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-Erscheint täglich, M. Ausnahme der Sonn« und Feier­tage. Bierteljährl.

Kerugspreis ohneBringerlohn und Bestellgeld in 'Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

KuldaeeMZeitung

Inserate: Die em- spalt. Garmond» zeite oder deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechen». Rabatt gewährt.

verantwortlich: Für die Redaktion Jos. 8a-«, für Inserate I. parzeller in Fnlda.

mit Nnlerhattungs-Meikage „Mustrirte Sonntags-Zeitung" petersgage llr. 2 (Harmonie).

M 294.

Juiocr, Samstag, Den 24. Dezember 1898.

25. JüMgMtt.

Woche»-Rundschau.

(Rachdruek verbaten.)

X Fulda, 24. Dezember.

So kurz wie dies Mal ist der erste Theil einer Reichstagssession noch nie gewesen: blos 6 Sitzungen hat der Reichstag gehalten, dann ging er schon in die Weihnachtsferien; und von diesen sechs, von denen zwei auf die Eröffnung und die Vorstandswahl fielen, waren nur vier eigentlicher Arbeit, der ersten Le­sung des Etats, gewidmet. Das ist ein un­günstiger Anfang, der die ganze folgende Session mit einem Uebermaß von Arbeit belastet und den Reichs­boten noch oft genug sich empfindlich fühlbar machen wird. Von freisinnigen und sozialdemokratischen Red­nern wurde in der Etatsberathung denn auch scharf 4>ie Rücksichtslosigkeit gerügt, die in der verspäteten, und dann auch noch den Abgeordneten so knapp vor dem Zusammentritt erst mitgetheilten Berufung dem Reichstage gegenüber liegt.

Aus der ersten Etatsberathung, die bei der Ab­wendung der letzten Rundschau noch nicht beendet war, sind noch zu erwähnen die Reden der Abgg. Bcbel und Lieber. Ersterer sprach mit dem ganzen Fana­tismus und der Leidenschaftlichkeit, deren dieser sozial­demokratische Führer fähig ist. lieber zwei Stunden hindurch ließ er das ganze politische Leben Revue Passiven und übte schärfste Kritik an so manchen Er­scheinungen der heutigen Zeit. Gar Manches, was er sagte, fand Zustimmung nicht nur bei seinen Partei­genossen, wenn auch in anderer Hinsicht feine Kritik öfters weit über das Ziel hinausschoß. Was er über das erschreckende Anwachsen der Militärforderungen zu Wasser wie zu Lande sagte, war leider nur zu richtig. Daß unter solchen Umständen der sozialistische Führer scharf gegen die Militärvorlage zu Felde zog, läßt sich denken. Vom Centrum meinte er, das­selbe sei jetzt so militärfreundlich und bewilligungs­lustig, wie die Nationalliberalen; die Militärvorlage werde es bewilligen, aber auch auf der schiefen Ebene hinabgleiten, wie die Nationalliberalen. Darauf er­widerte ihm der Abg. Dr. Lieber, diese Prophe­zeiung werde das Centrum zu Schanden machen, wie es die Prophezeiungen seiner Gegner, die seinen Zer­fall vorausgesagt, stets zu Schanden gemacht habe. Wie der Abg. Fritzen aber, so vermied auch er es, irgendwie die Stellung der Fraktion zu der Militär­vorlage anzudeuten. Das Centrum werde die Vor­lage genau prüfen, und dann erst Stellung zu der­selben nehmen.

Auch über die Zuchthausvorlage, welche die Ar­beiter aller Parteien wegen der befürchteten Beschrän­kung des Koalitionsrechtes beunruhigt, und über die alle übrigen Redner sich geäußert hatten, schwieg Herr Lieber ebenso sich aus, wie der Abg. Fritzen. Hoffent­lich ist das kein ungünstiges Zeichen für die spätere Stellungnahme der Partei zu der Vorlage.

