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36.
4« Deutschland und Nordamerika.
In dem spanisch-amerikaniscken Völkerkampfe aehörten die Sympathien der bei weitem über« wiegenden Mehrheit der Deutschen den Spaniern, -darüber hat niemals ein Zweifel bestanden, konnte auch kein Zweifel bestehen. Aber von all- aemeinen Volks-Sympathien bis zu einer eigentlichen und ausgesprochenen Parteinahme Deutschlands sür Spanien — mittelbar oder unmittelbar — ist es noch sehr, sehr weit; und von einer solchen Parteinahme ist niemals und in keiner Weise die Rede gewesen. Deswegen hat Staatssekretär von Bülow am letzten Samstag im Reichstage den Nagel auf den Kopf ge- woff»n, als er sagte: „Gegenüber Stimmungen und Verstimmungen muß man stets die kühle Vernunft zu Rathe ziehen. Sie rühren daher, daß man in Amerika über die Stimmung der öffentlichen Meinung in Deutschland unrichtige Vorstellungen gehabt hat. Wir haben den Amerikanern ihre Siege nicht mißgönnt, auch nicht die Frucht ihrer Siege. Aber wir haben auch Spanien unsere Sympathien nicht versagt." Mit Spanien verbanden und verbinden uns in derBeurtheilung des spanisch-amerikanischen Krieges freundlicheSympathien. Den amerikanischenUnions- staaten gegenüber fühlten wir uns als ehrliche und auch als verständig abwägende Männer zur strengen Erfüllung der bestehenden Verträge und der daraus hervorgehenden Pflichten genöthigt. „Deutschland hat während des spanisch-amerikanischen Krieges stets in loyaler Weise seine Neutralität beobachtet", wie Staatssekretär v. Bülow feststellte.
An amtlichen Stellen in den Vereinigten Staaten besteht darüber auch nicht der geringste Zweifel. Die einsichtigen und verständigen Leute unter den Amerikanern wissen ganz genau, daß sie sich in politischer Beziehung vollkommen auf Deutschland und auf eine unerschütterliche Loyalität verlassen können. Leider aber haben gerade in den Unionsstaaten diese Elemente nicht immer hervorragenden Einfluß. Ein großer Theil der nordamerikanischen Presse macht sich aus der Hetze gegen Deutschland ein ganz besonderes Vergnügen, und manche englische Pressekollegen helfen wacker dabei, so daß leider diese „Stimmungen und Mißstimmungen" in Nordamerika auch jetzt noch fortbestehen werden.
Der politische Eindruck, den die geistig hervorragenden Leute auf das Volk der Bereinigten Staaten ausüben, ist leider recht gering. Und -dazukommtneuervingSdie sogenannte „imperialistische Politik" in den Vereinigten Staaten. Diese Politik, beruhend auf den Grundsätzen ganz fortgeschrittener Schutz- oder vielmehr zum Theile schon Sperr-Zölle, ist an sich allem Ausland- Wesen nichts weniger als freundlich. Und da dieselbe Politik auch fast selbstverständlich die Erwerbung von Kolonien und die Vergrößerung der bestehenden in sich schließt, so erhält sie dadurch noch mehr den Stempel des neidischen Wettbewerbes gegen andere Länder aufgedrückt. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren ehedem ein rein landwirthschaftliches Land. Jetzt sind sie mit Macht dabei, ihren Charakter zu verändern, und nicht lange wird es währen, bis
JuLöa, Dienstag, dl
die Vereinigten Staaten von Nordamerika den Ausspruch auf die Bezeichnung als hervorragender Industrie-Staat sich erworben haben werden.
Gleichzeitig mit dieser Veränderung ist Hand in Hand gegangen die Veränderung der nordamerikanischen Zollpolitik. Ehedem brauchte Nordamerika die fremde Einfuhr von Industrie-Erzeugnissen ; und so lange dies der Fall war, waren die Nordamerikaner Freihändler und ließen die Einfuhr gern hinein. Jetzt haben sie ihre Industrie selbst. Ihre Ausfuhr überflügelt die Einfuhr in ihr Land von einem Jahre zum andern mehr, und in demselben Maße sinkt die deutsche Einfuhr nach Nordamerika. Die Nordamerikaner machen ihre Handelspolitik nicht nach akademischen Grundsätzen, sondern richten sie ein nach den praktischen Bedürfnissen ihres Landes und im Interesse ihrer materiellen Wohlfahrt thuen sie sicherlich gut daran.
