FuwaerMZeikmg
25. JahrgMt
IuLöa, Mittwoch, den 19. Oktober 1898.
Inserat»: Die crn» spalt. Garmond« zeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petit» zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.
DrnL und Verlag der jhtlbaer Aclieudrnckeret peteregaffe Nr. 2 (Larmome).
Zeitung' vollständig beistimmen, wenn sie auf das sehr gute Beispiel verweist, das der Schweizer Kanton Zürich gegeben hat. Dort muß jeder, der eine Schankwirthschaft betreiben will, mindestens schon ein Jahr im Kanton wohnen, muß in Sachen der Sittlichkeit unbestraft sein und die Gewähr bieten für ordentliche und ehrbare Betreibung der Wirthschaft; ebenso müssen die Familienmitglieder gut beleumundet sein. Die Erlaubniß für den Betrieb der Wirthschaft ist jedes Jahr zu erneuern, und die Abgabe für die Ertheilung dieser Erlaubniß beträgt je nach dem Umsätze von 80 bis 1600 Franken im Jahre. Erlaubniß zur Eröffnung neuer Wirtschaften ist zu verweigern, wenn ein örtliches Bedürfniß dazu nicht vorhanden ist, Ebenso bestehen ganz bestimmte Vorschriften für das Alter und die Beschäftigung der Angestellten im Gastwirths- gewerbe. Mädchen unter 20 Jahren und junge Leute unter 16 Jahren dürfen für die Bedienung der Gäste nicht verwendet werden.
Gegenwärtig stnden bekanntlich bei uns in Deutschland auf Anordnung des Bundcsrathes Erhebungen über die Verhältniffe der Arbeiter und Angestellten im Gastwirthsgewerbe statt, und man weiß ja, daß auch hier eingreifende Reformen dringend noch thun. Es würde sehr zu begrüßen sein, wenn mit solchen Reformen eine allgemeine .Reform des Gastwirths- gewerbes Hand in Hand gehen könnte. Aber ebenso nothwendig ist es, daß die „lex Heintze" nicht vergessen werde. Wird sie wieder kommen?
Kaiser Wilhelm handelte. Die in Berlin getroffenen amtlichen Nachrichten haben das vollkommen bestätigt, ebenso steht es nunmehr fest, daß die Verbrecher ihren Anschlag in Palästina auszuführen suchten, nachdem dies in Aegypten unmöglich geworden war. Die aufgefundenen Sprengbomben werden als Werkzeuge geschildert, die eine äußerst starke Sprengwirkung entwickelt haben würden. Nach einer Berliner Meldung des häufig offiziös bedienten.Hamburg. Korresp.' werden sogar die Nachrichten, die zuerst über London in Berlin eintrafen, durch die Wirklichkeit noch überboten: man soll danach einer großen Verschwörung auf die Spur gekommen sein, die ihre Fäden bis nach Europa gesponnen habe. Unter solchen Umständen hat man es nachträglich noch für nöthig befunden, in das Gefolge des Kaisers während der Palästinareife auch einen Vertreter der Kriminalpolizei einzureihen. Anfänglich war dies nicht beabsichtigt gewesen. Der Kriminalkommissar Wittmer in Thann im Obereifaß ist zu diesem Zwecke während der Reise des Kaisers nach Palästina beordert worden. Derselbe wird als ein ganz besonders geschickter und umsichtiger Beamter geschildert; und unter den obwaltenden Umständen kann man ja diese Maßregel leider nur billigen. Daß die Freunde des Gedankens, von neuem ein Ausnahme- Gesetz gegen den Umsturz einzuführen, diese Gelegenheit benützen, um von neuem für ihre Ansichten Propaganda zu machen, konnte man sich schon im voraus denken. Dieser Gaul ist aber schon dermaßen abgetrieben, daß seine Lenker keinen Staat mehr mit ihm machen können.
Il Der Vertreter der Transvaal-Republik, Herr Dr. Keyds, ist am letzten Sonntag vom Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe empfangen worden. Es wäre sehr erfreulich, wenn man an diesen wiederholten Empfang des Gesandten von Transvaal die Hoffnung knüpfen könnte darauf, daß das deutsch-englische Abkommen kein Zurückweichen Deutschlands von England in Südafrika bedeute und namentlich nicht Transvaal an England ausliefere.
