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FuwaerM Zeitung

25. Jahrgmg

Iulöa, Momag, bett 26. September 1898

M 219.

12

(Nachdruck verboten.)

Druck xnb Verla- der Fuldaer Actiendruckeret peterugaAe llr. i (Larmoaie).

ist naturgemäß die, daß er leicht in nervöse Schlaffheit und Abspannung verfällt, schwach- nerviq und also „nervös" wird.

Würden nur solche junge Leute zu den ge­lehrten Berufen übergehen, die so recht das Zeug dazu haben, dann würde man vermuthlich von einer Ueberbürdung mit Arbeiten in unseren so­genannten höheren Schulen nur wenig oder gar nichts hören. Denn diese jungen Leute würden ihrer Aufgabe gewachsen sein. Sie würden die­selbe verhältnißmäßig leicht bewältigen, ihre Nervenkräfte würden also auch nichts darunter zu leiden haben; kurz, auf diese Art könnte man einen sehr erfolgreichen Rrieg führen gegen die Krankheit der Zeit, gegen die zunehmende Nervo­sität schon bei unserer Jugend.

Aber freilich, noch manche anderen Gesichts­sichtspunkte müßten berücksichtigt werden, wenn man die Frage von der Ueberbürdung und dem­zufolge Nervosität unserer sogen, höhern Schüler — auch ja nicht zu vergessen Schülerinnen! — erschöpfend behandeln wollte. Hier sollte indessen nur auf diesen einen Punkt hingewiesen werden, auf den schweren Schaden, den Kinder mitunter an ihrer Gesundheit und an ihrem ganzen zu­künftigen Leben erleiden müssen, weil eitele Eltern, die durchaus einen gelehrten Mann aus ihrem Sohne gemacht sehen wollen, diesen zu einem Be­rufe zwingen, zu dem ihm Neigung und Anlagen fehlen, ohne dabei zu bedenken, daß sie ihrem Kinde statt des Glückes nur Unglück bringen und daß sie sich dabei einer schweren Sünde schuldig machen.

Ein Mann, der an seiner Stelle das Rechte leistet, verdient sich die Achtung aller; mag diese Stelle nun hoch oder niedrig sein in der einge­bildeten Stufenleiter des menschlichen Lebens. Und thatsächlich ist es ja eine Thorheit, sich ein­zureden, daß nur die sogenannte höhere Bildung wahrhaft gebildet mache. Die höchste Bildung ist die der Seele und des Herzens, so wie sie unserem Herrgott am besten gefällt. Und wer nicht zur gelehrten Bildung berufen ist, der bleibe hübsch davon!

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st Unser Sohn muß studircn!

Außerordentlich häufig hört man diesen Satz aussprechen. Es entspringt ohne Zweifel zum größten Theile dem gutgemeinten Wunsche der Eltern, daß es der Sohn im Leben so weit wie Möglich bringen, und daß es ihm immer recht gut gehen möge. Sehr häufig aber wirken dabei noch ganz andere Beweggründe mit, über die die Eltern manchmal selbst gar nicht klar sind; ssnd dazu gehört vor allen Dingen die liebe Eitelkeit. Man möchte gern einmal den Nachbaren und der Ver­wandtschaft den Sohn zeigen im Gewände des Priesters, oder in der Tracht des Rrchters, oder mit Stolz von ihm sagen können, daß er in der Stadt als Arzt seine Praxis eröffnet habe; und Labei denkt man häufig weniger an das Glück und an die Zukunft des Sohnes selbst, als viel­mehr daran, aus dem Sohne ein Schaustück zu machen, mit dem man grundsätzlich oder gelegent­lich sich großmachen kann. Wenn solche Beweg­gründe erst chr mitunter verhängnißvolles Spiel zu treiben beginnen, dann pflegt das Obr der Eltern gewöhnlich allen Vorstellungen einsichts­vollerer Leute verschlossen zu sein. Der Sohn soll und muß studiren, denn er soll „höher hinaus", und wenig wird danach gefragt, ob denn der Sprößling überhaupt die erforderlichen An­lagen dazu hat. Das gibt dann sehr oft ver­unglückte Existenzen, Leute, die ihr Ziel entweder >gar nicht erreichen, oder aber späterhin in ihrem gelehrten Berufe eine so bejammernswerthe Rolle spielen, daß sie mit Mitleid von jedem Hand­werksmeister betrachtet werden, der nur einiger­maßen sein Auskommen hat — „Gelehrten-Prole- tariat", wie der bekannte Ausdruck heißt.

