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mit Hlnterhaktungs-Meilage „Muflrirte Sonntags-Ieitung" *w"*"'"*

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25. Jahrgang

Arilda, Mittwoch, den 12. Oktober 1898

M 233.

man wird im allgemeinen kein Bedürf»iß

sondere Bedeutung beizulegen und als erfreue sich Paris ohne Unterbrechung der sanftesten Ruhe. Aber alle Berichte der unabhängigen Presse stimmen darin überein, daß Paris während der letzten Tage ganz so aussah, als befinde es sich im Belagerungszustande. Jedenfalls trifft diese Kennzeichnung für diejenigen Stadlviertel zu, in denen die Erd- und Bau-Arbeiter für die Aus­stellung stattfinden sollen. Städtische Gebäude sind in Kasernen umgewandelt worden für die Provinzregimenter, und die Arbeitsstätten selbst gleichen ein wenig befestigten Feld- und Kriegs­lagern. Denn die Unternehmer haben Hunderte von Bettstellen nach den Arbeitsstätten schaffen lassen, um den Arbeitswilligen Schutz zu ge­währen vor den Ausständigen; und es sind be­sondere Vorkehrungen getroffen, um diese Arbeits­stätten gegen die Außenwelt zu schützen. Nach den letzten Meldungen soll zwar Aussicht darauf vorhanden sein, den Ausstand bald beizulegen; und in der That geben sich die Behörden am Orte die größte Mühe, es dahin zu bringen. Aber bei den Ausständigen ist augenscheinlich fürs erste wenig Neigung dazu vorhanden, den Streik aufzugeben, und erst die kommenden Er- eigniffe werden zeigen, ob die Hoffnung auf bal­dige Beilegung des Ausstandes richtig ist.

Bei der Bürgerschaft erfreuen sich diesmal die Streiker keiner Sympathie; und das ist für die Streiker ein bedenkliches Zeichen, Ausstände ohne die Sympathie des Bürgerthums haben bisher stets ungünstig für diejenigen geendet, die den Ausstand unternahmen; und die Aussichten des Streiks werden desto schlechter, je größer die Zahl derer wird, die daran theilnehmen. Aber auf der anderen Seite ist das öffentliche Interesse an den Arbeiten für die Weltausstellung so groß, daß diesmal eine Ausnahme von der Regel mög­lich märe und es doch nicht ausgeschlossen erscheint, dsß die Streikenden doch mit einem kleinen Er­folge abschließen. Ecraihen läßt es sich nicht, welche von beiden Möglichkeiten in diesem Falle §ur Wahrheit werden wird. Man kann das nur abwarten.

zu Schanden gemacht. Sie zog ihn wiederum hervor und las ihn Wort für Wort und berauschte sich an den Liebesschwüren, die sie von nun an nie mehr hören sollte und lächelte selig, während dicke Tropfen über ihre blaffen Wangen hinab auf das Papier langsam niederrannen.

„Mama verlassen, sie fremden Händen über­geben, gelähmt und krank wie sie ist; nein, das kann und darf ich nicht. Niemals, niemals!" rief sie aus, indem sie sich erhob und mit der Hand über die in Unordnung gerathenen Haare fuhr; „sie hat das heiligste Anrecht auf mich; da müßte ja Gottes Fluch mich treffen, wenn ich das je vergäße. Aber wenn sie nachgäbe, wenn sie unserer Verbindung ihren Segen geben und mit uns ziehen wollte, o Gott, o Golt, wie selig wäre das!"

Eine Stunde später lag Lilian wieder zu Füßen der Mutter.

Sie kniete vor ihr und hatte die Arme auf deren Schoß gestützt und die ineinandergefalteten Hände und die Augen bittend, angstvoll zu ihr emporgehoben. „Mama, warum willst Du nicht?" stehle sie. „Wir könnten so glücklich sein, so glücklich sein alle Drei."

„Ich niemals. Und auch Du nicht, Du passest nicht da hinein. Du bist meine Tochter; wir ge­hören nicht zu den sogenannten Glücklichen."

„Ach Mama, ich habe ja auch stets so ge­dacht und habe mich nie nach einem andern Glück umgeschaut. Nun es aber plötzlich ungerufen, wie von Gott geschenkt, zu mir kommt, jetzt kann ich's nicht mehr lassen; ich glaube, ich müßte sterben davon. Warum muß ich es denn von

In den Serge».

