Einzelbild herunterladen
 

Erscheint täglich, m. Ausnahme der

Sonn- und Feier­tage. Bierteljährl. Kejug,preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

KuwarrMZeitung

Inserate: Die ei» spalt. Garmond­zeile oder beten Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

für Inserate I. parzeller Ä“- mit Zlnterhallungs-Meilage „Mustrirte Sonntags-Zeitungs Petersgasse Ur. 2 (Harmonie).

M 230.

Jutöcr, Somstag den 8. Oktober 1898

25. Jahrgang-

I

^Erstes Wcatt.H

sL Preußische Landtagswahlen und Sozialdemokratie.

lieber die Stellung, die die Sozialdemo­kratie bei den bevorstehenden Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause einnehmen will, ist in der Presse mehr geschrieben worden, als dieser Sache ihrer Bedeutung nach zukam. Für den Ausfall der Wahlen hat es gar nicht so sehr viel zu bedeuten, ob nun die Sozialdemokratie daran theilnimmt oder nicht. Aber die Links­liberalen hoffen auf einige Mandate mehr durch die Unterstützung der Herren „Genossen" und es hat sich namentlich die linksliberale Presse außer­ordentlich eingehend mit diesem Thema beschäftigt.

Jetzt ist die Frage entschieden, nachdem ein ganzes Hahr lang erregter Streit in den Reihen der Sozialdemokratie deswegen getobt hat: der sozialdemokratische Parteitag in Stuttgart hat am Abend des letzten Mittwoch ohne weitere Dis­kussion die Vorschläge der besondern Kommission angenommen, die zur eingehenden Berathung dieser Frage eingesetzt worden war, und diese Vorschläge gehen in der Hauptsache dahin, daß der Beschluß des letzten Hamburger Parteitages umgestoßen und die Ent­scheidung über die Betheiligung an den Land­tagswahlenden einzelnen Wahlkreisen Über­la s se n wird. Dieser Beschluß aber bedeutet so viel, daß die überwiegende Mehrzahl der Wahlkreise an der Wahl sich betheiligen wird, und damit hat die Sozialdemokratie auch in dieser Frage eine vollkommene Schwenkung vollzogen. Der Kölner Parteitag i. I. 1893 hatte den be­stimmten Beschluß gefaßt, daß eine Betheiligung der Sozialdemokratie an den preußischen Land­tagswahlen überhaupt nicht stattfinden soll. Dieser Beschluß wurde im Vorjahre von dem Parteitage in Hamburg. umgestoßen, und es wurde ein an­derer Beschluß gefaßt, der die Betheiligung unter bestimmten Bedingungen erlaubte. Nur Kom- promfffe mit bürgerlichen Parteien sollten nicht abgeschlossen werden. Nunmehr ist also auch dieser Beschluß zum alten Eisen gelegt, und die Herren „Genoffen" in den einzelnen Wahlkreisen können so ziemlich alles thun, was ihnen beliebt. Nur wird in einer Resolution, die übrigens einstimmig angenommen wurde, einiges darüber gesagt, welchen Zwecken die Betheiligung an dm Landtagswahlen dienen könne und welchen nicht. Eine Heerschau ihrer Stimmen will die Partei dabei nicht abhalten, auch sieht sie es nicht auf einen „moralischen Erfolg" ab. Wohl aber soll nach dem Wortlaute der gefaßten Re­solution nach der Erreichung „bestimmter praktischer Erfolge" getrachtet werden; namentlich hat man im Auge die „Abwendung der Gefahr, daß die kraffeste Reaktion im Land­tage die Mehrheit erlangt". Und „wird in einem Wahlkreise die Betheiligung beschlossen, so werden, falls es sich dabei um eine Unterstützung bürger­licher Oppositions-Kandidaten handelt, die Kan­

didaten sich verpflichten müssen, für den Fall ihrer Wahl in den Landtag für die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl­rechtes, wie solches für die Wahlen zum Reichs­tage besteht, auch für die Wahlen zum Landtage einzutreten und im Landtage alle Maßnahmen entschieden zu bekämpfen, die geeignet sind, die bestehenden Volksrechte im Einzelstaate weiter zu schmälern oder zu beseitigen".

