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1-uldarr OG Zeitung

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25. Jahrgang

Iutöa, Samstag, den 22. Oktober 1898.

M 242.

Druck enl Verla- der Fuldaer Äciiendruckeret petersgajse Nr. 2 (Harmonie).

mit Ilnterhallungs-Aeilage „Mustrirte Sonntags-Ieitung

i

Erstes Wlatt. H

O Die Novelle zur Alters- und Invaliditäts-Versicherung.

Dem Reichstage wird, wie berichtet, in seiner ersten Tagung eine Vorlage zugehen, die Ab­änderungen der Alters- und Invaliditäts- Versicherung bringen soll. Uebereifrige offi­ziöse Federn kündigten vor einiger Zeit diese Vor­lage an, als ob es sich dabei um eine sozialpoli­tische That ersten Ranges im Jntereffe der Ver­sicherten, also der Arbeiter handele. Nun, man kann nicht leugnen, daß die Durchführung der Vorlage den Versicherten einige Vortheile bringen würde; auch würde sie günstig einwirken auf den Geschäftsgang der Versicherungs-Anstalten. Aber von einer großen sozialpolitischen That ist dabei wahrlich nichts zu spüren, denn die neue Vorlage bleibt nach Allem, was man darüber erfährt, noch hinter derjenigen zurück, die in der Wintertagung von 1896 zu 1897 im Reichstage eingebracht \ wurde und dann unerledigt blieb. Von der Er­füllung fo alter und berechtigter Forderungen, wie etwa die Herabsetzung der Altersgrenze bei der Altersversicherung ist, steht in der Vorlage kein Wort — natürlich! hätten wir beinahe ge- sagt^

Sieht man sich die Mittheilungen genauer an, welche über den neuen Entwurf an die Oeffent- lichkeit gebracht worden sind, so findet man, daß er von zwei Hauptpunkten seine Kennzeich­nung empfängt.

Einmal handelt es sich darum, bestimmte Be­fugnisse und Entscheidungen auf mehr örtliche Organe zu übertragen, auf örtliche Renten­stellen. Diesen soll die wichtige Entscheidung über die Rentenansprüche übertragen werden, und sie sollen entscheiden unter Zuziehung von Bei­sitzern aus dem Stande der Arbeitgeber und dem der Versicherten. Das ist nun ohne Zweifel eine Verbesserung der gegenwärtigen Einrichtungen. Bei der Rentenfestsetzung oder Rentenentziehung entscheidet jetzt der räumlich entfernte, manchmal sehr entfernte Versicherungs-Vorstand, und zwar auf Grund von Material, das von den örtlichen Staats- und Gemeindebehörden gesammelt worden ist. Diese Behörden sind allesammt überlastet, und ganz richtig wird darauf aufmerksam ge­macht, daß sie feiten in der Lage fein werden, die einzelnen Rentenfälle alle nach ihrer Eigenart fo zu kennzeichnen, daß eine richtige Entscheidung nun ohne weiteres erfolgen kann. Und dann kann bei den gegenwärtigen Einrichtungen die Entscheidung stets nur auf Grund der Akten erfolgen, ohne daß die Versicherten selbst dabei gehört werden können. Bei der Einrichtung ört­licher Rentenstellen würde das alles anders werden. Da kann der Versicherte selbst gehört, und da kann dann auch jeder Einzelfall eingehend und sorgfältig behandelt werden. Außerdem sieht der Gesetzentwurf eine höhere Instanz vor, die über den örtlichen Renten- stellen steht, nämlich Bezirks-Schiedsgerichte.

Der letzte Trietz.

Kriminal-Roman von Max Benno.

4 ------ (Nachdruck verboten.)

Am folgenden Morgen herrschte eine gewisse Aufregung in dem Städtchen. Gruppen standen auf dem Marktplatze zusammen, und ein unge­wöhnlich frühzeitiger und zahlreicher Besuch des Schwertwirthshauses machte sich bemerkbar.

