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mit ZlnterHattungs-Aeilage „Mustrirte Sonntags-Zeitungs

Jutöa, Donnerstag, den 13. Oktober 1898.

25. JahrgMg.

Die Landtagswahlen

finden bekanntlich in einigen Wochen statt, und von dem Ausgange der Wahl wird es abhängen, ob verschiedene Vorlagen, welche jetzt geplant sind, den Landtag in der nächsten Session beschäftigen werden, lieber die anderweitigen Aufgaben des Landtages in der nächsten Session wird von einer kundig fein wollenden Seite berichtet:

„Die wichtigste Vorlage dürste wohl die Wahlgesetz-Reform darstellen. Sie wird sich nur auf das kommunale Wahlrecht be­ziehen, da bekanntlich für die Landtags-Wahlreform erst die Erfahrungen der Wahl abgewartet werden sollen. Recht umfassend werden sich die Ausführungs­arbeiten stellen, die in Folge des bürgerlichen Gesetzbuches und der mit ihm gleichzeitig in Kraft tretenden anderen Gesetze nöthig werden. Von Seiten des Kultusministeriums ist die Medizinalreform in Aussicht gestellt, vom Landwirthschafts-Ministerium ein Entwurf über die Regelung der Verhütung der Ver­unreinigung der Flußläufe. Sodann wurde früher auch daran gedacht, schon in der nächsten Tagung mit den in Aussicht genommenen gesetz­geberischen Arbeiten zurVerhütungvonHoch- wasser-Katastrop hen in den schlesischen Gebirgsflüssen zu beginnen. Ob sich jedoch die Vorarbeiten auf diesem Gebiete so fördern laffen, daß bestimmte gesetzgeberische Vorschläge bereits in der nächsten Tagung möglich sein werden, steht noch dahin. Als ganz sicher darf dagegen angesehen werden, daß das Finanz-Ministerium bis zum Beginn der Tagung die Arbeiten beendet haben wird, die sich auf den Ausgleich der Härten in der Besoldung der Unterbe- b«amten beziehen. Ebenso sicher ist auch, daß wiederum für Neben- und Kleinbahnen Kredite gefordert werden sollen. Auch wird es immer noch mehr wie wahrscheinlich angesehen, daß die große Kanalvorlage dem Landtage schon in der nächsten Tagung unterbreitet werden wird."

Mel kann man sich von der Wahlreform überhaupt nicht versprechen, je nach Ausfall der Wahlen dürfte sie aber noch kläglicher werden, als wie man erwartet. In Bezug auf das kommunale Wahlrecht stehen bekanntlich Nationalliberale und Konservative einträchtig zusammen; beide sind Freunde des plutokratischen Systems. Man darf wohl gespannt darauf fein, wie die Vorlage der Regierung aussehen wird. Was die anderen in Aussicht genommenen Vorlagen anlangt, so sind sie ebenfalls von großer Wichtigkeit und werden meist eine längere Zeitdauer zur Berathung in Anspruch nehmen. In Betreff der Besoldungsver- befferungen der Unterbeamten können wir leider keine übermäßigen Hoffnungen hegen; von Herrn v. Miquel ist auf diesem Gebiete sicher nicht viel zu erwarten. Wenn die große Kanal­vorlage an den Landtag kommt, so wird dieselbe zweifelsohne eine geraume Zeit zur Berathung in Anspruch nehmen. Wenn die oben bezeichneten

Vorlagen alle an den Landtag gelangen, so wird die Session wahrscheinlich ziemlich ausgedehnt werden, denn es ist zu berücksichtigen, daß auch die Etatsberathungen sich in der kommenden Session wohl lange hinziehen werden.

