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KuldaerWZertung

mit Anlerhaltungs-Aeilage „Zlluffrirte Sonnlags-Zeitung

26. Jahrgang.

Iuköa, Montag, den 23. Januar 1899.

Verantwortlich: Sur die Redaktion Ios.»an«, für Inserate 2. Parzelle» in Antda.

66 Drmk und Verlag der Anldae» Rctiendnulerei • petersgaAe Nr. 2 tHarmonie».

Znferate: Die em. spalt. Garmond« »eile oder deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechen». Rabatt gewährt.

Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Bierteljährl.

Kr,ugspr«i» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

Mer, Schwert nni tackel.

Eine Erzählung aus der Geschichte der Stadt Magdeburg. Von Philipp Wasserburg (Laicus).

29 ------ (Nachdruck verboten.)

IX. Freunde in der Noth.

Die Sonne neigte sich zum Untergang. An der Fensteröffnung des obersten Geschoffes im Rathhausthurm lehnte Gilden und blickte ge­dankenvoll hinab auf die rochen Ziegeldächer der Stadt, die unter den Strahlen des scheidenden Tagesgestirns wie in Fenerglnth leuchteten. Und über die Feuergluth warfen die Thürme des Domes phantastische Schatten. Von unten herauf tönte verworrenes Summen, das Geräusch vieler Menschen, welche um diese Zeit ihr Tagewerk verließen, um sich der heißersehnten Ruhe zu erfreuen.

Jeden Abend hatte er dies Schauspiel, aber so eigenthümlich harte es ihn noch nie berührt. Es war ihm, als ob er ein heißes Wehen fühle, als ob das nicht der Widerschein der Sonne sei, sondern lodernde Flammen, die auf den Dächern tanzten, von einer Häuserreihe zur andern über­sprangen, an den Schornsteinen und hohen Giebeln hinaufleckten. Die Leute, welche da eilig über den Rathhausplatz schritten, die Breitegaffe hinauf und hinunter, schienen ihm alle auf der Flucht zu fein; auf seiner Brust lag wie ein Alp ein Gedanke, der ihm selber noch nicht klar war. Ein dunkles Gefühl unsäglicher Angst vor irgend einem unbestimmten, ungeheuerlichen Unglück schnürte sein Herz zusammen.

rt Die Novelle zum Invaliden­versicherungs-Gesetze

ist, rote berichtet, nunmehr dem Reichstage zuge­gangen. Im großen und ganzen ist der Inhalt der Novelle bereits bekannt geworden durch eine längere Reihe von bruchstückweisen Veröffentlich­ungen in einem halbamtlichen Berliner Organ. Dennoch bleibt noch einiges nachzutragen.

Es handelt sich in diesem Gesetzentwürfe um zwei wichtige grundfätzlicheAendernngen, nämlich um andere Vertheilung berRenten- last und außerdem um die Errichtung von ört­lichen Renten stellen als ein nachträglich ein­gefügter Unterbau für die ganze Invaliden­versicherung.

Diese örtlichen Rentenstellen sollen für kleinere Bezirke errichtet werden, in Preußen etwa für Kreise, in Bayern für Bezirksämter nsw.; und zwar soll die Errichtung von der Hauptbehörde des einzelnen Bundesstaates nach Anhörung des Vorstandes der Versicherungsanstalt vorgenommen werden. Die Zahl der örtlichen Rentenstellen, die eingerichtet werden müßten, schätzt der Ge­setzentwurf auf etwa 1000. Außerdem sieht dieser Entwurf die Errichtung von ungefähr 60 Schiedsgerichten vor. An der Spitze der ört­lichen Rentenstelle soll ein ständiger Vorsitzender stehen, der kein Beamter zu sein braucht; der­selbe wird von der Hauptbehörde des Bundes­staates ernannt. Die Hilfsbeamten an den Rentenstellen ebenso wie an den Schiedsgerichten sollen dagegen festangestellte Beamten fein. Als Mitglieder einer Rentenstelle müssen mindestens je vier aus der Klasse der Versicherten und aus der der Arbeitgeber gewählt werden, und zwar jedesmal auf 5 Jahre. Die Wahlordnung für die Wahl dieser Vertreter ist von der Landes­behörde zu erlassen.

