25. Salirpmt'
Jutöa, Freitag, den 21. Oktober 1898.
Druck und Verlag der Fuldaer Äciieudrucker«! pelersgaiie llr. 2 (Harmonie).
M 241.
Dich allein nähme er am Ende schon, aber Deine geistesschwache Schwester hat er von jeher nicht ausstehen können, und sie darf ihm nicht in das Haus. Liebe Ottilie, Du weißt eben noch nicht, wie bitter die Armuth schmeckt. Jetzt sind die Leute noch gut gegen Dich. Wenn sich aber erst die Thüre der Heimath hinter Dir schließt, dann wirst Du sehen, wie verlassen Du bist."
Wieder brachen Thränen aus Ottiliens Augen hervor. Der Gedanke an die voraussichtliche Noch- wendigkeit des Abschiednehmens vom Vaterhause that ihr weh. Mit einer energischen Handbewegung wischte sie jedoch die verrätherischen Spuren hinweg.
„Ich vertraue auf den lieben Gott," sagte sie, „und die gebenedeite Mutter der Gnaden, die ich täglich um ihre Hilfe anflehe. Sie verlassen mich nicht. Ich habe mir auch bereits einen Lebensplan ausgedacht.- Die Jndustrielehrerin Sidonie ist alt und gebrechlich; sie räumt ihren Platz. Ich sprach mit ihr, und sie meinte, das gäbe eine ganz passende Stelle für mich. Ich werde darum bitten und hoffe, daß man sie mir überträgt. Dann verdiene ich so viel, daß ich mit Aennchen schon auskommen kann."
Das Mienenspiel der Tante bekundete, daß die Zuversicht Ottiliens ihrer Anschauung nicht ganz entsprach.
„Du könntest Dich täuschen," bemerkte sie. „Wenn Dir Sidonie auch Hoffnungen gemacht hat, so ist damit noch gar nichts gethan. Der Bürgermeister muß von Deiner Absicht bereits in Kenntniß gesetzt sein, und nach seinen Aeußerungen sind Deine Aussichten nicht groß. Es sind mehrere ältere Bewerberinnen da, die man in erster
scheint täglich, n Aufnahme der foim- und Seiet» .oge. Vierteljahr!.
Ae,ugsprets ohueBringerlohn uttb Bestellgeld in Fulda und au?« , Därts 1M. 50 Pf.
eine künstliche Verpflanzung von Industrie nach der Provinz Preußen dieser bringen soll, als einen Goldregen in die Taschen der Unternehmer
Linie berücksichtigen muß. Doch," schloß sie und erhob sich, „ich sehe schon, daß bei Dir alles Zureden und Ermahnen nichts hilft. Folge in Gottes Ngmen Deinem Kopfe. Aber noch einmal mache ich Dich darauf aufmerksam: Wie man sich bettet, so liegt man!"
Sie verabschiedete sich von dem Mädchen und ging. Auch Ottilie begab sich in die unteren Räumlichkeiten hinab.
Im Hausflur trat ihr ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen entgegen und schmiegte sich zärtlich an sie. Es schaute mit den wasserblauen Augen zärtlich zu ihr empor. Der Ausdruck derselben ließ erkennen, daß die geistige Entwickelung der Kleinen zurückgeblieben war.
Ottilie strich mit der Hand über ihr blondes Haar.
„Sind viele Gäste da, Aennchen?" fragte sie.
„Ja," entgegnete das Kind. „Aber Salome, Judith und Bertha werden gut fertig damit und schickten mich hinaus, als ich helfen wollte. Wollen wir nicht ein bischen in den Garten, Schwester? Ich habe die Blumen so gern!"
Ottilie preßte das Kind innig an sich. Dann ergriff sie dessen Hand und fü-rle es ins Freie.
Es war ein prächtiger Sommerabend. Die Sonne sank hinter den Wipfeln der Bäume auf den bewaldeten Höhen hinab, und ein frischer Luftzug brachte wohlthuende Erquickung nach der drückenden Hitze, die den Tag über geherrscht hatte. Die Mädchen traten in den Gemüsegarten am Wirthschaftsgebäude, wo Aennchen da und dort eine Blume pflückte, bis sich in ihrer Hand ein duftendes Sträußchen befand.
In diesem Augenblicke schallte die Abendbet- glocke in feierlichemKlange vomnahenThurme herab.
besprochen worden und hat auch an dieser Stelle entsprechende Würdigung erfahren.