+ Vielfach ist in diesen Tagen in der Presse eine Aeußerung erörtert worden, die der Regierungspräsident v. Giedema«« in einer Wähler- verfammlung zu Jnowrazlaw gethan haben sollte. Er sollte gesagt haben, es sei ganz richtig, daß er als Beamter im Abgeordnetenhause der Regierung nicht opponiren dürfe! deswegen werde er am Tage nach seiner Wahl sein Amt als Regierungspräsident niederlegen. Herr v. Tiedemann erklärt jetzt, daß er diese Aeußerung nichtgethanhabe. Herr v. Tiedemann hat nach seiner Angabe nur gesagt, er werde mit Rücksicht auf sein Doppelmandat in Reichstag und Landtag um seinen Abschied bitten, und schon deshalb sei der gegen ihn erhobene Einwand hinfällig, daß er als Regierungspräsident zu sehr von der Regierung abhängig sei. „Nichts — so sagt Herr v. Tiedemann wörtlich — hat mir bei dieser Aeußerung ferner gelegen als der Gedanke, die Stellung eines Beamten und Volksvertreters sei an sich unvereinbar. Ja, noch mehr: Herr v. Tiedemann versichert, er sei nun schon „25 Jahre hindurch parlamentarisch thätig gewesen.
S Eine Reform der Schankstätten?
„Es kann thatsächlich nicht geleugnet werden, daß eine gute Schankstätien-Reform von hoher sozialpolitischer Bedeutung sein würde . . . Diesem Satze der ,Kre uz-Zeitung' kann man sich rückhaltlos anschließen. Aber der Gedanke und die Anschauungen, die diesem Satze zu Grunde liegen, sind keineswegs konservative Erfindung. Dieser Gedanke liegt seit langer Zeit schon im allgemeinen Volksbewußtsein, und namentlich im katholischen Lager ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, daß eine Reform der Schankstätten recht nützlich und willkommen sein würde. Nichtsdestoweniger kann man es mit Freude begrüßen, daß allem Anscheine nach die konservative Partei in der nächsten Sitzungsperiode des Reichstages praktisch auf diesem Gebiete vorgehen will. „Der Wunsch — so schreibt die parteileitende,Kreuzztg.' weiter — eine wirksame Schankstätten-Reform berbeizu- führen und dadurch, sowie durch Bekämpfung des großstädtischen Wohnungselendes die Arbeiterschaft von dem üblen Einflüsse der Gast- wirthe zu befreien, ist in der konservativen Partei ein lang gehegter, und an Anregungen auf diesem Gebiete in Parlamentsreden wie in der Presse hat es konservativerseits nicht gefehlt. Geht also jetzt eine Mittheilung durch die Zeitungen, wonach in der kommenden Reichstagssession ein Initiativantrag der konservativen Fraktion in dieser Angelegenheit zu erwarten sei, so kann eine solche Möglichkeit zugegeben werden."
Das klingt alles schön und gut. Etwas verwunderlich aber muß man es finden, wenn nun weiter das konservative Partei-Organ ein Hauptgewicht legt auf die politische Seite, die es dieser Frage beilegt. „Die Kneipen — so meint die .Kreuzztg.' — wachsen sich unter Umständen selbst zu einer gemeingefährlichen Kalamität heraus, insofern sie namentlich bei unruhigen Zeiten die Sammelpunkte für Schürer bilden." Nun gut, das mag ja wahr sein. Aber wenn man nun die Kneipen alle wegnehmen wollte, glaubt dann die .Kreuzztg.' wirklich, daß von diesem Zeitpunkte an keine „Sammelpunkte für Schürer" mehr vorhanden sein würden? Es ist schwer zu denken, daß bei den Konservativen das wirklich geglaubt werden könnte; und in diesem Sinne sollte man diese Frage niemals behandeln. Denn damit verläßt man ja vollkommen das sozialpolitische Gebiet und begibt sich auf das Revier des Polizeibüttels, für das freilich bei den Konservativen große Liebe herrscht. Hierbei kommt es nicht darauf an, zu reglementireu. Hier handelt es sich vor allen Dingen um eine soziale Wohl- that, die man einer großen, zahlreichen Menschenklasse anthun will; und wenn man dafür Verständniß und Erfolg gewinnen will, muß man unter allen Umständen absehen von der Verfolgung politisch-egoistischer Parteizwecke. Wenn man aber so überaus großes Gewicht legt auf die politische und polizeiliche Seite der Frage, dann macht man sich verdächtig, daß man noch allerhand andere Dinge im Auge hat als eine „ernsthafte und ehrliche sozialreformerische Absicht", wie die.Kreuzztg.' sich ausdrückt.