Einestheils galt die Bewegung einem Schau­spiel, das sich nicht gerade häufig den Bewohnern von Waldheim darbot. Die Feuerwehr sammelte sich im Parade-Anzuge auf dem Marktplatze und bestieg dann bereitstehende Wagen, worauf sie unter den Klängen einer Musik zum Thore hin­ausfuhr, um an der Fahnenweihe der Feuerwehr in einem andern Städtchen theilzunehmen. Andern- theils wurden die Gemüther durch das Interesse für den Verkauf des Schwertwirthshauses in nicht gewöhnliche Bewegung gesetzt. Bereits standen mehrere Wagen im Hofe, zum Beweise, daß sich zu der öffentlichen Versteigerung des schönen Anwesens auch von auswärts Gäste ein­gestellt hatten.

Die große Gaststube füllte sich mehr und mehr, und zwei Aufwärterinnen hatten gerade genug zu thun, um die vielen Wünsche zu erfüllen, die man ihnen von allen Seiten zurief. Ottilie befand sich im Schänkraume zusammen mit einer altern Frau, der Wirthschafterin Salome, sozusagen einem Jnventarstück des Hauses, der seit dem Tode der Schwertwirthin die Aussicht oblag. Beide sorgten dafür, daß der schäumende Stoff in den steinernen Maßkrügen immer bereit gestellt war.

Gegen die Entscheidungen der örtlichen Renten­stellen würde dann sowohl von den Versicherten als auch von den Versicherungs-Anstalten eine Berufung an diese Schiedsgerichte möglich fein.

In den offiziösen Auslassungen über die Zu­sammensetzung der örtlichen Renten­ft eilen ist nichts davon angedeutet, daß auch ein Arzt als Beisitzer zugezogen werden soll. Es scheint also nicht beabsichtigt zu fein, dies zu thun. Das wird vielfach bedauert werden. Und wenn man auch davon absehen wollte, den Arzt mit Sitz und Stimme beizuziehen, fo sollte man doch Vorsorge treffen dafür, daß dem Arzte Gelegenheit gegeben werde, den That- bestand von seinem Standpunkte aus zu kenn­zeichnen und in streitigen Fällen seine Anschauung als Sachverständiger darzuthun.

Der zweite Hauptpunkt in der Vorlage läuft auf eine andere Vertheilung der finanziellen Lasten der einzelnen Ver­sicherungs-Anstalten hinaus, deutlicher aus­gedrückt auf eine andere Vertheilung dieser Lasten zwischen den mehr industriellen und den mehr landwirthschaftlichen Theilen des Reiches. Die Durchführung der Vorlage würde den landwirthschaftlichen Bezirken eine Knt- lastung bringen, und das würde nur gerecht sein. Denn es kann nicht geleugnet werden, daß gegenwärtig diese mehr landwirthschaftlichen Gegenden vielfach darunter leiden, daß sie die zahlenden jüngeren Arbeiter durch deren Abzug nach den Industrie-Gegenden verlieren und die alten Leute behalten, die nahe an dem Empfange von Rente stehen. Auf diese Weise wird das flache Land vielfach in dem Verhältnisse der Ein­nahmen zu den Ausgaben bei der Versicherung benachtheiligt, unb. es entspräche nur dem Grund­sätze der ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn in diesem Punkte ebenfalls Wandel geschaffen würde. Der Ausgleich soll nun, wie angekündigt wird, auf die Weise erfolgen, daß drei Fünftheile des Vermögens der einzelnen Ver­sicherungsanstalten zum gemeinsamen Vermögen a'L Anstalten gemacht werden. Die Anstalten mit starken Ueberschüffeü sollen also an diejenigen abgeben, die ohne Ueberschüsse oder gar mit Fehlbeträgen arbeiten. Die übrigen zwei Fünftheile sollen den einzelnen Anstalten als Sondervermögen verbleiben.

Nicht mit Unrecht wird darauf aufmerksam gemacht, daß es bei einer solchen Einrichtung auch zu empfehlen wäre, mit ganz besonderer Sorgfalt eine gleichmäßig gute Geschäfts­führung aller Versicherungsanstalten zu sorgen. Denn es ist klar, daß sonst unter ungeeigneter Geschäftsführung einer einzigen Ver­sicherungsanstalt alle anderen auch leiden würden.