Deutet man den Sinn dieser etwas schwer­fälligen Worte, so kann dies kaum anders als so geschehen, daß die Sozialdemokraten nach der Meinung der Mehrheit ihres Parteitages überall da an der Landtagswahl sich betheiligen sollen, wo die Möglichkeit besteht, daß die Konser­vativen zum Siege gelangen können. Wahrscheinlich werden wohl auch manche Cen­trumskandidaten für die Herren „Genossen" in die Kategorie derer fallen, die „treffe Reaktion" zu treiben geneigt sind. Aber im großen und ganzen ist die Resolution augenscheinlich auf die Konservativen gemünzt, und diesen kann in der Thal die Betheiligung der Sozialdemokratie an der preußischen Landtagswahl in mehr als einem Wahlkreise gefährlich werden. Jetzt wird es an die Konservativen kommen, für die Fehler zu büßen, die sie während der letzten Legislaturperiode des preußischen Landtages begangen haben, nämlich die Fehler der über­großen Begehrlichkeit und Anmaßung und der nackten Jnteressen-Politik.

Nicht ohne Humor war es zu betrachten, wie dieser Beschluß des Stuttgarter sozialdemo­kratischen Parteitages zu Stande gekommen ist. Noch jetzt in Stuttgart gaben sich die Gegner der Betheiligung an der Landtagswahl die größte Mühe, ihre Anschauung dem Parteitage aufzu- nöthigen. Und namentlich der alte Liebknecht war es, der am Dienstag als das allerschlimmste Uebel den Versuch eines Theiles der Partei be­zeichnete, bei den Landtagswahlen den bürger­lichen Parteien die Hand zu reichen. Schließlich aber hat derselbe alte Liebknecht als Bericht­erstatter der Kommission auftreten müssen, die gerade das Gcgentheil von dem beschloß, was er selbst haben wollte.

Deutsches Deich.

Berlin, 7. Oktober.

4- Heute (Freitag) Vormittag 10 Uhr hat im Marmorpalais bei Potsdam unter dem Vor­sitze des Kaisers ein KrourakH stattgefunden. Das ist unter den gegenwärtigen Umständen nicht nur erklärlich, sondern beinahe selbstverständlich. Denn es ist klar, daß vor der Abreise des Kaisers das Bedürfniß besteht, in gegenseitiger Aussprache die gejammte politische Lage zu erörtern. Mög­licherweise handelte es sich dabei auch um die Grundzüge für die Thronrede mit der der Reichs­tag eröffnet werden soll.

h. Durch den offiziösen Draht wird der Wort­laut der diptomalische« Aoke mitgetheilt, durch die die italienische Regierung die Mächte zur Theilnahme an einer gemeinsamen Kon­ferenz gegen den Anarchismus einlabet. In dieser Note ist, wie schon bekannt, kein Vor­schlag gemacht über Ort, Zeit und etwaiges Pro-

In den Sergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki. 22 ------ (Nachdruck verboten.)

Als Halbwegs angenommener Bräutigam ver­ließ Lieutenant Ludomir den Balkon, den er mit ganz anderen Gedanken betreten hatte. Er wußte selbst nicht, sollte er sich freuen, sollte er sich ärgern. Er war verliebt in Stella, bis über die Ohren verliebt, — aber ans Heirathen hatte er doch nicht gedacht. Bisheran hatte er nicht daran gedacht, weil er ein armer Schlucker war, der die Gage, welche er am letzten jeden Monats erhielt, nur dazu bekam, um die Interessen der im vergangenen Monat gemachten Schulden zu bezahlen. Jetzt war er über Nacht ein reicher Mann geworden, denn der Onkel war in feinen besten Jahren plötzlich gestorben, und da war fein erster Ge­danke gewesen, sich mit diesem Gelbe bie lang­ersehnte Freiheit zu erlaufen unb feinen Jugeub- trautn in die Wirklichkeit zu übersetzen. — Aber vielleicht, daß Stella Recht hatte. Vielleicht, daß es em Unsinn war, jetzt noch zum Theater, der Laufbahn der Armen, übergehen zu wollen. Es war gewiß angenehmer, sich von der gefeierten Diva etwas vorsingen zu lassen, wenn er nur svollte, — unb wenn sie seine Frau würbe, würbe ja auch ein Schein von Theaterpoesie in sein Leben fallen. — Sie seine Frau! Wie bas Aufsehen erregen würbe! Wie ihn jene, bie ihn bisheran über die Achsel angesehen hatten, beneiden würden! — Sie, seine Frau, welch ein eigenthümliches Gefühl ihm dieser Gedanke verursachte! — Und ihr Ruf war tadellos.

