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KuldaerMZeitung

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Erscheint täglich, m.Lurnahme der Sonn- und Feier- tage. Biertrljährl.

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tär Inserat« I. parzell«» in Anlda. mit Nnlerhattungs-Meilage „Zssustririe Sonntags-Zeitung!'

M 214.

JuLöcr, Dienstag, den 20. September 1898

25. Jahrgang.

l . fflit einer Beilage. Z

Geburten Todesfälle

1896:

38,4

22,1

1897:

38,2

hatte sie den Wein verkostend mit Ostentation erklärt, solch ein abscheuliches Zeug noch nie ge­trunken zu haben, so daß der anwesende Wirth ebenfalls ganz roth wurde. Darauf ließ sie sich eine saure Milch geben, und wenn die Wirthin dabei gewesen wäre, ihr wäre wohl desgleichen die Röthe ins Gesicht gestiegen, wenn sie gesehen hätte, wie die Dame dieselbe nach dem ersten Schluck mit einer Gebärde des Abscheus von sich schob und mit der Bemerkung, sie schmecke nach Stall, das feine Batisttaschentuch vor Mund und Näschen schob. Sie schnitt dabei solch allerliebste Grimaffen, daß die ganze Gesellschaft heiter wurde, und als nun die Heiligenbilder an den Wänden einer allgemeinen Bewunderung unter­zogen und manche Vergleiche aus dem Theater­leben an die Darstellungen angeknüpft wurden, stieg die gute Laune so, daß der Aufbruch sich mehr und mehr hinausschob.

Wie hatte Paul über die reizenden Kaprizen einer gefeierten Künstlerin, einer Künstlerin, die ihn ganz besonders mit ihrer Huld beehrte, nur ärgerlich sein können!

Vielleicht deshalb, weil er anfing, sich für sie zu erwärmen?

Von Au aus ging der Weg steil empor. Viel kleine Wässerchen, die dem Stuibenbach entschlüpft waren, rieselten über das Gestein hinab, und wie ein unterirdischer Donner tönte das Rauschen der Auerklamm.

Paul ging mit dem Doktor einige hundert Schritte seitwärts, um dem Wogen und Schäumen der tief unten in ein enges Felsenbett eingezwäng­ten Waffermaffen zuzuschauen, die sich mit zür­nender Wucht zu Thale drängten.

Derrtsches Keich.

Berlin, 19. September.

* Der Kaiser ist am letzten Sonntag Mit­tags 1 Uhr aus Wien in Berlin wieder einge­troffen und sofort nach Jagdschloß Hubertus­stock weitergefahren.

* Das preußische Hlaatsmiuikerium hat am heutigen Montag Nachmittag unter dem Vor­sitze des Vizepräsidenten von Miquel eine Sitzung abgehalten.

x Eine Frage bei den preußische« Land- lagswahke« ist die Wahl der Stunde für die Vornahme der Urwahlen, also der Wahl der Wahlmänner. Bisher wurde diese Wahl fast überall für 9 Uhr Vormittags ange­setzt — eine höchst ungeeignete Zeit für alle Die­jenigen, die zu arbeiten haben; denn sie fällt mitten in die Vormittagsarbeit hinein. Und da-

— warum hüllen wir uns nicht lieber in ein Feiertagsgewand wie in ein Werktagskleid?"

„Weil es praktischer, bequemer und weniger auffallend ist. Sagen Sie selbst, mein Freund, was ziehen Sie vor, den Frack oder die Touristen- Joppe?"

Paul lachte und sagte: „Sie haben recht, wer am unrechten Platze in Feiertagskleidung er­scheint, macht den Eindruck eines Narren. Da haben die schönen Damen es besser, wie sie sich kleiden, so steht's ihnen gut."

Raschen Schrittes, denn die übrige Gesellschaft war schon eine beträchtliche Strecke voraus, schrit­ten sie bergauf, indessen Paul hatte keine Lust, das Feiertagskleid der Begeisterung, welches sich beim Betrachten der Auerklamm so wohlthuend um sein Empfinden gelegt hatte, sich so bald ab­streifen zu lassen, und schritt in gedankenvollem Schweigen daher, indessen der Doktor, eine Melodie aus der schönen Helena summend, seine Aufmerk­samkeit den seltenen Blumen und Pflanzen zu­wandte, die hier im Ochsengartenthale wuchsen.