Der Vorlage ist aber nichts abzustreiten, daß sie manches Gute enthält und durch die Ein­richtung örtlicher Rentenstellen auch dem Ver­sicherten Vortheile bringen will. Aber nach wie vor bleibt noch ein langer Weg bis dahin, wo man wird sagen können, unsere Versicherung gegen Noth durch Alter und Invalidität sei einigermaßen vollkommen. Dazu gehört vor allem eine Herabsetzung des Rentenalters, dazu gehört eine Erhöhung der Invalidenrente und namentlich eine Fürsorge für Hinterbliebene —

An einem besondern Tische, der im Gegensatz zu den übrigen mit einem buntblumigen Tuche bedeckt war, hatte sich der Bürgermeister Bene­dikt Erdmann niedergelassen mit einem halben Dutzend anderer Männer, deren Aeußeres schon die Zugehörigkeit zum Regimente des Städtchens kundthat. Unmittelbar neben ihm saß der Ka­stellan Anton Hauber, der heute eine noch größere Beweglichkeit an den Tag legte als sonst. Er durchfuchtelte unausgesetzt mit den Armen die Lust, so daß die Stahlbrille seines Nachbars wiederholt in die Gefahr gerieth, das Gleichge­wicht auf dem ansehnlichen Gesichtserker zu ver­lieren; dann reichte er seine Dose an dem Tische herum oder wirbelte sie kunstgerecht durch die Finger. Dabei blieb ihm jedoch immer noch Zeit, verlangende Blicke nach dem Schänkeraume und nach Ottilien zu werfen, die jedoch nichr die min­deste Notiz von ihm nahm.

Auf dem Tische lag ein Bündel Akten, da­neben standen das Schreibzeug und eine Glocke.

In dem Zimmer surrte und summte es wie in einem Bienenschwarm, so daß man kaum mehr das eigene Wort verstand.

Auf einmal wurde es still. Das Rollen eines ansahrenden Wagens hatte die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich gelenkt. „Die Herren," flüsterte der Eine dem Andern zu, „nun geht es los." Einzelne waren an die Fenster geeilt und schauten hinaus. Sie sahen drei Männer aus einem Landauer steigen — den Notar aus der Kreisstadt und zwei andere Beamte — denen von Amtswegen der Verkauf des Mundorff'schen An­wesens oblag. Sie betraten die Wirthsstube und wurden von den Anwesenden höflich begrüßt,

namentlich an dem gedeckten Herrentische, wo es noch genügend Platz für sie gab.

Abermals bewegten sich die Köpfe rückwärts, da wieder ein Wagen anfuhr, den ein einzelner Herr mit elastischem Schwünge verließ.

„Das ist ja der Fremde, Jörg," raunte einer der Gäste dem neben ihm Sitzenden zu, „der schon gestern mit dem blondlockigen Mädchen hier war, und der das Schwert mit ungewöhnlichem Interesse in Augenschein nahm; am Ende.. .."

Er brach plötzlich ab, denn der zuletzt Ange» kommene trat ein. Ec grüßte die Versammelten durch ein leichtes Neigen des Kopfes und ließ sich an einem unscheinbaren Tischchen neben dem Ofen nieder, der nur mit zwei alten Männern besetzt war.

Der Kastellan hatte dem Fremden einen miß­trauischen Blick zugeworfen, und seine Unruhe steigerte sich noch bei der Wahrnehmung, wie dessen Gruß bei dem Notar eine freundliche, fast vertrauliche Erwiderung fand.

In diesem Augenblicke rührte der Amtsdiener, ein Mann mit stattlichem Leibesumfang und ge­waltigem Schnurrbart, die Glocke und der Notar erhob sich. Die Unterhaltung verstummte. Aller Augen hingen an seinem Munde.

„Der Zweck der heutigen Verhandlung," be­gann er, „ist wohl allen Anwesenden bekannt. Die Verkaufsbedingungen sowie die genaue Be­schreibung der einzelnen Objekte lagen seit Wochen auf dem Rathhause öffentlich auf und Jeder konnte davon Einsicht nehmen, der sich für die Sache intereffirt hat. Es erübrigt nur noch zu bemerken, daß der Zuschlag ohne Weiteres mit Verzicht auf Nachgebote erfolgt, wenn ein einv

aber noch manches Waffer wird ins Meer fließen, bis wir einmal auch diese Forderungen erfüllt sehen werden!

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Oktober.