In der Sache kann man indessen der.Kreuz-
Pläne durchkreuzen, nachdem ich Dir schon so viele kleine Gefälligkeiten erwies? Ich rathe Dir, Dich nicht auch noch auf die Seite meiner Gegner zu stellen; Du hast wahrlich keine Ursache dazu!"
Der Bürgermeister strich mit der Hand über die Augen, fo daß der Kastellan den zornigen Blitz nicht sah, der darin ausflammte.
„Ich sagte nicht," entgegnete er, sich gewaltsam bezwingend, „daß gerade ich e? thun wolle, sondern deutete nur im allgemeinen die Wahrscheinlichkeit an. Und das mußte ich, nachdem Du mich um meine Meinung gefragt hast. Ich unterschätze Deine Dienste ganz und gar nicht und habe mich, wie Du wohl weißt, schon mehr als einmal erkenntlich gezeigt. Ich werde das auch in dem vorliegenden Falle thun; aber es ist dennoch nicht ausgemacht, ob damit unsere Absicht erreicht wird. Ich kann nicht schalten und walten, wie ich will. In erster Linie kommt es natürlich darauf an, wer das Anwesen kauft und was daraus erlöst wird. Ich will ganz offen fein. Uebrigens hast Du vielleicht auch schon davon gehört. Der Hinterbauer Kaller ist ein guter Freund vom Schwertwirth gewesen und soll sich neulich geäußert haben, er lasse den Gasthof nicht hinaus. Er kaufe ihn für feinen Sohn Konrad, der noch beim Regiment in Ingolstadt ist. Dieser hübsche Bursche aber machte Ottilien noch jedesmal den Hof, wenn er in Urlaub kam, und da weiß man eben nicht ..."
Wieder fiel Harber dem Bürgermeister mit einem zornigen Ausrufe ins Wort. „Ob nicht dieser hübsche Bursche dem feinen Dämchen besser gefällt, als ich — das hast Du doch sagen wollen,"
Erscheint täglich, o,. Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Bierteljährl. H»,ug»preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts IM. 50 Ps.
Der letzte Trieb.
Kriminal-Roman von Max Benno.
------- (Nachdruck verboten.)
I.
Mit großen Schritten durchmaß der Bürgermeister des bayerischen Städtchens Waldheim, Benedikt Erdmann, sein Arbeitszimmer, das durch eine Bretterwand von dem Rathhaussaale abgetrennt war. Er hielt ein beschriebenes Blatt Papier in der Hand. Seine Haltung drückte eine augenscheinliche Unruhe aus. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick durch das Fenster nach einem in der Nähe des Städtchens befindlichen Hügel, auf dem sich ein stattliches Schloß mit alterthümlichen Thürmchen und Erkern erhob.
Er strich mit der Hand über das glatt ra- sirte Gesicht, und eine Verwünschung kam zwischen feinen dünnen Lippen hervor. „Verdammt," fluchte er in Gedanken, „daß ich mich je mit diesem Kastellan, dem heimtückischen Schleicher, einließ. Er hält mich in der Hand und kennt seinen Vortheil genau. Wie ich nur damals, in meiner grenzenlosen Verlegenheit, so hirnlos sein konnte, ihm, den Grund zu schreiben, der mich ihn um Hilfe zu bitten bewog? Hätte ich es mündlich gethan, dann könnte ich sagen, es ist nicht wahr; aber nachdem ich es schwarz auf weiß zugestanden, hälfe mir alles Leugnen nichts. Ich kann mir denken, was er jetzt will und zu welchem Zweck er feinen Besuch angesagt hat. Der Schwertwirth ist tobt, und was ich schon längst ahnte, woran aber sonst kein Mensch gedacht hat, traf ein: Der gute Valentin steckte bis
▲ Die Transval-Frage ruht zwar noch immer in dem geheimnißvollen Dunkel des deutsch-englischen Abkommens begraben, und es ist zunächst keine Aussicht darauf vorhanden, daß dieses Dunkel gelichtet wird. Wohl hieß es Anfangs, dem deutschen Kolonialrath sollte ein Theil dieses Abkommens bekannt gegeben werden. Aber dieser Nachricht ist auf halbamtlichen Wege eine Ableugnung nachgesandt worden; und somit wird auch der zuerst an« gekündigte Aufschluß in dem Kolonialrathe nicht erfolgen, der in der nächsten Woche zu einer Sitzung zusammentritt.
