besitzt, werden wir in der hl. Schrift finden. Suchen wir sie eifrig darin und beten wir mit dem Psalmisten: „Mein Herz werde makellos durch Deine Satzungen." Je mehr Wohl­gefallen wir am Worte Gottes finden, desto mehr wird uns Alles mißfallen, was die Reinheit des Herzens verletzen könnte. Wenden wir uns daher ab von den trüben Quellen weltlicher Lust und graben wir in der heil. Schrift nach dem reinen Wasser des Heilandes, „das in uns zur Quelle wird, die in's ewige Leben sortströmt."

Orairfame Strafe«.

Man würde die furchtbaren Grausamkeiten, die in den dunklen Zeiten vergangener Jahrhunderte über unglückliche Gesetzesübertreter verhängt wurden, kaum ür möglich halten können, wären sie nicht so sicher überliefert. Das Abschneiden von Händen und Füßen wurde fast in jedem europäischen Lande als Strafe gehandhabt. Das Abschneiden der Ohren, das häufig in der alten Literatur erwähnt wird, scheint drei Grade gehabt zu haben. Der untere Zipfel wurde für ge­ringere Vergehen abgeschnitten; für schwerere die obere Hälfte, während für ernstlichere Misiethaten das ganze Ohr abgeschnitten wurde. Eine vollständige Samm­lung von Folter- und Marterwerkzeugen, die im Mittelalter in täglichem Gebrauch waren, bietet ein Entsetzen erregendes Schauspiel und erweckt bittere Gedanken über die Brüderlichkeit der Menschen gegen­einander. Eins der schauderhaftesten Instrumente, eine wahrhaft teuflische Erfindung, ist die berüchtigte „eiserne Jungfrau", die den Unglücklichen, der dem Tode be-

Jch schloß im Fortgang der heiligen Hand­lung zuweilen die Augen, um, sie wieder öffnend, mich zu vergewiffern, daß ich nicht träume, daß ich mich wirklich in der Sistina befinde, daß in Wahrheit die ergreifenden Klänge der Messe von Palestcii.a — das Dies irae war von Baini und zum erstenmale birigirt von bem jugendlichen, so schnell berühmt gewordenen Perosi*) —mein Ohr berührten, und mein Auge ihn wunderbar nahe vor mir sähe, den Nachfolger Petri, den Mittel- und Angelpunkt der katholischen Welt. Leo XIII. zieht immer wieder wie durch magischen Zauber Blicke und Herzen an sich. Man kann nicht lassen von dem ehrwürdigen Jubelgreise, der anscheinend so schwach und hinfällig auf bem Throne lehnt, besser, Auge aber ausleuchtet in machtvollem, himmlischen Glanze, unb dessen wachs-

*) Meister Lorenzo Pero si steht in seinem musika­lischen Bildungsgänge zum Benediktiner-Orden in naher Beziehung: Nachdem er von seinem Vater, Domkapel^ meister in Tortona, den ersten Unterrickt erhalten, begab er sich zur weiteren Ausbildung nach Rom und von da nach Monte Casstno. Hier empfing er, während er Organist an der Basilika des hl. Benediklus und Zögling des von den Benediktinern geleiteten Kollegs war, die Anregung deS hochw. Erzabtes Don Bonifacio Krug, eines ausge­zeichneten Beethoven-KennerS, und den Unterricht deS in kirchenmufikalischen Kreisen auch über Italien hinaus als Autorität bekannten Priors Dom Ambrosio Amellr. In diese Zeit fällt auch sein Entschluß, sich als Priester Gott zu weihen. Nach kurzen Studienaufenthalten in Mailand, Parma und Regensburg wurde Perost Dom­kapellmeister in Imola, bald nachher in Venedig. Schon von Cassino her rin begeisterter Verehrer des gregorianischen Chorals, begab er sich 1893 behufs praktischen StudrumS desselben in die durch ihre Leistungen auf dem Gebiete der Choralforschung sehr verdiente Benediktiner-Abtet Solesmes in Frankreich und besuchte auf der Rückkehr | auch die Benediftiner-Ahtei Macehsous in Belgien.