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für Inserate I. Parzeller in Fulda.

M 248.

JuLöa, Samstag, den 29. Oktober 1898.

25. Jahrgang.

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Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 29. Oktober.

Wenn diese Rückschau den Lesern zu Gesicht kommt, sind die Urwahlen vollzogen; die Wähler, soweit sie der Bedeutung des Wahlrechts sich bewußt sind und dasselbe ausübten, haben ihren Willen kundgegeben, in welcher Richtung sie für die nächsten fünf Jahre die Politik geführt, die Gesetzgebung geleitet haben wollen. Es wäre müßig, jetzt noch Betrachtungen darüber anzustellen, wie etwa die Wahlen ausfallen möchten, ob der „Zug nach Rechts" oder nach „Links" dabei stärker zum Ausdruck kommen, oder ob es bleiben wird, wie es war. Am sichersten würde man vielleicht gehen, wenn man das Letztere annähme.

Die Spannung, die zwischen dem päpstlichen Stuhle und der preußischen Negierung, lediglich durch die Schuld der letzteren, eingetreten war, scheint wieder so ziemlich behoben zu sein. Wir sagen: scheint, denn die offiziös an gekündigte Ernennung des preußischen Gesandten in Bern, Frhrn. v. Roten- han, zum Nachfolger des Herrn von Bülow ist noch nicht erfolgt. Offenbar hat man in Berlin eingefehen,

Die Derlenmderi«.

Nach einer wahren Begebenheit.

Ich war bei einem Freunde aus Besuch, bei einem Geistlichen auf dem Lande. Lange hatten wir uns nicht mehr gesehen, nun gab's viel Er­lebtes auszutauschen. Wir gingen eines Nach­mittags zusammen in's Feld hinaus spazieren; plötzlich unterbrach sich mein Freund im Plau­dern, wie wenn ihm etwas Unangenehmes ge­schehen wäre. Ich wartete einen Augenblick, dann fragte ich: „Was ist Dir denn, Kunibert?"

Er deutete blos stumm hinüber, wo eine alte Frau, deren Haare im Winde flatterten, vor einem Feldkceuz hockte und betete. Darauf fragte er mich halblaut: „Siehst Da die alte Frau dort vor dem Kreuze?"

„Ja, aber was ist dabei Auffallendes?"

„Das will ich Dir zu Hause erzählen. Frage mich jetzt nicht; die Alte hört sehr scharf."

Schweigend gingen wir neben einander dem Pfarrhause zu. Ich war sehr neugierig, von Kunibert zu erfahren, wer die Alte sei, und warum mein Freund so bleich und ernst ge­worden.

Er befriedigte bald meine Neugierde. „So oft ich jenes Weib sehe," begann er, „geht's mir durch Mark und Bein. Aus einer guten Familie entsprossen und gut erzogen, hatte sie öfters Ge­legenheit zu einer Heirath. Sie schlug jedoch alle Anträge aus und blieb zu Hause bei ihren Ge­schwistern. Dem alten Pfarrer von Bundheim starb bald die Schwester, welche ihm den Haus­halt geführt hatte. Da war guter Rath theuer.

daß die in so schroffer und auffälliger Weise vollzogene Abberufung des Herrn v. Bülow, zu der die von der preußischen Regierung vorgeschützte Ansprache des heil. Vaters keinerlei Anlaß bot, nicht nur in katholischen Kreisen einen schlechten Eindruck hervor­gerufen hat und Hervorrufen mußte, weil sie eine Beleidigung des hl. Vaters war. Deshalb suchte man durch die vorläufige Ankündigung der Ernennung eines Nachfolgers für den abberufenen Gesandten etwas zu „beschwichtigen". Wir wiederholen, was wir schon einmal hervorgehoben haben: der Vorgang war für die preußischen Katholiken sehr lehrreich, insofern er gezeigt hat, daß für die Unterhaltung eines Ge­sandten beim hl. Stuhle für die preußische Regierung in erster Linie ganz andere Gründe maßgebend find, als die Interessen der kathol. Bevölkerung.

