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M 231.
JuL'öa, Montag, den 10. Oktober 1898
25. Jahrgwg.
O Zur Orientreife des Kaisers.
Nur noch wenige Tage wird es währen bis zu dem Augenblicke, in dem das deutsche kaiserliche Paar, vom türkischen Großherrn empfangen, aus der Kaiseryacht „Hohenzollern" an den herrlichen Gestaden des Bosporus ans Land steigt. Mehrere Tage soll der Aufenthalt in Konstantinopel währen, und diese ganze Zeit hindurch wird das kaiserliche Paar die Gastfreundschaft des Sultans im Mdiz-Palaste genießen. Ganz außerordentliche Vorbereitungen hat dieser getroffen, um das deutsche kaiserliche Paar würdig zu empfangen und zu beherbergen und auch den Zug durch Palästina mit all dem Gepränge zu umgeben, dessen man nur immer fähig ist. Kurz und gut, der Besuch in Konstantinopel und der Zug von dort nach dem gelobten Lande erfolgen unter Umständen, die auf das allerbeste Ver- hältniß zwischen dem deutschen Kaiser und dem Beherrscher aller Ungläubigen -schließen lassen. Und noch mehr: verschiedene .Zeitungsmeldungen deuten mit Sicherheit darauf hin, daß der Sultan hofft, er werde aus diesem Besuche des kaiserlich deutschen Paares politisches Kapital für sich schlagen ikönnen. Daß lhatsöchlich auch politische Ver- chandlungen der Orientreise nicht fern bleiben werden, darf man daraus schließen, daß Herr von Bülow, der Staatssekretär des Auswär- Len Amtes, den Kaiser in deffen unmittelbarem ^persLulichem Gefolge auf der ganzen Reise begleiten wird. Herr Dr. Bosse dagegen, der ; preußische Kultusminister, reist auf einem andern -Schiffe von Genua nach Palästina und hat den Auftrag, in Jerusalem zum Einweihungs - Akte der neuen protestantischen Erlöser-Kirche sich dort beim Kaiser zu „melden".
Faßt man das alles zusammen, so kann man unmöglich dazu gelangen, die Reise des Kaisers nach Palästina auf schwärmerisch-religiöse oder ausschließlich protestantisch-konfessionelle Beweggründe allein zurückzuführen. Von religiöser Schwärmerei kann nicht gut die Rede sein bei einer R- rse, die beim Beherrscher aller Ungläubigen anfängt und von diesem gern ausgebeutet würde zu selbstsüchtigen politischen Zwecken, also zur Stärkung der Stellung des Islam in Europa. Und sollte etwa die ganze Reise nur so etwas sein wie ein protestestantischer Kreuzzug, dann müßte der Kaiser sein persönliches Gefolge zusammensetzen aus den Vertretern der protestantischen Geistlichkeit unter der Führung des protestantischen preußischen Kultusministers, anstatt diese Herren ganz allein in einem besondern Fahrzeuge die Reise machen zu lassen und dem Herrn Kultusminister den Auftrag zu geben, in Jerusalem sich zu „melden". Es kann darum kaum etwas Thörichteres geben, als wenn — wie tatsächlich geschehen! — ein von puritanischem Fanatismus durchglühter protestantischer Prediger diese Orientreise des Kaisers und der Kaiserin als eine „Pilgerfahrt" und damit als die Erfüllung einer Weissagung der Apokalypse feiert. Aber auch im allgemeinen braucht man nicht anzunehmen, daß diese Reise und die Anwesenheit des kaiserlichen Paares bei der Einweihung der neuen protestanischen Erlöserkirche
In den Sergen.
Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.
23 ------- (Nachdruck verboten.)
„Verehrte Frau, die ich bald Mutter nennen zu dürfen hoffe," sprach nun Paul mit gewaltsam erzwungener Ruhe; „ich finde es begreiflich, daß meine unerwartete Eröffnung Sie aufregen muß, aber erlauben Sie mir. Ihnen in aller 'Ruhe und Offenheit meine Verhältnisse darzu- legen; ich bin überzeugt, daß Sie uns alsdann Ihren Segen nicht versagen werden."
