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Ku Id aer M Zeitung

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mit Nnterhatlungs-Meilage „Illustrirte Sonntags-Zeitung!'

Jul'da, Samstag, Den 31. Dezember 1898.

M 299.

25. JahrgMß.

^ A«s der Klause des Malddruders.

Wieder war Christnacht geworden---

Von den Thürmen wogte der Glockensang weich und voll hinaus in die Nacht. Halleluja, Halleluja! Ein Kind ist uns geboren im Stalle, das Kind, das der Welt Erlösung und Frieden bringt, Halleluja, Halleluja!

Und die Menschen vernahmen die Kunde und wie einst die Hirten auf den Ruf der Engel machten sie sich auf, eilten zur Krippe und beteten an.

Mit dem Waldhüter Klaus ist der Waldbruder schon in aller Herrgottsfrüh, als noch rings die Welt dunkelte, zum Thal hinabgestiegen zur hl. Christmette im Dorfkirchlein. Hoch im Gebirge hat's schon wacker geschneit und auf dem Wege schien das Licht von des Waldbruders Laternchen gegen weiße Büsche und glitzerte in viel Tausend feinen Eisnadeln. Um eiliger zu Thal zu kommen, hatten wir den Hauptweg verlassen; aber auf den Nebenpfaden ist es nimmer leicht, sich zurechtzu­finden zur Nachtzeit und im verschneiten Gebirge.

Meinte der Klaus unwirsch, als wir einmal -recht gründlich in die Irre gegangen waren und im Augenblick nicht wußten, auf welchem Fleck der Erde wir uns denn eigentlich befanden, „mit Eurem Laternlein ist's nicht weit her, hättet's droben lassen können; bei Euch in Küche und Kammer mag's langen, aber hier in des Herrgotts Revier ist's nichts nütze. Wenn der liebe Gott nicht selbst seine Sonne ansteckt, daß sie uns leuchte, hernach topfen wir alleweil irre, hätten den geraden Fahrweg gehen sollen." „Den Fahrweg einzu- fchlagen, ist jetzt ein später Rath," meinte der Waldbruder darauf, „jetzt sind wir einmal in die Irre gegangen, da heißl's uns zurechtfinden, es wird auch schon gelingen," und gerade lüftete sich ein wenig die dicke Wolkenwand vor dem unter­gehenden Mond, so daß wir bald wieder den Pfad gefunden hatten, wir waren nur einige Schritte von ihm abgerathen.

„Gehts nicht in der Welt hundertemale so, .wie eben bei uns?" fuhr der Waldbruder fort, „die Welt steckt sich in ihrer vermeintlichen Ge­lehrtheit ein Lichtlein nach dem anderen an und meint bald alle Finsterniß erhellt zu haben, so daß nichts vor ihrem Lichte mehr verborgen bleiben könnte. Nutzt aber alles nichts. Ehe sie sich recht versieht, ist sie gründlich in die Irre gegangen und wenn's Licht auch elektrisch gemacht wird und Glühlichte angebrannt werden, ohne das ewige Licht findet sich die Welt doch nimmer aus. Das Licht, das in die Finsternisse leuchtet, ist nur das, so der Herrgott selber angezündet hat, und wenn er in dieser Gnadennacht nicht hätte die Sonne der Wahrheit über die ewige Finsterniß aufgehen laffen, die Menschheit wäre elendiglich verirrt in der großen Weltwüste."

Unter solchen Gesprächen kamen wir allgemach ins Thal herunter. Unterwegs bemerkten wir am Bergabhange ein ander Lichtlein sich herabbewegen. Nachher sahen wir, daß es der Bergbauer droben vom Pflugberg war mit der Bäuerin und der schmucken Hedwig, der vielumworbenen einzigen Tochter. Auch der Aloys, der bei den Ulanen dient, war dabei. Zu Weihnacht hatte er Urlaub bekommen und war erst, wie wir hörten, gestern Abend spät heimgekommen.

Nach und nach kamen immer mehr Lichtlein und fromme Menschen hinzu, die alle von der Höhe, rote einst die Hirten in der Nacht, herab­stiegen, um das Christkindlein zu begrüßen. Es war fast wie eine Prozession, hochfeierlich, ganz früh noch vor dem dämmernden Morgen durch den majestätischen Wald. Und al^ des Berg­bauern Hedwig mit ihrer hellen Stimme anhub: Seilige Nacht!

eilige Nacht!