Das deutsche Kaiserpaar hat sich auf seiner Orient­reife fünf Tage in Konstantinopel aufgehalten und ist dort sowohl seitens des Sultans, der sich in Aufmerk­samkeiten und Liebenswürdigkeiten förmlich überbot, und der türkischen Bevölkerung, wie auch namentlich seitens der ziemlich starken deutschen Kolonie außer­ordentlich gefeiert worden; eine Festlichkeit reihte sich an die andere, so daß die Zeit kaum ausreichte, um das aufgestellte Programm abzuwickeln. Wie das bei solchen Anlässen üblich, wurden auch gegenseitig Ge­schenke ausgewechselt und Orden vertheilt. Der Sultan schenkte dem Kaiser u. A. einen für diesen Zweck eigens angefertigten Teppich, der an Größe und Pracht feines Gleichen suchen soll. Von dem Kaiserbefuche in Konstantinopel verspricht man sich eine Förderung der deutschen Handelsbeziehungen nach der Türkei. Das wird wohl zutreffen und anch der hervorragendste Erfolg der Reife fein; denn in politischer Hinsicht gilt das schon in voriger Woche Gesagte: daß die Politik durch die Verhältnisse bestimmt und von den Staatsmännern gemacht wird; bei uns wenigstens. In der Türkei frellich ist der Sultan Alleinherrscher und kann schalten und walten, wie er will — soweit die europäischen Großmächte es ihm gestatten. Am Samstag den 22. ds., Nachmittags, hat das Kaiser- paar die Reise nach Palästina fortgesetzt, von einem türkischen Kriegsschiff mit großem Gefolge begleitet. Fanatische protestantische Blätter machen jetzt schon, ehe noch der Kaiser in Palästina gelandet ist, den Versuch, die Reise desselben in's hl. Land unter hämi­schen, beleidigenden Anspielungen auf die katholische Kirche zu Gunsten des Protestantismus auszubeuten. In dieser Beziehung werden diese Tage noch man­cherlei merkwürdige Erscheinungen zeitigen, auf die später zurückzukommen sein wird.

Der preußische Episkopat hat unerwartet eines seiner Mitglieder verloren: Der hochbetagte 83jährige Bischof von Osnabrück, der Hochw. Herr Bern­hard Höting, welcher auf einer Reise nach Rom begriffen war, um dort dem hl. Vater über den Stand seiner Diözese zu berichten, ward in Venedig von einer Lungenentzündung ergriffen, welcher er am 21. b. M. erlag. Seine Leiche wurde nach Osnabrück überführt und dort beigefetzt. Augenblicklich weilen zwei preu­ßische Oberhirten in Rom: Der Hochw. Bischof Ko- rum von Trier und der Hochw. Erzbischof St ad­le wski von Pofen. Beide hatten bereits Audienzen beim hl. Vater, der mit ihnen einzelne, für die preu­ßischen Katholiken gerade jetzt sehr bedeutungsvolle Fragen besprochen haben dürfte. Mit Rücksicht auf einzelne Vorgänge der jüngsten Zeit kann man es als eine besonders günstige Fügung betrachten, daß die beiden Oberhirten in Rom weilen.

In Oesterreich hat in der abgelaufenen Woche nicht der Ausgleich mit Ungarn, sondern eine andere, weit wichtigere Angelegenheit die Bevölkerung der Hauptstadt in hohe Erregung versetzt, die Pest. Wie aus anderen Ländern, waren im vorigen Jahre auch seitens der österr. Regierung einige Aerzte nach Bom­bay in Ostindien, wo damals die Pest schrecklich wüthete, zum Studium der letzteren und der Erfor-

Nach einiger Zeit erschien plötzlich Anna Birk- dois, so heißt nämlich die Alte, auf dem Pfarrhofe.

„Ich habe gehört, daß Sie eine Köchin be- nöthigen," begann sie.

„Das ist so," erwiderte der Pfarrer.

„So? Sie würden mich sehr verbinden, Herr Pastor! Wie wären Sie mit mir zufrieden? Zu Hause bin ich überflüssig, heirathen will ich nicht, und da habe ich gedacht. Ihnen meine Dienste anzubieten."