Aber es wird, wie schon oben bemerkt, von den Wahlen abhängen, ob die neue Session noch mehr Arbeiten zu erledigen haben wird. Wenn bei der Wahl die. Konservativen und Freikonser- vativen für sich die Mehrheit erlangen, so wird die Regierung nicht säumen, dem Landtage gleich in der ersten Session eine Vereinsnovelle nach Recke'schern Muster vvrzulegen. Das Weitere wird sich dann schon finden. Wir würden uns dann auch nicht wundern, wenn noch andere „schöne" Sachen wieder auf­lebten. Dem Volke würden von diesen Beschee- .rungen die Augen überlaufen. Nun fehlen an der konservativen Mehrheit nur wenige Stimmen, und soweit man bis jetzt über die Wahlbewegung irgend welche Ueberstcht hat, ist zu ersehen, daß sich die Konservativen mit aller Kraft bemühen, diese Mehrheit zu erlangen. Die demnächstigen Wahlen sind also von großer Wichtigkeit und deß sollten die Wähler einge­denk sein und sich bei den Wahlen darnach richten.

Ö Die Abberufung des Herrn von Bülow

von seinem Gesandtenposten beim Vatikan be­schäftigt noch immer die Presse in hervorragen­dem Maße. Es sei nochmals gesagt, daß der deutsche Katholik sich dessen nur freuen kann; denn das ist eine allgemeine und öffentliche An­erkennung der hohen Bedeutung, die dem Verhältnisse zwischen dem Vatikan und der Berliner Regierung für das gefammte Deutschland inne­wohnt. Und doppelt angenehm zu hören ist für den deutschen Katholiken die wiederholte Ver­sicherung, daß trotz der Abberufung des Herrn von Bülow von seinem vatikanischen Posten die Berliner Regierung an nichts weniger denkt als an eine Politik, die dem Vatikan irgendwie ab­sichtlich feindlich sein könnte. In diesem Sinne erscheint in der Kölnischen Zeitung' eine neue, von Berlin aus veranlaßte Kundgebung, die fol­gendes heroorhebt:

„In der Centrumspresse wird die Ansicht ausgesprochen, daß die Leitung unserer aus­wärtigen Politik nicht sowohl dem heil. Vater, als dem Kardinal - Staatssekretär Rampolla ihre Mißbilligung über die Behandlung der Pro­tektorats - Frage habe ausdrücken wollen. Wir glauben in der That, daß diese Beurtheilung vollständig z u t r e f f e n d ist. Schon gestern haben wir ausgeführt, daß wir in das Gerechtig­keitsgefühl und die hohe politische Ein­sicht Leo's XIII. das größte Zutrauen haben . . . Wir glauben zu wissen, daß nicht alle im Vatikan maßgebenden Personen mit der weitgehenden franzosenfreundlichen Politik | des Kardinals Rampolla einverstanden sind, die m'e h r rein politische als kirchliche Zwecke ver­folgt. Das diese letztere Thatsache auch bei den deutschen Katholiken anerkannt wird, betrachten wir für unser innerpolitisches Leben als eine sehr erfreuliche Erscheinung."

Mit Verlaub — da schreibt der Osfiziosus mehr, als er verantworten kann. Denn davon kann keine Rede sein, daß die deutschen Katho­liken die „Thatsache" anerkennen, Kardinal Ram­polla vergesse die Interessen der Kirche über rein politischen Zwecken; oder, wie die,Kölnische Ztg.' sich ausdrückt, die Polüik des Kardinals Ram­polla „verfolge mehr rein politische als kirchliche Zwecke". Wenn der Regierung und ihren Or­ganen daran etwas gelegen ist, fortgesetzt mit den deutschen Katholiken in der Beurtheilung dieser Angelegenheit einer Meinung zu fein, so sollten solche Versuche unterbleiben, die darauf gerichtet sind, den Anschein des Zwiespaltes zu erwecken zwischen den deutschen Katholiken und den maßgebenden Persönlichkeiten im Vatikan.

Bei der ganzen Frage des französischen Pro­tektorats über die Katholiken im Orient find zwei Gesichtspunkte zu unterscheiden, nämlich das w e 11-- liche und das kirchliche Protektorat.

Alle deutschen Katholiken werden mit wenigen Ausnahmen mit der deutschen Reichsregierung der Ansicht sein, daß das weltliche Protektorat über die deutschen Katholiken im Orient ebenso wie auf der ganzen Erde dem deutschen Reiche zusteht. Dieses Recht wird sich und darf sich das deutsche Reich niemals nehmen lassen, und es wird auch nicht leicht einen deutschen Katholiken im Auslande geben, der anders darüber denken sollte.