Inzwischen ist die Frage in der Presse in einer Weise behandelt worden, die das Erstaunen aller Welt in nicht geringem Maße erregte Zuerst wurde in konservativen Blättern die Mittheilung gemacht über die Stellung einiger nationalliberaler und freikonfervativer Großkaufleute in Hamburg. Von diesen wurde gesagt, daß sie in hervorragendem Maße an englischen Unternehmungen in Südafrika intereffirt seien, und daß man deswegen anzunehmen habe, diese seien es, die eine Aenderung in der Stellung der Reichsregierung zu den südafrikanischen Angelegenheiten zuwege gebracht hätten zu Gunsten der britischen Ansprüche. Diese Mittheilungen haben keinen Widerspruch erfahren; sie müssen also wohl richtig fein. Danach hat man demgemäß die Thatsache vor sich, daß Leute aus dem Lager derer, die sonst die echte „nationale" Gesinnung in unveräußerlicher Erbpacht zu haben behaupten, dem britischen Einflüsse zum Schaden des deutschen das Wort reden, weil sie glauben, über die Ohren in Schulden und es muß gut gehen, wenn aus dem Anwesen so viel erlöst wird, daß man alle Gläubiger befriedigen kann, den Töchtern bleibt schwerlich etwas . . ." Er brach plötzlich ab. Aus dem anstoßenden Saale hörte man rasche Schritte, und nach einem starken Pochen an die Thüre wurde diese geöffnet.
Die gedrungene Gestalt eines mittelgroßen, korpulenten Mannes erschien in ihrem Rahmen und trat hastig in das Zimmer herein. Der Angekommene reichte dem Bürgermeister die Hand. „Da bin ich, mein lieber Benedikt," sagte er, pünktlich auf die Minute hier, rote ich Dir schrieb. So ein Bischen wirst Du Dir schon denken können, was mich herführt. Wir wollen die Sache nur gleich gründlich besprechen, denn jetzt muß ich ans Ziel kommen. Eine günstigere Gelegenheit gibt's schwerlich mehr. Es wird mir auch gelingen, wenn man alles richtig angreift."
Der Bürgermeister räusperte sich, nickte aber als Antwort nur mit dem Kopse. Dann verschloß er die Thüre und setzte sich, nachdem der Kastellan sich niedergelassen hatte, ebenfalls auf einen Stuhl.
Der Kastellan war eine eigenartige Persönlichkeit. Seine langen mageren Arme, die zu dem riesigen Leibesumfänge im auffallenden Gegensatz standen, befanden sich in fortwährender Bewegung. Bald strich er feinen struppigen Vollbart, bald die dünnen in die Stirne herein- gefallenen Haarsträhne auf die weit vorgeschrittene Glatze zurück, und keine Minute verging, ohne daß seine stark ins Röthliche spielende Nase aus einer goldenen Dose reichliches Futter bekam. Dabei zwinkerte er beharrlich mit den kleinen
Deutsches R^ch*
Berlin, 18. Oktober.
0 Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß es sich bei den anarchistischer, Almtrieven in Alexandria um einen Mordplan gegen grauen Augen, die man unter den buschigen Brauen stechend hervorblitzen sah.
Dieses Gebühren fiel um so mehr auf, der Ruhe und Gemesfenheit des Bürgermeisters gegenüber, der seine unbehaglichen Empfindungen mit ziemlichen Geschick unter einer gewissen Amtsmiene verbarg. Er hatte immer noch kein Wort gesprochen, hörte aber aufmerksam dem Kastellan zu, der mit jedem Satz in größere Aufregung gerieth. Endlich schlug er sogar mit der Faust auf den Tisch. „Donnerwetter," knurrte er zornig. „Du läßt mich sprechen, bis ich heiser werde und sagst nicht ein Wort. Sag' doch endlich, was Du von der Angelegenheit denkst und was Du für mich thun kannst und willst?"