0 Von amtlicher Seite erhält die ,Nordd. Allgem. Zeitung' einen Auszug aus der Bericht­erstattung des deutschen Konsuls in Alexandria über die anarchistische« Ilmtrieve, die dort entdeckt worden sind — über den .anarchistischen Mordanschlag gegen die kaiserlichen Majestäten", wie das offiziöse Blatt diese Umtriebe unmittelbar bezeichnet. Nach diesen amtlichen Mittheilungen ist ermittelt worden, daß auf dem Mehemed-Ali-Platz in Kairo oder vor dem Abdin-Palaste ebendort ein Bomben-Atten- tat gegen das deutsche Herrscherpaar ausgeführt werden sollte. Als die Reise des kaiserlichen Paares aufgegeben war, wurde beschlossen, das Attentat in Palästina auszuführen. Die Bomben sollten von einem Italiener dorthin geschafft werden, der auf einem Dampfer als Kellner sich verdingt hatte. Am Abend des 13. Oktober fand Haussuchung bei dem italienischen Gast- wirthe Parini statt. Dieser sagte, er wisse nicht, was in der Kiste sei, in der man die Bomben vermuthete. Er griff nach einem Hammer, in der „offenbaren Absichtz sich und alle Anwesen­den zu vernichten". (?) Da wurde er mit Ge­walt daran verhindert. . . . Am 14 Oktober wurde die Kiste untersucht. Sie enthielt, „sorg­fältig in Sägespähne verpackt und durch Holz- stäbe vor dem Zusammenprallen geschützt zwei ganz gleiche Bomben. Es sind zwei etwa 25 (Zentimeter hohe, runde, in der Mitte ausgebauchte (Zylinder von 7 (Zentimeter Durchmesser am Boden unb 10 (Zentimeter in der Mitte. Sie sind aus galvanisirtem Eisen hergestellt, zunächst mit Zinkdraht eng umsponnen, dann mit Papier und Bindfaden umwickelt- Der eine Boden hat in der Mitte eine C aus der eine starke Zündschnur hervorsieht, yebe der Bomben wiegt 2130 Gramm. Ihr Inhalt besteht aus einer gelben Masse, die als Knallquecksilber festgestellt ist, im Gewicht von je 1050 Gramm, und 26 Stück fertigen Revolverpatronen starken Kalibers. Man nimmt an, daß jede Bombe im Falle der Explosion die Tödtung oder Verwundung der in einem Umkreise von etwa 50 Meter befindlichen Personen herbeigeführt haben würde." So weit die amtlichen Mittheilungen. Es ist in denselben nicht gesagt, aus welchen ermittelten That- sachen man den Schluß gezogen hat, daß es sich gerade um einen Mordanschlag gegen das deutsche kaiserliche Paar handelt.

x Wieder einmal soll der Oberpräsident der Provinz Posen, Dr. v. Wikamowitz Wökke«- borf, amtsmüde sein. Diese Meldung ist schon mehrfach in der Presse aufgetaucht und ebenso oft widerrufen worden. Jetzt wird sie nicht wahrscheinlicher dadurch, daß gleichzeitig gemeldet wird, als Nachfolger sei der Ministerialdirektor Dr. Kügler im Kultusministerium ausersehen. Sollte sich diese Letztere aber doch bestätigen, so würde das eine Herausforderung der Polen fein, wie sie selbst unter dem gegenwär­

germaßen befriedigendes Resultat erzielt wird. Das Aufgebot für das ganze Anwesen ist auf 100,000 Mark festgesetzt.

Er nahm wieder Platz und der Amtsdiener gab ein Zeichen mit der Glocke.

„100,000 Mark," wiederholte er, „wer zahlt soviel?"

80,000 Mark," bot Huber und schnupfte.

",80,000 Mark zum ersten," rief der Büttel, 80,000 Mark zum . . " ,

„100,000 Mark," tönte es vom Ofen her m gleichmüthigem Tone. .

Wie von einer Natter gebissen schnellte der Kastellan von seinem Stuhle empor und warf dem Fremden, der ruhig auf seinem Platze saß, einen wüthenden Blick zu, während unter den Gästen, namentlich den Gläubigern, ein beifälliges Gemurmel entstand.

„101,000 Mark," knurrte Hauber.

"105,000" bot der Fremde.