Aber die Dinge sehen sich ein wenig anders an, wenn man das kirchliche Protektorat ins Auge faßt. Dabei handelt es sich ja namentlich um die katholischen Klöster und Ordensnieder­lassungen im Orient, und diese stehen unter dem Heiligen Vater, nicht unter der Botmäßigkeit einer weltlichen Macht. Gern sei anerkannt, daß das deutsche Reich in kraftvoller Weise sich der katholischen Missionsanstalten in Ostasien ange­nommen hat, und ebenso dankbar werden die deutschen Katholiken dafür fein, wenn tut Noth- falle das deutsche Reich ebenso kraftvoll feinen starken Arm aus strecken wollte zum Schutze katho­lischer Niederlassungen in Kleinasien, in Palästina oder sonstwo. Aber der Vatikan allein hat darüber zu entscheiden, wem dieses kirchliche Protektorat zufallen soll, und man kann es einigermaßen ver­stehen, daß der Vatikan nicht ohne Noth durch die Aenderung einer seit Jahrhunderten bestehenden Form das Gefühl der französischen Katholiken verletzen wollte. Hier handelt es sich um kirch­liche Einrichtungen, und es ist ohne Zweifel un­gerecht, wenn aus dieser Sache und ihrer Be­handlung im Vatikan für den Kardinal-Staats­sekretär Rampolla der Vorwurf gedrechselt wird, er kümmere sich mehr um rein politische als um kirchliche Zwecke.

Sollte einst die Zeit kommen, in der der Papst es für angemessen hält, auch in dem kirchlichen Protektorat eine Aenderung nach den Wünschen der deutschen Reichsregierung eintreten zu lassen, so würden das freilich die deutschen Katholiken aller Voraussicht nach auch mit Freuden begrüßen. Aber allein dem Papste steht das Recht der Entscheidung darüber zu, und der Papst allein kann die rechte Einsicht dafür haben, wann es im Interesse der Kirche liegen kann, diese Aenderung vorzunehmen.

In -rn Sergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

26 ------ (Nachdruck verboten.)

11.

Schon vor drei Uhr am folgenden Tage hatte Lilian sich eingefunden an dem Orte, wo sie Paul noch einmal sehen und sprechen wollte. Sie zitterte, trotzdem der Tag warm und freund­lich war, und mit fieberhafter Spannung hielt sie ihr Auge auf jene Stelle gerichtet, wo der Felsspalt aufhörte und Pauls hohe Gestalt jeden Augenblick sichtbar werden mußte. Bei jedem Geräusch stockte ihr Äthern, weil sie seinen Schritt zu vernehmen glaubte; sie war geisterhaft bleich und ihre sanften Züge waren entstellt durch die ~ualen des vergangenen Tages und der schlaf­los verbrachten Nacht und durch das rothe Mal inmitten ihrer Stirn, welches der kantige Nagel- knops ihr beigebracht hatte.

®°, erwartete sie ihn, und als er sie sah, erschrak er über ihr verändertes Aussehen.

„Lilian," rief er, indem er die Arme aus- breitete und auf sie zueilte, um sie an fein Herz zu ziehen. 1 v 0

Sie aber trat einen Schritt zurück und in ihrer abwehrend ausgestreckten Rechten ihm den Türki- senrmg entgegenhaltend, schüttelte sie den Kopf.

Das war ihre Antwort, ihre Kehle war wie zusammengeschnült und vermochte kein Wort her­vorzubringen.

Er sah, wie sie gelitten hatte, wie sie noch utt, und die Vorwürfe, die er ihr machen wollte,

falls sie bei ihrer Weigerung beharrte, erstürben auf seinen Lippen.

Er nahm den Ring nicht, aber er nahm die kleine kalte Hand, die ihn hielt, zwischen seine beiden Hände und ihr lange in die Augen schauend fragte er traurig: „Warum denn dies, Lilian? Warum müssen wir so leiden ? Warum uns scheiden ? Muß es denn sein?"

„Es muß fein," sprach sie heiser, aber fest.