Ein schönes, wildromantisches Thal. Keck und übermüthig rauschte der Stuibenbach durch den dunkeln Tannenwald dahin, steil, fast senk­recht stiegen die zackigen Felsgrate zum Himmel empor.

Der Weg führte stets am Wasser, bald am rechten, bald am linken Ufer vorbei, und die elenden Holzstege, welche herüberführten, waren fast alle so niedrig, daß das wilde Bergwasser den Wanderern die Füße netzte.

Die Gegend wurde rauher, die Pfade steiler, und spärlicher die Vegetation. Der Tannenwald, den man durchschreiten mußte, hatte sein üppiges

In den Sergen.

Novelle von Maria Rabkersberg-Radnicki.

7 ------- (Nachdruck verboten.)

Diese Herren und Damen paßten in der Thal gar nicht hier hinein, denn diese Stube war eine echte Bauernstube: groß, brett, niedrig, rauchge­schwärzt, Wände und Decke, Tische und Bänke waren dunkel gebeizt von Alter und Rauch, waren von Zirbenholz, derb und fest, die getäfelten Wände waren mit bunten Heiligenbildern behangen und quer in der Ecke, die ganze Höhe der Stube einnehmend, hing ein rohgeschnitztes Kruzifix; ein dickbauchiger Ofen, in den eine breite Bank ein­gemauert war, nahm fast ein Viertel des Raumes ein, und die kleinen runden Fenster schienen nur ein winziges Lugaus in die Welt gewähren zn wollen.

Jndeß die elegante Gesellschaft unterhielt sich trotzdem recht gut; sie verblieb über eine halbe Stunde in der kühlen Stube, trotzdem es nach saurer Milch roch, und als sie sich wieder in Bewegung setzte, ging Paul nicht mehr wie ge­wöhnlich an Stellas Seite, sondern ging mit dem Doktor voraus und unterhielt sich über Land und Leute.

Er hatte sich über Stella geärgert, obschon ein triftiger Grund eigentlich nicht vorhanden ge­wesen war. Er hatte, als der Wirch Wein und Gläser bringend mit dem landesüblichen Gruß ins Zimmer trat, aufdas „Gelobt sei Jesus Christus" mit einem „In Ewigkeit, Amen," geantwortet, und sie hatte darob solch ein heiteres Lachen an­gestimmt, daß er ganz roth geworden war; dann

beugen, die Einrichtung getroffen, daß zwischen den Vorstand der Krankenkaffe und die Aerzte ein Mittelglied eingeschoben wurde, nämlich eine Vertrauens-Kommission mit der Aufgabe, die Anstellung und Entlassung von Kassenärzten zu begutachten. Dieses Beispiel sollte überall Nachahmung finden, sowohl im Interesse der Kassenmitglieder, damit diese niemals in die Lage kommen, plötzlich ohne Arzt zu sein, als auch zum Nutzen der Aerzte, damit diese nicht unver­sehens durch entstehende Streifigkeiten in ihrer Existenz bedroht oder doch wenigstens geschädigt werden können. Das zu thun, steht überall frei. Und ohne Zweifel würde es sich am meisten empfehlen, eine solche Schiedsrichter-Kommission zu gleichen Theilen zusammenzusetzen aus Ver­tretern der Aerzte und der Krankenkasse.

Noch etwas anderes kommt hierbei als wesent­licher Punkt in Betracht: nämlich die Art der Anstellung der Aerzte. Mit den Aerzten ist es eine eigene Sache. Nicht Jedermann geht gern zu jedwedem Arzte. Persönliche Rücksichten und Empfindungen spielen bei der Auswahl der Aerzte stets eine große Rolle; und darum ist im Interesse der Kaffenmitglieder unbedingt das System der Aerzte-Auswahl dem anderen System der festen Anstellung von einigen wenigen Kassen­ärzten vorzuziehen. Der Vorstand der Rem­scheider Kasse hat den Fehler gemacht, für feine zahlreichen Mitglieder nur eine ganz bestimmte kleine Anzahl von Aerzten anzustellen, ohne Rück­sicht auf den persönlichen Geschmack der Kassen- mitglieder; und er ist damit abgewichen von dem System, dem man sonst jetzt in der Regel den Vorzug gibt: nämlich der sogenannten beschränkten Aerzte-Auswahl. Danach wird von der Kaffe eine Anzahl prakfischer Aerzte ausgewählt als Kassenärzte, und es wird den Mitgliedern der Kasse die Wahl unter diesen Aerzten freigestellt. Dann kann sich jeder nach Wunsch und Neigung seinen Vertrauensmann unter den Aerzten aus­suchen. Das in Remscheid neuerdings gewählte System, das System der fest angestellten Kassen­ärzte mit dem gleichzeitigen Verbote der Privat­praxis, gewährt für die Wahl des ärztlichen Berathers einen allzu geringen Spielraum, als daß es alle Mitglieder einer Krankenkasse auf die Dauer befriedigen könnte.