In rascher Folge steigerten sich die Beiden bis auf 112,000 Mark, wobei das letzte Wort Hauber behielt. m ,

Der Amtsdiener öffnete fernen bärtigen Mund, der Ausruf aber unterblieb, da ihm der Fremde mit dem Angebot „115,000 Mark« zuvorkam.

Der Kastellan wurde braunroth vor Zorn. Di e Dose entfiel ihm und er schnappte nach Lust, als drohe ihm ein Erstickungsanfall.

„125,000 Mark," begann nun der Buttel langsam und feierlich, und seine Augen ruhten erwartungsvoll auf dem Kastellan, dem er unver­kennbar zu einem Nuchgebot Zeit lassen wollte

»um ersten, zum zweiten, 125,000 Mark zum — zum dritten Male!"

tigen Polenkurse überraschen müßte. Herr Dr. Kügler ist ein ebenso überzeugter Feind der Polen als auch der katholischen Kirche, und man muß zunächst jene Meldung, die dem ,Dziennik Poznanski' entstammt, für unglaubwürdig halten. Gleichzeitig wird übrigens angegeben, auch der Oberpräsidialrath Thon in Posen solle aus seinem Amte scheiden. Nach einer Posener Mel­dung der Berliner,Voff. Ztg.' sollen die Gründe, die den Freiherrn von Wilamowitz-Möllendorf zum Ausscheiden aus seinem Amte veranlassen, „ausschließlich auf persönlichem Gebiete liegen“ — nun, wir werden ja sehen!

0 Von den allermeisten Mächten ist die Er­klärung eingegangen, daß sie an der Konferenz gegen die Anarchisten theilnehmen werden. Es fehlen gegenwärtig nur noch die Erklärungen von Belgien, England unb der Schweiz. An­geblich soll die Konferenz im Monat November beginnen. Als Ort derselben ist bekanntlich Rom in Aussicht genommen.

h Unsere Vermuthung bestätigt sich schon jetzt, daß bis zur Entscheidung der Krvfolge- Irage i« Lippe - Detmold noch lange Zeit vergehen wird. „Es dürste — so wird halb­amtlich der Münchener Allg. Ztg.' aus Berlin geschrieben — noch geraume Zeit ver­streichen, bis der Bundesrath sich über den Einspruch von Schaumburg-Lippe... entschieden haben wird." Wenn das schon im Voraus an­gekündigt wird, bann kann man sich auf alles Mögliche gefaßt machen.

* lieber bie protestantische Krlöserliirche in Jerusalem schreibt der protestantische Schrift­steller Karl Böttcher in einem von ver­schiedenen Blättern veröffentlichten Feuilleton: „Die neue Erlöserkirche wurde keinesvegs von Kirchennoth auf den Plan gestellt; Kirchennoth ist in Jerusalem wahrlich nicht vor­handen. . . Ich vergegenwärtige mir jene Sonntagsmorgenstunden, welche ich vor wenigen Monaten wiederholt in der alten, nun abgewirth- schasteten protestantischen Kapelle auf dem Mu- riftan verbrachte...£), sie wäre noch auf lange, lange Zeit hinaus übergroß gewesen unb würde jeder Mittelstadt Deutschlands genügen. Das bischen anwesende Gemeinde, meiner Schätzung nach zumeist bestehend aus Dienst­mädchen, einigen Almosenempfängern oder sonstigen armen Teufeln, starrt auf die krummen, mit antiquarischen Gesangbüchern belegten Kirchen­bänke. Manchmal bimmeln in die Andacht von benachbarten Gotteshäusern anderer Konfessionen die Glocken herein oder erschallen von der nicht weit entfernten türkischen Kaserne Trompeten­signale oder kreischt das durchdringende „Ya-ya-ya" der draußen vorübertrippelnden Lastesel. Aber diese stets kaum zum zehnten Theil ge­füllte Kapelle erschien manchen Leuten noch zu klein. Nun erhebt sich daneben der Bau der Erlöserkirche. . Ein einziges Mal in abseh­barer Zeit wird die Orgel über die vollständig gefüllte Erlöserkirche hinbrausen — bei der Ein­weihung. Sonst unrettbar stets Oede und Verlassenheit auf ihren Bänken. Der angestellte Geistliche, welcher die weitbogigen Hallen vollpredigen möchte, kann nicht eine zahl­reiche Gemeinde aus dem Boden stampfen. Denn