0 Die offiziöse,Norddeutsche Allgem. Zeitung' bringt von neuem eine Darlegung über Ireisch- ireise rind IkeischnoiH. Auf Grund amtlichen Materials wird auss neue nachgewiesen, daß von einer allgemeinen Fleischnot h nicht die Rede sein 'onne. Etwas überraschend klingt es, daß das lalbamtliche Blatt auch eine Steigerung der Preise für Schweinefleisch in Oberschlesien leugnet. Diese Steigerung ist aber Thatsache. Da von der Staatsregierung amtliche Erhebungen über die Fleischpreise ungeordnet sind, wird man ja bald noch genauere Ausschlüsse darüber erhalten. Der Worte darüber dürsten zunächst genug gewechselt fein.
x In der angekündigten Vorlage über das Mikitärpenftons-Wesen soll nach einer Pressemeldung namentlich eine Erhöhung der Bezüge )er Militär- Hinterbliebenen ins Auge ge- aßt sein. Jetzt bestehen noch die Sätze von 1871, obwohl die Kosten des Lebensunterhaltes ja seitdem ganz erheblich gestiegen sind. Außerdem soll die Belassung der Militärpension neben dem Civildiensteinkommen ober der Civil- Pension einheitlicher geregelt werden. Man schätzt die Anforderungen, die aus dieser Vorlage sich ergeben werden, auf etwa 6 Millionen Mark Mehrausgabe im Jahre. Dennoch ist ja nicht daran zu zweifeln, daß diese Vorlage mit großer Sympathie im Reichstage behandelt werden wird. Dafür spricht die einstimmige Annahme der Resolution über besser Stellung der Bezieher von Militärpensionen im März dieses Jahres.
-j- Nach übereinstimmenden Zeitungsmel- dungen sollen in allernächster Zeit Verhandlungen beginnen zwischen den Vereinigten Staaten v o n N o r d a m e r i k a auf der einen und D e u t s ch- land, England und Frankreich auf der andern Seite über die Einführung des einfache« Ariefporkos zwischen diesen drei Ländern auf der einen und den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite. Deutschland soll schon früher feine Bereitwilligkeit erklärt haben, das einfache 10 Pfennig-Porto für Briefe nach Nordamerika anzunehmen. — Im innerdeutschen Verkehr hatte man auf eine Verbilligung des Packe t- portos gehofft. Mit einer Aenderung des Packetportos soll es aber vorläufig nichts sein, fo meldet der Berliner .Konfektionär'. Namentlich die Hoffnung auf einen kleinen Portosatz für Packele bis zu 1 Kilogr. ist nach dieser Meldung vorläufig ausstchtlos.
* Münster, 20. Olt. Geheimer Regierungsrath Scheffer-Boichorst, früher Oberbürgermeister von Münster und Mitglied des Herrenhauses, sowie früheres Mitglied des Abgeordnetenhauses, ist heute Nachmittag 8 Uhr gestorben.
* jäpefpfitt (Diözese Kulm), 20. Okt. Das hiesige Domkapitel befindet sich bei Renovirung des hiesigen Domes in großer Geldverlegenheit. In seiner Noth hat sich dasselbe nochmals an die Gnade des Kaisers gewandt, und zwar mit Erfolg. Se. Majestät hat dem Domkapitel ein zweites Gnadengeschenk im Betrage von 15,000 Mark bewilligt; die erste kaiserliche Spende betrug 35,000 Mark.
Inserate: Dien» spalt. Garmond- geile ober bett« Raum 15 Ps., Reklamen die Petit. geile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.
Kaiser verletzen wollen. In Berlin habe man sofort erkannt, daß kein Grund zu Beschwerden vorliege, sobald man die päpstlichen Worte richtig begriffen habe. Dem neuen preußischen Gesandten wird dieselbe herzliche und entgegenkommende Aufnahme zugesichert wie feinem Vorgänger.
* Kürzlich wurde in einigen Blättern berichtet, Generalmajor Kieverl, der Gouverneur von Deutschostafrika, fei amtsmüde. Diesen Meldungen gegenüber versichert der Genannte in einem von der ,Hannoo. Post' auszugsweise mit- getheilten Briefe, daß von dieser angeblichen Ämtsmüdigkeit keine Spur bei dem Gouverneur vorhanden fei.