Kassen-Aerzte.

Hinter den hochpolififchen und fenfationeHen Ereignissen der letzten Zett ist ein Vorgang fast ganz in den Hintergrund getreten, der die ein­gehende Beachtung aller Kreise verdient: nämlich der Streik der Kassen-Aerzte in Rem­scheid. Die Slerjte, die von der Remscheider Krankenkasse für ein Jahr angenommen waren, hatten vor dem Ablauf dieses Zeitraumes ihre Thätigkeit eingestellt. Sie hatten das gethan, ohne den Ablauf des Jahres abzuwarten, für das sie den Vertrag mit der Krankenkasse ge­schlossen hatten. Sie hatten auch vor der Ein­stellung ihrer Thätigkeit den Vorstand der Kranken­kasse gar nicht von ihrer Absicht verständigt. Kurz und gut, sie hatten es geradeso gemacht wie Arbeiter, von denen man sagt, daß sie unter Kontraktbruch einen Streik anfangen. Wäre so etwas bei uns in Kraft, wie das angekündigte Zuchthaus-Gesetz gegen die Anreizung zum Streik, und wäre der eine oder andere der Remscheider Aerzte durch allerhand Drohungen mit Verrufs­erklärung und dergleichen gegen feinen Willen zum Mitmachen des Streiks veranlaßt worden, dann hätte jedenfalls die Frage aufgeworfen wer­den müssen, ob die Remscheider Rädelsführer unter den streikenden Aerzten nicht mit Zucht­haus zu bestrafen feien.

Die Remscheider Aerzte mögen, im Ernste gesprochen, manchen Grund gehabt haben für ihren Ausstand. Der äußern Form nach haben sie auf jeden Fall unrichtig gehandelt. Und ihr Streik ist ebenso nutzlos gewesen, wie die meisten anderen unrichtig unternommenen Aus­stände: er hat mit einer vollkommenen Nieder­lage der Aerzte, nämlich damit geendet, daß der Vorstand der Remscheider Krankenkasse sechs fremde Aerzte herangeholt und diese nun mit einem Jahresgehalt von je 6000 Mk. fest und unter der Bedingung angestellt hat, daß sie keine Privatpraxis annehmen dürfen.

Das Ganze ist sicherlich ein sehr unliebsamer Vorgang, und im allgemeinen Interesse ebenso wie im Interesse des ältlichen Berufsstandes ist dringend zu wünschen, daß dem Remscheider Aerzte-Streik und seinen Vorläufern in Barmen und Leipzig nicht fo und so viele andere nach­folgen. Der Vorgang ist fo außerordentlich un­liebsam und unerquicklich, daß man schon jetzt wünschen muß, bei allen Krankenkassen möchten zu rechter Zeit Vorkehrungen dagegen getroffen werden, daß Aehnliches nicht auch bei ihnen vor­kommen könne. Wie das geschehen kann, möge aus einem einzelnen bestimmten Beispiel hervor­gehen.

Auch in Leipzig hat es, wie schon erwähnt, einmal Streitigkeiten gegeben zwischen der Leitung der Ortskrankenkasse und den Aerzten, die für dieselbe thätig waren; und es waren dabei zum Theil dieselben unliebsamen Erscheinungen einge­treten wie jetzt in Remscheid. Da hat man nun, um der Wiederholung ähnlicher Ereignisse vorzu-