Die Etatsberathung nahm im Allgemeinen einen sehr schleppenden Verlauf, nicht wie sonst, und man ist deshalb auch in allen Parteien von derselben nicht so recht befriedigt. Das war auch hauptsächlich der Grund, weßhalb vom Centrum und den Sozialdemo­kraten noch zweite Redner sprachen. Auch andere hätten das noch gerne gethan, wenn sie nicht durch den Schluß der Debatte daran gehindert worden wären. Die Regierung allein hat Grund, mit der Berathung zufrieden zu sein, denn noch bei keiner wohl ist sie so gut weggekommen. Ihre Aufstellung des Etats ist kaum bemängelt worden, und aus den freisinnigen und sozialdemokratischen Angriffen auf ihre Politik macht sie sich nicht viel, weil sie einer Mehrheit für ihre Forderungen sicher zu fein glaubt.

Des Sohnes Derwachtniß.

(Schluß.)

„Dieses Zimmer scheint mir aber zu feucht zu fein, besonders für einen Kranken," bemeikle Frau von Verriers.

„Ja freilich, gnädige Frau," war die Ant­wort, „aber wir haben keine Wahl, man bat uns diese Wohnung ziemlich billig überlassen, damit die Wände eher trocken wurden, wir find aber Alle davon krank geworden, besonders mein armer Mann."

„Und ich hatte so nötbig zu arbeiten," sagte der Kranke, „ich bin ein Lampenmacher und tm Winter haben wir am Meisten zu thun, ich könnte einen sehr guten Lohn verdienen, wenn ich nicht ans Bett gefesselt wäre."

„Und Sw, gute Frau, können Sie schon wieder arbeiten?"

„Das ist noch nicht viel, gnädige Frau; — ich halte eine so schöne Kundschaft an einer Ge­schäftsfrau, die mir immer Arbeit gab. Die Krankheit kam aber dazwischen und die Arbeit wurde zurückgeholt. Dort unser armer Junge mußte seine Arbeit verlassen, um uns zu pflegen, als wir beide noch dalagen, und jetzt könnte er wieder aniangen, aber er kann keine Arbeit finden. Er ist Dachdeckerlehrling, und fitzt bei dem Schnee steigt man nicht aufs Dach."

Frau von Verriers hörte zu, wurde nach- denkend, und ihr Herz wurde von Mitleid er­griffen. Sie bewunderte diese armen Leute, die so viel litten und sich so ruhig beklagten.

In den Etats-Debatten wurden auch Gerüchte er­wähnt, die von neuen Marineforderungen sprachen, denen allerdings der Reichskanzler sich widersetzt habe, und die dann auch für den Augenblick fallen gelassen worden seien. Das Organ des Reichskanzlers brachte dann nachträglich eine Erklärung, daß neue Marine­pläne nicht beabsichtigt seien. Auf derartige Erklär­ungen kann man aber nicht viel geben, da sich schon oft genug gezeigt hat, daß sie den augenblicklichen Verhältnissen angepaßt werden, für spätere Vorgänge aber in keiner Weise bindend sind. Im vorigen Jahre, als es sich darum handelte, die Marinevorlage durch­zubringen, wurde geleugnet, daß eine Heeresvermehr- ung beabsichtigt sei, und jetzt — wird eine Vermeh­rung von 28 000 Mann gefordert < Um diese For­derung nicht unnöthigerweise zu gefährden, leugnet man eben, daß neue Marinepläne beständen. Im nächsten Jahre jedoch wird's wahrscheinlich anders lauten. Tann nützen alle Berufungen auf frühere, entgegengesetzte Erklärungen nichts. So wachsen die Militärlasten von Jahr zu Jahr in's Ungemessene, und wenn eines Tages ein wirthschaftlicher Rückschlag kommt, ist der Krach da. Daran aber denkt man gar nicht.