Mit diesem Thema hat sich in den letzten 'Tagen auch die Versammlung deutscher Natur­forscher und Aerzte beschäftigt, die in Düsseldorf tagte. Woher, so lautet die dort aufgeworfene :grage, kommt es, daß bei den Schülern unserer höheren Lehranstalten die Nervosität beständig im .Zunehmen ist? Von der Ueberbürdung mit Ar­beiten kommt das her, so wird diese Frage von den meisten Leuten beantwortet. Aber es ist nicht die Ueberbürdung an sich und allein, die das be- twirkl. ^Vielmehr ist außerordentlich treffend in Düsseldorf von einem Vertreter der modernen Wissenschaft auch auf den andern Umstand hin- -gewiesen worden, daß vielfach die Schuld an dieser Ueberarbeitung der jungen Leute auch deren ungeeignete Auswahl trägt. Es werden den höheren Schulen in großer Anzahl junge Leute zugeführt, die für eine gelehrte Ausbildung gar nicht veranlagt sind; und mit Recht ist nun­mehr auch in Düsseldorf von mehreren Vertretern der modernen Wissenschaft eindringlich davor ge­warnt worden, junge Leute lediglich aus Beweg- gründen der Großmannssucht in einen gelehrten Beruf hineinzutreiben ohne Rücksicht darauf, ob Lie jungen Menschenkinder auch geeignete Anlage und Lust und Liebe für diesen Beruf mitbringen. Wem dann das Studiren, das geistige Arbeiten gar zu schwer wird, oder wem es an der Neigung dazu gar zu sehr mangelt, der reibt sich daran -auch sehr leicht auf. Er ist der Aufgabe, die man ihm gestellt hat, nicht gewachsen. Da strengt er sich an über seine Kräfte und die Folge davon

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In den Sergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

„Hier diesen Ring gab sie mir Tags vor ihrem Tode," fuhr Paul fort und schob einen schmalen Goldreff mit Türkisen am kleinen Finger seiner linken Hand hin und her. „So sagte die Mutter zu mir: ,Hier diesen Ring habe ich tag­täglich getragen, und außer meinem Trauring trug ich keinen andern als ihn. Streife ihn, statt jedes andern, kostbaren Brillantringes, einst an die Hand des Mädchens, daß Du zum Weibe begehrst, und denk' dabei an Deine Mutter, Paul. Gib ihn nur einer, von der Du sicher btft, daß Deine Mutter sie mit Freuden als Tochter an ihr Herz nehmen würdet"

Sie schwiegen beide, und das Schweigen ge= tabe nach diesem Satze machte beide befangen.

Lilian wandte den Kopf zum Fenster hin, wo ihre Mutter schlummerte, und sprach: „Meine arme Mutter hat in der Nacht sehr wenig Ruhe gehabt und darum hält sie jetzt ein solch ordent­liches Schläfchen. Ach sie hat unendlich viel Trauriges durchlebt; — sie war einst jung und reich, geliebt und angesehen, und jetzt ist sie alt und krank und arm und hat niemanden in der Welt als mich: — ihr Augenlicht schwindet von Tag zu Tag mehr und ihre Füße sind gelähmt von jenem Tage an, als Papa auf dem Acher- kogel verunglückt ist und sie seine Leiche im Schnee aufgefunden hat."

„Armes Fräulein, da haben Sie ein gar trauriges Loos," sagte Paul.

Deutsches Deich*

Berlin, 24. September.

x Das kaiserliche Saar ist von Stettin nach dem Jagdschlösse Rom inten in Littauen gereist, wo der Kaiserin, wie berichtet, ein eigenes Haus neben dem eigentlichen Jagdschlösse er­richtet worden ist. — lieber die Zeiteintheilung bei der Palästinareise wird noch berichtet, daß am 3. November das größte syrische Waisen­haus und andere deutsche Anstalt-m besichtigt werden sollen. Am 4. November wird der Kaiser allein, ohne die Kaiserin, einen Ausflug zu Pferde nach dem griechischen Kloster Mar Saba im Kidronthale machen. Der Kaiserin als einer Frau ist der Eintritt in das Kloster verwehrt. Am 5. November soll die Rückreise von Jeru­salem nach Jaffa angetreten werden.

