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mit Anterhallungs-Weilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung" pctersgasse llr. 2 (Larwonie).

JIS 236.

IrrLöa, Samstag, den 15. Oktober 1898.

25. Jahrgang.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 15. Oktober.

Je mehr der Herbst vorrückt, um so mehr drängt sich natürlich die Frage auf: Wann wird der Reichstag zusammentreten? Bisher ward ziemlich allgemein an­genommen, daß dies etwas früher geschehen werde als in den letzten Jahren, weil große Aufgaben des Reichs­tages harren, Gesetzesvorlagen, derenBerathung längere Zeit erfordert. So war denn in der vorigen Woche eine Meldung verbreitet worden, die ziemlich bestimmt auftrat und auch an sich glaubwürdig erschien. Dar­nach sollte die Berufung des Reichstages um Mitte November erfolgen. In diesem Falle würden ihm für den ersten Abschnitt seiner Thätigkeit, bis zu den Weihnachtsferien, volle vier Wochen zur Verfügung gestanden haben, und er hätte in dieser Zeil ein schönes Stück Arbeit erledigen können. Einige Tage später aber tauchte eine andere Nachricht auf. Inzwischen hatte nämlich ein K r o n r a t h, eine Ministerberathung unter dem Vorsitze des Kaisers, stattgefunden. Was darin beschlossen worden, ist zwar nicht bekannt ge­worden; doch verlautete soviel, daß auch die Einbe­rufung des Reichstages zur Sprache gekommen sei, und daß der Kaiser den Wunsch geäußert habe, selbst den Reichstag zu eröffnen. Da nun spätestens An­fangs Dezember der Kaiser von der Orientreise zurück­kehren wird, würde der Reichstag, wie in den letzten vier Jahren, in den ersten Tagen des letzten Monats eröffnet.

Eine mit der Orientreise des Kaisers auch nicht so ganz außer Zusammenhang stehende Nachricht ver­breitete ziemlich unerwartet am Montag der Tele­graph : der auf Urlaub befindliche preußische Gesandte am päpstlichen Stuhle werde auf seinen Posten wahr­scheinlich nicht zurückkehren. Die Palästinareise des Kaisers hat bei beit Franzosen die Befürchtung ge­weckt, es möchten durch dieselbe die Vorrechte gefähr­det werden, die Frankreich bezüglich des Schutzes der Christen von jeher speziell auch int hl. Lande genoß. Um diese Befürchtungen zu zerstreuen, hatte der heil. Vater vor einigen Wochen auf ein diese Frage be­handelndes Schreiben des Kardinal-Erzbischofes von Rheims geantwortet, daß an dem bestehenden Zustande nichts geändert werden, namentlich Frankreich nichts von dem, was es seither besessen, genommen werden solle. Dadurch sollte selbstredend nicht ausgeschlossen werden, daß jede andere Macht' das Recht habe, ihre im hl. Lande weilenden Angehörigen zu schützen; so auch das Deutsche Reich, das in Bezug auf seine An­gehörigen den Franzosen selbstredend kein Vorrecht zu­gestehen wird. Die offiziösen italienischen Blätter nun, die natürlich jede Gelegenheit benützen, um den Papst zu verdächtigen, bemächtigten sich der Sache und be­haupteten, der Papst bevorzuge Frankreich auf Kosten des Deutschen Reiches. Es scheint, daß diese Hetze in Berlin Eindruck gemacht hat, denn nachdem der heil. Vater in seiner Ansprache an die französischen Pilger am 8. d. M. die Angelegenheit nochmals berührt und von dem „traditionellen (überlieferten) Protektorate Frankreichs im hl. Lande" gesprochen hatte, wurde, gleichsam als Antwort darauf, die Nachricht verbreitet, der deutsche Gesandte beim hl. Stuhle werde auf seinen Posten nicht zurückkehren. Nun wird zwar offiziös versichert, der Posten werde alsbald wieder besetzt werden, von einer Aufhebung der Gesandtschaft sei keine Rede, aber es wird doch zugegeben, daß man über das Vorgehen des Papstes in dieser Angelegen­heit in Berlin verstimmt sei, und die so plötzlich er­folgte Abberufung des Gesandten v. Bülow solle eine „Warnung" sein. Für die Katholiken Preußens ist auch dieser Vorgang sehr lehrreich, insofern er die außerordentliche Empfindlichkeit der Regierung dem hl. Vater gegenüber beweist, während dieselbe Regie­rung den berechtigten Klagen und Beschwerden den katholischen Staatsbürgern gegenüber nicht dieses zarte Empfinden zeigt, hier vielmehr eine sehr „dicke Haut" hat.