In Oesterreich-Ungaru sind fortgesetzt parlamen­tarische Skandale an der Tagesordnung, abwechselnd bald in Wien, bald in Pest, gleichsam als ob die beiderseitigen Volksvertretungen einander den Rang ablaufen wollten. An die Erledigung der dringenden Vorlagen, wie z. B. des provisorischen Ausgleiches, der vor dem 1. Januar in irgend einer Weise zu Stande kommen muß, denkt matt dabei gar nicht. In Oesterreich muß er aller Wahrscheinlichkeit nach auf Grund des für solche Fälle vorgesehenen Paragraphen 14 des Staatsgrundgesetzes durch kaiserliche Verord­nung in Kraft gesetzt werden, da eine parlamentarische Erledigung kaum mehr möglich ist. Wie es in Un­garn gehen wird, ist in diesem Augenblicke noch nicht abzusehen, da das Abgeordnetenhaus in Folge der vorgekommenen Lärmszenen und des Rücktritts seines Präsidiums auf eine Woche vertagt war und jetzt zu­nächst ein neues Präsidium wählen mußte. Die Oppo­sition ist fortgesetzt entschlossen, das Zustandekommen eines verfassungswidrigen Ausgleichs zu verhindern.

In Frankreich hat zur Veränderung die Drey- fns-Affaire dieser Tage die Deputirtenkammer wieder einmal beschäftigt. Nach dem Verlauf der Debatte muß man sich darauf gefaßt machen, daß in der Sache möglicherweise wieder eine überraschende Wendung eintritt. Auf eine Anfrage erklärten näm­lich der Kriegsminister und der Ministerpräsident, daß sie das vielgenannte „geheime Aktenbündel", das in der Angelegenheit die Hauptrolle fpielt, weil es die Schuld des Dreyfus unwiderleglich beweisen soll, dem Kassationshof, der mit seiner Untersuchung immer noch nicht zu Ende gekommen ist, nur dann vorlegen könnten, wenn derselbe es streng geheim halte und dem Ver- theidiger des Dreyfus keine Einsicht in dasselbe ge­statte ; denn, so sagen sie, die Papiere seien so wichtig, daß, wenn deren Inhalt bekannt würde, dadurch die Sicherheit des Staates gefährdet werden könnte. Und die Kammer hat mit großer Mehrheit die Erklärung des Ministers gutgeueißen. Nun könnte ja der Kassa­tionshof, auch ohne Keuntniß von den geheimen Akten­stücken zu haben, das Urtheil gegen Dreysus aufheben. Dieser wäre dann zwar freigesprochen, aber damit die Frage seiner Schuld ober Unschuld nicht entschieden. Das würde natürlich seinen Vertheidigeru nicht ge­nügen, und diese sind deshalb außer sich über bie neueste Haltung ber Regierung. Die Antisemiten anbererseits brohen mit einem Aufstande, wenn ber Kassationshof bas Urtheil gegen Dreyfus aufhebe. So steht augenblicklich die Sache. Wie sie nach 8 Tagen stehen wirb — wer kann es sagen?

Die Anti-Auarchisteukoiiferenz in Rom, bie mit so großem Geräusch ins Werk gesetzt worben unb nun schon feit Wochen hinter verschlossenen Thüren tagte, hat, was vorauszuseheu war, geenbet wie bas „Horn-

Sie liebkoste die Kinder, die aufgestanden waren, um sie zu betrachten.

Plötzlich legte daZ kleine Mädchen sein Ge­sicht, auf die Hand der liebkofenden Dame und fing an zu meinen.

„Was ist Dir, mein Kind?" sagte die Dame, „sag' es mir, Kind, was macht Dich traurig?"

Sie beugte sich zu der Kleinen und tiefe flüsterte ihr leise ins Ohr: „Wir sind so hungrig."

„O Gott! Hunger hast Du! und ich dachte nicht einmal daran," rief die Dame, „hole doch rasch Brod, Milch, Fleisch. “

Hiermit gab sie dem ältesten Sohne ein Geld­stück, während bie arme Fcau sich eine Thräne abwischte und gerührt sagte: „Der liebe Gott hat Sie gesandt, gnädige Frau, wir haben seit gestern Mittag gar nichts mehr gegessen."

