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66 Druck u-d Verl-, der Suldacr Actiend • petersg-Se Nr. 2 (Daimonie).

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JuLöcr, Samstag, den 17. September 1898

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25. Jahrgang

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<£ Der Wahlaufruf der Freisinnigen Volkspartei

für die Wahlen zum preußischen Abgeordneten­hause ist erschienen. Anfänglich hatte die Absicht bestanden, einen solchen Aufruf nicht zu ver­öffentlichen, wenigstens bei Herrn Eugen Richter. Und in der That ist ja die Stellung der Frei­sinnigen Volkspartei bei den preußischen Land­tagswahlen keine einfache Sache, so daß man wohl begreifen kann, wie Herr Richter es lieber gesehen hätte, ohne einen Programm-Aufruf in die Wahlschlacht zu ziehen. Die Freisinnigen sind innerhalb ihres eignen Lagers gar zu verschieden von einander, so daß es im Allgemeinen keine leichte Sache mehr ist, einen Wahlaufruf zu machen, der für alle Mitglieder der Freisinnigen Volkspartei gleichmäßig paßt; aber diesmal, bei den preußischen Landtagswahlen, ist das ein be­sonders schwieriges Ding.

Zunächst ist man innerhalb der freisinnigen Volkspartei ganz verschiedener Ansicht darüber, wie man sich bei der Landtagswahl zu den So­zialdemokraten verhalten soll. Die radikaleren Elemente der Partei, wie sie namentlich in Ber­lin und anderen großen Städten vertreten sind, möchten am liebsten von allem Anfänge an ge­meinsame Sache mit den Sozialdemokraten machen; davor aber scheut die Mehrheit der Partei zurück. Dann geht es um die Stellung zu den Natio­nalliberalen. Unter diesen gibt es, vor allem in Ostelbien, viele Leute, die mit allen Freisin­nigen zusammen einen allgemeinen Wahlbund schließen und in diesem Bunde sowohl die Kon­servativen wie auch das Centrum bekämpfen möchten. Ein Theil der Freisinnigen hat eben­falls große Lust zu einem solchen Bunde; aber ein anderer Theil ist diesem Gedanken durchaus abhold. Und auch bei denen, die den Bund schließen möchten, gehen die Ansichten darüber sehr kraus durcheinander, auf welcher Grundlage der Bund aufzurichten wäre. In der.Franks. Zeitung' erging in jüngster Zeit der Vorschlag, zu dem Bunde möchten sich alle Liberalen, Frei­sinnigen und bürgerlichen Demokraten zusammen- thun unter dem Feldgeschrei: „für Simultan­schulen." Aber Herr Richter winkte in seiner .Freisinnigen Zeitung' schleunigst ab. Er wies darauf hin, daß unter Umständen auch die Wähler oder Wahlmänner des Centrums mit den Frei­sinnigen gemeinsam gegen andere Parteien vor- «gehen könnten; daß dies aber geradezu zur Un­möglichkeit gemacht würde durch ein solches Feld­geschrei.

Man sieht, die Lage gestaltet sich für die Freisinnige Volkspartei außerordentlich verwickelt. Mancher wird geneigt sein zu der Bemerkung, daß ihn das nicht weiter wundere; denn diese Partei sei eben keine Partei mehr aus dem Volke heraus, sondern ein Kunsterzeugniß und darum sehr schwer auf eigene Füße zu stellen. Aber dieser Gedanke möge hier nicht näher erörtert

werden. Jedenfalls entspricht der soeben ver­öffentlichte Wahlaufruf der verwickelten Lage vollkommen.* Der Aufruf ist zunächst fehr matt ausgefallen, matt und langatmig. Man sieht deutlich, mie seine Macher nicht nur um die Ausdrücke, sondern sogar um die Gedanken verlegen gewesen sind. Und dann trägt der Aufruf noch einen andern Charakterzug sehr deut­lich an sich: er sagt nämlich, was alles die frei­sinnige Partei nicht will; aber wenig und nichts steht darin von Dingen, die die Partei nun eigenlich haben und machen will.

Unter den Dingen die die Freisinnige Volks­partei dem Aufrufe zufolge nicht haben will, befindet sich Manches, das bereits ganz fest und gesetzmäßig eingeführt ist, woran im Ernste jetzt noch rütteln zu wollen Thorheit wäre; darunter auch Einrichtungen und Bestimmungen, die mit Hilfe und Unterstützung des Centrums zustande gekommen sind. Es gehören dazu zum Beispiel die Landwirthschaftskammern, die neue Kommunal­ordnung für Heffen-Nasfau, das bäuerliche An­erbenrecht für Westfalen und Anderes mehr.