bei heißt es ausdrücklich im Wahlreglement vom 18. September 1893, daß „die sämmtlichen Ur­wähler eines Wahlbezirkes zu einer für die Wahlbetheiligung möglichstgünstigen Stunde" zusammenberufen werden sollen! Der Berliner Magistrat hat nunmehr beschlossen, daß die Ur­wahlen in Berlin auf 5 Uhr Nachmittags anbe- raumt werden. In Breslau und in Königsberg wählte man 1 Uhr Mittags; in Frankfurt a. M. hatte man schon ehedem als Wahlstunde 3 Uhr Nachmittags bestimmt. Es ist dringend zu wünschen, daß überall den örtlichen Verhältnissen so sehr wie nur irgend möglich Rechnung ge­tragen werde; sonst wird durch die Art der Aus­übung das ohnehin so kümmerlich bestellte Wahl­recht zum preußischen Abgeordnetenhause so sehr eingeschränkt, daß von irgend einer Allgemein­heit der Wahl überhaupt nicht mehr die Rede sein kann.

+ Einer vereinzelten Meldung zufolge soll ein Gesetzentwurf vorbereitet werden, der einen besonderen Alechnnugshosfür das Deutsche Iteich einführt. Jetzt nimmt die preußische Oberrechnungskammer in Potsdam einstweilen die Obliegenheiten eines solchen Rechnungshofes wahr. Man hofft, daß jetzt ein solcher Gesetz­entwurf im Reichstage angenommen werden wird.

X Das statistische Bureau in Berlin hat soeben seine Zusammenstellungen beendet über die Bewegung der Aevokkerrmg i« Preuße« während des letzten Jahres 1897. Danach er­gibt sich gegen das vorauf gegangene Jahr 1896 eine verhältnißmäßige Abnahme der Geburten und eine Zunahme der Todesfälle. Indessen ist daraus nicht etwa ein Grund zu irgendwelchen Besorgnissen herzuleiten. Zunächst ist die Aende- rung in den Ziffern jsehr geringfügig. Es ent­fielen nämlich auf je 1000 Einwohner

I abzuwehren, welche von einer fonferoatiuen Mehrheit drohen würden." Also soll wirklich für die Landtagswahlen das Tafeltuch zwischen Konser­vativen und Nationalliberalen zerschnitten werden ? Bisher glaubte man noch immer nicht recht daran, trotz aller Versicherungen, daß es so kommen werde, in einigen nationalliberalen Organen. Mit augenscheinlicher Genugthuung hebt gleichzeitig die ,Nafional-Zeitung' hervor, daß die frei­sinnige Vereinigung in ihrem soeben er« schienen enWahlausrufezu„gemeinsamemenergischem Vorgehen aller Liberalen" mahnt und namentlich die „Nothwendigkeit betont, die Schule und die Wissenschaft gegen reaktionäre Einflüsse zu schützen, wie sie vom Klerikalismus und von den Konservativen drohen ..." Das frei­lich sieht den Herren ganz ähnlich. Zum Glücke haben die Herren von der freisinnigen Vereinigung politisch so außerordentlich wenig zu bedeuten, daß der gehaßte „Klerikalismus" sich vor diesen noch weniger, wenn das möglich ist, zu fürchten braucht, als vor den Nationalliberalen. Die Lage beginnt fich, wie man sieht, zu klären. Nun wird es auch für das Centrum Zeit, Schild und Speer von der Wand zu nehmen und von Neuem int Wahlkampfe zu beweisen, daß die alte Kraft ungeschwächt in ihm lebt, die Kraft, die verliehen wird von dem Bewußtsein, einzu- treten und zu kämpfen für die hehren Grundsätze des Christenthums.

h Entgegen anderen Meldungen wird aus Detmold berichtet, daß di- lippefche Staats­regierung durchaus nicht die Absicht aufgegeben habe, die Thronfolge Irage i« Lippe-Dek- mokd durch ein besonderes Landesgesetz zu regeln. Nur habe der Plan niemals bestanden, zu diesem Zwecke den Landtag zu einer außer­ordentlichen Tagung einzuberufen, wie vorher in manchen Zeitungen berichtet worden war. Allem Anscheine nach wird noch längere Zett vergehen, bis diese leidige Streitfrage durch feste Beschlüsse enbgiltig aus der Welt geschafft fein wird.

