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JuLöa, Dienstag, den 20. Dezember 1898.
25. Jahrgang.
£ Die Handwerkskammern.
Gemäß dem Handwerkerschutz - Gesetz vom 26. Juli 1897 werden demnächst im deutschen Reiche Handwerkskammern „zur Vertretung der Interessen des Handwerks" für die einzelnen Bezirke (Provinz, Regierungsbezirk) durch die Landes-Centralbehörden errichtet. Ihre Errichtung hängt nicht vom Belieben der Handwerker ab. Wahlberechtigt sind in erster Linie die Innungen des Bezirks, dann die Gewerbe vereine und sonstigen Vereinigungen zur Förderung des Handwerks, deren Mitglieder mindestens zur Hälfte dem Handwerk angehören. Nur die Handwerker können sich an der Wahl betheiligen.
In den Handwerkskammern erhält das Handwerk endlich eine geordnete gesetzliche Vertretung gegenüber der Gesetzgebung und Verwaltung des Staates zur Aeußerung seiner Klagen und Wünsche. In den Berathungen, Berichten und Erhebungen derselben werden die Noth, die Mißstände und die Mängel im Handwerk klargelegt, es werden die Vorschläge zur Besserung und Abhilfe sachkundig, mit Verständ- niß und Herz erörtert und geklärt; die Stimme des Handwerks kann sich wirksamer bei den Behörden und gesetzgebenden Körperschaften geltend machen.
Außerdem aber haben die Handwerkskammern als Selbstverwaltungsorgane noch weitere wichtige Rechte, insbesondere bezüglich des Lehrlings- wesens. Sie erlassen die allgemeinen Vorschriften zur Regelung des Lehrlingswesens und überwachen die Innehaltung derselben durch „Beauftragte". Nur innerhalb des Rahmens dieser allgemeinen Vorschriften kann die Innung ihre Vorschriften geben. Für diejenigen Gewerbe, für welche von den Handwerkern keine Innungen errichtet sind, macht also die Handwerkskammer allein die Vorschriften und kontrollirt dieselben. Vielleicht bestimmt das manchen Handwerker, dann doch lieber eine Innung zu gründen, um die Angelegenheiten des Lehrlingswesens selbst mit zu regeln.
Ferner kann die Handwerkskammer durch Errichtung von Fachschulen, durch Einrichtung von Bibliotheken, von Ausstellungen, Museen, Gewerbehallen rc.. durch Sammlung von Modellen, Zeichnungen, die auch den einzelnen Städten resp. Innungen zur Verfügung gestellt werden können, selbst durch Einrichtungen von Muster-Werkstätten mit den besten Arbeitswerkzeugen, -Methoden usw. für die Hebung des Handwerks thätig sein. Es wird Aufgabe und Pflicht des Staates fein, durch reichliche Zuschüsse diese Unternehmungen zu unterstützen.
Eine besonders dankbare Aufgabe erwächst der Handwerkskammer zuletzt in der Förderung des Genossenschaftswesens (Kredit-, Rohstoff- und Magazin- rc. Genossenschaften). Der Staat soll diese Bestrebungen nach Vorbild der preußischen Central-Genossenschaftskasse wirksam unterstützen.
Durch die obligatorisch eingeführten Handwerkskammern, welche das ganze deutsche Reich umspannen werden, kommt das Handwerk endlich in der großen Oeffentlichkeit zum Worte. Der Handel hat schon seine Handelskammern, die I Landwirthe haben die Landwirthschaftskammern |
und üben durch dieselbe auf die Gesetzgebung und Verwaltung kräftigen Einfluß aus. Die Handwerker sollen durch die Handwerkskammern ein gleiches thun, deshalb dieselben nur nicht gering schätzen. Wenn durch die jährlichen Berichte, die Protokolle der Verhandlungen, die statistischen Erhebungen und Vernehmungen der Handwerkskammern die Mißstände klargelegt, die Mittel und Wege der Abhilfe erörtert werden, so wird das seinen Eindruck nicht verfehlen. Es wird ein großer Fortschritt gemacht sein, wenn gewählte Vertrauensmänner des Handwerks und ihr Sekretär, der Beamte des Handwerks da sind, welche für die Einführung und Ausgestaltung von bewährten Veranstaltungen und Einrichtungen mit Rath und That thätig sein können. Die gesetzgebenden Faktoren, Gemeinden, Verwaltungsorgane rc. werden ihre Mitw rkung dann nicht mehr versagen können.