* Amtlich wird im ,Staatsanzeiger' bekannt gemacht, daß der Chefredakteur der konservativen /Schlesischen Zeitung' Dr. v. Iakck, zum Direktor des Litterarischen Bureaus im Staatsministerium berufen ist und den Titel Geheimer Regierungsrath erhält.
0 Eine Berliner Meldung der,Magdeb. Ztg.' bezeichnet es als „sicher, daß nach der Rückkehr Ides Kaisers aus dem Orient die Erledigung der örannstHweigischeu (Zlegenlschafts ) Irage in naher Aussicht stehe". Man rechnet in Berlin, wie dem genannten Blatte berichtet wird, mit der Nachfolge des Prinzen Adolf vonSchaum- bur g-Lippe in der Regentschaft von Braunschweig. Schon vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle daraus hingewiesen, daß diese Nachfolge wahrscheinlich ist.
X Die deutsche Kolonialgefellfchaft hatte eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet, worin diesem Befürchtungen der • genannten Gesellschaft wegen des deutsch engkische« Aö- kommeus unterbreitet werden. Auf diese Eingabe hat der Reichskanzler eine Antwort ertheilt, in der er sagt, daß er „nicht in der Sage ist, nach dem Wunsche der genannten Gesellschaft den Inhalt der getroffenen Abmachungen ganz ober theilweise schon jetzt öffentlich bekannt zu machen". Diesem Gesuche stehen nach dem Bescheide des Reichskanzlers „sowohl feststehende diplomatifche Gepflogenheiten, wie auch wichtige politische Rücksichten jetzt noch entgegen". Die Kaiserliche Regierung aber „wird mit der Veröffentlichung nicht zögern, sobald ihr eine solche ohne internationale Bedenken wie ohne Gefährdung der eigenen Interessen Deutschlands möglich und angemessen erscheint". Die Antwort des Kanzlers entspricht dem, was wir aus der ganzen Sachlage bereits mit voller Sicherheit entnehmen konnten. Aber das Abkommen felbft wird durch die Art der Antwort des Kanzlers eher noch interessanter, als es bisher fchon war, und mit großer Spannung sieht man der Bekanntmachung dieses Abkommens entgegen, das so „wichtige politische Rücksichten" der Reichsregierung auserleqt.
h Die Presse durchläuft eine Mittheilung der ,Königsb. Harttungfchen Zeitung,' wonach eine „geheime Verfügung" des preußischen Ministers des Innern an die Magistrate ergangen fein soll über die WermeHruug der Polizei. Diefe Verfügung ist aber keineswegs geheim und noch weniger neu. Sie ist nämlich vor etwa drei Wochen ganz offen in der Presse
.Rußland bezogen werden.
Aber wenn gleichzeitig, wie es geschieht, auf die „billigen Arbeitskräfte" verwiesen wird, die man in Westpreußen haben könnte und hinzugefügt wird, die weiblichen Arbeitskräfte seien überhaupt noch nicht in An- • spruch genommen, so klingt das schon viel .weniger einwandsfrei.
Soll das Gedeihen einer Industrie zu einem Theile auf der „Billigkeit" der Arbeitskräfte beruhen, fo würde das doch nichts weiter fein als . .eine Ausbeutung der Menschenkräfte iu Gunsten wohlhabender und reicher Unternehmer .unb zum Nachtheile ber Menschen, die bie Arbeitskraft stellen; unb bas ist keine gefunbe wirthschafttiche Grunblage. Man sage nicht, augenblicklich als Arbeiter in ber Lanbwirthfchaft oerbienten bie Leute in Westpreußen jetzt noch weniger; denn solche Sätze würben bie Sage -vorher unb nachher keineswegs richtig kennzeichnen. 'Es ist etwas ganz Anberes, lanbwirthschaftlicher ober inbuftrietter Arbeiter zu sein. Der industrielle Arbeiter wird von feiner Arbeit viel mehr in Anspruch genommen, die Menschenkräfte werden von dem Industriebetriebe so ungleich wehr aufgefogen als von ber Lanbwirthfchaft, bie Arbeit in ber Jnbustrie ist so sehr viel unge- funber als in ber Sanbwirthschaft, baß solche Vergleiche eigentlich gar nicht gezogen werben können. Eine Bevölkerung von Sanbarbeitern blüht unb gebeiht in stattlicher Körperkraft und Gesundheit; eine Bevölkerung von Industrie- Arbeitern pflegt von einer Generation zur andern kränklicher und ungesunder zu werden, und gerade erst vor einigen Wochen hat uns eine amtliche statistische Zusammenstellung belehrt darüber, daß in den industriereichen preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen die Sterblichkeit am allergrößten ist im ganzen Königreiche Preußen und namentlich die Schwindsucht die allermeisten Opfer fordert. Außerdem pflegen dort, wo die Industrie sich entwickelt, die SebenSmittelpreife alsbald zu steigen, und sehr bald würde es dann auch mit den so sehr gerühmten „billigen Arbeitskräften" ein Ende haben. Kurz und gut, wir vermögen nicht einzusehen, welche Segnungen sons
„Komm, Anna," sagte Ottilie, „wir wollen in bie Kirche hinüber und bei der schmerzhaften Mutter Gottes ein paar Vaterunser beten. Wir können ihre Hilfe und Fürbitte so nothwendig brauchen in unserer Noth."