Die örtlichen Rentenstellen haben nach dem Entwürfe die Vorbereitung und Begutachtung der Anträge auf Bewilligung und Entziehung der Renten, die Mitwirkung bei Einleitung des Heilverfahrens, die Aufsicht über die Entrichtung der Beiträge und die Ertheilung von Auskünften über Jnvalidensachen überhaupt. Andere geeignete Obliegenheiten können ihnen von der Landes­behörde ertheilt werden. Die Abgabe von Gut­achten erfolgt durch Stimmenmehrheit. Sännnt- liche Kosten trägt die Versicherungsanstalt.

Eine Aenderung schlägt der Entwurf auch vor für die Bewilligung der Renten. Ueber den Anspruch auf Rente entscheidet jetzt ein einzelnes Vorstandsmitglied. In Zukunft soll diese Entscheidung in allen nicht vollkommen unzweifelhaften Fällen durch den Vorstand in der Besetzung von drei Mitgliedern erfolgen: ein Beamter, ein Arbeitgeber, ein Versicherter. Weitere Besprechungen des Entwurfs werden später erfolgen.

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O Die Samoa-Inseln.

Es war im August des Jahres 1883, als Berichte aus Apia, der Hauptstadt der Samoa- Inseln, meldeten, die englischen Kolonien in Australien wollten alle Inseln der Südsee ein­heimsen, darunter auch die Samoa-Inseln. Gleich-

„Und ich hab' es doch so gut gemeint!“ murmelte er endlich, ohne daß er wußte, was er sagte. Es war der Gedanke, mit dem er des Abends sich auf feine Strohhüte zum Schlummer hinstreckte, und des Morgens wachte er damit auf. Er erfüllte ihn so ganz, daß er sich bei jeder Gelegenheit Bahn brach.

Und gewiß, er hatte es gut gemeint! In den Adern dieses Mannes floß kein Tropfen Blut, den er nicht für die Freiheit und Selbständigkeit Magde­burgs ^ngegeben hätte. Nicht dem Bischöfe und nicht dem Kaiser, nicht dem Administrator und nicht dem drohenden Schweden sollte Magdeburg gehören, sondern sich selbst und seinen Bürgern.

Und diese selben Bürger, deren Herrlichkeit sein einziges Ideal war, warfen ihn in den Ker­ker; diese Stadt, deren Rechte er gegen den Ad­ministrator mit männlicher Kühnheit vertheidigte, hatte kein anderes Obdach für ihn, 'als ein ver­schlossenes Gemach im höchsten Thurmgeschoß. Das Gefühl der Bitterkeit überflutete ihn, . . . und er hatte es doch so gut gemeint!

Gilden war eben ein Idealist, der mit wirk­lichen Machtverhältniffen und Menschen nur so lange rechnete, als es galt, nach der Gewalt zu streben. Da wog und maß er alle Hindernisse; als er aber sich nur noch im Besitze der Gewalt zu erhalten hatte, da fiel es ihm nicht bei, daß andere ihn verdrängen könnten, und seine Mit­bürger ,ihn verdrängen ließen: er meinte es ja so gut!

„Stände das undankbare Magdeburg so tm Brande,“ sprach er nach minutenlangem Sinnen, indem er die Faust nach der Stadt ballte, „ich könnt' ihn schüren!“

zeitig erlaubten sich englische Kriegsfahrzeuge arge Uebergriffe gegen deutsches Eigenthum und gegen deutsche Niederlassungen auf verschiedenen Inseln im australischen Archipel. Aber wenn die Eng­länder glaubten, daß Deutschland sie dort nach Willkür und Gutdünken schalten und walten lassen würde, so hatten sie sich geirrt. Deutsch­land sah nicht stillschweigend zu, griff vielmehr kräftig ein, und bald danach mußten die damals leitenden englischen Staatsmänner Gladstone und Granville öffentlich im englischen Parlament ihr Bedauern aussprechen über das, was vorgekommen, und gleichzeitig erklären, daß England seine Hand nicht mehr nach deutschem Besitze ausstrecken wolle. In einem amtlichen Schriftstück vom 25. April 1885 wurden außerdem die deutschen Erwerbungen in der Südsee nochmals ausdrück­lich von Großbritannien anerkannt.