Nicht minder wichtig ist, daß in der Handwerkskammer sich die besten, intelligentesten, strebsamsten Elemente des Handwerkerstandeszusammenfinden werden. Das wird sich bald fühlbar machen. Sie sind nicht bloß zum Reden und Rathen, sondern auch zum Thaten berufen Die Handwerkerfrage und -Bewegung wird damit aus dem Nebel der allgemeinen Theorieen und Phrasen herausgehoben, auf den Boden des praktischen Lebens und Strebens gestellt. Auch für die Handwerkerfrage gibt es keine generelle Lösung, kein sog. „großes Mittel", vielmehr liegt die Lösung in dem systematischen Zusammenwirken einer Reihe von „kleinen" Mitteln. Diese ausfindig zu machen, alle beseitigten Faktoren zu einer freudigen Mitarbeit heranzuziehen, sie allen Theilen des Handwerks zu vermitteln, das ist die große, schwierige, aber auch dankenswerthe Aufgabe der Handwerkskammer. Vor allem müssen die Handwerker selbst aufgeklärt und zur thätigen Mitarbeit gewonnen werden; Staat und Gemeinde müssen an ihre Pflicht erinnert, ihnen die Wege der Erfüllung dieser Pflicht gezeigt werden.
Wer sich selbst nicht auf den eigenen Beinen aufrecht zu halten weiß, den kann auch keiner mehr auf die Beine bringen.
Ei« WrihmchtsbilL.
Erzählung von Eveline Petrovits.
(Nachdruck verboten.)
Silberner Nachtschimmer sinkt auf die weiße, stille Erde herab. Leise fallen die Flocken, und leise, dann immer voller, mächtiger heben die Glocken an, Weihnacht zu verkünden der harrenden Welt.
In den Kinderherzen regt sich wonnige Lust und auch von den Seelen der Erwachsenen löst sich die Last der Alltagssorgen.
Langsam, mit müdem Schritte geht ein junges Mädchen durch die weihnachtlich belebten Straßen der Stadt. Sie trägt kein Päckchen, kein erwartungsvolles Lächeln erhellt das blaffe Gesicht, sie eilt nicht heim; sie weiß ja, in ihrer dunklen, kalten Kammer wird sich kein Christbaum entzünden; es glänzt ihr dort kein fröhliches Äug', es strahlt ihr dort kein fröhliches Lächeln entgegen — keine Weihnachtskerze, keine Weihnachtslust!
Sie tritt in ein hohes Haus. Aus allen Thüren duftet es nach Wachskerzen und Pfefferkuchen. Lichterglanz dringt durch die Ritzen der Thüre und Kinderjubel tönt an des Mädchens
■. Vor ihrer Thüre ist's still und dunkel.
Eisige Kälte und Finsterniß starren ihr aus der Stube entgegen. Sie entzündet ein kleines rothes Nachtlämpchen und legt Hut und Muff auf einen Sessel. Dann setzt sie sich aus Fenster und zieht den Mantel fester um die fröstelnden Glieder.