Die Staatssekretäre v. Bülow und Graf Posadowsky haben uns im Reichstage gesagt, daß Verhandlungen zwischen Deutschland und Amerika angeknüpft sind zur Regelung der gegenseitigen handelspolitischen Beziehungen, und daß diese Verhandlungen Aussicht auf guten Erfolg haben. Das wird jeden Deutschen freuen, wenn dieser gute Erfolg erzielt werden wird. Und that- sächlich ist nicht einzusehen, warum dies nicht derFall sein sollte. Die Amerikaner wissen recht gut, daß wir in Deutschland g ar nicht auf sie angewiesen sind, weder in unserer Ausfuhr noch in unserer Einfuhr. Die Amerikaner aber dagegen haben sehr darauf zu sehen, daß sie in ihrer Ausfuhr nicht geschädigt werden, und darum würde ein Zollkrieg die Amerikaner schwerer treffen als uns. Eben darum dürfen wir auch ohne weiteres den Versicherungen glauben, daß die handelspolitischen Beziehungen zwischen hüben und drüben bald in befriedigender Weise geregelt sein werden.
♦ * ♦
Die Ausführungen des Staatssekretärs v. Bülow finden auch im Aus lande fast ausnahmlos günstige Beurtheilung. Sogar die Londoner .Times', die sonst an nichts weniger als Deutschenfreundlichkeit leidet, nennt die Rede des Herrn v. Bülow „eine gute Vorbedeutung für die Errichtung einer festen Grundlage für die neue Lage der Dinge, wie sie durch die Niederwerfung Spaniens gegeben" sei. Noch viel günstiger lauten die Urtheile der Pariser Presse. „Staatssekretär v. Bülow — sagt das .Journal des Debats' — hat mit vollendetstem Takt und Diskretion gezeigt, was gewisse sensationelle Meldungen werth waren. Ec hat hierdurch der Sache Europas und des Frieden- einen werth- vollen Dienst geleistet."
Deutsches Deich.
Berlin, 13. Februar.
* Der Hochw. Herr Fürstbischof von Breslau, Se. Eminenz Kardinal Kopp, stattete am Samstag dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe und dem Kultusminister Dr. B offe, sowie dem Chef des Civil-Kabinets, Dr. v. Lucanus, einen Besuch ab. Gestern wurde Se. Eminenz vom
14. Februar 1899.
Kaiser empfangen und zur Frühstückstafel geladen, worauf er am Abend nach Breslau zurückkehrte. — Der Kaiser reiste heute Mittag nach dem Jagdschlösse Hubertusstock ab.
* Der Seniorenkonvent des Aleichstags hielt heute eine Sitzung ab, um über die geschäftlichen Dispositionen für die nächsten Reichstagsverhandlungen zu beschließen und sich mit einer vom Präsidenten Graf Bal le st rem gegebenen Anregung auf Abkürzung der Reden zu befassen. Man braucht nicht gleich Angst zu haben, es handelt sich nicht um Beschränkung der Redefreiheit und Vergewaltigung der Redelustigen. Ob etwas Praktisches bei der Anregung herauskommen wird, bleibe dahingestellt; das läßt sich jedenfalls nicht leugnen, daß eine Einschränkung der Vielrednerei dringend erwünscht und dem Ansehen des Reichstages nur förderlich wäre. Es wird unglaublich viel übelflüssiges Zeug geredet. Einmal könnten die Redner sich ungleich kürzer fassen; die paar Gedankenkörner, die meist in so einer Rede sind, brauchten wirklich nicht mit einer solchen erschreckenden Menge von Wortspreu verabfolgt zu werden. In kurzen Erklärungen von wenigen Sätzen steckt nicht selten mehr Inhalt, als in einer einstündigen Rede. Noch unleidlicher ist die ewige Wiederholung derselben Gedanken. Was die ersten Redner schon ausführlich gesagt haben, glauben die folgenden Redner ebenso ausführlich wiederholen zu müssen. Andere haben die angenehme Gewohnheit, auf alles und jedes, was die Vorredner gesagt haben lang und breit zu erwidern, auch wenn sie nichts Nennenswerthes vorzubringen wissen oder die Sache eine Antwort gar nicht werth