Als Ludomir den Balkon verlassen hatte

sprang Stella aus der Hängematte heraus. Sie lief ein paarmal auf und ab und stieß den leichten Sessel, den ihr Verehrer zurückzutragen unter­lassen hatte, mit dem Faße in die Ecke, daß das leichte Holzgeländer krachte. Dann lehnte sie sich über die Brüstung in das Thal hinab. Dort kam eben Paul aus dem Walde und schritt durch bas schon welkenbe blaue Flachsfelb, welches besten Fuß umsäumte. Er schaute nicht ein einziges Mal nach ber Richtung hin, in welcher bas Hotel zur Post gelegen war, er schaute meistens vor sich nieber, jeboch ab unb zu hob er den Kopf unb schaute bie Höhen hinan wie lächelnb unb mit ben Augen grüßend.

Stella konnte seine Züge ganz genau unter­scheiden, denn sie hatte ein Opernglas in bie Hanb genommen unb ftubirte durch dasselbe sein bewegtes Mienenspiel.

Jetzt war er schon auf dem Wege, der gerade­aus auf die Veranda führte. Und nicht ein einziges Mal hatte er den Blick hmaufgefündt zu dem Balkon mit dem grünen Riesenschirme, „dem Palmenblatt, welches sich schützend über die weiße Lotosblume wölbte," wie er in den Tagen, da er noch galant und witzig war, gesagt hatte. Der Vergleich hatte ihr sehr gefallen und von da ab nannte sie den Sonnenschirm nur ihr Palmenblatt. Er aber schien Palmenblatt und Lotosblume ver­gessen zu haben, denn er stieg jetzt die zur Veranda hinaufführenden Stufen hinauf, ohne nach oben geschaut zu haben, und unwillig ballte Stella das feine Batisttuch, welches sie, gleich als sie ihn bemerkte, hervorgezogen hatte, um es grüßend ihm entgegenzufchwenken, zusammen, und warf es in die Ecke zu dem Sessel.

gramm ber Konferenz. Nach Meldungen aber, bie allem Anscheine nach aus zuverlässiger Quelle stammen, bürste bie Berathung aller Wahrschein­lichkeit nach in R o m stattfinben. Man vermuthet auch, baß es sich dabei nicht um neue Ab­machungen handeln wird, sondern mehr um die Eingehung gegenseitiger Verpflichtungzu gleichmäßigem Vorgehen aller Staaten gegen den Anarchismus nach ben bestehenben Gesetzen.

* lieber bie Anfgaöe« des Landtages i« der nächste« Session wirb geschrieben:

Die wichtigste Vorlage dürfte wohl die Wahlgesetz- Reform vorstellen. Sie wird sich nur auf das kommu- naleWahlrecht beziehen, da bekanntlich für die Land­tags-Wahlreform erst die Erfahrungen der Wahl abge­wartet werden sollen. Recht umfassend werden sich tue Ausführungs-Arbeiten stellen, die in Folge des Bürgerlichen Gesetzbuches und der mit ihm gleich­zeitig in Kraft tretenden anderen Gesetze nöthig werden. Von Seiten des Kultusministeriums ist die Me dizinal - Reform in Aussicht gestellt, vom Landwirthschafts- Ministerium ein Entwurf über die Regelung der Ver­hütung der Verunreinigung der Flußläufe. So­dann wurde früher auch daran gedacht, schon in der nächsten Tagung mit den in Aussicht genommenen gesetz­geberischen Arbeiten zur Verhütung von Hoch­wasser-Katastrophen in den schlesischen Gebirgs­flüssen zu beginnen. Ob sich jedoch die Vorarbeiten auf diesem Gebiete so fördern lassen, daß bestimmte gesetz­geberische Vorschläge bereits in der nächsten Tagung möglich sein werden, steht noch dahin. Als ganz sicher darf dagegen angesehen werden, daß das Finanzmini­sterium bis zum Beginne der Tagung die Arbeiten beendet haben wird, die sich auf den Ausgleich der Härten in der Besoldung der Unterbeamten beziehen. Ebenso sicher ist auch, daß wiederum für Neben- und Klein­bahnen Kredite gefordert werden sollen. Auch wird es immer noch als mehr wie wahrscheinlich angesehen, daß die große Kanal-Vorlage dem Landtage schon in der nächsten Tagung unterbreitet werden wird.