„Feuer machen, wozu?" denkt, sie, und ein trauriges Lächeln spielt um ihre Lippen. „Hier," sie faßt krampfhaft nach dem Herzen, „hier wird's heut' doch nicht warm!" Träumend sieht sie hinab auf die drängende, hastende Menge. Ihre feuchten Augen ziehen mit schmerzlicher Lust die Lichtstrahlen ein, die von unten heraufdringen. Ein zitterndes Weh faßt ihr Herz und pocht ihr mit Thränengluth an die Stirne. Die Lichter schimmern, sie flimmern, sie tanzen, sie verschieben sich, und jetzt — ein schöner Christbaum erhebt sich vor dem träumenden Auge. Sie sieht ein frohes, kleines Mädchen, das jubelnd über den weichen Teppich zu den duftenden Aesten hineilt. Vor dem dichtbelegten Tische bleibt sie zaghaft stehen, sieht auf zu den zwei lächelnden Gesichtern, auf denen reinste, seligste Elternfreude strahlt, und, ermuthigt durch ein liebreiches Nicken, fassen die rosigen Fiugerchen erst nach den Zauberdingen, betasten, streicheln, klatschen, spielen--bis
sie, die neue Puppe umklammernd, sich still auf der blüthenweißen Decke des Bettchens falten. Die Lichter erlöschen.
„Gute Nacht, mein Liebling!" flüstert die Mutter. — — Das Mägdlein ist zur Jungfrau erblüht. Sie steht wieder unter dem Christbaume. Jetzt streichelt das warme Händchen keine Puppe mehr; es liegt bebend in der Rechten eines schönen, jungen Mannes, der zärtlich flüstert unter den grünen, knisternden Zweigen: „Meine Brant, mein Lieb', mein Alles!"
Und Mama und Papa sprechen ihren Segen dazu. Die ganze Zukunft strahlt im Weihnachtsglanz. --Wieder läuten die Christglocken.
Die junge Braut sitzt blaß, in Trauerkleidern in einem kleinen, kalten Stübchen am Krankenbett der Mutter. Ein einziges Jahr — wie viel Weh kann e8 bringen! Es riß ein glänzendes Haus nieder, stahl Geld und Gut und raubte ein theueres Leben. Wie namenlos schmerzlich für die liebende Gattin, die zärtliche Tochter, den Gatten, den Vater aus Gram über unverschuldetes Elend hinscheiden zu sehen!
Die Kranke schluchzt leise vor sich hin.
„Mama, einzige, geliebte Mama, weine nicht, es wird bald besser mit uns werden. Schau, Arthur liebt mich ja. Er ist so edel, er schreibt so schön: Mein Lieb, Du bleibst ewig mein. Nicht Dein Geld war's, was mich zu Dir hinzog, sondern Dein Selbst, Dein Ich, und das bleibt für mich stets dasselbe. Weißt Du, liebe Mama, Du kommst dann zu uns, wir pflegen und verzärteln Dich, gelt, einziges Mamachen?"
Weihnacht, Weihnacht, Thränennacht! Ist's möglich? Wäre die arme Unglückliche, die mit verständnißlosen Augen vor sich in's Leere starrt, die lebensfrohe, schöne, reiche Mutter von einst? Barsch stößt sie jetzt in dem Wahne, der das arme, von übergroßem Schmerz zerrissene Hirn umnachtet, die Tochter zurück. „Fort, fort, fort!" schrillt sie in allen Tönen. Dem Mädchen ist's, als müßt' das Herz z-rspringen. Sie faßt die Hände, das Antlitz den Körper der geliebten Verlorenen. Matt sinkt der Unglücklichen Kopf zurück, sie schläft ein. Das arme, einsame junge Wesen bricht in die Knie und wie eine Erlösung kommt ein anderer mächtiger, aber milderer Schmerz über sie, der Gedanke an Arthur. Ihr Bräutigam ist tobt. Zwei Monate schon deckt die
kalte Erde seine theuren Augen, die stolzen kräftigen Glieder. Er rettete ein Kind vor dem. Tode in den eisigen Wellen, und drei Tage darauf war er selbst eine Leiche. Das Glück, das die junge Braut erträumte, dahin, dahin!--
Und bann war's roieber Weihnacht. An drei Gräbern kniete das bleiche Mädchen. Die Flocken rieselten leis und dicht herab. Sie konnte nicht mehr meinen, nichts mehr denken, als: „Sinkt, sinkt, sinkt, ihr Flocken, hüllt mich ein! Ich möchte schlafen, schlafen!