Wieder hustete Erdmann. Man hätte glauben können, es stecke ihm ein Stück von dem Nebel im Halse, der sich draußen über die Häuser des Städtchens erhob.
„So ganz glatt, wie Du meinst," nahm er nunmehr das Wort, „wird die Sache schwerlich abgehen; denn, wie Du selbst gestandest, empfindet Ottilie Mundorff sehr wenig Neigung für Dich. Sie ist aber ein resolutes Frauenzimmer, das sich voraussichtlich nicht so leicht herum- bringen läßt, wenn es einmal seinen Kopf aufgesetzt hat. Deine Vermuthungen über den Vermögensstand sind allerdings richtig. Es steht wirklich schlimm. Aber der Schwertwirth war ein beliebter Mann. Man wird den Töchtern beispringen und dann ..."
Ein scharfes Zischen kam aus dem Munde Hauber's hervor. Er sprang auf. „Beispringen, ha, das fehlte noch," knirschte er, „und Du, Benedikt, Du willst es thun? Du willst meine
daß auf diese Weise ihre Geldbörse besser gefüllt wird. Das liebe Ich kommt nach ihrer Meinung in Frage, und vor diesem großen Ich verschwindet sofort die sogenannte nationale Gesinnung in der Versenkung.
Zu gleicher Zeit erheben sich in der liberalen Presse Stimmen dafür, daß möglicherweise die Interessen des deutschen Unternehmer - Kapitals besser gewahrt sein und die Unternehmer sich wohler fühlen würden unter britischer Schutzherrschaft in Transvaal als unter deutscher. „In deutschen Handelskreisen," so konnte man in diesen Tagen im /Berliner Tageblatt' lesen, „ist man nicht überall geneigt, einem deutschen Protektorat mit feinem unvermeidlichenBureaukratismus unbebinnt den Vorzug zu geben rot einem englischen." Und bann würbe hinzugefügt, man würbe „in brutschen Handelskreisen dem englischen Protektorat über Transvaal jedenfalls den Vorzug geben vor dem Fortbestehen der jetzigen Verhältniffe."
Es kommt hier nicht darauf an, was man in denjenigen deutschen Handelskreisen denkt, die das .Berliner Tageblatt' in dem vorher erwähnten Sinne beeinflußt haben; und auch das geheimniß- volle deutsch-englische Abkommen selbst braucht man nicht zu kennen, um richtig die Gesinnungen zu beurteilen, die so sich äußern. Denn bei dem Jameson'schen Beutezüge nach Transvaal hat sich so deutlich gezeigt, auf wessen Seite die Sym- pathieen des deutschen Volkes stehen, daß darüber auch nicht der leiseste Zweifel bestehen kann. Diese Sympathieen gehören den Buren in Transvaal, und nicht den Engländern; und dieser allgemeinen Stimmung gab damals der Kaiser in feinem Telegramm an den Präsidenten der Trans- vaal-Republrk sehr richtigen Ausdruck. ,National' kann also hier in diesem Falle nur so gedacht fein, daß man das weitere Vordringen des englischen Einflusses über Transvaal hinaus nicht wünscht, und man darf mit einem hohen Grade von Sicherheit annehmen, daß die überwiegende Mehrzahl ernsthafter deutscher Politiker dieser Anschauung ist.
Aber wenn bei gewissen Leuten der Geldsack in Frage kommt, da hört die sogenannte nationale Begeisterung sofort auf. Sie lod<rt in mächtigen Flammen auf, wenn die Politik des Reiches diese Geldsack-Jntereffen begünstigt, so zum Beispiel im Vorjahre bei der letzten Flottenvorlage. Aber sie erlischt sofort, oder schlägt, sich hier in der Transvaal-Frage, sogar in das unmittelbare Gegentheil um, wenn einmal die politischen Lüfte ein wenig anders wehen. Ver- muthlich werden wir bei der weitern Entwickelung dieser Transvaal-Frage noch allerhand interessante Dinge erleben. Eines haben wir nun jetzt schon gesehen, und das ist ein neuer, schlagender Beweis dafür, wie windig es bestellt ist mit der nationalen Gesinnung gerade derjenigen, die sich stets am allermeisten mit solcher Gesinnung zu brüsten pflegen.
TK“““ mit Itnlerhattungs-Meikage „Mustrirte Sonntags-Zeitung!'