Finsterniß weichet, es strahlet hernieder Lieblich und tröstlich vom Himmel ein Licht. Engel erscheinen, verkünden den Frieden, Frieden den Menschen, wer freuet sich nicht. Kommet ihr Christen, o kommet geschwind. Seht da die Hirten, wie freudig sie sind. Kommt mit nach Davidsstadt, Den Gott verheißen hat. Ruht dort als Kind.

Da fiel alles begeistert in die alte wunder- liebe Welse ein und es schallte feierlich jubelnd durch den ehrwürdigen, schweigenden Wald, daß die träumenden Buchen und Tannen staunend auf­horchen mochten nach dem seltsam wonnigen Gesang.

Im Dörflein schwiegen gerade die Glocken, als wir anlangten, durch die hohen Kirchenfenster fluthete ein Strom von Licht und Wärme in die winterkalte Nacht hinaus, so eigen einladend und drinnen sang die fromme begeisterte Menge süße Wiegenlieder vor der Krippe dem Kinde in den Windeln zum Preise. Die Hallen des Kirchleins scheinen heute zu eng für den beseligenden Jubel, der aus des Menschen wonnegefüllter Brust em- Porjauchzen möchte bis vor den Thron des all­mächtigen Vaters.

Heilige Nacht!

Unter ihrem gewaltigen Banne steht die ganze I Welt. Nicht leicht ist jemand, der sich dem trau- lich-weibeoollen Zauber dieses lieblichsten Festes, dieses Familienfestes der ganzen Menschheit, zu entziehen vermöchte.

Auch die Welt, die nicht an das Kind glauben will, beugt sich heute feinem milden Scepter. Die geschäftige Menschheit rastet aus von dem Wett­lauf auf dem Wege irdischer Wohlfahrt. Alle Arbeit ruht, die fleißigen Hämmer liegen unbe­rührt, die Schlote der Fabriken stehen kalt, selbst die Räder der immer geschäftigen Politik hat das Kindlein mit starker Hand zum Stillstand gebracht. Auf dem weiten Erdkreis herrscht heute der Friede. Das ist der Segen des Engelwunsches: „Friede auf Erden den Menschen!"--

Am Nachmittage sind der Klaus und die Bärbel mit ihren Kindern zur Waldklause herauf­gekommen, um hier ihre Weihnachtsandacht zu verrichten, zur Kirche im Dorfe ist's gar zu weit. Der Fränzl hat wirklich feine Trompeten bekommen, er ist den andern schon vorangeeilt und stürmt auf seinem Instrument blasend herein, und thut ganz närrisch vor Freude, daß mein Hans ängstlich im Zimmer umherflattert. Der Waldbruder sollte und mußte natürlich mal pro* biren, wie die „Trompeten" ging. Muß ein sonderbar Bildchen gewesen sein, der Klaus und seine Frau, die derweil zur Thür herein traten, begannen hell auf zu lachen. Dem Bildchen war's gar nicht recht, daß er in der Kapelle feine Trom­pete nicht auch blasen durfte, er hat's gar so gut gemeint gehabt, aber doch hat er hell mitgesungen.

Stille Nacht, heilige Nacht ....

Nachher haben die Waldhütersleute mit dem Bruder Ivo als gute Nachbarsleute noch ein Plauderstündchen gehalten. Der Klaus hatte wieder mancherlei auf dem Herzen. Er ist früher in der Stadt bedienstet gewesen und hat durch das, was er dort gesehen, eine gute Portion Nörgelsucht bekommen.

So klagte er heute, daß in der Stadt der wahre Kern des Christfestes bei vielen Leuten ab­handen gekommen sei. Alle Welt feiert ja Weih­nachten, sagt er, aber das ist kein christliches Weihnachten mehr, man denkt gar nicht mehr an das Christkindchen, welches in dieser Nacht die Welt zu erlösen gekommen ist. Als er noch bei dem Doktor Ecker gedient, habe es ihm immer so unendlich leid gethan für die armen unschuldigen Kinder, denen die Mutter allerhand Kostbarkeiten aufgethürrnt, aber kein Sterbenswörtchen vorn Christkindchen erzählt habe. Vorn „Weihnachts­mann" fei wohl viel gesprochen worden, aber das Christkindchen sei ganz vergeffen gewesen.

Ich erwiderte darauf: Ja, es ist sehr traurig, daß man in einer Zeit, die, wie die unsere, das Zu­sammenhalten aller christlich Gesinnten dringend erfordert, die Mahnungen des heutigen Festes, das Ehre fei Gott fo ganz vergißt über den welt­lichen Zuthaten.