Ec fragte nicht mehr warum, aber fein Blick drückte diese Frage aus und sie fuhr fort mit zu Boden gesenkten Blicken: „Es war ein Un­recht von mir von Anfang an. Stets war es mir wie eine Offenbarung, daß ich nicht nach dem Glück, was von dieser Welt ist, sondern nach dem, was im Himmel unser wartet, streben soll, und da kamst Du, und da kam ein unbewachter Augenblick und warf alle meine guten Vorsätze und warf meine ganze Ueberzeugung über den Haufen."

„Und warst Du nicht glücklich, viel glücklicher als vorher?"

„Ja, ich war glücklich, ich war selig sogar," bekannte das Mädchen und eine momentane Röche färbte ihre blaffen Wangen, „aber jetzt ist's aus, ich könnte nicht mehr fo glücklich fein."

Vorwurfsvoll sah er sie an und ließ ihre Hand fahren, welche schlaff herniedersank.

„Ich habe die ganze Nacht darüber nachge­dacht", fuhr sie fort, „in diesem leidenschaftlichen Glücklichseinwollen lag eben der Ansang der Schuld."

„Ich verstehe Dich immer weniger," rief er halb zürnend, halb mitleidig aus, „warum dürftest Du nicht glücklich sein, wie andere Menschen auch?"

„Es war wie ein Rausch," sprach sie weiter, ohne seinen Einwurf zu beachten, und starrte wie für sich redend in das grüne Laubwerk hin­ein ; „im Rausch denkt und sagt man Dinge, die man im nüchternen Zustande nicht denken und sagen würde, aber nach dem Rausch folgt das Erwachen. So ist es mir ergangen; ich wollte durchaus dieses Glück, und da hab' ich — da hab' ich —" sie schlug die Hände vor's Gesicht, „da hab' ich gewünscht, daß die Mutter sterben möchte, damit ich Dir angehören könnte als Dein Weib," kam es gepreßt, fast unverständlich hervor.

Er löste die Hände von ihrem Antlitz und' sah sie voll zärtlicher Liebe an.

„Begreifst Du das? Meine Mutter! Meine Mutter, die bisheran mir alles war! War ich nicht wie von Sinnen?" fragte sie mit herzzer­reißendem Blick. „Nicht wahr, auch Du kannst mich nicht mehr lieben, auch Du mußt mich ver­achten, nun Du das weißt!"

„Ich Dich verachten! Ich Dich nicht mehr lieben!“ rief er aus. „O Du Reine, Gute, wenn's möglich wäre, noch tausendmal mehr. Wie kannst Du solch' eine Kleinigkeit, wie die Aufwallung eines Augenblickes, eine Schuld nennen!“

„Nenne es keine Kleinigkeit," erwiderte sie ernst, „mein Gewissen ist darin der sicherste Richter, und es hat mich verurtheilt. Es war wohl nur ein Augenblick, und gar schnell bin ich erwacht, aber als ich erwachte, graute mir vor dem Abgrund, vor dem ich stand." — Sie hielt inne und indem sie die zu Boden gerichteten Blicke wieder zu ihm erhob, sagte sie mit leiser Stimme: „Ich glaube, in diesem Abgrund ist

Deutsches Reich»

Berlin, 12. Oktober.

X Nach der bisher unbestätigten Meldung eines englischen Blattes soll der Kaiser ein eigenhändiges Schreiben an die Königin Viktoria von England gerichtet haben, in dem er feine Palästinareise anzeigt und sagt, er werde „die heiligen Orte besuchen mit Gedanken des Friedens und der Freundschaft für die ganze Menschheit, insbesondere für die edle Nation unter der Herrschaft seiner bewunderten und ge­liebten Großmutter." Der Stil klingt fast zu schwungvoll, als daß man an eine ganz zu­treffende Berichterstattung glauben könnte.