Der alte Herr war wirklich in Verlegenheit. Ihr Auftreten erschien ihm jedoch zu frei. Er bedachte sich einige Zeit, nahm eine Priese und sagte dann: „Haben Sie auch bedacht, daß Sie sich in einem geistlichen Hause viele Opfer auf- erlegen müffen? Bisher waren Sie immer im elterlichen Hause, niemals bei fremden Leuten. Es wird Ihnen schwer werden, allein und ab­gesondert von der Gemeinde zu leben."

Etwas erregt warf Anna ein: „Aber, Herr Pastor, wofür halten Sie mich denn j Wenn Sie mich nicht wollen, dann sagen Sie es nur ge­rade heraus. Sie haben gewiß Böses über mich gehört?"

„Das ist nicht der Fall," erwiderte der Pa­stor; „Sie haben mich völlig mißverstanden. Uebrigms ist es mir sehr lieb, wenn Sie Ihren Antrag zurücknehmen. Ich glaube, wir beide würden uns nicht verstehen. Mein Einkommen ist gering. Eine einfache Person paßt in mein Hauswesen. Ich danke Ihnen für Ihr freund­liches Anerbieten, kann dasselbe aber nicht an- nehmen."

schung ihrer Ursachen geschickt worden. Diese Aerzte hatten von dem Ansteckungsstoff, dem Pestbazillus, so­genannte Kulturen mitgebracht, mit denen sie im all­gemeinen Krankenhause in Wien Versuche an Thieren machten, um Entstehung und Verlauf der Seuche zu beobachten. Da plötzlich erkrankte in der vorigen Woche der Wärter, welcher die Thiere pflegte. Alsbald zeigte sich, daß er die Pest hatte, der er dann auch am vierten Tage schon erlag. Die Untersuchung ergab, daß die getroffenen Vorsichtsmaßregeln nicht genügt hatten, und die Folgen davon sollten schreckliche sein. Nach dem Wärter erkrankten auch dessen beide Pfle­gerinnen und der Arzt, der ihn behandelt hatte. Letzterer wurde am Sonntag ebenfalls von der Seuche hingerafft, während die beiden anderen Personen noch in Gefahr schweben. Mit Recht bemächtigte sich der Bevölkerung große Aufregung, als sie vernahm, mit welcher Unvorsichtigkeit mit den Versuchsthieren han- tirt worden war und wie nahe die Gefahr einer Aus­breitung der Seuche lag, die in Ostindien Hundert­tausende weggerafft hat. Jetzt natürlich, nachdem das Unglück geschehen, hat man die schärfsten Maßnahmen getroffen, die hoffen lassen, daß die Seuche nicht wcktere Opfer fordert. Es wäre in der That ein seltsames Geschick, wenn die Wissenschaft, die auf Mittel zur Ver­hütung der Pest sinnt, bei ihren bezüglichen Versuchen diese schreckliche Geißel nach Europa einschleppen würde.

Die Eröffnung der französischen Kammer hat mit ungeheuren Tumulten, Schlägereien zwischen Anti­semiten und Radikalen in der Kammer und auf der Straße begonnen und mit einer Niederlage des Mini­steriums Brisson und dem unvermeidlichen Rücktritt desselben geendet. Kaum war die Sitzung eröffnet, als der Spektakel losging, der selbstredend durch die Dreyfus-Angelegenheit hervorgerufen wurde. Die Anti­semiten ließen den Ministerpräsidenten, der die Politik des Kabinets rechtfertigen wollte, gar nicht zu Worte kommen, schrieen ihn nieder, und als dann gar der Kriegsminister, General Chanoine, ganz unerwartet erklärte, daß er zurücktrete, war die Verwirrung voll­ständig. Schließlich wurde ein Vertrauensvotum für das Kabinet Brisson abgelehnt, infolge dessen letzteres genöthigt sein wird, zurückzutreten. Es ist in diesem Augenblick nicht abzusehen, welche Folgen diese Vor­gänge haben werden; möglicherweise kann alles, auch die Republik, in Frage gestellt sein.