• Das preußische Staatsministerium hat am letzt n Samstag unter dem Vorsitz des Mi­nisters von Miquel wiederum eine mehrstündige Sitzung abgehalten.

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„Ich?" entgegnete sie verwundert, „ich nicht; — ich bin jung und gesund, — aber sie."

„Und Sie haben keine Geschwister, keine Fa­milie, keine Freundin?" fragte er weiter mit ein­dringlicher Wärme.

Sie schüttelte den Kopf und sagte: „Ich hatte zwei Brüder, aber sie sind gestorben, kurz bevor Papa nach Oetz versetzt wurde, und als sie noch lebten, war's immer fröhlich bei uns zu Hause. Dann kam ich ins Pensionat nach Innsbruck und die Eltern zogen nach Oetz. Ich hatte Heimweh nach ihnen und malte mir immer aus, wie schön das fein müßte, wenn ich wieder bei ihnen wäre und wie ich ihnen die Brüder er­setzen wollte. Zwei Jahre habe ich die Eltern nicht gesehen, und als ich dann heimgerufen wurde, war alles so traurig verändert: Papa tobt und Mama gebrochen an Leib und Seele; — ich war damals vierzehn Jahre alt."

„Armes Fräulein!" sagte Paul wiederum. „Und Sie haben Niemand, der sich Ihrer ange­nommen hätte! haben gar keine Familie?"

„Wenigstens keine, die sich unser erinnerte," antwortete Lilian und hob den Kopf und schaute die Sonne an, die durch das Baumgezweig hin­unterlugte. „Aber ich glaube, Mama hat noch eine verheiratete Schwester," fuhr sie, Pauls fragenden Blick beantwortend, leise fort. „In Innsbruck im Pensionat war em Mädchen meines Alters, sie war mir gar nicht ähnlich und doch muß es meine Koustne gewesen fein. Sie war immer lustig, bekam viel Briefe, viel Besuch, mindestens jeden Monat ein Packet mit Back- weik von zu Hause und hatte einen ganzen Schwarm von Freundinnen; ich hingegen war meist still

ihre liebe Noth damit haben wird; und in Berliner freisinnigen Kreisen wird schon ganz ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung gezogen, daß der Sitz Virchow's im Abgeordnetenhaufe durch den Zwist im freisinnigen Sager an einen Konservativen verloren gehen könnte. Am lebhaftesten ging es vor einigen Tagen in der Versammlung eines freifinnigen Bezirksvereins im Berliner Norden zu, so lebhaft, daß man sich ganz wohl in eine Versammlung der Herren „Genoffen" versetzt halten konnte. Vor allen Dingen war auch nicht mehr eine Spur von Achtung für die „Autoritäten" der freisinnigen Volkspartei zu bemerken; wohl aber konnte man hier recht gut die Elemente studiren, die den Uebergang zwischen Frei­sinn und Sozialdemokratie bilden. Diese Elemente gelangten bei dieser Gelegenheit haupt­sächlich zum Worte. Sehr bemerkenswerth sind auch die Quellen, aus denen diese Bewegung entsprungen ist: das Ganze läßt sich nämlich als eine Revolution der freisinnigen Lehrer- schäft gegen die Parteileitung kennzeichnen. Die Linksliberalen kokettiren sonst so gern mit ihrer großen Freundschaft für das Volksfchullehrerthum. In der Praxis aber sieht sich die Sache ganz anders an. In Berlin herrscht in der Stadtver­waltung der Freisinn; und gerade in der Stadt Berlin ist die Lehrerschaft mit dieser Herrschaft ganz außerordentlich unzufrieden. Sie hat auch wirklich einigen Grund dazu; und nun sucht sie sich zu rächen für die sonderbare Art von Wohl­wollen, das der in Berlin regierende Freisinn den Lehrern zu erkennen gibt.