0 Die .Freisinnige Zeitung' des Abg. Eugen Richter hatte die Frage aufgeworfen, ob es nicht in Erwägung zu ziehen fei, für die Zeiten der Abwesenheit des deutschen Kaisers eine Itegentschafr einzusetzen. Das genannte Blatt findet damit bei seinen eigenen Parteigenossen kein Verständniß, und ganz in dem Sinne unserer eigenen Ausführungen vor einigen Tagen schreibt z. B. die ebenfalls freisinnige .Voff.Ztg.': „Es bedarf keines brennenden Ehrgeizes, keiner politischen Berechnung, keines Zuges zur Romantik, um eine Reise zu erklären, die jedermann von empfänglichem Geiste unternähme, dem ein freundliches Schicksal Freiheit, Vermögen und Sinn für edlere Genüsse als die gewöhn­lichen Freuden des Tages gegeben hat . . . Ist für die Sicherheit des Herrschers auf langer Reise ausreichend gesorgt? Können nicht wäh­rend der Abwesenheit des Kaisers jeden Augen­blick ernste Verwickelungen eintreten, die eine schnelle Entscheidung erfordern? Das sind Fragen, die ohne Zweifel von den verantwortlichen Rath­gebern der Krone ernsthaft und gewissenhaft ge­prüft sein werden. Die Regierung wird ihre Pflicht gethan haben, und wir sehen deshalb der nächsten Zukunft um so eher ohne Sor ge entgegen, als sich der Leiter des Aus­wärtigen Amtes in der Umgebung des Herrschers befinden wird....." In demselben Sinne findet die nationalliberale,National-Zeitung', daß „kein aktueller Anlaß vorhanden ist" zur Erörterung der Frage, ob während des Aufenthaltes des Kaisers außerhalb Deutschlands die Einsetzung einer Regentschaft nothwendig fei.

ti ^ri«z Akvrecht soll nach der Meldung einer Zeitungskorrespondenz durch den Tod feiner Gemahlin so tief erschüttert fein, daß er die Regentschaft von Braunschweig nieder­zulegen und gänzlich nach Schloß Kamenz in Schlesien sich zurückzuziehen gedenkt. — Mit dem Gedanken, die Regentschaft von Braunschweig niederzulegen, sollte sich Prinz Albrecht angeblich schon früher beschäftigt haben. Damals wurde hinzugefügt, Prinz AdolfvonLippe-Schaum- burg, der Gatte der ältesten Schwester des Kaisers, sei zum Nachfolger des Prinzen Albrecht ausersehen. Sollten im Ernste solche oder ähn­liche Veränderungen geplant werden, so ist doch auf keinen Fall zu erwarten, daß in diesem Sinne irgend etwas vor der Rückkehr des Kaisers von seiner Orientreise unternommen werden sollte.

O Ein Berliner offiziöses Organ, das Herrn von Miquel nahe steht, bringt in auffälliger meine ganze Liebe versenkt; ich fühle sie nicht mehr, sie liegt begraben in dem Abgrund meiner Schuld. Nur dies eine habe ich gedacht und gefühlt die ganze Nacht hindurch und den ganzen Tag. O jeder Schmerz der Erde und jedes Entsagen ist leichter zu ertragen als eine Ge­wissensqual. Nimm den Ring — ich habe ent­sagt, ich kann Dir niemals angehören, Paul; nur durch dies kann ich mich vor mir selbst ent­sühnen." Damit reichte sie wiederum den blauen Reis ihm entgegen.

Hastig schob er ihn von sich, daß er auf den grünen Waldesboden niederkollerte, und während Lilian sich bückte um ihn aufzuheben, sprach er erregt:

„Das kann Dein Ernst nicht sein, Lilian. Ich werde warten, bis Du ruhiger geworden bist. O ich kann auch länger, ich kann jahrelang warten, bis die Verhältnisse Dir gestatten, mein Weib zu werden, ohne Deine kindlichen Pflichten zu verletzen."

Starr sah Lilian ihn an bei diesen letzten Worten und die Hände wie abwehrend vorge- streckt, rief sie fast mit Heftigkeit aus: „Da ist er ja wieder, wenn auch nicht in klaren Worten ausgedrückt, jener unselige Gedanke. Er würde mich immerfort verfolgen und mit.meinen Wün- scheu sich zu vereinigen trachten. Nein, Paul, warte nicht, mein Herz würde nie zur Ruhe kommen, es wäre eine fortwährende Sünde." Die Hand mit dem Ringe wie zum Schwur emporgrboben, faote sie feierlich:

„Was auch eintieten möge, ich werde nie die Deine werden. Es war ein Jcrthum, ein Traum; es ist aus."