Der sozialdemokratische Parteitag, der in der vorigen Woche in Stuttgart stattfand,' hat in seinem ganzen Verlaufe gezeigt, daß die Mauserung, in der die Partei schon seit Jahren sich befindet, noch nicht abgeschlossen ist; sie trat diesmal sogar auffälliger als jemals vorher zu Tage. Ganz offen wurde hervor­gehoben, daß mit dem Hersagen revolutionärer Phrasen nicht gedient sei, die Massen verlangten positive Arbeit. Mit rothen Fahnen und rothen Lappen wird nichts erreicht, erobern wir keinen Wahlkreis, sagte ein älterer Delegirter, und der bayerische Abg. v. Vollmar, der überhaupt am schärfsten die neue, allen Phrasen und revolutionärem Schwadroniren abholde Richtung ver­trat, erklärte geradezu, er würde es sür ein Unglück betrachten, wenn heute die Sozialdemokratie zur Herr­schaft gelangte. Er wollte damit sagen, daß dieselbe in diesem Falle in die größte Verlegenheit käme, weil sie außer Stande sein würde, die Versprechungen, mit denen sie stets die Massen zu ködern sucht, zu erfüllen. „Lebhafter Beifall" begleitete diese Worte. Wer würde noch vor wenigen Jahren so etwas sür möglich ge­halten haben! Wie andere Leute, können auch die Genossen nur „mit Wasser kochen". Umsomehr daher sollten Alle, die es angeht, darauf hinarbeiten, daß berechtigte Forderungen der Arbeiter befriedigt würden und so den sozialistischen Agitatoren und Hetzern der Wind aus den Segeln genommen würde.

Eine andere, nicht weniger gefährliche Art Hetzer hielt in der vorigen Woche ihre Generalversammlung in Magdeburg ab: der sogenannte evangelische Bund, die Leute vom Schlage eines Thümmel, der

aber diesmal keine Gastrolle geben konnte — von wegen des moralischen Malheurs, das sein Bruder, der ehe­malige Prediger von Altena, hatte. Aber es ging auch ohne Thümmel: geschimpft und getobt gegen „Rom" und „Papismus" und „Ultramontanismus" wurde wie zu Zeiten Luthers. In einer Gesellschaft von Fischweibern könnte es nicht ärger zugehen. Als neue Nummer in ihrem Programm führten die „evan­gelischen Brüder" einen zw eiten Kulturkampf an, der sicher kommen werde, dann aber geschickter geführt werden müsse, wie der erste, damit er mit der vollständigen Vernichtung des „Ultramontanismus" ende. An der „redlichen" Absicht der Gesellschaft: dieses Ziel zu erreichen, ist nicht zu zweifeln, und es ergibt sich daraus für die Katholiken die Mahnung, auf der Hut zu sein, scharf Wacht zu halten, sich eng zusammenzuschließen, damit sie im Stande sind, alle Angriffe, von welcher Seite sie auch kommen mögen, abzuschlagen. Glücklicherweise wächst int protestantischen Lager selbst zusehends die Zahl derer, die jede Ge­meinschaft mit der Hetzgesellschaft entschieden abweisen.