Der christliche Kern verschwindet mehr und mehr. Aus dem christlichen Fest ist das Fest der „Weihenacht" geworden. Das Fest der „Liebe und des Gebens", die Feier der „winterlichen Ruhe der Natur" am traulichen Herdseuer. Eine Be­ziehung zum eigentlichen Charakter des be­deutungsvollen Festes fehlt gänzlich. Leider ist diese Verweltlichung des Festes in weiten Kreisen Mode geworden. Ach, wie viele Familien gibt es, wo die Mutter dem Kinde, das so gern die frohe Botschaft aufnähme, nichts zu erzählen weiß vom Kinde in der Krippe im Stalle zu Bethlehem. Unsere Zeitungen, vornehmlich die farblosen, haben in dieser Beziehung sich schwer am Volke vergan­gen, sie tragen die Hauptschuld für die Entchrist- lichung des Volkes. Die Zeitungen sollen die Er­zieher des Volkes sein, aber wie erziehen sie es? Daß Gott erbarm! Kann da ein gesunder kräf- tiger Glaube gedeihen, wo die Wassersuppen der Farblosen vorgesetzt werden? Eltern sorgen für ihre Kinder, daß sie eine gesunde, nahrhafte Kost bekommen, scheuen sich aber nicht, täglich ihrem Geiste eine Kost zuzuführen, die keine Knochen und keinFleisch bildet,so daß sie schließlich eiendlich geistig verkümmern. Ist das nicht eine Versündigung?

Die Schuld dieser saft- und kraftlosen Blätter ist es auch zumeist in unserer Zeit, wo alles liest, wenn aus dem altehrwürdigen Weihnachts- feft ein Kirmesgedudel wird."

„Kirmesgedudel" fiel der Klaus ein, „das ist das richtige Wort. In meiner Heimath ließ der Hausvater in der hl. Nacht ein Licht brennen, zum Andenken an das Licht, welches in dieser Nacht in die Welt gekommen ist. Heute strahlen auch Lichter, aber nicht blos am Weihnachts­baum, sondern im Ballsaal. Daß am zweiten Weihnachtstage Bälle abgehalten werden, ist schon ganz allgemein, trotz der stillen Zeit."

Ich erwiderte darauf: „Das Weihnüchtsfest ist so recht das Fest, welches die Geister scheidet. Da kann man die Familien kennen lernen, in denen die Mutter noch auf christliche Zucht hält, wo die Kinder im Glauben und in der Liebe zum Jesuskinde groß gezogen werden. Hier

scheidet sich Christ und Nichtchrist, hier erkennt man die, welche das „Friede den Menschen auf Erden" glücklich hinnehmen. Wo die Menschen nicht „guten Willens sind", da kann der Wunsch der Engel nicht in Erfüllung gehen. Gebe es Gott, daß die Menschheit dem Rufe der Engel folgen lernt, den Weg zur Krippe zurückfindet, wir dürften sonst einer bösen Zukunft entgegen* gehen. Wo man sich nicht beugen will unter den Segen, da wird der Fluch um so schwerer lasten.

Allmählich sank die Sonne hernieder und die WaldhütSleute empfahlen sich. Noch lange hörte der Waldbruder den kleinen Fränzel auf seiner Trompete blasen.

Hanna.

Erzählung von Evcline Petrovits.

------ (Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Da kam ein Tag, an welchem Franz traurig gegen das Häuschen hinabschritt, nm seine Freundin wohnte. Er fand sie rückwärts im Garten, wie sie welke Blätter von den Astern zupfte.

„Hanna", sprach er dumpf, „Was ich fürchtete, wovon ich Dir nicht gesprochen habe, um Dich nicht zu beunruhigen, es ist eingetreten; mein Vater ist in die Stadt, nach B., versetzt, und feine Familie muß ihm folgen. Wir müssen scheiden; Hanna, wirst Du Deinen Freund nicht vergessen?"

Hanna sah vor sich hin, unverwandt, die Blumen und die Bäume zitterten vor ihr; wie flüssige Gluth trat es ihr in die Augen. Nur wenige Tropfen perlten auf die Astern hinab, die sie in der Hand hi-lt, dann suchte sie sich gewaltsam dem lähmenden Schmerze zu entreißen.

„Es wird so leer hier sein ohne Euch!" sprach sie traurig. „Wie schön wäre es, wenn Ihr mein Bruder wäret, da könntet Ihr immer bei mir bleiben, und wir würden zusammen für die gute Mutter arbeiten."