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

25 ------ (Nachdruck verboten.)

Der Bote war bergab geeilt; durchs Fenster sah sie ihm nach, bis er verschwand. Es war geschehen; sie halte in das Stelldichein gewilligt. Durfte sie das denn? Durfte sie ihn Wiedersehen, wo doch alles aus sein sollte? Ach ja, diese Bitte tonnte sie ihm nicht abschlagen. Tas konnte Gott nicht verlangen, daß sie sich und ihm diesen schmerz­lichen Trost versage. Sie wollte ihn ja nur bitten, daß er ihr nicht zürne. Sie wollte ihm ja nur Lebewohl sagen, ihn nur noch einmal sehen, —- ach nur ein einziges letztes Mal und dann nie, nie mehr im Leben.

Bei diesem Gedanken brach sie in Schluchzen aus, aber wie wohlthuend waren diese Thränen im Vergleich zu der dumpfen Apathie, die sie bis- heran gefangen gehalten hatte.

Sie erinnerte sich daran, daß sie Pauls Ring noch auf dem Herzen trug. Sie zog das blaue Band hervor. Dort hing er noch fo friedlich neben der Marienmedaille und lächelte sie an mit seinen Veroißmeinnichtaugen. Sie küßte ihn, sie küßte auch d e Medaille und murmelte: Es hat nicht sollen sein. Dann löste sie den Ring vom Bande und streifte ihn an ihren Finger, wie sie's ganz heimlich gethan hatte in der Nacht, doch gleich darauf zog sie ihn mit einem Weh­schrei hastig wieder ab. „Lilian, was thust Du," schrie's in ihr, und sie brach wiederum in Thränen aus. All' ihr Entsagungsmuth hatte sie ver­lassen. Der liebe, süße, unselige Brief hatte ihn

Deutsches Keich.

Berlin, 11. Oktober.

h Das kaiserliche Saar roirb schon heute Abend von hier abreisen, um in Schloß Kamenz in Schlesien der Beisetzung der Prinzessin Al- rrecht beizuwohnen. Von dort geht die Reise weiter über den Semmering nach Venedig, wo die Ankunft planmäßig am 13. Oktober M.ttags gegen 1 Uhr erfolgen wird.

X Die.Freisinnige Zeitung' befürwortet die Kinsetzung einer Megenlfchaft für solche Fälle, tn denen, wie jetzt bei der Orientreise des Kaisers, der Monarch längere Zeit außer Landes bleibt. Nach der Reichsoerfassung ist eine solche Regentschaft nicht vorgesehen. Deswegen meint die,Freisinnige Zeitung', es „dürfte sich empfehlen, in der nächsten Reichstags-Session auf eine Regelung in der Regentschaftsfrage zu dringen". Sollte Herr Richter dies wirklich versuchen, so ist doch kaum anzunehmen, daß er darin Unter­stützung von mehreren Seiten finden wird; denn mir weisen? Warum gönnst Du mir mein Glück nicht, Mama?"

Mit seltsamem Ausdruck ruhten die Augen der Greisin auf Lilian. Sie, die stets Ruhige und Milde, sprach zu ihr mit glühenden Augen, mit leidenschaftlich erregtem Tone und Ausdruck. „Mein Erbtheil," murmelte sie, und als Lilian geendet hatte, wiederholte sie gedehnt „Dein Glück nicht?" und wandte sich zum Fenster hin, indem sie ein gellendes Lachen ausstieß, ein Lachen, das dem armen Mädchen durch die Seele schnitt.

Lilian sprang auf und rang die Hände und schickte die Blicke wie hilfesuchend durch's ganze Zimmer, bis sie zuletzt an den schmerzlich ent­stellten Zügen des Gekreuzigten hängen blieben.

„So nimm es doch, was Du Dein Glück nennst, und verkoste, was dahinter steckt," sprach nach einer geraumen Weile die Mutter in dumpfem Tone, „geh' doch, ich verwehre es Dir ja nicht. Ich habe es stets geahnt, daß es so kommen müßte. Geh' doch, in kurzem wirst Du es schon selbst verkosten, was ich jetzt verkoste, denn es steht geschrieben und es ist wahr: die Sünden der Eltern werden an den Kindern heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Geh' doch, Lilian; thu'was Du nicht lassen kannst; ich halte Dich nicht."