In Oesterreich-Ungarn hat die Lösung der Aus­gleichsfrage inzwischen keine Fortschritte gemacht. Die von den beiderseitigen Parlamenten gewählten Quoten­deputationen, welche sich über die Höhe der Beitrags­sätze einigen sollen, sind in Berathung getreten. Ob sie aber zu einem Ziele kommen werden, vermag Nie­mand zu sagen.

Zwischen England und Frankreich herrscht wegen der „Sud an frage" eine nicht geringe Spannung. England, welches zwar im Namen Aegyptens, aber in seinem eigenen Interesse handelt, hat nach der Er­oberung Chartums den ganzen Sudan, auch das obere Nilthal mit Faschoda, für den Sieger in Anspruch ge­nommen, da dieser Theil auch früher, vor dem Auf­treten des Mahdi, Aegypten gehört habe. Nun ist aber der französische Kapitän Marchand schon vor einigen Monaten vom französischen Kongo her nach Faschoda vorgedrungen und hat dieses im Namen Frankreichs besetzt. England erklärt jetzt, daß es das nicht dulden werde und hat hierüber einen scharfen Notenwechsel mit Frankreich geführt, der so drohend klingt, als ob das „Spiel der Kanonen" unmittelbar bevorstände. Hoffentlich ist die Sache nicht so schlimm, wie sie aussieht, und wenn auch England schwerlich etwas von seinen Ansprüchen aufgeben wird, so ist doch zu hoffen, daß es zu einem friedlichen Ausgleich kommt.

Die n,iedergef«rrbene Tochter.

Herr Mercier, ein Kaufmann in Paris, hatte außer anderen Kindern ein Töchterchen, ein zartes, schönes Kind, und das jüngste von allen. Eines Tages hat seine Wärterin dasselbe spazieren ge­führt, und weil eben ein großer Festtag war, hatte sie ihm seine besten Kleider angezogen und auch ein goldenes Kettchen um den Hals gehängt. Beim Nachhausegehen trifft es sich, daß der Wärterin ein Bekannter in den Weg kommt, mit dem sie in ein tiefes Gespräch geräth, und wäh­rend dieser Zeit macht sich das Kind von ihrer Hand los, um mit Bequemlichkeit das Spielzeug zu besehen, womit die Fenster eines Kramladens aufgeputzt waren. Es war dieses auf einem Platze, wo mehrere Straßen ausliefen, eng und winkelig, und wieder von Gäßchen durchschnitten, wie es eben in dem alten Labyrinthe von Paris ist. '

Auf einmal entsteht ein Lärm und Geschrei. Flüchtige Pferde, die sich von einem Wagen los- geriffen haben, und einen Theil des Zeuges hinter sich herschleppen, was sie noch wüthcvder macht, kommen durch eine enge Straße herbeigerannt, und gerade auf die Wärterin zu, die in dem Augenblick nur an ihre Sicherheit denkt, und in die nächste Straße springt. Als sich beide von dem ersten Schrecken erholt hatten, waren sie weit auseinander. Nun fängt für beide eine neue Angst an. Die Wärterin läuft nach der vorigen Stelle zurück, ruft, fragt; aber in dem Getümmel und Strömen der Menschen hat Niemand auf das Kind geachtet. Das Kind seinerseits läuft immer gerade aus und weint vor sich hin, und wie es so eine Weile gelaufen ist, kommt ein altes Weib gerade darauf zu, nimmt es auf den Arm und sagt: „Find ich dich endlich, Schätzchen? Ich habe dich schon lang gesucht," und läuft mit dem weinenden Kinde, so schnell sie nur kann, davon, so daß Jedermann meint, die Alte sei eben des Kindes Wärterin. Die war es aber freilich nicht, sondern die rechte Wärterin war nach vielem Hin- und Herlaufen nach Hause ge­gangen, in der ungewissen Hoffnung, das Kind würde vielleicht auch schon da angekommen sein. Da es sich nun aber nicht dort fand, kann man sich vorstellen, wie groß der Schrecken der Eltern war. Alles machte sich im Hause auf die Beine und lief und suchte, aber während sie nach der einen Seite liefen, war das Weib mit seiner Beute nach einer andern gelaufen, und da sie eine öde Gegend der Stadt erreicht hatte, fing sie an, das Kind auszuziehen; erst das goldene Kettchen, das es am Halse, trug dann das feine Musselin­kleid, mit neuen seidenen Bändern gebunden; ja, sie war im Begriffe, ihm auch das Hemd zu nehmen, und es dann seinem Schicksale Preis zu geben, wo es vielleicht in der Kälte der Nacht umgekommen wäre; aber das Kind schrie so