„Und der arme Kranke dort?"

„Ach, ich habe noch etwas Brodsuppe, die ich für ihn ausbewahrt habe, — aber sie ist kalt, und wir können kein Feuer anmachen."

„Nun so hole rasch auch Holz ober Kohlen, ober was Ihr wollt."

Der Knabe gehorchte unb flog die Treppe hinab.

Zum ersten Male in ihrem Leben gewann Frau von Verriers einmal einen tieferen Einblick in das Leben des Armen; sie bekam einen Be­griff von diesem elenden Dasein, das mit vielen Schweißtropfen erkauft, oft von kurzer Dauer ist, dem oft noch größere Noth und Entbehrung folgen. Mit furchtbarer Wahrheit stand vor ihr das Wort: „Mit dem, was wir oft unnütz, bloß zum Ver-

berger Schießen", es ist nichts erreicht worben. Wenn jemals, so ist hier' zugetroffen: „so viel Köpfe, so viel Sinne." Wo so verschiebenartige, unb so weit aus- einanbergehenbe Auffassungen unb Ansichten gerade in Bezug auf bie zur Berathung stehende Angelegenheit vertreten sind, wie es auf dieser Konferenz der Fall war, war eine Einigung in den wichtigsten Punkten von vornherein ausgeschlossen. Wie können Staaten mit freiheitlicher Gesetzgebung, wie England, Frank­reich, Belgien und die Schweiz, sich mit Polizeistaaten wie Preußen und Rußland, über ein Vorgehen gegen bie Anarchisten einigen ?! Viel richtiger wäre es ge­wesen, den Versuch gar nicht erst zu machen.

L Neue Verlegenheiten in Oester­reich-Ungarn.

Leider reißen die Verlegenheiten bei unseren Freunden in Oesterreich ja gar nicht mehr ab. Aber da es unsere besten Freunde sind, um bie es sich hanbelt, roibmen wir ihnen stets von neuem unsere Aufmerksamkeit, unb namentlich bann, wenn etwas besonberes im Anzuge ist. Jetzt könnte es sein, daß in beiden Reichs­hälften gleichzeitig die Ministerpräsi­denten zurücktreten; und das wäre ja selbst für die sturmerprobten Freunde in Oesterreich ein ungewöhnliches Ereigniß.

Daß Baron Banffy, der leitende un- garische Minister nicht mehr fest im Sattel sitzt, ist ja nichts Neues mehr. Aber neu ist, daß nunmehr auch die ungarischen Politiker, die von ber liberalen Regierungspartei sich losgesagt haben, auf ben Standpunkt der Opposition sich stellen und unmittelbar ben Rücktritt des Baron Banffy verlangen. Desiber Szilagyi, bisher eines ber angesehensten Mitglieder der liberalen Regierungspartei und Präsident des Abgeo d- netenhauses, hat an seine Wähler im Bezirke Preßburg ein offenes Schreiben gerichtet, in dem er zwar den parlamentarischen Streik der Oppo­sition verurtheilt, worin er aber auf der anderen Seite ganz rückhaltslos mit der Opposition zu der Ansicht sich bekennt, daß nur durch den Rücktritt des Barons Banffy ein Aus­weg aus den gegenwärtigen Wirren in Ungarn gefunden werden kann. Die gefammte Opposition ist einig in dieser Forderung, einschließlich der katholischen Volkspartei; und wenn sich nun so angesehene Leute unter den Liberalen wie Destder Szilagyi auf denselben Standpunkt stellen, so wird ein längeres Regieren des Baron Banffy nach und nach von selbst zur Unmöglichkeit.