Lilian stand da wie Jemand, der unbeweglich einem Hagelschauer ausgesetzt ist, und als die Mutter aufgehört hatte zu sprechen, sah sie klagend zu ihr hinüber und sagte: „Mama, hast Du mich denn gar kein bischen lieb, daß Du mir so weh thun kannst?"

„Ist das denn noch nicht genug Beweis von Liebe, daß ich sage, daß Du gehen kannst, daß

Du thun kannst, was Du willst. Du kannst doch nicht verlangen, daß ich den Schein vom Eiden- glück, der mir noch verblieben ist, ausgebe um Deinetwillen. Ich will ja nicht viel, ich will ja nur hier leben, hier in dem Hause, wo ich mit Papa gelebt habe, und sterben dort auf jenem Bette, wo seine Leiche gelegen ist. Ich verlange nur wenig, aber dies Wenige laß ich mir nicht nehmen. Nimm Du Dein Glück für Dich und laß mir das meine; ich geh' nicht davon ab. — Ich würde Dir gern einen noch größeren Liebes­beweis geben," fuhr sie mit gedämpfter Stimme und unheimlichem Lächeln fort, „wenn ich nur dürfte. Du hast Chloroform in Deinem Schranke, den solltest Du mir, wenn ich schlafen gehe, aufs Nacktkästchen stellen; dann tränke ich mein Tuch damit, binde mir's vor Mund und Nase und morgen früh bin ich friedlich eingeschlummert; übermorgen könntest Du mich neben Papa bestallen und wärest dann frei, ganz ohne den geringsten Gewissensskrupel dem Zuge Deines Herzens zu folgen. Ich thäte es gern, Lilian - aber ich fürchte, — ich fürchte, nach diesem elenden Dasein bekäme ich auch droben keine Entschädigung, lch würde auch in der andern Welt nicht wieder mit Papa vereint und es begänne vielleicht ein noch schrecklicheres Leben, als ich hier durchgemacht habe."

„Mama," rief Lilian aus und schaute die Mutter mit verstörtem Blicke an. Dann riß sie das Fenster auf, als machte sich jetzt schon em Chlorosormgeruch im Zimmer bemerkbar, und nahm das besagte Fläschchen aus dem Schranke, als wenn Gefahr vorhanden wäre, daß die ge» lähmte Mutter es durch ein Wunder dennoch erreichen könnte.

danach fühlen, in diesem Sinne vorzuaehen.

0 Der Derzicht des Kaisers auf die Meise nach Aegypten scheint in vielen Köpfen inner­halb und außerhalb des deutschen Reiches einige Verwirrung angerichtet zu haben. Ein national­liberales rheinisches Blatt (die ,Rheinisch-Westfäl. Ztg.') führt diesen Verzicht auf eine Frage der Etikette zurück. Würde — so vermuthet das Blatt — der Kaiser die Gastfreundschaft des VizekönigS von Aegypten in Anspruch genommen haben, so würde das eine feierliche Anerkennung der Ober­hoheit des Sultans über Aegypten gewesen sein, mit der die Engländer hätten unzufrieden sein können; und der Gast Englands hätte der Kaiser nicht sein können, ohne den Sultan zu kränken, und so wäre die Reise ganz unterblieben. Es ist kaum zu begreifen, wie diese überschlaue Aus- klügelung ernsthafte Beachtung in der Preffe finden kann; und doch ist dies der Fall. Im Handum­drehen würden ja solche kleinliche Bedenklichkeiten durch eine einzige diplomatische Auseinandersetzung aus der Welt geschafft worden sein! Merkwürdiger­weise wird in einzelnen Zeitungsmeldungen aus Konstantinopel die Behauptung aufgestellt, daß man dort ebenfalls den Besuch des Kaisers in Aegypten sehr gern gesehen hätte, weil dies als Anerkennung des Khedive als Landesherrn und damit auch als Anerkennung der Oberhoheit deS Sultans über Aegypten hätte ausgelegt werden können. Halbamil-.ch wird von Berlin aus wieder­holt versichert, daß „nur Rücksichten der innereü Politik den Entschluß des Kaisers h^rbeigeführt haben". Und im allgemeinen wird man wohl anzunehmen haben, daß die Reise des Kaisers nach Aegypten nur aufgeschoben, r. icht aufgehoben ist.