Aber es war noch nicht Zeit zum Schlafen, zum Ruhen. Gott tief sie in's Leben hinein und erweckte ihr Herz und Sinn zur Liebe, zur Thätigkeit für die Kinderwelt. Nicht mehr „Glück", „Pflicht" steht auf ihrem Lebensbanner. Die junge Lehrerin fand unter der fröhlichen Jugend das Lächeln wieder. Nur das Wort „Mama" schneidet ihr in's Herz, so oft es rosige Kinderlippen sprechen.---„Ehre sei Gott
in der Höhe!" Helle frische Kinderstimmen schmettern es jubelnd zur Thüre herein. Lichterglanz — ein schönes strahlendes Tannenbäumchen wird hereingeschoben, und eine Schaar lieblicher Christenglein folgt. Die Träumende schreckt auf.
„O, Kinder ihr! Meine Klaffe, welche lieber» raschung! Ich danke euch."
„Was das war doch schön; gut haben wir's gemacht? Sie sind erschrocken, Fräulein, Sie weinen ja." Carla, das kleine, drollige Schmeichelkätzchen erdrückt die junge Lehrerin fast mit Liebkosungen. „Nur aus Freude, Kinder", versichert diese und preßt die Hand an die überströmenden Augen.
„Ich wußte, daß Sie ganz allein sind am Weihnachtsabend," fährt Carla fort, „ich habe alles ausgedacht und einftubirt, es war eine Mühe, aber es ist alles gut gegangen. Aber Fräulein, liebes Fräulein, meinen Sie boch nicht so! Schauen Sie, hier ist Lebkuchen und Marzipan, ich esse beides so gern, darum müssen Sie auch viel davon haben. Und hier ist etrnas von Anna, und da, lauter, lauter Packete, o Sie roerben schon sehen. Die Namen stehen darauf."
Jetzt rnird doch Feuer gemacht. Die muntere Schaar muß bleiben. Sie wird mit Thee und den mitgebrachten Leckerbissen bewirthet. Das ist ein Kichern, Plaudern, Spielen in dem engen Stübchen! Endlich stecken die Dienstmädchen, welche die „Fräulein" abholen sollen, den Kopf zur Thüre herein.
„Ach, schon, gute Nacht, gute Nacht!"
„Sie müssen unter dem Christbaum schlafen, Fräulein, ich thu's heute natürlich auch!" ruft Carla.--
Still und dunkel ist es wieder in dem Stübchen. Lebkuchenduft und Tannenknistern durchziehen es. Das verzweifelnde Weh, die dumpfe Qual der einsamen Seele ist in stille, milde Wehmuth aufgegangen. O Frauenherz, wie unendlich leidest Du, wenn das Schicksal Dich in Deiner Liebe trifft! Aber Deine Kraft ist mächtig wie Dein Lieben, grenzenloses Weh erleidest Du geduldig, und dann hebt sich noch aus Dir Liebe, Barmherzigkeit, Mitleid, Opferbrang, Freube am Kleinen, Sinnigen — unb heilt Dich.
„Wie lieb ich bie mir anvertrauten Kinber!" benkt das junge Mädchen. „Sie lehren, erziehen, dem Vaterlande tüchtige Mädchen, edle Bräute, gute Mütter heranbilden, das soll fortan mein Glück, mein Hoffen fein. O Christbaum, Hoffnungsgrün, heute ist mir in Deiner Nähe ein süßer Trost aufgegangen.
Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe!
Peter Hombach
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