Ein Blick von Lilian dankte ihm für seine Ruhe und Schonung und nachdem er auf einem Sessel, den diese ihm zugeschoben, Platz genommen hatte, begann er seine Stellung, seine Verhältnisse, seine Lebensanschauungen, kurz alles, wovon er denken konnte, daß es der Mutter zu wissen erwünscht sein könnte, auseinanderzulegen. Er schloß, indem er von seiner innigen, uneigennützigen Liebe sprach und der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Mutter seiner geliebten Lilian bei ihnen wohnen und im Hause ihrer Kinder wieder zu neuem Glück und neuer Lebensfreude erwachen würde.
Während Paul sprach, hingen Lilians Augen mit unsäglicher Liebe und überströmendem Dankgefühle an seinen Lippen, sie meinte selbst, die Mutter könne gar nicht anders, als sich mit Rührung zu diesem guten edlen Menschen hinwenden und sagen: „Da nehmt Euch und seid glücklich." — Aber was sie erwartete, geschah nicht.
Unbeweglich wie eine Statue verharrte die
in Jerusalem eine Stärkung des Protestantismus im Gegensätze zur katholischen Kirche zur Folge haben werde: Auch im Vatikan steht man augenscheinlich solchen Gedanken vollkommen fern. Denn der Heilige Vater hat, wie bekannt, besondere Anweisungen an den katholischen Klerus im Orient erlassen, um dem Kaiser auch durch diesen einen ausgezeichneten Empfang zu bereiten.
Im deutschen Volke zumal faßt man die ganze Reise recht nüchtern auf, und darin stimmen im Allgemeinen Katholiken und Protestanten mit einander überein. Bemerkenswerth in diesem Sinne ist die Art der Beurtheilung, die der Reise von manchen Blättern zu Theil wird, welche sonst noch immer mit Vorliebe die Kulturpauke bearbeiten und jedenfalls immer sehr geneigt sind dazu, alles das zu unterstützen, wovon sie eine Stäi kung des Protestantismus „wider Rom" erwarten. Allen voran geht in diesem Sinne die nationall,berale Berliner, Nation al - Z t g/. Diese beurtheilt die Reise in erster Reihe von dem kritischen Gesichtspunkte aus, daß der Kaiser gerade in der Zeit so lange von Deutschland sich entfernt, in der die politischen Arbeiten wieder beginnen und der neue Reichstag eröffnet wird. Das genannte Blatt gibt der Besorgniß Ausdruck, daß durch die lange Abwesenheit des Kaisers die politischen Arbeiten eine Stockung erleiden könnten, und denselben Gedanken läßt die konservative ,Kreuzztg/ durchschimmern. Auch hie,Kreuzztg/ ist sonst immer sehr behend dabei, wenn es gilt, den „protestantischen Gedanken" in den Vordergrund zu drängen; aber auch sie fühlt sich also nicht in der Lage, diese Reise mit ausgesprochen protestantischen Propaganda - Zwecken in Verbindung zu bringen. Frst sieht es vielmehr so aus, als hätten sich manche Leute anfänglich solchen Hoffnungen hingegeber, daß diese Reise auch diesen Zwecken dienen sollte; und als hätten sie nunmehr darin eine Enttäuschunc erlebt, so daß sie jetzt die ganze Reise mit schelen Augen ansehen. Nun, wir lassen das auf sich beruhen. Auf jeden Fall brauchen wir Katholiken die Orientreise des Kaisers nicht als eine protestantisch-konfessionelle Kundgebung zu betrachten und zu beurtheilen.
Im klebrigen ist doch der Gedanke recht schön und verständlich, daß ein christlicher Kaiser, mag er nun Katholik oder Protestant sein, die Stätten besuchen will, die durch den Erdenwandel unseres Heilandes für alle Zeiten ausgezeichnet und geheiligt worden sind. Und wenn die politische Lage dem Kaiser diese Reise zu machen gestattet, warum soll er sie nicht machen? Dazu kommt, daß der Kaiser die Reise rach Aegypten aufgegeben hat. Somit wird der Kaiser bereits in der zweiten Hälfte des Monats November wieder zurückkehren und dann den Reichstag in eigener Person eröffnen können. Diese Aenderung des Reiseplanes ist im letzten Kronrath am 7. Oktober in Potsdam beschloffen worden.
Deutsches Deich.
Berlin, 8. Oktober.