* In ein recht nettes Licht gesetzt wird die Freiheit der Meinungsäußerung, speziell der Sreßsreihett, irn sozialdemokratischen Zukunftsstaate durch folgendes Pröbchen. In feinem Staatsanzeiger, dem ,Vorwärts", thut er kund und zu wissen, daß er ein­stimmig beschlossen habe, die Auslaffungen der ,Rheinisch-Westfälischen Arbeiter-Zeitung" über die Prügelstrafe ständen im schroffsten Wider­spruch zu den Parteigrundsätzen und seien deshalb aus's Entschiedenste zurückzuweisen. Von dem Grundsätze, daß Prügel den Empfänger^ wie den Austheiler verrohten, abzugehen, dazu könne ihn auch der tiefste Abscheu vor den anarchistischen Mordthaten nicht bestimmen. Dem genannten Blatte wird von dem Beschlüsse mit dem Ersuchen Kenntniß gegeben, ihn seinen Lesern mitzutheilen. Es lebe die freie Meinungsäußerung! Daß die Meinung des Blattes über die Nützlichkeit der Prügelstrafe nichts zu thun hat mit dem Partei- Programm, liegt auf der Hand. Dennoch kommen die Parteigewaltigen in Berlin und ertheilten der Redaktion einen öffentlichen Rüffel.

X In ihrer Art zu loben, in den Beweggründen zu verurtheilen — so kann man von einer Kundgebung sagen, die mehrere wirthschaftliche Körperschaften und Vereine in Rheinland und Westfalen „gegen Has Iesturnvesen" vorhaben. Solche Kund­gebungen sind heutzutage sicherlich am Platze, vorausgesetzt, daß sie auf der richtigen Grund­lage aufgebaut werden, nämlich auf der moralischen Grundlage; denn in der That wuchert dieses „Festunwesen" allenthalben so übermäßig in die Höhe, daß jeder echte Volksfreund int Interesse faüTmit der Photographie. Sie hat geantwortet: „Ich habe keine Schwester"", aber sie sah mich nicht an dabei, sondern schaute durchs Fenster hinaus. — „Doch was ist mit mir geschehen?!"" — und Lilian fuhr erschrocken von ihrem Sitze auf und faltete die Hände vor der Brust. „Nie sprach ich mit jemanden davon und nun erzähl' ich's Ihnen, einem gänzlich Fremden!"'

„Einem gänzlich Fremden?!"" wiederholte Paul vorwurfsvoll und war ebenfalls aufgeftanben. „O, mein Fräulein, bedarf es denn Monate und Jahre, um sich näher zu treten?"

Lilian erwiderte nichts, sondern schaute ihn noch immer an, als wäre er ein geheimnißvoller Zauberer. Er fuhr fort: „Mit den meisten ver­kehrt der Mensch jahrelang und dennoch bleibt man sich fremd; da kommt ein anderer, bisher«» Unbekannter, — Seele und Seele berührt sich, — eine Viertelstunde reicht hin, um sie zu Freunden zu machen. Fräulein, wollen wir nicht Freunde fein?" .

Er hielt ihr feine Rechte hin; Lilian zauderte, die ihre hineinzulegen, dann aber that sie es dennoch. Er war gut zu ihr gewesen, er hatte solch ehrliche Augen, welchen Grund hatte sie, ihn durch etne Zurückweisung zu kränken?

Sie gab ihm ihre Hand, als sie aber den warmen Druck der seinen fühlte und spürte, wie ihr, die vor wenig Augenblicken schier gezittert hatte trotz des heißen Julitages, nun wieder der­selbe warme Strom durch alle Glieder schoß, zog sie dieselbe schnell zurück. Sie wandelten unter den Nußbäumen roe.tet gegen den Ausgang zu.

„Welch ein trauriges, einsames Leben führen Sie hier,"' begann er. „Sie haben niemanden»

-ff „Alle Kabinette", so wird halbamtlich aus Rom gemeldet, haben ihre grundsätzliche Zu­stimmung zu der italienischen Anregung ge­geben, in gemeinsame internationale Berathungen über Maßregel« gegen bat Anarchismus einzutreten. Aus derselben Meldung geht nun erst hervor, daß bisher der Antrag noch gar nicht gestellt war, diese Berathungen in einer gemein­samen Konferenz zu pflegen. Jetzt erst soll dieser Antrag gestellt werden. Es heißt nämlich am Schlnffe der gekennzeichneten Meldung: „Demnach wird ein formeller Antrag zur Ab­haltung einer internationalen Konferenz alsbald gestellt werden". Also schon im Monat Oktober, wie vorher berichtet worden ist, wird es wohl schwerlich zur Abhaltung einer solchen Konferenz kommen — wenn nämlich überhaupt alle Kabinette mit der Berufung derselben sich einverstanden erklären, was ja also heute noch gar nicht feststeht.