jämmerlich, daß die ruchlose Räuberin bemerkt zu werden fürchtete und mit ihren Raube entlief.

Das unglückliche Kind stand nun allein und unbekleidet auf der öden Stelle und schon brach die Dämmerung ein, und es wußte nicht, wo es hin sollte. Es blieb immer auf demselben Platze und schrie bald nach seiner Wärterin, bald nach Vater und Mutter. Da kam ein lahmer Bettler auf seiner Krücke und sah das arme, jammernde Kind und fragte es warum es denn so meine. Da sagte es, es wolle nach Hause, aber wo das Haus war, wußte es nicht; auch nicht, wie sein Vater hieß. Der Bettler dachte: das Kind kann mir ja betteln helfen; für ein hübsches Gesichtchen gibt mancher ein paar Kreuzer mehr. Vielleicht lassen es auch die, denen es an gehört, auf suchen, und dann setzt es wohl für den ehrlichen Finder ein gutes Trinkgeld ab. Er nahm also das Kind bei der Hand, das vor Furcht und Kälte zitterte, und sagte: „Sei nur still, Mäuschen, ich will Dich nach Hause zu Deinem Papa bringen." Da wurde dem Kinde wohl und weh; denn es fürchtete sich vor dem bärtigen Manne. Jndeß lief es mit. Da er es aber in ein kleines verfallenes Häuschen brachte und drei oder vier elende Stiegen hinaus auf den Boden kletterte, wollte das Kind nicht fort, sondern schrie immer: „Aber da wohnt ja mein Papa nicht!" Der Bettler zog es mit Gewalt fort, fuhr es auch mit rauher Stimme an und drohte ihm mit der Krücke, wenn es sich mucksen würde. Nun kam es, still in sich hineinweinend, in einen elenden Verschlag, wo das Fenster mit Papier zugeklebt war, und ein schmutziger Tisch nebst einem gebrochenen Schemel stand. Auf der Erde lag altes Stroh zum Lager; darauf ließ er das Kind sich niederlegen, es konnte aber nicht einschlafen. Und da es sich hin und her warf, fragte es der arme Mann, ob es vielleicht Hunger hätte, und gab ihm eine harte Brod- rinde aus seiner Tasche. Daran nagte das Kind und schlief darüber ein.

Am anderen Morgen brachte der Bettler dem Kinde einen häßlichen Kittel, den er irgendwo geborgt haben mochte, und da er ihm etwas zu lang war, riß er unten einen Fetzen ab, fo daß es nur noch lumpiger aus sah. Und nun ging er mit dem Kinde nach der neuen Brücke, die über die Seine geht, und täglich die halbe Stadt hinüber und herüber zieht. Hier fetzte sich der Bettler auf einen Stein, und das arme Kind mußte sich neben ihn stellen, und wenn Jemand DOtüberging, der fo aussah, als wenn er etwas geben könnte, mußte es die Hayd Hinhalten und sagen: prie, prie, ayez pitie d’an pauvre estrosie, d. h. bitte, bitte, erbarmt Euch eines armen Krüppels. Viele gingen vorbei und achteten es nicht: mancher gab wohl auch einen Sous, und mochte sich über das artige Gesichtchen indem groben Ktitel wundern, aber was es damit für eine Bewandt- niß habe, darnach fragte keiner. Tenn jeder hat da mit feinen eigenen Geschäften vollauf zu thun und hat selten viel Zeit, sich um Andree zu be­kümmern. Es tarnen einige Ausruser, die ver­lorene Sachen ausriefen; und der Bettler spitzte fein Ohr; aber die suchten goldene Petschafte, Ringe, Shawls und bergt.; Kinder suchte keiner. So verging eine Stunde nach der anderen, und das Kind wurde müde; und wie es fo auf dem Eckstein saß, lehnte es sich mit dem Köpfchen an den armen Mann und schlief ein.