* Die kürzlich in auswärtigen Blättern versuchten Ausstreuungen, als könne die Weise des Greisin in ihrer Stellung; während Paul zu ihrem Herzen zu reden suchte, umpanzerte sie es gleichsam mit einer doppelten Eisschicht und schaute unverwandt zum Acherkogel hin, der wie ein weißer Obelisk aus dem grauen Nebelmeere emporragte. Dieser weiße Obelisk, der war das Grabdenkmal, das den Namen ihres Gatten trug.
„Mag meine Tochter thun, was sie will, ich werde diese Stätte nicht verlassen, so lang ich lebe," antwortete sie dumpf, nachdem Paul geendet hatte, aber mit einer Entschiedenheit, von der Lilian wußte, daß sie durch nichts zu erschüttern sei. Ein Freudenstrabl erglänzte in Pauls Auge, denn er hörte nur das erste, ein Schmerzensschrei entrang sich Lilians Lippen, denn sie hörte nur das letzte heraus.
Mit Flammenschrift stand es vor ihrem geistigen Auge, daß ein Opfer von ihr gefordert wurde, daß es ihr Loos sei, zu entsagen. Sie sank auf den Stuhl hin, neben dem sie gestanden war, und schwer mit dumpfem Aufschlag fiel ihr Kopf auf das Arbeitstischchen nieder. Sie klagte nicht, sie weinte und zuckte nicht; außer diesem einen Aufschrei war nichts ihren Lippen entflohen.
„Lilian,— um Gotteswillen — was ist mit Dir gescheh'«!" rief Paul voll Schrecken aus und eilte auf sie zu. Es kümmerte ihn nicht, daß die alte Frau am Fenster mit seltsamen Augen ihm zusah, er kniete neben Lilian nieder und bat sie mit den süßesten Schmeichelnamen, ihn anzu- schau'n — es war, als hörte sie es nicht. Er stand auf und legte den Arm um ihre Schulter und dann, weil sie sich gar nicht rührte, drückte
Kaisers «ach Konstautivoper «ul» Ier«- fakenr eine Verzögerung erleiden oder überhaupt aufgegeben werden, sind ebenso unbegründet wie die noch immer andauernden Bemühungen gewisser fremder Organe, den Charakter dieser Reise politisch zu entstellen. Hingegen hat gutem Vernehmen nach der Kaiser, von dem Wunsche geleitet, bei der Wichtigkeit der in Aussicht stehenden Vorlagen die parlamentarischen Arbeiten in Deutschland keinerlei Aufschub erleiden zu lassen und den Reichstag in Person zu eröffnen, den Entschluß kundgegeben, auf den Abstecher nach Aegypten zu verzichten. —Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Bülow wird den Kaiser auf seiner Ocientreise begleiten. Derselbe wird hier durch den Unterstaatssekretär Freiherrn von Richthofen^in den Geschäftsobliegenheiten vertreten. Für bie Leitung der diplomatischen Beziehungen ist selbstverständlich in erster Reihe der Reichskanzler Fürst Hohenlohe zur Stelle, der ja als erfahrener Staatsmann zu seinem hohen Posten berufen worden ist und sich, wie die ,@erm.' hört, ebenso arbeitskräftig, als arbeitsfreudig fühlt.
X In Peking, der Hauptstadt des Jahrtausende alten „Reiches der Mitte", haben nun deutsche Marmesokdate« ihr Quartier aufgeschlagen. Die Zahl der deutschen Blaujacken beträgt 36. Alle anderen europäischen Mächte sind jetzt ebenfalls in Peking durch bewaffnet? Macht vertreten; aber ?■! ist «ichr zu befürchten, daß das Dreinschlagen mit eisengepanzerter Faust schon jetzt nöthig werden wirv. Immerhin läßt sich die Entwickelung der kommenden Dinge nicht Voraussagen, und deswegen ist, wie berichtet wird, auch die geplante Reise der Prinzessin Heinrich von Preußen nach Kiautschou neuerdings wieder in Frage gestellt worden.