„Hanna! Immer bei Dir bleiben. Kann Dein Freund nicht wiederkommen eines Tages und Dich bitten: folge mir nach zum Altäre Gottes, wo wir uns mehr werden sollen, als was Bruder und Schwester einander sind?"

Hanna weinte, die Thränen erschütterten sie und erstickten sie fast.----—

Jahre sind vergangen. Hanna wohnt allein in dem Häuschen am Waldesrande. Ihre gute Mutter hat ein stilles Plätzchen im Dorfkirchhofe gefunden. Ach, mit der Matter hat man für sie fo viel zu Grabe getragen: Die liebe Gestalt, die ihr fo traut, fo theuer war, ein Herz voll un­begrenzter Treue und dann etwas, was auch un­schätzbar köstlich gewesen — Hannas frischen, fröhlichen, hoffnungsvoll kindlichen Sinn! Von dem Augenblicke an, als sie allein in das Hütt­chen zurückkehrte, war sie ein Schatten von früher. Jetzt verkehrte sie nicht mehr durch ihre Mutter mit der Welt, sie war allein und erst zwanzig Jahre alt. Bis dahin hatte sie kaum etwas ge­ahnt von den Leidenschaften, welche die Welt be­wegen; nun wurde der Schleier unbarmherzig von ihren Augen gerissen. O, es war ein süßer, fünfter Schmerz gewesen, mit dem sie an der Mutter Seite auf den fernen Freund gewartet, um ihn gebangt, und den sie manchmal als tobt beweint hatte! Ihr war's oft gewesen, als flöge seine Seele in Gestalt einer weißen Taube zum Himmel. Daß er ihr anders ge­storben sein könnte, der Gedanke senkte sich erst dann wie ein Dolch in ihr Herz, als sie erfuhr, was Untreue ist. Sie weinte viel in einsamen Stunden; aber mit den Thränen schmolz alle Bitterkeit aus ihrem edlen, weichen Herzen. Sie blieb das thatige Flickhannchen, dabei half sie da und dort mit Krankenwachen und Kinderhüten. Wie sie mit den Jahren Erfahrung sammelte, schloß sie mit dem weichen, goldenen Faden ihrer Trostesrede inanchen Riß in leidenden Herzen.

Die Zeit verstrich. Ihr leuchtendes Haar wurde matter und endlich grau. Ihre Seele war still und wunschlos geworden, und es kehrte der Friede ihrer Jugendjahre wieder darin ein. Selbst jetzt hatte sie noch nicht aufgehört, für Franz zu beten.

Eines Abends saß sie wie gewöhnlich auf dem Bänkchen vor dem Hause. Ihre emsigen Finger wanden einen Strauß. Morgen war Kindstaufschmaus bei der Nachbarin, und da sollten die Blumen in der Mitte des Tisches prangen. Sie erhob sich und ging zur Hecke, die von weißen Blüthenglocken schimmerten, um einige Stämmlein zu brechen.

Da kam auf dem Wege vom Walde her ein gebeugter, müder Wanderer. Er ging mühsam, blieb oft stehen und sah wie suchend vor sich und seitwärts. Jetzt war er ganz nahe. Als er die Frau mit den grauen Scheiteln und den sanften Gesichtszügen inmitten der jungen, schimmernden Blüthen erblickte, strich er die Stirne, als wollte er einen Schleier, der dort über feiner Erinnerung lag, fortftreifen.

Die Frau sah auf mit klaren, ruhigen Augen „Hanna!" Wie ein Aufschrei, wie Schluchzen kam es von des Mannes Sippen. „Unter Tau­senden hätt' ich Dich erkannt!"

„Ich wußte es, mein Freund würde wieder­kommen."

Sie streckte ihm beide Hände entgegen und führte ihn ins Gärtchen, mitleidig auf fein blasses, von Leid und Gram mehr, als von Alter ge­furchtes Antlitz blickend.

„Nein, nein," flüsterte Franz, „ich verdiene es nicht, nenn’ mich nicht so. Hanna, o Hanna, wäre ich Dein Freund geblieben. Dein Gatte ge­worden!"

Sie fragte nichts. Zu dem bequemsten Bänkchen im Garten führte sie ihn hin, dann brachte sie Wein, Butter und Brot.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Hanna, das Wort Dank ist ein leerer Schall."