-f- Mährend seines letzten Aufenthaltes im ostpreußischen Jagdschlösse Rominten hat der Kaiser dem Oberpräsidenten der Provinz Ost­preußen, dem Grafen Wilhelm von Bis­marck, gar keine Gelegenheit zu einer Audienz gegeben. Dagegen ist der Graf von Dön­hoff-Friedrickstein in liebenswürdiger Weise vom Kaiser empfangen worden. Dieser letztere hatte bekanntlich bei den Reichstagswahlen einen konservativ-agrarischen Gegenkandidaten zu be­kämpfen, nachdem er vorher wegen seiner freund­lichen Haltung zu dem deutsch-russischen Handels­verträge aus der konservativen Reichstags-Frak­tion hatte ausscheiden müssen. Der Empfang des Grafen von Dönhoff-Friedrichstein in Ro­minten ist nach den Berichten ostpreußischer Blätter „in Ostpreußen sehr bemerkt worden".

0 Obwohl ganz augenscheinlich der Bundes­rath noch gar nicht in die Erörterung der Frage eingetreten ist, an welchem Zeitpunkte der Meichs- lag eröffnet werden soll, nehmen die „Meldun­gen aus bester Quelle" über den vermuthlichen Zeitpunkt der Reickstags-Eröffnung ihren unge­störten Fortgang. „Nach den neueren Entschließun­gen", so lautet eine der allerneuesten Meldungen, „wird der Reichstag frühestens Ende November zusammentreten. Der Zusammentritt des preußi­schen Landtages wird voraussichtlich kurz nach Weihnachten (soll wohl Neujahr heißen! Red.) er­folgen." Natürlich, das zu errathen ist nicht schwer. Und außerdem entspricht das gan* und gar den Gepflogenheiten während der letzten Jahre.

O Die Abberufung des Herrn von Bülow

von seinem Gesandtenposten beim Vatikan be­schäftigt die Presse in außergewöhnlicher Weise. 'Die Zeitungen aller Parteien bringen viele Spalten voll Meldungen und Betrachtungen über den Fall und erbringen dadurch, zum Theil wohl /gegen ihren eigentlichen Willen, den besten Be­weis dafür, daß auch das protestantische Deutsch­land die ganz außerordentliche Bedeu- itung anerkennt, die dem Verhältnisse zwischen dem Vatikan und der Berliner Regierung inne­wohnt. Mit großer Genugthuung sieht das der deutsche Katholik. Auch kann man dem über­wiegenden Theile der deutschen Presse nicht die Anerkennung versagen, daß sie den Fall ohne 'Erregtheit und auch meistens ohne Neigung zu neuer Kulturkampf-Stimmung behandelt — einzelne Anverbefferliche natürlich immer ausgenommen. Merkwürdig berührt die Auffassung der,Freis. Zeitung' des Herrn Eugen Richter, die die Be­merkung macht: „Nach dem Wortlaut (nämlich -er halbamtlichen Meldung über den Rücktritt -es Herrn von Bülow) kann dieses heißen, daß die preußische Gesandtschaft beim päpstlichen Stuhle überhaupt aufgehoben werden soll, oder daß nur an Stelle des Henn von Bülow ein anderer Diplomat auf diesen Posten gestellt werden soll. Das Erstere ist wahrschein­lich . . . Wir legen daher die Mittheilung als fernen Wink aus, das die „Aufhebung der Preußischen Gesandtschaft beim päpstlichen Stuhle zwar noch nicht beschlossen ist, aber möglicherweise beschlossen werden kann. . . "