0 Sehr merkwürdig gestaltet sich die Reihenfolge der Widersprüche in den Ankündigungen über die Art und Weise, wie die Grundsätze praktisch verwirklicht werden sollen, die der Kaiser in seiner bekannten HeynHairsener Iiede andeutete. Neuerdings war berichtet worden, dieser Schutz der Arbeitswilligen sollte nicht durch die Verschärfung des §l 53 der Gewerbe-Ordnung erreicht werden, sondern durch besondere Bestimmungen im Rahmen der allgemeinen Strafgesetzgebung. Jetzt taucht nun doch wieder der § 153 der Gewerbe-Ordnung auf, als der von der Regierung ins Auge gefaßte Träger dieser neuen Bestimmungen, wie die Regierung sie dem Reichstage vorschlagen will. Die Vermuthung liegt nahe, daß man sich in den Kreisen der Regierungen selbst noch nicht klar darüber ist.
* Die mfernafiottare Konferenz zur Be- rathung von Maßregeln gegen den Anarchismus wird auf Vorschlag der deutschen Regierung in Rom stattfinden. Auch die ,Tribuna' meldet, daß die Konferenz in Rom, nicht in Venedig stattfinden wird. Es handelt sich darum, gleiche Maßnahmen aller Regierungen zu beschließen, um Attentaten und gewaltsamen Störungen der öffentlichen Ordnung zuvorzukommen. Nachdem gestern die deutsche Regierung rückhaltslos die Beschickung der Konferenz zugesagt hat, dürfte das Gleiche auch bald von belgischer Seite zu erwarten fein. Der belgische
er seine Lippen auf den weißen Nacken, der unter dem dunkeln Haarknoten hervorschimmerte. Da erhob sie den Kopf; jeder Blutstropfen schien aus ihrem Angesicht verschwunden zu fein. Sie sah ihn vorwurfsvoll an und sagte tonlos: „Du darfst mich nicht mehr küssen, — es ist aus, — alles aus." Dabei zuckten ihre Lippen gar schmerzlich, und sie versuchte aufzustehen, was ihr aber nicht gelang.
„Lilian, ich verstehe Dich nicht," stammelte er und trat einen Schritt zurück; „ich glaubte doch, daß Du mich liebtest?" Sie konnte nicht sogleich antworten; sie sah ihn nur an, und er sah, daß sie ihn liebte und daß ihre Seele in Qualen zusammenzuckte. Jndeß, er verstand sie nicht, auch bann noch nicht, als sie sagte: „Zürne nicht; — siehst Du benn nicht, wie sehr ich leide?" Sie reichte ihm dabei ihre Hand, er gab ihr die feine und an feiner Hand stand sie auf. Sie sahen sich beide in die Augen, doch die seinen mußten eine ganz andere Sprache reden, als die ihren, denn indem sie den Kops schüttelte, sagte sie traurig: „Du glaubst noch immer nicht, daß alles aus ist."
„Nein, das glaube ich noch immer nicht, ich finde auch den Grund nicht, weshalb ich's glauben sollte," erwiderte er, indem er sich zu einem heitern Lächeln zwang
„Hast Du denn Mamas Antwort nicht verstanden?"
„Sie sagt, daß sie Dir die Freiheit läßt, nach Deinem Ermessen zu handeln."
„Sie sagt, daß sie diese Stätte nie verlassen wird, so lange sie lebt, und ich weiß, daß ich meine arme, gelähmte Mutter nicht verlaffen
Minister des Auswärtigen erhielt gestern die Einladung der italienischen Regierung, an der internationalen Konferenz theilzunehmen.