Aber in zwei Punkten werden weite Kreise innerhalb der Centrumspartei Verständniß und Beifall für die Grundsätze haben, die der Wahl­aufruf der Freisinnigen Volkspartei entwickelt. Diese beiden Punkte sind das Vereins- und Versammlungsrecht und das Wahlrecht zum preußischen Landtage. Mit Recht weist der Aufruf darauf hin, daß „im vorigen Jahre nur mit knapper Mehrheit es gelang, das ohnehin sehr beschränkte Vereins- und Versamm­lungsrecht zu schützen gegen Bestimmungen, durch welche dasselbe vollständig dem Ermessen der Polizeibehörden preisgegeben worden wäre...." Und ebenso muß man dem Aufrufe recht geben, wenn er sagt: „Das Landtags-Wahlrecht . . . ist noch widersinniger geworden infolge der künst­lichen Ausgestaltungen, mit welchen man vergeb­lich die plutokratischen Einwirkungen der neuen Steuergesetze auf die Dreiklassen-Eintheilung aus­zugleichen suchte ..."

Wegen dieser beiden Punkte kann ein auf­richtiger Volksfreund nicht wünschen, daß das neue preußische Abgeordnetenhaus eine Mehr­heit der Konservativen und Freikonser­vativen an sich aufweise. Und da diese beiden Punkte gegenwärtig die wichtigsten sind unter allen, die wesentlich in Betracht kommen, so könnte es ja wohl, sein, daß sie den Grundton liefern für die ganze preußische Landtagswahl-Melodie. Das ist aber eine Wahrheit, die erheblich älter ist als die Komposition des neuen freisinnigen Wahlaufrufes.

„Geheime Blätter aus Bismarcks Geschichte",

so lautet der Titel des bereits angkkündigten Buches von Moritz Busch über den Fürsten Bismarck, das soeben in einer Stärke von drei Bänden in einer Londoner Verlagsbuchhand­lung erschienen ist. Viel Neues enthält das Buch nicht, und es enthält nach den Drahtmel­dungen, die darüber aus London vorliegen, namentlich nichts, das werth wäre, als neue ge­schichtliche Enthüllung hervorgehoben zu werden.

Leider aber scheint das Buch ein neuer Beweis dafür zu sein, daß Herr Busch in der Zusammen­stellung seiner sogenannten Denkwürdigkeiten mit- außerordentlich wenig Rücksicht verfahren hat. Es werden Aeußerungen des Fürsten Bismarck an die Oeffentlichkeit gezerrt, die dieser ganz augenscheinlich nur im allervertrautesten Kreise gethan hat, und von denen er niemals wollte, daß sie an die große Glocke gehängt würden. So verzeichnet beispielsweise Herr Busch eine Aeußerung Bismarcks aus dem Jahre 1882, die an Grobheit gegen den nachmaligen Kaiser Friedrich nichts zu wünschen übrig läßt. „O ja, der (eben Kronprinz Friedrich) möchte mich auch beibehalten. Aber er ist zu faul, zu sehr seiner Bequemlichkeit ergeben und hält es für leichter, mit Majoritäten zu regieren. Der, welcher danach den Thron besteigt, ist ganz verschieden. Er will die Regierung in die eignen Hände nehmen, er ist . . . durchaus nicht gewillt, parlamenlarischeMitregierer zu dulden. Er ist durchaus nicht erfreut, daß sein Vater es mit den Professoren hält." In dieser Weise geht es durch das ganze Buch. Man erkennt aus dem einen Beispiel einen ganzen Charakter.

Erwähnenswerth, aber sicherlich nicht genau in der Kennzeichnung der Begebenheiten ist eine andere Stelle, welche sich auf den Ausbruch des Krieges von 1866 bezieht. Nach der Dar­stellung von Moritz Busch müßte ganz allein Oester­reich der Friedensstörer, Bismarck aber der voll­kommene Friedensengel im weißen Kleide der Un­schuld gewesen sein. Das stimmt natürlich mit den Thatsachen gar nicht überein. Aber was kümmert sich Busch um Geschichte, wenn er nur theuere Honorare für billige Sensation einstreichen kann.

* Zur Ermordung der Kaiserin von Oesterreich.