Herr Mercier nun hatte die ganze Nacht kein Auge zugelhan, und feine Frau ebensowenig, und Niemand im ganzen Hause; und sie warteten nur, bis der Tag anbrach, um ihre Nachforschungen fortzusetzen. Denn bis nach Mitternacht waren sie mit Laternen umhergezogen. An allen Schlag­bäumen und Hauptwachen forschten sie, und den Polizeidienern versprachen sie Geld, wenn sie das Kind aufspürten. Die aber vermutheten nicht das geputzte Kind in dem zerrissenen und schmutzigen Kittel. Da nun wieder alles Forschen ver­gebens war, meinten sie endlich, das Kind könnte in den Fluß gefallen sein. Ganz traurig und mit beklommenem Herzen ging Herr Mercier an dem Ufer hin und dachte an den Jammer seiner Frau, und wie die Dämmerung anbrach kam er an die neue Brücke, wo der Bettler saß und das schlafende Kind auf dem Stein neben ihm. Und schon hatte er dem armen Mann im Vorübergehen ein Drei-Sous-Stück in den Hut geworfen, da rief das Kind im Schlafe: Ah Maman, ma chäre Maman! (Ach Mama, meine liebe Mama!) und schlief immer fort.

Die bekannte Stimme fuhr Herrn Mercier durchs Herz: er sah hin und erkannte in den schmutzigen Lumpen die Gestalt seiner Sophie. Sogleich riß er sie in die Höhe, nahm sie auf den Arm und weckte sie mit feinen Küsfin auf. Was das Kind für Augen machte, da es seinen Vater wieder sah, kann man sich denken. Es schlug seine beiden Aermchen um seinen Hals, drückte und küßte ihn und wollte ihm gar nicht mehr vom Arm herab. Herr Mercier zögerte

auch nicht lange an dieser Stelle, sondern nach­dem er von dem Bettler erfahren, wie er zu dem Kinde gekommen — das Uebrige erzählte die kleine Sophie in der Folge selbst — und ihm ein fchweres Goldstück zum Geschenk gegeben hatte, eilte er mit feiner lieben Bürde auf dem Arme nach Hause, wo die jammernde Mutter aus dem Sopha lag, und mit immer steigender Angst die Rückkehr ihrer Diener und ihres Mannes er­wartete. Dieser sprang, ohne daß ihn Jemand bemerkte, mit wenigen Sätzen die Treppe hinauf, öffnete leise die Thür und ließ Sophie hinein, während er selbst auf der Schwelle stehen blieb. Die Freude der Mutter und der Jubel im ganzen Hause will ich nicht beschreiben. Und auch diese Nacht schliefen nicht viele Augen in Herrn Mer­ciers Haufe; aber diesmal aus Freude über die Rückkehr des geliebten Kindes. Daß die unvor­sichtige Wärterin einer bestem und aufmerksameren Platz machen mußte, kann man leicht glauben. Böse zwar hatte sie es nicht gemeint. Aber Un­achtsamkeit im Beruf ist auch ein großes Unrecht.

Wie muff der Kandnrarm heutzutage wirth sch asten?