Auch die Samoa-Inseln fielen den Eng­ländern nicht zu. Im Frühjahr 1889 tagte darüber eine besondere diplomatische Konferenz, die dahin führte, daß Deutschland, England und die Vereinigten Staaten von Nord­amerika gemeinsam einen Vertrag unterzeichneten, in dem die Neutralität und Unabhängigkeit der Gruppe der Samoa-Inseln gewährleistet wird. Nach diesem Vertrage sollten alle drei Mächte gleichzeitig die Aufsicht über die Inselgruppe führen; leider aber zeigte es sich sehr bald, daß diese Verabredung der gemeinsamen Oberhoheit keine glückliche war. Und man kann wohl sagen, daß die Verhältnisse auf den Samoa-Inseln nach Erlösung zu schreien begannen. Deutschland und England allein würden vermnthlich schnell genug Handelseins geworden fein. Aber bei den Ver­einigten Staaten von Nordamerika entwickelte sich gerade während dieses letzten Jahrzehnts ein sehr kräftiger Appetit auf gute Kolonialbissen, und auf keinen Fall wollten die Aankees zugeben, daß Deutschland auf den Samoa-Inseln etwa Oberwaffer bekäme. So mußte es dort noch immer nothgedrungen bei den Verabredungen von 1889 bleiben.

Die Samoaner selbst leben in alter Zwie­tracht unter einander. Zwei Geschlechter streiten um den Königsthron. Damals, i. 1.1889, wurde nach der gemeinsamen Verabredung der Mächte der Häuptling Malietoa verbannt, und es wurde Mataasa „König“. Dieser war damals gar kein Freund der Deutschen. Inzwischen aber haben sich die Verhältnisse geändert, und gerade Mataasa ist auf den Samoa-Inseln der beste Freund der Deutschen. Dieser Mataasa ist nun, nachdem der inzwischen wieder zu Gnaden angenommene Malietoa am 22. August 1898 gestorben war, zum Jnselkönig gewählt worden. Das scheint der englisch-amerikanischen Partei auf Samoa nicht gepaßt zu haben, und obwohl, wie über Hamburg berichtet wird, die Wahl des Mataasa mit über­wältigender Mehrheit erfolgt ist, hat der Ober­richter Chambers, seiner Abstammung nach ein Amerikaner, diese Wahl unter irgendwelchen Vor­wänden für ungiltig erklärt. Alsdann hat es blutige Kämpfe gegeben, angeblich auch Streit zwischen dem deutschen Generalkonsul auf der einen und den Engländern und Amerikanern auf der andern Seite. Ader aus den Nachrichten, die darüber vorliegen, kann man sich keine irgendwie

Deutsches Reich.

Berlin, 21. Januar.

* Die Beziehungen zwischen de« deutsche« «ud amerikanische« Seeoffiziere« auf der ostasiatifchen Station sind, wie der .Reichsanz.' entgegen vielfachen Nachrichten in der Presse her­vorhebt, nicht nur frei von jeder Spannung, sondern der Verkehr trägt im Gegentheil einen sehr entgegenkommenden und herzlichen Charakter, wie dies gelegentlich von wiederholten Besuchen, Einladungen ec. zum Ausdruck gekommen ist. Das Verhalten der deutschen Seeoffiziere fei stets in jeder Beziehung korrekt gewesen.

* Eine zu Lima am 28. Juni 1897 voll­zogene Werei»var««g zwischen dem dentsche« Iieiche «nd Serr» betreffend die Stellung der deutschen Konsuln in Peru und der peruanischen Konsuln in Deutschland ist dem Reichstage zur Beschlußfassung zugegangen. Eine beigefügte Denk­schrift besagt: „Zwischen der Regierung des Kaisers und der Regierung des Freistaates Peru find Verhandlungen wegen Abschlusses eines Han­delsvertrages eingeleitet. Diese Verhand­lungen haben zu einem abschließenden Ergebnisse bisher noch nicht geführt. Dagegen ist von den

bestimmte Ansicht bilden. Nach den neuesten Meldungen haben die Vertreter aller drei Ver­tragsmächte Mataasa und dessen Häuptlinge vor­läufig als Regierung anerkannt; und gleichzeitig wird berichtet, daß die Nachricht, die Vereinigten Staaten und England wollten Kriegsschiffe nach den Samoa-Inseln entsenden, nicht zutrifft. Eine besondere Rolle bei der ganzen Sache scheint ein gewisser Dr. Raffel gespielt zu haben, der als Präsident des Stadtrathes bezeichnet wird; gegen diesen scheint sich namentlich der Zorn der Eng­länder und Amerikaner gerichtet zu haben.