ist. Besonders stark sind darin die Sozialdemokraten. Diese wissen auch bei jeder Gelegenheit über alles Mögliche, das weitab liegt, endlos zu reden. Diese Vielrederei bewirkt, daß im Volke mehr das Interesse an den Reichstagsverhandlungen verschwindet, und ist eine Hauptursache für die schwache Besetzung des Reichstags. Es ist doch für die Abgeordneten keine Kleinigkeit, Tag für Tag vier, fünf Stunden ohne eigentlichen praktischen Zweck im., Saale zu sitzen und Reden anzuhören, die meist überflüssig sind. Kein Wunder, wenn diejenigen, die nicht in Kommissionen beschäftigt sind, es vorziehen, nach Hause zu reisen, statt Sitzungen beizuwohnen, in denen sie ganz überflüssig sind. Wie man freilich dem liebet steuern und die Redner veranlassen will, sich kürzer zu fassen, das ist ein schweres Problem. — In der Sitzung stellte der Vorsitzende Graf Ballestrem eine Schätzung auf über die Möglichkeit und Dauer der Tagung und verbreitete sich über die Art und Weise des geschäftlichen Vorgehens. Er war der Meinung, daß der Etat auf alle Fälle vor dem 1. April fertig gestellt werden und die wichtigeren Vorlagen an die betreffenden Kommissionen verwiesen und in diesen erledigt werden müßten. Schließlich gab er seine Ansicht dahin kund, daß im Jntereffe einer gedeihlichen Arbeit die Debatten kürzer gefaßt werden möchten. In der sich anschließenden Diskussion wurde ein lebhafter Meinungsaustausch gepflogen, in dem man den Wünschen des Präsidenten entgegenkommen zu wollen sich bereit erklärte.
-|- Der Aland der Landwirthe bat heute
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Mer, Lchmert und Md.
Eine Erzählung aus der Geschichte der Stadt Magdeburg.
Von Philipp Wasserburg (Laicus).
47 ------ (Nachdruck verboten.)
Der Jüngling stand einen Augenblick wie unschlüssig. Dann fuhr er plötzlich auf: „Ich muß die Tochter Eures Herrn sprechen!"
Ohne weiterer schritt er in daS Hau-, in welchem er in den letzten Wochen vielfach verkehrt hatte. Jeddingen war einiger Maßen erstaunt über diesen plötzlichen Entschluß, und folgte ihm, nicht ohne daß er nach seinem Eintritte die Thüre sorgfältig verschlossen, und da er nun zu Hause war, auch verriegelt hätte.
„Vorsichtig seid Ihr," sagte der Jüngling, der das Thun Jeddingens lächelnd beobachtete. „Aber jetzt ruft mir Jungfer Gerda herunter."
„DaS wird aber wohl nicht gehen, Junker; es ist bereits spät..."
„Zum Teufel! Alter Tintenfaß!" spottete der Page bei Brandenburgers, „was ich ihr zu sagen habe, kann ich ihr nm Mitternacht sagen!"
„Nur nicht so hitzig, Junker, ich will Herrn Locona von Eurem Begehren in Kenntniß setzen Und wollt Ihr aber nicht ihm sagen, waS Ihr zu sagen habt?"
„Nein, daS will ich nicht!" erwiderte der Page kurz, eli ob er jedes westere Gespräch abschneiden wollte.
So faßte der alte Buchhalter daS auch auf, und kopfschüttelnd stieg er die zu dem oberen Stockwerke führende Treppe hinauf. Locana war
zwar erstaunt über das sonderbare Begehren des Pagen, da er aber sich von demselben nichts Böses versah, auch nicht dachte, wie etwas BöseS daraus entstehen möchte, und die Botschaft immerhin eine gewisse Wichtigkeit haben konnte, so hieß er Gerda hinabgehen, während et selbst mit dem Buchhalter Jeddingen am oberen Ende der Treppe stehen blieb, für den undenkbaren Fall, daß der Jüngling sich etwas Ungeziemendes erlaube.
„Ich danke Euch, daß Ihr gekommen seid, Jungfer Gerda!" sagte der Jüngling, als er des Mädchens, daS eine Lampe in der Hand trug, ansichtig wurde. „Als ich von Jeddingen Abschied nehmen wollte, fiel mir heiß bei, daß ich Euch noch warnen müsse. . ."