+ Vor einiger Zeit wurde berichtet, daß der Klais Dora«schkag dem Reichstage keine besonderen Ueberraschungen bringen werde. Im Gegentheil wurde berichtet, der Etat werde sich in der Höhe feiner Forderungen kaum von feinem Vorgänger unterscheiden. Nun aber ist ja bereits sattsam bekannt, daß das Reichsheer ganz erhebliche neue Anforderungen an den Reichssäckel stellen wird. Namentlich die Umformung der Artillerie gehört hierher. Dies kann gar nicht geschehen ohne große Neusorderungen, und so wurde damals an dieser Stelle die Vermuthung ausgestellt, daß wohl die Neusorderungen für das Heer als eine besondere Vorlage an den Reichstag g-langen würden. Jetzt wird in Bestätigung dieser Vermuthung berichtet, daß die Mehrforderungen für die Heeresverwaltung theils beim Etat selbst, theils aber in Gestalt eines besonderen Gesetzentwurfes zu erwarten ffien. Das klingt durchaus wahrscheinlich. Was alles an neuen Einrichtungen für das Heer geplant ist, liegt dagegen noch im Dunkel des Amtsgeheimnisses. Von der Umformung der Artillerie; und von neuer und besserer Organisation der technischen Truppenkörper wissen wir ja bereits; und diese beiden Punkte würden im Reichstage vermuthlich nicht eauf besondere Widersprüche stoßen, vorausgesetzt, daß mit der BewilliZUiiß derselben nicht die Aufwendung besonderer Mittel durch neue Abgaben oder Steuern verbunden sein sollte. Aber anders liegt es mit anderen Forderungen, die jetzt am politischen Horizonte auf« tauchen, als da sind: Erneuerung bezw. Verlängerung des Quinquennats, wesentliche Erhöhung der Friedenspräsenz des Heeres unter Beibehaltung der zweijährigen Dienstzeit, Vervollständigung der im vorigen Jahre aus den Halbbataillonen hervvrgegangenen neuen Bataillone auf den mittleren Etat, Umarbeitung der Militärtransportordnung und anderes mehr. Es bleibt abzuwarten, ob dieser neue Strauß von Opfern, die der sogen, bewaffnete Friede dem Steuer zahlenden Volke am Ende des sterbenden Jahrhunderts auferlegen soll, richtig in den Meldungen darüber zusammengesetzt ist. Und sollte das der Fall sein, dann wird es bei der Beurtheilung wiederum vor allen Dingen darauf ankommen, woher die noth« wendigen Geldmittel genommen werden sollen. Gegen die Bewilligung neuer Steuern dürfte die Regierung sehr starke Abneigung im Reichstage vorfinden.
* Die Ergebnisse des Keeresergä«zu«gs- gefchafts für 1897 stellen sich folgendermaßen: In den alphabetischen und Restantenlisten werden geführt 1,624,385 Personen. Davon sind als unermittelt in den Restantenlisten geführt 52,948, ohne Entschuldigung ausgcblieben 105,903, anderwärts gestellungspflichtig geworden 407,203, zurückgestellt 591,550, ausgeschlossen 1210, aus- gemustert 40,431, dem Landsturm ersten Aufgebots überwiesen 108,167, der Ersatzreserve überwiesen 83,534, der Marineersatzreserve überwiesen 953. Ausgehoben sind 224,838, überzählig geblieben 5673, freiwillig eingetreten
kann und nicht verlassen darf." Sie sagte das so einfach, aber eine herzzerreißende Klage klang doch durch jedes Wort, und als muffe sie es noch bekräftigen, machte sie sich jetzt von Paul los und ging zu ihrer Mutter hin und küßte ihr ehrerbietig die Hand. Es lag solch eine rührende Ergebung und Opferwilligkeit in dieser einfachen Handlung, aber keines der beiden Anwesenden hatte ein Verständniß dafür. Paul stand da mit verschränkten Armen und schaute zürnend auf sie, die sich von ihm lossagte, nieder, und die verbitterte Greisin am Fenster, anstatt segnend die Hand auf den dunkeln Scheue! zu legen, der sich in kindlicher Hingebung vor ihr beugte, wandte sich unwillig ab.
Sie hatte mit seltsamer Starre die beiden jungen Menschenkinder beobachtet. Sie dachte nicht an den Schmerz, den sie ihrem einzigen Kinde bereitete, sie bedachte nicht, daß sie das ganze Lebensglück derjenigen zerstörte, die ihr doch stets eine gute Tochter gewesen war; sie sah nur, daß ihre Tochter jenen fremden Mann dort mehr liebte als ihre Mutter und daß es nur Pflichtgefühl war, wenn sie trotzdem ihm entsagte. Sie, die das Schicksal bereits ans allem Liebes- und Lebensglück herausgedrängt hatte, sah sich herausgedrängt auch aus dem Herzen ihrer Tochter, das disheran ihr unbeschränktes Eigenthum gewesen war; sie sah sich bei Seite geschoben, sie war nur mehr eine geduldig ertragene Last. Dies quälende Gefühl wuchs riesengroß, es erstickte jedes Mitleid in ihrem Herzen. Sie mochte daS schmerzvoll v rzog ne blasse Gesichtchen nicht sehen und als Lilian sich ihr nahte, wandte sie sich ab.