Die Preffe-Organe der Berliner Regierung schweigen sich vorläufig über den ganzen Fall aus; und gleichzeitig wird aus Washington telegraphirt, daß auch dort amtliche Nachrichten noch fehlen. Nach Meldungen, die auf dem Wege über London einlaufen, sollen die britische und die amerikanische Regierung dazu entschlossen sein, an den Berliner Abmachungen von 1889 festzu­halten. Der nordamerikanische Vertreter in Berlin Herr White, hat bereits die Weisung erhalten, sich deswegen mit dem Staatssekretär von Bülow und dem britischen Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles, in Verbindung zu setzen. In London wurde für Freitag ein Minister­rath einberufen, während dessen der deutsche Botschafter, Graf Hatzfeld vorfprach — ver- muthlich auch wegen Samoa. Grund zu ernsten Besorgnissen gibt es sicherlich nicht.

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In den Kreisen der amerikanischen Re­gierung scheint eine recht verständige Auf­fassung des Samoa-Falles vorzuherrschen. Von dort aus wird die baldige Abhaltung einer neuen diplomatischen Konferenz in Berlin angeregt. Die ,Postt bemerkt dazu: man könne sich mit diesem Wunsche nur einver­standen erklären. Nur müßte man sich bann eine enbgiltige Neuordnung der Dinge auf Samoa vornehmen.

Unterhändlern die hier vorliegende Vereinbarunö geschlossen worden, durch welche die Stellung ber beiderseitigen Konsuln vorab geregelt werden soll. Den Konsuln werden darin gegenseitig die gleichen Gerechtsame, Befreiungen und Vergünstigungen zugestanden, wie sie denjenigen der meistbegünstig­ten Nation gewährt worden sind oder hinfort ge­währt werden mögen. Diese Vereinbarung hat inzwischen die Genehmigung des peruanischen Kon­gresses und die Zustimmung des Präsidenten des Freistaates erhalten.“

0 Erfreuliche Nachrichten sind zu verzeichnen über das Befinden des Geheimrathes Knack, Direktors im Reichstage. Derselbe hat in diesen Tagen mehrfach wieder Spaziergänge unternehmen können, so daß zu hoffen ist, er werde seine Ar­beiten wieder in vollem Umfange aufnehmen können.

* Aus den Erläuterungen des neuen Staats­haushaltsetats ist zu entnehmen, daß die Ki«- fiomme«fie«er im laufenden Etatsjahr nach dem Sollaufkommen eine ungemein starke Zu­nahme erfahren hat. Die Jsteinnahme betrug im Jahre 1895/96 122,75 Millionen Mark, 1896/97 126,87, 1897/98 134,89, so daß im ersten Jahre eine Steigerung um 4, im zweiten eine um 8 Millionen Mark stattgefunden hat. Für 1898/99 ist nach der Veranlagung das Ein­kommensteuer-Solleinkommen um rund 11,78 Millionen Mark gestiegen, und der Etat nimmt an, daß danach die Einnahme aus der Einkom­mensteuer für 1899 um 12 Millionen Mk. höher veranschlagt werden könne als die für 1898/99. Infolge dessen ist der Einnahmetitel zur Ein­kommensteuer von 133 auf 145 Millionen Mark erhöht.

4- Ein fre««dkicher Ma«« muß der Pächter der Domäne Gattersleben im Kreise Aschersleben fein. Der Name des freundlichen Herrn ist Albert Eggeling; auch führt er den Titel Amtsrath. Derselbe hat einen Tag» löhner aus seinem Dienste fortgeschickt, veil dieser, ein Katholik, an dewchohen katho­lischen Festtagen der Arbeit fern bleiben wollte. Dies steht ausdrücklich in dem Entlassungsscheine »es Taglöhners vermerkt, dem gleichzeitig das Zeugniß gegeben wird, daß er sieben Jahre juf der Domäne gearbeitet und sich dort gut geführt hat. Wirklich, ein freundlicher Herr, der Herr Amtsrath Eggeling!

® Die allgemeine Jahresversammlung des A««des der Kandwirlhe wird am Montag den 13. Februar, Mittags 12'/- Uhr beginnend, in üblicher Weise im Gebäude des Zirkus Busch ftattfinden. Am 11. Februar soll dieser General­versammlung eine Ausschuß-Sitzung vorangehen.