Sie verließ mit der Schwester den Garten und erreichte nach kurzer Wandeiung bas Gotteshaus, wo sie eine geräumige Vorhalle betrat. Auf ber linken Seite bes von mächtigen Säulen gestützten Gewölbes sah man auf einem Altar, der burch ein eisernes Gitter abgeschlossen war, in Marmor gebilbet die Gottesmutter, die den heiligen Seichnam des Erlösers auf ihrem Schoße hielt, während rechts bie mächtige Gestalt bes Christophorus mit dem Jesuskinde auf dem Arm ausgestellt war.
Ottilie glaubte mit dem Schwesterchen allein in dem Heiligthume zu sein. Ohne den Mann gesehen zu haben, der in Gesellschaft eines ungefähr fünf Jahre alten, blondköpfigen Mädchens hinter einer ber Säulen vor bem Christusträger ftanb, ließ sie sich auf einem Betschemel nieber unb hob bie gefalteten Hänbe ju ber ©ebene« beiten empor. Andächtig betete sie. Anfangs leise, dann allmählich halblaut kamen die Worte aus ihrem Munde. ~
„Mutter ber ©naben," flüsterte sie, „bie Du keinem armen Menschenkinbe, das sich vertrauensvoll zu bir flüchtet, die Hilfe versagst, stehe auch mir und meiner armen Schwester bei! Bitte für mich bei deinem Sohne, daß er mir die Kraft zum Tragen und Ausharren verleiht, wenn auch Schwereres über mich hereinbricht. Dann will ich ja gewiß nicht murren unb immer baran denken, daß bir, ber reinen und Heiligen, der
Deutsches Deich.
Berlin, 20. Oktober.
4- Die Berufung des Ireiherru vou AolenHn« zum preußischen Gesandten beim Vatikan legt den Schluß nahe, baß zwischen bem Vatikan unb ber Berliner Regierung wieber alles nunmehr in bester Ocbnung unb in bestem Einvernehmen ist. Thatsächlich sagt auch bas vatikanische Blatt ,Osservatore romano' in Rom, bei ber ganzen Sache habe es sich nur um eine irrige Auffassung ber Haltung bes Vatikans gehandelt und um eine gehässige Auslegung der päpstlichen Kundgebungen durch die Freimaurerpreffe; der Papst aber habe in ber Schutzfrage ber katholischen Christen im Orient nur längst bestehenbe und anerkannte Verhältnisse bestätigt unb am allerwenigsten Deutschlanb und den deutschen
A. Verpflanzung vonJndnftrie vom Westen nach dem Osten.
Herr v. Goßler, der Oberpräsi'ent ber i Provinz Westpreußen, weilt bekanntlich gegenwärtig in Westdeutschlanb, um bie Verpflanzung einiger Jnbustriezweige von Westbeutschlanb nach bem Osten zu betreiben. Dabei benkt man, wie berichtet wirb, hauptsächlich an Seinen = unb Textil-Jnbustrie, Maschinen-Jnbustrie unb vielleicht auch Fabrikation von Porzellan. Ohne Zweifel ist es richtig, baß manche Um- stänbe vorhanden sind, die eine solche Industrie- Verpflanzung begünstigen. In Westpreußen erwirbt man billig Grundstücke; man kann ver- hültnißmäßig billig Steinkohle aus Schlesien beziehen und Eisen auf bem Wasserwege aus Schweben; unb in Danzig würbe man einen vorzüglichen Seehafen haben für ben Verkehr, der sich gleichzeitig mit dieser neuen Industrie entwickeln würde. Für eine Leinen - Industrie könnten auch verhältnißmäßig billig Flachse aus
Der Letzte Trieb.