* Nach ^eitungsmelbungen aus Petersburg ist als Zeitpunkt für bie Abhaltung ber vom Zaren vorgeschlagenen Iriedens-Konfererrz ber März bes nächsten Jahres in Aussicht genommen, als Ort Petersburg.

x Nachträglich wirb halbamtlich berichtet, baß ber Erlaß des preußischen Ministers bes Innern über ben Waffe«geöra«ch der Aokizei nicht bie Bemerkung „Vertraulich" getragen habe. Ueberhaupt werbe von bem Vermerk „Vertrau­lich" nur noch ber nothwenbigste Gebrauch ge­macht. — Sollte biete offiziöse Auslassung etwa auf bem alten Grunbfatze bes Fuchses in ber Fabel unb ben Weintrauben beruhen, bie zu hoch hängen unb bem Fuchse barum zu sauer sinb?

Zur Landtagswahl.

* In Irankfnrt a. d. Oder haben sich alle liberalen Parteien über ein gemein­sames Vorgehen bei ber Lanbtagswahl ge­einigt. Bisher war biefer Wahlkreis im preußischen Abgeorbnetenhause burch einen Konservativen unb einen Freikonservativen vertreten.

Ausland.

X Aom, 7. Okt. Es ist der Wunsch bes Papstes, baß ber beutsche Kaiser in Palästina so gut wie möglich empfangen werbe. Am heutigen Freitag hat ber Papst ben melchitischen Patriarchen von Jerusalem empfangen, um ihm bie nöthigen Anweisungen bazu zu geben;

Sie hatte Paul ben Vorzug gegeben vor Lu­bomir, trotzbem biefer jetzt ein reicher Mann ge­worben war. Paul war wenigstens eine Per­sönlichkeit, für bie sie sich intereffiren unb erwärmen konnte, Lubomir hingegen war ihr gänzlich gleichgiltig.

„Aber was thut's," sagte sie leichtfertig, in« bem sie in ihr Zimmer ging, um mit ber Toilette für's Mittagessen zu beginnen; „es ist sogar besser so. Ehegatten sollen möglichst wenig verliebt in einanber fein, bamit sie sich in ihren Freiheiten besto weniger beschränken. Als Gemahlin eines reichen Ulauenoffiziers werbe ich mir jebenfalls viel eher ben Luxus einer Liebesleibenschaft ge­statten können, benn als unbeschützte Sängerin bes Theater in Wien."

10.

Paul war seit Sonntag noch jeben Tag oben am See unb war um bas Häuschen gestrichen, wo biejenige wohnte, bie all sein Sinnen unb Sehnen war, aber er hatte sie nicht erblickt. Heute, am Mittwoch, ging er zum brüten Male hinauf, aber heute nicht vergeblich, heute ging er hinein, bie alte Mutter um bie Hanb ihrer Tochter zu bitten.

Es war ihm ganz feierlich zu Muthe, als er in diesem Gebauten ben Berg hinaufschritt; es war ihm, als habe er sein vergangenes Leben nun abgeschloffen mit einem bicken hoppelten Strich unb als beginne er nun bas zukünftige auf einem neuen, weißen Blatte.

Das Wetter war trübe; ber Regen, ber bie ganze Nacht hindurch unb noch am frühen Mor­gen gefallen war, lag noch auf ben Blättern unb fiel, wenn Pauls hohe Gestalt bie nieberfjängenben

unb biefelben Anweisungen! sind an ben römisch' katholischen Klerus ergangen.

* aris, 7.Okt. Die Vereinigten Staaten stellen in ber heutigen Sitzung ber Friedens­konferenz drei Forderungen auf: „1. Manila und das gesummte Gebiet der Insel Luzon ge­hört den Vereinigten Staaten; 2. Spanien ver­zichtet auf alle Hoheitsrechte über das übrige Gebiet der Philippinengruppe; 3. ein Schieds­gericht wird über den Modus der Uebernahme und Tilgung der Philippinenschulden entscheiden. — Schauren Aus ständiger durchzogen heute Vormittug verschiedene Studtviertel, um diejenigen Arbeiter, welche uuf einigen Werkplätzen weiter­arbeiteten, von der Arbeit abzubringen. Die Polizei zerstreute die Ausständigen und nahm mehrere Verhaftungen vor. Aus den Garnisonen der Nachbarorte wurden Trupp enubtheilungen zur Verstärkung des Sicherheitsdienstes herangezogen. Die Zahl der Arbeiter, welche die Arbeit fort­setzen, Hut heute weiter ubgenommen.