X Die Meldungen über die Gheik«atz«e des Dalifiavs a« der Avrüfi««gsfio«fere«z schwanken hin und her. Wie berichtet, ließ auf eine offizielle Vertretung des Vatikans der Um­stand schließen, daß der russische diplomatische Vertreter beim Vatikan dem Kardinal-Staats­sekretär Rampolla genau ebenso und an demselben Tage die diplomatischen Rundschreiben des Grafen Murawiew überreicht hatte, wie dies von ben russischen Diplomaten bet allen anbern souveränen Mächten geschehen ist. Sofort aber hat biefer Umstand bie Eifersucht ber italienischen Regierung

Er schrak zusammen, 'als er seine Worte hörte. „Wer spricht von Magbeburg im Branbe? Unsichtbar muß ein böser Dämon hier sein; beim Bruno Gilden kann das nicht gesagt haben!“

Er trat unwillig in bas Innere bes Gemaches zurück, unb ließ sich auf ben einzigen Holzschemel fallen, welcher mit bem roh gezimmerten Tische unb ber Strohschütte in einer Ecke bie ganze Ausstattung bes kahlen Raumes bildete.

Eine Weile saß er ba, bie Hänbe zwischen den Knieen gefaltet und starrte auf ben Boden. Allmäblig schienen seine Augenliber bleiern zu werben. Nicht lange erträgt der Mensch bas Einerlei bes nämlichen Gebankens. Er hatte es ja so gut gemeint! — unb bamit kam langsam ein Zustanb über ihn, ber zwischen Wachen und Schlaf bie Mitte hält. Seine Sinne waren ber Außenwelt noch nicht verschlossen, aber fein Kopf war so müde, baß er bie Eindrücke, die seine Sinne ausgenommen, nicht mehr richtig zu deuten vermochte. Als Jemand leise die Treppe herauf­kam, war es ihm, als ob Meereswogen in ewiger Folge ferne an eine Felsenküste anschlügen, ja er fühlte selbst das Schaukeln des Bootes, in wel­chem er saß, und als ber Riegel seiner Gefäng- nißzelle zurückgeschoben würbe, schien ihm ber Kahn krachenb an einer Felsklippe zerschellt zu sein, unb angstvoll sprang er in bie Höhe, ge­rade in dem Augenblick, wo die Thüre sich knar­rend in ihren Angeln drehte.

Der Anblick, ber sich ihm bot, war burchaus nicht danach angethan, Schrecken zu erregen. In ber Thüröffnung erschien ein junges Mädchen von kaum 15 Jahren, in ber einen Hanb trug sie einen Korb, in ber anbern eine Laterne, welche

sie, währenb sie bie Thüre öffnete, auf ben Boben gestellt hatte und jetzt roieber aufnahm. Roth- blondes Haar, das unter einer dunkeln Kapuze hervorquoll, umrahmte in dichten Locken ein rosiges Gesichtchen, welches wahrhaftig dadurch nicht häßlicher wurde, daß die kindlichen Züge den offenen Stempel der Verwirrung trugen. Das Mädchen war zwar reinlich und nicht ohne einen gewissen Geschmack gekleidet, aber die Stoffe waren bescheiden, ja ärmlich; betrachtete man noch bie kleinen Hände, bie bereits beutliche Spuren angestrengter Arbett trugen, so erklärte sich seine Verwirrung leicht aus bem Umftanbe, baß das Mädchen nicht gewohnt war, mit hoch­gestellten Personen umzugehen unb, wenn Gilben auch eben auf bem Thurme gefangen saß, so wußte es doch sehr wohl, baß er vor wenigen Wochen noch regterenber Bürgermeister gewesen.

Das machte es befangen, unb zögernd trat es ein zu bem Manne, ber, obwohl Gefangener, als er sich aufrichtete, einen mächtigen Einbruck her­vorbrachte.

„Ich soll Euch Speise unb Trank bringen, edler Herr,“ stotterte bas junge Mädchen nach einer ziemlich langen Pause, während welcher Gilden auf's höchste überrascht das Mädchen anstarrte. , _

„Der Wärter hat mir bereits meine Suppe gebracht." erwiderte endlich Gilben; „aber Du? wer bist Du? Kinb! W'.e fandest Du Zutritt zu mir?“

„Ich bin die Käthe,“ meinte bas Mädchen, dessen Befangenheit allmählich wich. „Mein Vater ist Städtisch-Magdeburgischer Stockmeister, er ist Euer Wärter, unb ich weiß recht wohl