An einen Rücktritt des Grafen Thun in Oesterreich hat man im Ernste bisher noch nicht gedacht. Auch wäre nicht einzusehen, warum Graf Thun gerade jetzt vor Stürmen im Innern weichen sollte. Denn im allgemeinen geht jetzt alles in Oesterreich ziemlich ruhig zu, unb wenn auch Herr Schönerer unb seine Spießgesellen Wolf unb Jro, unb wie sie sonst heißen mögen, roieber einmal eine ihrer Rüpel-Komödien im österreichischen Abgeorbnetenhause aufführen, so hat bas für bas allgemeine Ganze doch wenig ober nichts zu bedeuten. Aber es scheint, als sei des Grafen Thun Ministerseffel von außen her so stark erschüttert worden, daß es sehr die Frage ist, ob er wieder zum festen Sitze gelangen wird. Seine Aeußerungen im österreichischen Ab­geordnetenhause über die Ausweisungen öster­reichischer Untertbanen aus Preußen scheinen ihm

gnügen ober aus Saune ausgeben, könnte man Tausenbe solcher Unglücklichen nähren und kleiden!"

Bald kam Ludwig zurück; er brachte Holz unb Nahrungsmittel. Und wie nun die arme Familie gleichsam neu auflebte in dieser Wohlihat, fühlte auch die vornehme Dame neue Kraft zum Leben und Wohlthun in ihrem Herzen erwachen. Während sie um sich schaute, fielen ihre Augen auf das Buch, welches der älteste Knabe gelesen hatte, als sie eintrat. Es war ein kleines Büchlein, ber Titel lautete: „50 schöne Sprüche." lieber bem Titel aber sah sie bie folgenden zierlichen, mit fester Hand geschriebenen Worte:

„Dem Ludwig Desport zum Andenken an feinen

Armand von Verriers.

Bete für mich!"

Das hatte ihr Sohn geschrieben!

Sie traute ihren Augen kaum. — Bleich, mit zitternden Händen hielt sie das Buch, betrachtete diese bekannten Züge, diesen theuren Namen und fragte daher Ludwig: „Mein guter Junge, wer hat Dir doch dieses Buch gegeben ?“

„Ein Herr im Patronat, wohin ich alle Abende ging!" war die Antwort.

„Der Herr, welcher Dir dieses Büchlein gegeben hat, kam auch ins Patronat?" fragte Frau von Verriers mit Thronen in den Augen.

„Gewiß! Anfangs kam er alle 14 Tage nur einmal, bann immer.“

„Unb biefer Herr hat Dir auch Stunden ge­geben, Ludwig?" fragte Frau von Verriers.

„Ja, gnädige Frau, von ihm habe ich das

in Berlin in höherem Maße übel genommen wor­den zu fein, als es zuerst den Anschein hatte, und man vermuthet, daß die Sache auch am letzten Samstag in der langen Audienz noch nicht beglichen worden ist, die Herr v. Szögenyi-Marich', der österreichische Botschafter in Berlin, beim Kaiser in Potsdam hatte. Man spricht viel­mehr davon, bie Folge bavon bald ein Personen­wechsel an einer leitenden Stelle in Oesterreich fein dürfte. Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Gulochowski, hat alsbald durch ein halbamtliches Wiener Blatt bie Welt errathen lassen, baß Graf Thun mit feinen Aeußerungen über bie Ausweisungen vorgegangen ist, ohne vorher seine Ministerkollegen um ihre Ansicht darüber zu befragen. Also fällt auch dem Grafen Thun allein die Verantwortung dafür zu. Und wenn der rasende See fein Opfer haben muß, so kann dies auch nur Graf Thun allein sein.