O Von verschiedenen Seiten wird die For­derung erhoben, es möge für bestimmte Arten von Verbrechen die N^gekstrafe wieder ein­geführt werden. In Bünde i. W. hat der kon­servative Verein folgende Petition an den Reichs­tag beschlossen: „Angesichts der grauenhaften Morde in Genf und an anderen Orten bitten wir den Reichstag, auf Wiedereinführung schärf­ster Prügelstrafen hinzuwirken, namentlich wo es sich um bestialische Verbrechen gegen Frauen und Kinder handelt. Sie ist die einzige Strafart, welche die entarteten Unmenschen noch fürchten." Sämmtliche politischen Vereine aller Partei­richtungen in Deutschland sollen darum ersucht werden, sich dieser Petition anzuschließen. Schon vor acht Tagen wurde die Einführung von Prügel­strafen neben Freiheitsstrafen an dieser Stelle für die Art von Verbrechen befürwortet, wie sie in der Petition von Bünde gekennzeichnet ist. Wir sind sehr begierig darauf, später zu erfahren, welche Erfolge die Herren in Bünde erzielen werden. Für solche Bestien, wie den Mörder der Kaiserin Elisabeth, hat sogar in diesen Tagen ein sozialdemokratisches Blatt in Westfalen Prügelstrafe befürwortet. Und das läßt gewiß „tief blicken".

* Am letzten Sonntag hat in Berlin die angekündigte Landesversammlung der «afiottat- kiveraken Partei in Preußen als Vorbereitung für die bevorstehendenLandtagswahlen stattgefunden. Es ist ein Wahlaufruf festgestellt worden. Derselbe soll aber erst am Dienstag veröffentlicht werden. Dieser Auftuf weist, wie die .National- Zeitung' schon im Voraus verräth, „auf die Noth­wendigkeit hin, gegen die vorn Ultrarnontanis- rnus nach wie vor drohenden Gefahren zu schützen." Nun ja, derlei ließ sich ja voraussehen. Der „Ultramontanisrnus" wird sich aber schwerlich fürchten vor den Drohungen dieser überlebten und altersschwachen Partei. Sehr interessant ist es dagegen zu erfahren, daß der Aufruf auch darauf Hinweisen soll, diejenigen Gefahren

„Wissen Sie, Doktor," sagte er, nachdem sie eine Weile in andachtsvollem Schweigen das groß­artige Naturschauspiel angeftaunt hatten, „das lhut dem Menschen gut, wenn er manchmal mit dem Erhabenen Auge in Auge steht; das tränkt ihn wieder einmal mit dem Bewußtsein, daß er doch für etwas Höheres, Befferes geboren ist."

Der Doktor, dem feine Mißstimmung nicht entgangen war, sah ihn fragend an, als wollte er ergründen, ob diese Bemerkung speziell auf Stella oder auf allgemein menschliches Empfinden sich beziehe, und als er aus dem noch immer der rauschenden, schäumenden Tiefe zugeneigten Ge­sichte feines Begleiters keine Antwort zu entziffern vermochte, entgegnete er: „Ja, ja; fo, fo — einmal hat man dies Bewußtsein, einmal jenes; im Menschen wie in der Natur ist nichts bestän­dig als der Wechsel." „

^Aber einmal stnüß er enden," versetzte Paul, indem er mit ernsthaftem Nicken von dem über die Klamm führenden schmalen Holzsteg hinab­schritt und sich dem Fußpfad zuwandte, den die Anderen bereits vorausgegangen waren.

„Meinen Sie? Dieses'Räthsels'Lösüng^hät noch Niemand gefunden," antwortete ihm folgend der Doktor.

Paul war stehen geblieben, er wandte ihm sein Gesicht zu und rote ein Strahlen entströmte es jetzt feinem Auge, als er erwiderte: „Glauben wir ! Das ist die einzige Lösung, das einzig Stete inmitten des ewigen Wechsels. Und weil unser Empfinden und mit ihm unser Bewußtsein so schwankend ist, so wechselnd wie ein Kleid, das man je nach den Verhältnissen aus- und anzieht |

M 22,4;

und außerdem entspricht diese kleine Aenderung auch gar nicht der allgemeinen Tendenz während der letzten Jahre. Vorher befand sich die Ver- hältnißziffer der Geburten in steter Zunahme, diejenige der Todesfälle aber zeigte eher Neigung zur Abnahme als das Gegentheil. Im Ganzen wurden während des Jahres in Preußen geboren 1234177 Personen, es starben 682868 Personen, und Ehen wurden geschlossen 274693. Die Heirathsziffer war höher als in allen Jahren seit 1877.