„Warnen?" wiederholte Gerda erschrocken. „Wovor? WaS bedroht mich? Wer sinnt mir BöseS?"
„Euch nicht, Jungfer! Nein, Euch nicht! Das möcht ich keinem rächen! Ich zähle erst sechzehn Jahre; aber wer Euch zu nahe treten möchte . ."
„Sprecht nicht in Räthseln, Junker; sagt, war ist'S?"
„Von meinem gnädigen Herrn, dem Administrator, bring' ich diese Ordre an den Obristen Falkenberg."
„Aber wollt Ihr daS nicht lieber meinem Vater..."
„Laßt mich «it dem Gedanken in den Tod gehen, daß ich Euch einen Dienst habe thun können! Denn Euch dienen, ist Seligkeit."
„Junker!" unterbrach ihn Gerda streng. „Ihr wißt, ich bin die Braut Eures älteren Freunde-
und möchte keine Worte hören, die einer üoten Deuturig fähig wären."
Der Jüngling sah sie erstaunt an. „Ich weiß nicht, warum Ihr so streng gegen mich seid; ich habe nichts gesagt, was Euch beleidigen könnte. Was hat Eure Brautschaft mit der Seligkeit zu thun, die ich empfinde, wenn ich. Euch dienen kann?"
„T^gt, was Ihr mir zu sagen habt!" bemerkte Gerda milder.
„Der Mdministrator hat sichere Kundschaft, daß diese Nacht der Feind die Wälle stürmen will."
„Um GotteSwillen, Junker!" rief Gerda, „sagt daS meinem Vater!"
„Euch will ich eS sagen. Euch, Gerda!" ant- wortete erglühend der Page. „ES ist ja wohl kaum ein Geheimniß; aber doch ist eS mir nicht zukömmlich, eS zu oerrathen. Aber Euch muß ich warnen; ich muß, ich habe keine Wahl! Und wenn der Tod drauf stände; warum das ist, weiß ich nicht. Aber es ist so! Sagt Ihr es Eurem Vater, wenn Ihr wollt! Sucht Euch in Sicher- heit zu bringen. Seitdem die Neustadt und Suderburg auf Befehl FalkenbergS niedergebrannt wurden, und die Zollschanze genommen worden ist, steht der Feind unmittelbar vor unfern Mauern. Jeder Sturm kann die Stadt in seine Hände liefern, und was Euch dann treffen könnte, das wag' ich nicht zu denken. Kann's Dich beleidigen, wenn ich eher zu Deinen Füßen sterbe, als daß ich Dir ein Leid zufügen lasse?"
„Sprecht nicht von solchen Dingen, Junker, waS soll ich thun?"
„Vergrabt Eure Kostbarkeiten. Wird dieser
26. Jahrgang.
(Montag) in Berlin seine Generalversammlung abgehalten, wie üblich, im Cirkus Busch. Und zwar war dies die sechste solche Versammlung, die zum sechsten Male die sogenannte „große landwirthschaftliche Woche" eröffnet. Früher war man gewohnt, aufgeregte Reden in diesen Versammlungen zu hören; und es hat in ihnen bekanntlich nicht an Rednern gefehlt, die die Anwendung einer Agitation nach dem Muster der Sozialdemokraten empfahlen, falls die Wünsche und Beschlüffe der Versammlung nicht erfüllt würden. Jetzt geht es ruhiger in diesen Zusammenkünften zu — von Sozialistengelüsten ist nichts mehr dann zu spüren. In der heutigen Versammlung sprachen die beiden Präsidenten des Bundes: Fchr. von Wangenheim und Dr. Rösicke und der Direktor Dr. Hahn. Es wurde eine Resolution angenommen, in der die Generalversammlung „ihre Freude" ausspricht darüber, daß „die Reichsregierung zur Wirth- schaftspolitik des Fürsten Bismarck zurückgekehrt" sei. Die Versammlung erwartet aber noch mehr — nur sagt die Resolution nicht genau das, was sie erwartet; sie klingt nämlich aus in das alte Wort von der nationalen Wirtschaftspolitik ohne genaue Bestimmung dieses Begriffes und wendet sich noch einmal gegen den abgetanen „Fleisch- noth-Schwindel".
Ans dem Reichstage.
31. Sitzung vom 13. Februar.
Ohne Debatte erledigte der Reichstag heute das Konsularabkommen mit Peru und ging dann über zur ersten Berathung der Novelle zum Jnva- liden-Bersicherungs-Gesetze.