ö Der Erbfolgestreit von Lippe- Detmold

wird von einem Theile der deutschen Presse in einer Tonart behandelt, die leider gar zu lebhaft erinnert an die Zeit der zweiten Hälfte der Kanzlerschaft des Fürsten Bismarck. Damals fuhr die offiziöse Meute mit wüthendem Geheul jedem in die Beine, der nur entfernt eine andere Meinung zu sagen wagte als der alternde Reichs­kanzler ; und jetzt geht es, wenigstens in Preußen, kaum anders zu mit denjenigen, die meinen, es müsse in Lippe-Detmold so bleiben, wie es jetzt ist und geworden ist durch den Spruch des Schieds­gerichtes, das unter dem Vorsitze des Königs Albert von Sachsen tagte und sich für den Grafen Ernst zur Lippe-Biesterfeld als Regenten von Lippe - Detmold und gegen den Prinzen Adolf von L ppe - Schaumburg erklärte. Die neueste Leistung auf diesem Gebiete ist ein Ar­tikel der ,Köln. Ztg.', die für den Prinzen Adolf von Lippe-Schaumburg ficht. Das mag an und für sich angehen. Aber sie thut es unter dem Schlagworte, daß „Recht do ch Recht bleib en" und zur Erreichung dieses Rechtes der Bundes­rath eingreifen müsse zu Gunsten der Schaum­burger Ansprüche und demgemäß wird auf diese

Mit schlecht verhaltenem Zorn verließ Anna das Zimmer. Sie fühlte sich verletzt; und nun zeigte sich, wie furchtbar hochmüthig das an­scheinend bisher so ordentliche Mädchen war. So wollte es dem Pfarrer nicht verzeihen, daß er sie ab gewiesen hatte. Bisher war sie gewohnt gewesen, ihren Willen überall durchzusetzen.

Außer sich vor Zorn und Erbitterung richtete sie ihre Schritte nach dem nahegelegenen Städt­chen, um bei ihren Freundinnen ihr Herz zu er­leichtern. Eiligen Schrittes ging sie dahin und bald schon hatte sie ihr Z el erreicht.

Was Anna dort gesprochen, zeigte sich gar bald. Schlimme Gerüchte über die Sittenlosig­keit des Pfarrers von Bundheim durchschwirrten die Last. Vom Städtchen liefen anonyme Droh­briefe ein, der,Gen.-Anz.' brachte unter der Spitz­marke „Eingesandt" allerlei erfundene Skandal- geschichtchen von katholischen Priestern, Mönchen und Nonnen. Kurz und gut, der Pastor von Bundheim war der schlechteste Priester auf Gottes Erdboden. Alle Gottlosen waren darin einig, daß sie ihr Amt als Tugendwächter am besten erfüllten, wenn sie durch Wort und Schrift den Pastor um Brod und Amt brächten.

Die Folgen zeigten sich bald. In der Pfarr- genteinbe bildeten sich zwei Parteien. Zank, Hader und kein Ende. Wer aber am meisten darunter litt, war der arme, unschuldige Pastor.

Vierzehn Tage später wurde er begraben. Kurz vor seinem Tode sprach er zu den Um­stehenden : „Ich bin unfchuldig an alle dem, wessen man mich beschuldigt. Die Rachsucht eines ruchlosen Weibes hat mir das angethan.

Art Ungerechtigkeit allen denjenigen in die Schuhe geschoben, die für die Erhaltung der gegenwärtigen, rechtmäßigen Zustände eintreten.

Das könnte die öffentliche Meinung auch noch ziemlich kalt lasten, wenn einzelne Blätter auf eigene Faust für den Prinzen Adolf von Schaum­burg sich ins Zeug legen. Aber bei diesen Aus­lassungen der ,Köln. Ztg.' hat man es mit Dar­legungen zu thun, die aus den Kreisen der Berliner Regierung herstammen; und wenn man gleichzeitig sich daran erinnert, daß der mächtige preußische Einfluß mit aller Macht da­für arbeitet, die Mehrheit des Bundesrathes zu der preußischen Parteinahme für den Schwager des Kaisers zu bekehren, so gewinnt man im ganzen genommen ein wenig anmuthiges Bild. Gerade unter den obwaltenden Umständen sollte Preußen im Bundesrathe so zurückhaltend wie nur irgend möglich sich verhalten — und man sieht das gerade entgegengesetzte Gegentheil davon!