Wenn Graf Thun gehen sollte, so braucht man ihm keine Thräne nachzuweinen. Gewiß muß man gerechterweife anerkennen, baß bie Verhält­nisse, in bie er hineinkam, ganz entsetzlich waren und darum das Werk, das er zu vollbringen hatte, ein ganz besonders schwieriges war. Aber Graf Thun ist sich selbst untreu geworden, und er hat das nicht gehalten, was er am 21. März ds. Js. zu Beginn einer neuen Tagung des österreichischen Reichsrathes in seiner Programm- Erklärung versprochen hatte. In unbegreiflichem Zögern unb Schwanken hat er, statt selbst zu handeln, bie Ereignisse an sich heran kommen lassen, bis sie ihm über ben Kopf gewachsen finb; und leider muß man vom Grafen Thun heute sagen, daß er genau so wie sein Vorgänger Graf Baden» Schiffbruch gelitten hat. Nur hat er sich nicht so ungebührlich betragen wie jener, als er seine Niederlage erkannte.

Also um den Grasen Thun braucht man nicht zu trauern, wenn er etwa denselben Weg gehen sollte, den nach dem Grafen Taaffe nun schon mehrere österreichische Ministerpräsidenten so schnell hinter einander gegangen finb. Denn Graf Thun bürste ohne befonbere Schwierigkeiten zu ersetzen fein. Die Frage ist nur, ob es ber Volksthüm- lichkeit bes beutsch-österreichischen Bünd­nisses in Oesterreich Vorschub leisten würde, wenn dort die Meinung sich festsctzen sollte, daß Gras Thun durch Einflüsse von Berlin her zu Falle gebracht worden fei.

Nur eine Thatsache bleibt ohne Frage bestehen: dieses Jahr schließt, ohne unseren Freunden in Oesterreich die so lange schon ersehnte politische Klärung gebracht zu haben. Möge die politische Sonne von 1899 ihnen nun endlich freundlicher scheinen.

Deutsches R^ch»

Berlin, 23. Dezember.

-fi. Ein Berliner freisinniges Blatt, ,das Ber­liner Tageblatt', veröffentlicht eine interessante Aeußerung des Kladderadatsch-Redakteurs Ernst Dohm über ben Iürke» IttsmarK. Dohm war häufig Tischgast bei bem Kanzler, bis er bann burch einen bissigen Scherz im Kladberadatsch nicht nur bei biefem in Ungnabe fiel, fonbern sogar wegen „Bismarck-Beleibigung" mit bem Gesängniß Bekanntschaft machen mußte. Als

Rechnen gelernt; biefer gute Herr hat mich auch auf meine erste hl. Kommunion helfen vorbereiten. O, er war ein lieber Herr, er betete in ber Kirche so andächtig, so etwas muß man sehen. Er ist bei Metz gefallen, das hat uns sehr leid gethan . . . Wir haben zusammen für ihn oft gebetet, wir haben alle gemeint . . . Das Buch hat er mir vor feiner Abreise gegeben."

Frau von Verriers konnte sich nicht mehr halten.

So hatte also ihr Sohn seine Abende zuge­bracht, so hatte er sein Geld verwendet, das sie im Spiel verloren glaubte! Sie weinte laut.

„Kannten Sie vielleicht diesen jungen Herrn, gnädige Frau?" fragte Frau Desport schüchtern.

„Ach! es war mein Sohn!" rief Frau von Verriers aus.

Und die Thränen des armen Weibes vereinigten sich mit denen der reichen Mutter.

„Ec hat unserem Ludwig sehr viel Gutes gethan!" sagte die Arme.

Frau von Verriers drückte ihr die Hand. „Und ich will ganz für Ludwig sorgen," sagte sie, „er ist ein Vermächtniß, das mein Sohn mir gemacht hat." —

Rasch verabschiedete sie sich. Sobald sie zu Hause angekommen war, schloß ft£ sich in ihr Zimmer ein, nahm das Bild ihres Sohnes herab und bedeckte es mit Thränen. Das also waren bie vermeintlichen Spielabende, dahin war bas Geld geflossen, bas sie ihm gegeben hatte!

Sie wußte wohl, daß er strenge, christliche Grunbsätze habe und diesen gemäß auch lebe; — aber sie hatte nichts davon gewußt und war nie