Staatssekretär Graf "Posadowsky führte aus, daß der leitende Gesichtspunkt bei der Umgestaltung des Gesetzes von 1890 die Vereinfachung sein müsse. Namentlich sei der Wunsch maßgebend gewesen, für die Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung eine einheitliche Organisation zu schaffen. Zu dieser könne man aber wiederum nur gelangen durch eine starke Dezentralisation, und der Anfang zu einer solchen sei nun in dem vorliegenden Entwürfe gemacht, zunächst in der Schaffung von örtlichen Rentenstellen, die unter Mitwirkung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus ein Gutachten hin die Rentep festsetzen sollen. Die Regierung glaubt, diese örtlichen Rentenstellen werden die Sache auf Grund persönlicher Verhandlung besser entscheiden können, als es jetzt möglich ist bei dem rein schriftlichen, bureaukratischen Verfahren. Der Staatssekretär gab sodann eine Uebersicht über die Organisation dieser Rentenstellen und ihres Verfahrens, ebenso über das Schiedsgerichts-Verfahren, das in den Fällen einzutrrten hat, wo ein Versicherungsnehmer nicht zufrieden ist mit dem Gutachten der örtlichen Rentenstelle. Man kennt die Einrichtungen, wie sie vorgeschlagen sind, bereits aus den Darlegungen in der Presse. Aber etwas Hob der Staatssekretär noch besonders hervor; er meinte nämlich, die Kosten dieses Verfahrens seien in der Presse ganz übertrieben dargestellt worden. Mit den Massen der Arbeiter — meinte Redner — wolle der Staat in Verbindung stehen; und dazu brauche er örtliche Rentenstellen. Alsdann ging der Staatssekretär zu dem zweiten Hauptpunkte in der Vorlage über, zu dem Vermögens-Ausgleiche zwischen den einzelnen Ber- stcherungs-Anstalten. Ohne eine solche würde nach den Ausführungen des Redners einzelne Versicherungs-Anstalten ihre Beiträge verdoppeln bis vervierfachen muffen, während andere Anstalten sie auf eine ganz geringe Höhe heruntersetzen könnten. Dann würden aus den Landestheilen mit hohen Beiträgen die Leute noch viel stärker auswandern, als bisher und dann würde dort die Leutencth noch viel größer werden. Das würde dann geradezu eine Strafe für diese Landestheile sein. Hier müsse unbedingt ein Ausgleich geschaffen werden^ und bei Schaffung des ganzen Gesetzes habe doch sicher
Sturm abgeschlagen, so fallen wir bei dem nächsten. Nur Gustav Adolf kann uns Rettung bringen; und der Administrator kann sich nicht erklären, warum der König säumt. Gestern noch hat et dem Obristen Falkenberg gesagt" — der Jüngling dämpfte seine Stimme — „er wolle Magdeburg zu Grunde gehen laffen, denn ax der Spitze von dreißigtausend Mann brauche man um das DurchzugSrecht nicht verlegen zu fein. Und der Falkenberg hat nur mit den Achseln gezuckt und geantwortet: wir thun das Aeußerste, was wir vermögen. Ich habe es selbst gehört, denn ich hatte den Dienst im Vorzimmer, und der Administrator sprach heftig."
„O, hätte doch mein Vater auf mein Wort gehört!" rief Gerda die Hände ringend, „wir könnten alle in Sicherheit gerettet fein!"
„Verzweifelt nicht, Jungfer, das mußte ja am Ende eintreten. Euer bester Zufluchtsort ist und bleibt der Dom. Tilly soll ja ein frommer Papist fein, und wird gewiß die Kirchen zu Asylen erklären. So hat et es auch in Neubrandenburg gethan. Gott tröste und schütze Euch! Aber in der Stunde der Gefahr svllt Ihr sehen, waS des ManSfelders Bub' werth ist!"
Damit ging der Jüngling nach der Thüre, schob den Riegel zurück, und drehte den im Schlosse steckenden Schlüssel. Die schwere Thüre schob sich ächzend auf und der Page verschwand leichten Schritte- in dem draußen herrschenden Dunkel.
Locana und Jeddingen eilten die Stiege herab. Gerda stand im Hausflur; ihr Gesicht wat bleich, ihre Hände zitterten.