„Recht muß Recht bleiben!" — ruft also die ,Kölnische Zeitung' in gewohnter Unter­werfung unter alle ihr ertheilten Berliner Be­fehle aus. Nun, wie entwickelte sich denn die ganze Sache? Durch einen Staatsstreich nahm Prinz Adolf von Lippe-Schaumburg die Regent­schaft von Lippe-Detmold an sich. Er mußte das Land wieder verkästen, weit der Schiedsspruch, weil das Recht gegen ihn entschied. Das Recht war von Anfang an auf der Seite des Grafen Ernst zur Lippe-Biesterfeld, und dieser hat inzwischen viel über sich ergehen lassen müffen, weil das Recht, weil sein gutes Recht nicht nach dem Geschmacks der größeren Macht ist — und da kommen Berliner Offiziöse, und wollen dem deutschen Volke alte deutsche Kern­sprüche auslegen für die Macht und gegen das Recht und beschuldigen diejenigen der Ungerechtig­keit, die freimütig genug sind, eine Ansicht zu bekennen und zu vertreten, die gegen die Macht gerichtet ist. Das ist ein starkes Stück fürwahr!

Als ein Hauptbeweismittel für ihre Aus­führungen führt die ,Kölnische Zeitung' an, daß die Zuständigkeit des Bundesrathes zur Entscheidung in dieser Sache von Lippe- Detmold ausdrücklich anerkannt worden sei. Aber das Beweismittel ist gar nicht vorhanden. Lippe-Detmold beschloß vielmehr ein Land es- gesetz über die Regentschaft und wollte das Reichsgericht um die Entscheidung in der Erbfolgefrage angegangen sehen. Den Auftrag dazu sollte nach der Meinung von Lippe-Detmold der Reichstag dem Reichsgerichte ertheilen. Daraus wurde nichts. Statt dessen wurde das Schiedsgericht unter dem König von Sachsen ein­gesetzt, und dieses entschied so, wie jedermann weiß. Aber an den Bundesrath wollte Lippe- Detmold seine Sache nicht gebracht haben. Und ebenso unzutreffend ist es, wenn gesagt wird, durch den Erlaß einer spätem Novelle zum Regentschafts-Gesetz habe Lippe-Detmold dem Bundesrathe Nichtachtung bezeigt. Durch diese Novelle ist weiter nichts bestimmt worden, als das, was etwa im Falle eines plötzlichen Todes des jetzigen Regenten geschehen soll, lieber die Erbfolge ist darin nichts bestimmt. Dem Wunsche des Bundesrathes ist also Folge gegeben worden, daß nämlich „vor der Beschlußfassung des Bundesrathes über den Antrag Schaumburg-

Möge Gott ihr vergeben, wie ich ihr und allen meinen Beleidigern von Herzen vergebe."

Als der Sarg in die Erde gesenkt wurde, bemerkte man Anna Birkvorf an der Kirchhofs­mauer. Der Dechant hielt eine ergreifende Leichen­rede, die er mit den Worten schloß: „Wehe den Verleumdern, Lügnern und Ehrabschneidern! Möge Gott das Opfer dieses unschuldigen Mannes annehmen und den Schuldigen die Gnade einer wahren Bekehrung schenken. Gebt dem Todten seine Ehre wieder! Amen."

Ein gellender Schrei von der Mauer her drang in das Ohr der Leidtragenden. Es war Anna Birkdorf, die den Ruf ausgestoßen hatte. Es hatte ihr keine Ruhe gelassen, sie war heim­lich auch zur Beerdigung gegangen und hatte sich an die Mauer gestellt, um die letzten Worte zu vernehmen. Nun packte sie der Wahnsinn.

Mit aufgelöstem Haar eilte sie durch Wald und Flur ohne Rast und Ruhe. Man brachte sie in eine Heilanstalt; mit der Zeit wurde sie ruhiger und konnte nach der Heimath entlaffen werden. Sie betet, aber sie geht in keine Kirche. Sieht sie einen Priester, so eilt sie von bannen. Die Leute sagen, der selige Pastor von Bundheim erscheine ihr immer mit drohend ausgestreckter Hand; Thatsache ist, daß sie mit keinem Priester redet. Sie ist jetzt 65 Jahre alt."

Kunibert schwieg, und an diesem Abende konnten wir beide kein weiteres Wort mehr sprechen. In der Nacht träumte ich von dem alten Pastor, wie eine Schlange ihn umwand und tobt drückte.