Mit dieser sensationslüsternen Auffassung der Sachlage steht, wie gesagt, die .Freisinnige Ztg' sehr vereinsamt da; und sie wird in dieser -ihrer vatikanfeindlichen Stimmung beschämt durch -eine ausführliche halbamtliche Darstellung des Falles, die von Berlin aus in die ,Kö lnische Zeitung' gebracht worden ist. Diese Dar­stellung b e st ä ti g t v o l l k o m m e n die Auffassung, die gestern an dieser Stelle zum Ausdrucke .gelangte. Danach bedeutet „die Ankündigung, daß der Gesandte v. Bülow voraussichtlich nicht ouf seinen Posten zurückkehren werde, keinen Abbruch der diplomatischen Bezieh­ungen, ist aber ein Beweis dafür, daß die früher so freundlichen Beziehungen zum Heiligen Stuhle eine Trübung erfahren haben". Aber gleichzeitig wird darauf hingewiesen, daß man in Berlin dies sehr bedauert und die Erhaltung der guten Beziehungen zum Vatikan lebhaft wünscht. „Wir bedauern — so heißt es in der halbamt­lichen Kundgebung — das lebhaft, denn ein solches freundschaftliches Einvernehmen zwischen Deutschland-Preußen und dem Vatikan ist in beiderseitigemInteresse erwünscht rmd hat auch beiderseitig mehr wie einmal gute Früchte getragen." Sehr richtig wird die T'ü- bung des Verhältnisses auf „französische Treibereien" zurückgeführt, und es wird nur beklagt, daß man im Vatikan diese Treibereien nicht einfach zurückgewiesen habe. Alsdann er­nennt die offiziöse Darstellung die Haltung der deutschen katholischen Presse in diesem

Falle an, die „trotz der Angriffe und Schmäh­ungen der französischen Presse" ein „nationales Denken und Wollen" betätigt habe.

Bei der Regierung in Berlin also ist keine Spur von Kulturkampfs-Stimmung vor­handen, sondern für das fernere Handeln der Wunsch maßgebend, daß die entstandene „Tiü- bung" möglichst bald wieder beseitigt werden möge. Herr von Bülow hat außerdem, wie nachträglich bekannt wird, selbst um seine Entlassung gebeten; und dadurch verliert die ganze Angelegenheit noch mehr den Anstrich des Sensationellen, den sie im ersten Augenblicke zu haben schien.____________________

jC Großer Arbeiter-Ausstand in Paris.

In der französischen Hauptstadt befinden sich gegenwärtig etwa 50000 ausständige Arbeiter und ungefähr 45 000 Soldaten. Denn es sind maffenhast Truppen aus der Provinz nach Paris kommandirt worden. Diese Truppen stehen unter dem Oberbefehle der Generäle Zur lind en und de Pellieux, und gerade dies sind die Generäle, die in ausgesprochenem Gegensätze zur Regierung sich befinden. Die Masse der Aus­ständigen "aber wird sich möglicherweise noch ver­mehren, trotz aller Bemühungen des in seiner Mehrheit sozialdemokratischen Pariser Gemeinde- rathes, durch Zugeständnisse an die Arbeiter diese wieder zur Ausnahme der Arbeit zu bringen. Die Gelegenheit ist günstig, beim es handelt sich ja um die Arbeiten für die große Pariser Welt­ausstellung im Jahre 1900; und so möchte man es gern zu einem „General-Streik" bringen, zu einem Streik, wo alles feiert.

Ein eigenthürnliches Dunkel liegt über den Ursachen dieser Arbeiter-Bewegung. Thatsäch- lich bezogen die Arbeiter ganz gute Löhne. Man stellt die Vermuthung auf, den Anstoß zu dem Ausstande habe die Erwägung gegeben, daß nach einer solchen Riesenausstellung, wie die von 1900 in Paris sein wird, ein böser Rückschlag einzu­treten pflegt mit wenig Arbeit, sinkenden Arbeits­löhnen und theuren Preisen für Lebensmittel; und daß man nun durch einen möglichst allgemeinen Ausstand jetzt vor der Ausstellung ausnahmsweise hohe Arbeitslöhne erzielen möchte, um dadurch sich ein wenig zu sichern gegen eine ungünstige Folgezeit. Aber es fehlt sehr an Beweismitteln für die Wahrheit dieser Vermuthung. Noch mehr aber fehlt es der andern Vermuthung an Be­gründung, daß die Veranstaltung des Ausstandes auf politische Umtriebe zurückzuführen sei. Denn gerade an der Arbeiterschaft dürften die­jenigen die geringste Freude erleben, welche auf einen Sturz der Republik hinarbeiten.

Im Anfänge verlief alles ruhig. Aber die Gemächer sind erregt durch die Spannung der politischen Lage; und so dauerte es gar nicht lange mit der Ruhe. Die Aufregung bemächtigte sich bald auch derjenigen, die hauptsächlich bei dem Albeiterausstande intereffirt sind, und diese Aufregung ist naturgemäß nicht geringer geworden, als die Einzüge der Provinzregimenter begannen. Die Meldungen des Regierungstelegraphen klingen zwar so, als sei der ganzen Sache gar keine be-