Er aß und trank, und feine Augen schwammen in Thränen. Sie fügte Blume an Blume zu dem begonnenen Strauße. Es dämmerte. Der Abendstern stieg leuchtend über dem Walde aus, und ein Vöglein über ihnen fang leise, halb träumend fein Nachtlied.

„Das ist der Friede wieder," begann Franz, „der süße Friede, wie ich ihn hier, wie ich ihn in Deiner Nähe stets empfand. — Drinnen in der Stadt war's anders; dort war auch ich ein anderer. Ich arbeitete wenig, und dem Vergnügen warf ich mich lachend in die Arme. Auf einem Balle lernte ich eine junge Gräfin, Edith, kennen."

Er hielt inne und rang nach Athem.

„Du brichst Dein Brot mit mir, Hanna, und solltest mich hinausweifen, mit Hunden hinaus­jagen. --Dir, der vertrauenden Unschuld,

hab' ich mein Wort gegeben, und Edith sprach ich von Liebe. Ich war bethört, wahnsinnig, ich bethörte auch sie. Ihre Eltern wollten die Ver­bindung nicht zugeben, wir erzwangen sie durch Flucht und machten zwei Väter und zwei Mütter unglücklich. In einem Taumel, wie berauscht, fuhr ich mit ihr über das Meer. Drüben in Nordamerikas Athmosphäre der Berechnung und der Nüchternheit fühlten wir uns ruhig und kühl. Ich harte mein väterliches Erbtheil verscherzt und mußte hart um das tägliche Brod arbeiten. Edith, der Grafentochter, war es unerträglich eng und öde in der ärmlichen, glanzlosen, ver­borgenen, bürgerlichen Existenz. So schleppten sich einige Jahre in Unzufriedenheit und Uneinig­keit dahin.

Eines Tages war Edith verschwunden. Ich wußte es seit langem, daß sie den Weg der Un­treue betreten, nun hatte sie den letzten Schritt auf dieser abschüssigen Bahn gethan. Ich stand allein, und um meinen inneren Kampf zu über» tauben, stürzte ich mich in den Strudel des auf­regenden amerikanischen Erwerbslebens. Ich war tollkühn in meinen Unternehmungen, erwarb fabel­hafte Summen, dann verlor ich und war ein bettelarmer Mann. Wie oft sich dieses wahn­sinnige Spiel erneuerte, ich weiß es nicht, ich bin darüber alt geworden. Und als ich wieder ein­mal mit leeren Händen dastand, war ich körper­lich und geistig W müde, zu gebrochen, um von neuem zu beginnen. Ich lag krank und einsam in der großen, tosenden Stadt. Da zogen die Bilder meiner Jugend an mir vorbei: unser Dörfchen, das Gewitter, als ich im Bretterhäuschen Dein Freund geworden, dann der Abschied im Garten bei den Astern. Noch einmal diesen Garten betreten, bei Hanna um Verzeihung flehen, bann will ich ruhig sterben — so rief’« in meinem Herzen. Ich habe meine letzten Ersparnisse der Reise geopfert, jetzt stehe ich in diesem Gärtchen --Hanna! —"

„Mein Freund," sprach sie tiefbewegt, der Mondstrahl umfloß sie mit silbernem Lichte, „dies Herz weint mit Dir. Ich habe Dich nie vergeffen, ich habe Dir nie gegrollt; Gott, zu dem ich täglich für Dich flehte, weiß es."

Ein heftiges Zittern überfiel den alten Mann, er weinte wie ein Kind. Dann schüttelte ihn ein hohler, heiserer Husten, und sein Kopf fiel kraftlos zurück. Hanna erhob sich erschrocken, um ihn zu unterstützen.

„Gute Hanna, laß', es wird bald vorbei sein!"

Und es war bald vorbei. Als Hanna am nächsten Morgen vergeblich auf das Erscheinen des Gastes wartete, pochte sie gegen Mittag an die Thüre seines Schlafkämmerleins — keine Antwort; noch einmal; alles still. Sie öffnete — im Lehnstuhle beim Fenster lag der alte Mann zurückgesunken, ganz still und regungslos mit schlaff herabhängenden Armen. Er war gar nicht zu Bett gegangen, und während er die schöne, friedliche Nacht Über dem heimathlichen Dörfchen bewunderte, hatte ihm der Friedens­engel die müden Augen für immer geschloffen. Hanna legte zart die Sippen an feine kalte, weiße Stirne. Dann kniete sie bei ihm nieder: „Herr, i vergib uns unsere Schuld! Dein Wille geschehe! | Amen."