Kriminal-Roman von Max Benno.
3 ------ (Nachdruck verboten.)
Ottilie hob hastig den Kopf. Ihre Wangen errötheten sich leicht. „Etwas?" hielt sie entgegen. „Darauf, Tante Cordula, käme es mir wahrlich nicht an, zumal, da mein Herz noch vollständig frei ist. Meine Abneigung gegen Hauber ha einen liefern Grund. Seit Jahren kam er fas täglich in unser Haus, so daß es für mich genügende Gelegenheit gab, ihn kennen zu lernen. Er äußerte wiederholt Grundsätze, über die ich söcmlich erschrak. Der Mann hat längst an allem Schiffbruch gelitten, was mir das Heiligste ist; Religion und Glaube, Gott und Ewigkeit bienen ihm zum Gespött, unb wenn er manchmal in Zorn gerieth, dann beschlich mich jedesmal ein förmliches Grauen. Später wurde er vorsichtiger. Er mochte bemerken, wie tief er mich verletzte. Er veränderte fein Benehmen, wurde aber nur noch widerwärtiger, da er mir dadurch als ein vollendeter Heuchler erschien. Deshalb wies ich auch seinen Antrag zurück. Und jetzt, meinst Da, soll meine mißliche Sage mich bestimmen, mit diesem Manne vor den Altar zu treten, mich ihm anzuvertrauen fürs ganze Seben — nein Base, ich wiederhole es noch einmal — das kann ich nicht!"
Tante Cordula rieb ihre fleischigen Hände.
„Das ist gleich gesagt," meinte sie. „Aber was willst Du anfangen, wenn Du keine Heimath mehr hast? Ich. würde Dich und Aennchen ja gerne bei uns aufnehmen, da mir ohnehin kinderlos sind, aber das gibt mein Mann nicht zu.
und des Großhandels; und es ist nicht recht zu begreifen, warum die Vertreter des Staates selbst so sehr besorgt darum sind, daß dies geschehe. Aber freilich? den Herren von ber Farbe bes Freiherrn von Stumm unb Genossen könnte es schon recht sein, wenn sie mit bem Kalbe des Staates pflügen unb auf biefe Weise bie zunächst „billigen Arbeitskräfte" bes Ostens für ihre eigenen Gewerbszwecke ausnützen könnten.
Auch bas ist zweifellos nicht richtig, baß, wie gesagt wirb, bie weiblichen Arbeiskräfte noch gar nicht in Anspruch genommen seien. Warum klagt beim bie gesummte Lanbwirthfchaft bes Ostens mehr noch als bie Lanbwirthfchaft in anberen Theilen bes Reiches über ben biltern Mangel an Arbeitskräften für bas Felb ebenso wie an weiblichen Dienstboten? Das könnte ja nicht sein, jpenn wirklich bie weiblichen Arbeitskräfte, bie in Der Provinz Preußen thäüg sein wollen, keine Beschäftigung finben könnten; unb baß biefer Mangel "an Arbeitern unb Dienstboten wirklich in brennend fühlbarer Weise vorhanden ist, unter« iegt ganz und gar keinem Zweifel mehr. Außerdem aber ift es eine ungesunde Sozialpolitik, wenn man mit aller Gewalt das Mädchen und die Frau in bie Fabrik locken will. Alle Welt klagt über bie schäblichen Einflüsse, welche bie weibliche Arbeit in ben Fabriken auf bie Seele unseres Volkes ausübt, unb ber Herr Oberpräsibent v. Goßler sucht seine Bestrebungen baburch zu empfehlen, daß er verkünden läßt, in Westpreußen könne man für die Fabriken noch viele weibliche Arbeitskräfte finden, und zum Theile deswegen empfehle sich die Verpflanzung von großindustriellen Anlagen dorthin.
Der Gedanke einer solchen Verpflanzung hat ohne Zweifel manches Verführerische an sich. Aber nicht minder stehen seiner Ausführung auch sehr große sozialpolitische unb wirthschaftliche Bebenken entgegen. Allermindestens sollten, ehe man zu dieser Ausführung schreitet, Vertreter aller Kreise der Bevölkerung gehört werben in ben Lanbestheilen, welche man mit diesem künstlichen Pfropfreis beglücken will; namentlich auch Vertreter der Landwirthschafk.
mit Itnterhattnngs-Meilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung!'