* Merkwürdigerweise ist zur Sachverstän- bigerr-Aonferenz über das Urheberrecht kein einziger Vertreter der Tagespresse zu­gezogen worden, obwohl doch die Presse das größte Jntereffe an der Neuordnung des Ver­lagsrechtes im Sinne eines größeren Schutzes des geistigen Eigenthums hat. Auch die Schrift­steller, um deren Jntereffe es sich bei diesem Entwürfe in erster Linie handelt, sind gegenüber den zahlreichen Juristen und Verlagsbuchhändlern spärlich bedacht. Es darf erwartet werden, daß nach dieser Richtung noch nachträglich eine Er­gänzung stattfindet.

* Der Staatssekretär des Reichs-Postamtes, v. Podbielski, soll sich schon lange mit dem Gedanken getragen haben, der Urform bar per­sönliche» Verhältnisse berSokVeamten näher zu treten. Die Sache soll bereits eingeleitet fein. Ein höherer Beamter soll bereits den Auftrag er­halten haben, die Grundzüge einer solchen Reform zu entwerfen. Eine andere Arbeit des neuen Staatssekretärs, die Aufstellung des Etats der Post- und Telegraphen-Verwaltung für 1899, hat ihren Abschluß gefunden. Damit wird der erste Postetat des neuen Staatssekretärs an die gesetz­gebenden Körperschaften gebracht werden, nachdem die Vorarbeiten bereits im Mai begonnen hatten. Den Postetat für 1898 hatte Herr v. Podbielski bei seinem Amtsantritte fertig gestellt vorgefunden und fo übernehmen müssen. Der neue Etat wird verschiedene Abweichungen und Verbesserungen ent­halten.

O Obwohl im allgemeinen wenig beachtet, verdient doch große Aufmerksamkeit eine Bewegung, die gegenwärtig in den nördlichen Berliner Stabt» theilen in den Scharen der freifiuuige« Dokks- partei gegen deren Leitung und Führer­schaft ausgebrochen ist. Dort handelt es sich darum, ob Prof. Virchow von den Freisinnigen aufs neue in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt werden soll ober nicht. Die Leitung der Partei hält natürlich an Virchow fest; und wenn man auch für den Mann selbst gar keine Sym­pathien hat, fo muß man doch sagen, daß er es im Sinne der freisinnigen Partei durchaus nicht verdient hat, auf die Seite geschoben zu weiden. Aber die Bewegung gegen Virchow, angefacht von den jungen und radikalsten Elementen der Partei, ist so stürmisch, daß die Parteileitung für mich allein, bekam fast nie einen Brief, und Besuch während dieser beiden Jahre nicht ein einzig Mal. Wir waren keine Freundinnen, aber wir saßen nebeneinander in der Klasse und so hab' ich einstmal ihr Album, welches neben mir lag, angeschaut; da sah ich auf der ersten Seite schon ein Bild, das ich einst in Mamas Kom­mode gefunden hatte und derselbe Familienname stand darunter, den meine Mutier getragen hatte, als sie noch Mädchen war. Als ich Ella fragte, wen es vorstelle, sagte sie, das sei ihre Mama in ihren Mädchenjahren. Ich meinte daraus, bann feien wir vielleicht verwandt, denn so habe meine Mama ebenfalls geheißen und dasselbe Bild habe ich bei ihr entdeckt. Doch sie hat mich laut ausgelacht und gesagt, sie hätte nicht ge­glaubt, daß ich solche Märchen erfinden könne. Die Thränen sind mir damals in die Augen ge­schossen, und niemanden habe ich das Märchen erzählt. Es war auch zu unglaubwürdig; sie war reich und ich arm, das wußte jedermann."

Lilians Kopf ruhte an dem Stamme des Nußbaumes, der ihr als Rückenlehne diente, während sie dieses in sanftem, einförmigem Tone, als berichte sie eine Vision aus längst entschwun­denen Zeiten, erzählte, und ihre Augen hefteten sich träumend auf das Streifchen See, das schil­lernd zu ihr herübergrüßte.

„Und Sie haben von Ihrer Pensionsgefährtin nichts mehr gehört und mit Ihrer Mutter nie darüber gesprochen?" fragte Paul.

„Ella ist bereits tobt," erwiderte das junge Mädchen. „Nicht weit von hier ist sie auf traurige Weise ums Leben gekommen. Damals, als ich davon hörte, erzählte ich auch Mama jenen Vor-