x Wie«, 7. Okt. Zu der Krisis in Oesterreich wird einem großen polnischen Blutte in Lemberg, dem ,Przeglond' von hier gemeldet, die österreichische Regierung „denke gur nicht duran, den Ausgleich mit Ungarn mit Hilft der Rechten auf parlamentarischem Wege durchzuführen, denn das sei schon wegen der Kürze der Zeit unmöglich. Die Regierung wolle viel­mehr „nur die moralische Unterstützung der Rechten bei der Durchführung des Ausgleichs mittels des Paragraphen 14". Dieser Paragraph 14 der Verfassung ist eben der bekannte Nothstands- Paragraph, der nun schon ein ganzes Jahr lang in Oesterreich der Regierung dazu dienen muß, um ohne Parlament zu wirtdschaften. Die Schuld daran, daß das möglich sein konnte, tragen die Leute von der deutschen Opposition durch ihr unmenschliches Benehmen int öster­reichischen Abgeorbnetenhause in ber ersten Zeit ihres parlamentarischen Streiks, ihrer sogenannten Obstruktion. Damals machte bie beutsche Oppo­sition burch ihre Rüppelkomöbien alle parla­mentarischen Verhanblungen wirklich unmöglich, unb daburch würbe bie Regierung auf die An­wendung des Nothstands - Paragraphen hinge­drängt. Damals geschah das sehr gegen den Willen der österreichischen Regierung. Inzwischen aber scheint diese viel Geschmack am Alleinregieren gefunden zu haben, unb nun sucht sie selbst bie Dinge so zu lenken, baß sie das Alleinregieren mit dem äußeren Scheine des Rechtes fortsetzen kann. Es ist kaum anzunehmen, daß die ganze parlamentarische Rechte gesonnen ist, diesen Ge­lüsten des Grafen Thun zur Verwirklichung zu verhelfen. Denn das hieße nichts weiter, als systemathisch das Parlament aller Macht berauben und selbst ben Ast absägen helfen, auf bem man sitzt. Was sollen die Parlamente, wenn man alles Mögliche thut, um ihr Arbeiten unmöglich zu machen? Herr Lueger hatte nicht ganz un­recht, als er neulich diese Gelüste! des Kabinets Thun, ohne Parlament weiter zu regieren, „frivol" nannte; benn biefe Gelüste stehen in unmittel­barem Wiberfpruch mit ber Verfassung. Des­wegen klingt es zunächst auch unwahrscheinlich, daß bie Rechte insgesammt solche Umtriebe unter­stützen sollte. Aber baran, baß in dieser Weise

Aeste streifte, in bieten Tropfen auf feinen bunteln Rock unb Hut. Der Wald war wie mit feuchten Schleiern durchzogen, unb leise, wie klagend, zirpte bie Vogelbrut in ihren nassen Nestern.

Paul schwang sich auf einen freistehenden Felsblock, an bem die vor einigen Tagen noch fo frischen Alpenrosen bereits gelbumrandet hernieber- hingen; er wollte Umschau halten, ob benn bie Sonne gar keine Miene machte, sich zu zeigen. Jnbeß er sah nichts, nichts als ein endloses Grau, nichts als dichte Nebel ringsum. Kopfschüttelnd sprang er zurück auf ben durchweichten Weg. Er glaubte dabei auf einen quer über denselben liegenden glatten Stock getreten zu sein, aber der rotbraune Stock belebte unb krümmte sich, und als Paul entsetzt einen Schritt zurücksprang, sah er, wie eine Blindschleiche in's Laubwerk huschte und verschwand.

Paul war nicht abergläubisch, aber er hätte sich doch einen freundlicheren Tag für feine Wer­bung gewünscht.

Frau Holder hatte schlecht geschlafen in dieser Nacht und Lilian sah blasser aus denn je. Das Zimmer hatte sie just in Ordnung gebracht und nun stand sie bei der Mutter am Fenster und kämmte deren noch immer dichtes, langes, schnee­weißes Haar.

Wie so manchmal in diesen drei Tagen, so schwebten auch jetzt wieder auf ihren Lippen die Worte, wodurch sie ihrer Mutter alles sagen wollte, ihre ganze Siebe, ihre ganze Seligkeit, aber wie immer fürchtete sie sich auch jetzt, und die Worte wollten nicht aus ihrer Kehle heraus.

Da fiel der messingene Klopfer, der an ber