Es bedarf wohl kaum noch des Hinweises, daß es den Landwirthen unter den heutigen Ver­hältnissen außerordentlich schwer fällt, dem Acker durch die Pflanzenkultur noch einen Reinertrag abzugewinnen. Dieses Ziel wird überhaupt nicht erreichbar sein, wenn der Ernteertrag nicht eine ganz erhebliche Steigerung erfährt. Nun ist aber die Höhe des Ernteertrages abhängig von dem Vorrath an Nährstoffen im Boden. Je mehr Nährstoffe und in je gleichmäßigerem Verhältniß zu einander sie dem Boden bezw. den Pflanzen geboten werden, desto größer wird auch der Ernte­ertrag ausfallen. Hierfür ist immer derjenige Nährstoff entscheidend, der in geringster Menge im Boden vorhanden ist.

Nun ist es aber die Phosphorsaure, welche unter den Planzennährstoffen durchgängig in ge­ringster und für die Erzielung eines reichen Ernteertrages unzureichende Menge im Boden vorhanden ist. Zudem erleidet sie durch Verkauf von landwirthschaftlichen Erzeugniffen eine Ver­minderung wie kein zweiter Pflanzennährstoff.

Eine Hauptaufgabe der rationellen Ackerwirth- fchaft besteht deshalb darin, für Ersatz an Phos­phorsäure im Boden zu sorgen. Hierzu ist aber die Düngung mit Stallmist nicht allein hinreichend, indem der Gehalt desselben an Phosphorsäure zu gering ist. Düngen wir z. B. einen 1 Morgen großen Acker mit 120 Centner Stallmist guter Qualität, so geben wir ihm etwa 45 Pfund Phosphorsäure. Durch zwei Getreideemten, eine Hackfrucht und eine Kleeernte werden dem Boden über 80 Pfd. Phosphorsäure entnommen. Sollen nun aber Ernten erzielt werden, die nicht blos die Produktionskosten decken, sondern auch noch einen kleinen Gewinn lassen, so ntüffen wir diese Entnahme von Phosphorsäure nicht blos decken, sondern noch erheblich darüber hinausgehen.

Zur Anreicherung des Bodens mit Phosphor­säure eignet sich am besten Thomasschlackenmehl; es setzt uns in den Stand, dem Boden größere Mengen von Phosphorsäure auf einmal zuzu­führen, zudem findet eine Ueberführung in schwer lösliche Verbindungen im Boden nicht statt. Die phosphorsäurehaltigen Düngemittel werden gegen­wärtig zu außerordentlich billigen Preisen ange­boten. Ein Centner pro Jahr und Morgen wird neben der gebräuchlichen Stallmistdüngung in allen Fällen genügen, um den Boden zur Hervor­bringung reicher Ernten zu befähigen.

Da es nun außerordentlich wichtig ist, neben den künstlichen Düngemitteln Stalldünger zu ver­wenden, fo darf der Landwirth die Gewinnung von gutem Stallmist nicht außer Acht lassen. Bei aller Werthschätzung der richtig angewandten künst­lichen Düngemittel rächen wir doch, bevor man Geld für solche ausgibt, zunächst auf zweck­mäßige Behandlung des Stalldüngers weit mehr Gewicht zu legen, als dies bisher meist der Fall ist. Der in der eigenen Wirthschast produzirte Stalldünger kostet zunächst nicht baares Geld und bann hat er auch Eigenschaften, welche den künst­lichen Düngemitteln abgehen. Wir brauchen nur darauf hinzuweifen, daß der Stallmist nicht allein dem Boden die entzogenen Nährstoffe zum großen Theil wieder zuführt, sondern denselben auch physikalisch verbessert, indem er den schweren Boden lockert und erwärmt, den leichten Boden binbiger unb wasserhaltender, beide aber reicher an Humus macht.

Aber der Monate lang von Regen und Schneewasser ausgelaugte Stalldünger ist nicht als solcher zu betrachten, dcr die oben angeführ­ten Eigenschaften besitzt. Wir wollen deshalb mit Rücksicht auf die vermuthlich zu erwartenden stärkeren Niederschlage des Herbstes und Winters daran erinner.n, daß die Düngerstätten» vor dem Zufluß größerer Massermengen zu schützen sind.