* Wie«, 16. Sept. Der Hof-Sonderzug mit der Leiche der Kaiserin traf gestern in dem trauerdekorirten Westbahnhof um 11 Uhr Abends ein und wurde von dem ersten Oberhofmeister, den Hofchargen, den Offizier-Korps, der Geist­lichkeit und einer Ehrenkompagnie empfangen. Nach der Einsegnung setzte sich der Trauerzug nach der Hofburg in Bewegung. Auf dem ganzen Wege bildete Militär Spalier, das Publikum ließ den Zug in stiller Trauer passiren, die Truppen leisteten die Ehrenbezeugungen. In der Hofburg angelanqt, wurde der Sarg, gefolgt von dem ersten Oberhofmeister und dem Hofstaat der Kaiserin, in die Hofburg-Kapelle getragen. Der Kaiser und die nächsten Leidtragenden hatten sich daselbst eingefunden und wohnten der nun fol­genden nochmaligen Einsegnung bei. Nach der Uebergabe des Sargschlüffels an den ersten Ober­hofmeister wurde sodann die Kirche geschlossen. Auf dem Westbahnhofe waren zum Empfange der Leiche der Kaiserin u. a. anwesend: Etwa 1400 Offiziere jeden Ranges und die Palastdamen. 500 Bedienstete der Staatsbahnen mit Fackeln bildeten auf beiden Seiten des Geleises Spalier. Die Straßen-Gaslaternen brannten als Flambeaux. Bei der Einfahrt des Hofzuges leistete eine Ehren- Kompagnie die Ehrenbezeugungen. Burgpfarrer

Mayer vollzog die Einsegnung, der Hofstaat ver­richtete Gebete. Bei dem Herannahen des Leichen­zuges schluchzten zahlreiche Personen, namentlich die Damen laut. In der Hofburg mit dem Kaiser waren anwesend das Erzherzogpaar Franz Salvator und Marie Valerie, das Prinzenpaar Leopold und Gisela, Prinz Georg von Bayern, >er Erzherzog Joseph August. Als die Ankunft des Trauerzuges auf dem Schweizerhofe gemeldet wurde, begab sich der Kaiser mit den Familien­mitgliedern in die Hofkapelle, wo der Sarg noch­mals eingesegnet wurde. Heute früh nahm der Bischof von Veszprim als Kanzler der Königin von Ungarn die erste der sogenannten kleinen Einsegnungen der Kaiserin vor. Hierauf wurde der Bevölkerung der Zutritt zu der auf einem Schaubette in geschloffenem Sarge aufge- iellten Leiche gestattet. An drei Altären wurden >is zu Mittag unausgesetzt von halber zu halber Stunde Seelenmessen gelesen. Das erste Requiem celebrirt am Dienstag Kardinal Gruscha, das zweite Fürst-Primas Vaszary und das dritte Kardinal Schimborn-Prag. — Herzog Nikolaus von Württemberg, die Herzöge Siegfried und Christian von Bayern, der Erbgroßherzog von Baden, der Erbgroßherzog von Oldenburg, sowie Erbprinz von Hohenzollern sind hier eingetroffen. — Die Bevölkerung »strömt seit 8 Uhr früh zur Hof- mrgpfarrkirche, um einen letzten Abschied von der Kaiserin zu nehmen. Die Leiche ruht in einem einfachen braunen Metallsarg ohne jeden Zierrath, reffen einzigen Schmuck ein goldenes Kreuz bildet. Eine golddurchwirkte Brokatdecke bedeckte den Sarg, auf welchem nur vier Kränze der Kinder und Enkel liegen. Die übrigen Kränze liegen an >en Wänden der Kirche. Zu Häupten des Sarges legen die Kaiserkrone, die Königskrone, ein Erz­herzogshut, die Insignien des Sternkreuzordens mit Brillanten und andere Ehrenzeichen in Brillanten, welche die Kaiserin besaß. An den vier Ecken des Katafalks halten Leibgardisten Ehrenwache. Das Publikum wird in Trupps zu 30 und 40 Personen eingelassen. Früh 10 Uhr zählten die Menschen­massen bereits nach Zehntausenden. — Der deutsche Kaiser wird bei seinem Aufenthalt in Wien zur Theilnahme an der Trauerfeier in der Hofburg absteigen; ebendaselbst werden absteigen der König von Sachsen, der Prinzregent von Bayern, der König von Rumänien, der König von Serbien, Großfürst Alexis von Rußland und der Kronprinz von Italien; die übrigen Fürst­lichkeiten werden in verschiedenen Hotels wohnen. Alle haben jeden offiziellen Empfang abgelehnt. Die Königin-Regentin von Spanien, sowie der König und die Königin von Schweden werden sich durch Abordnungen vertreten lassen. Auch der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe wird zu den BeisetzungsfeierlichkKten eintreffen.

* Budapest, 16. Sept. Anläßlich der Er­mordung der Kaiserin von Oesterreich haben fast sämmtliche Mitglieder des ungarischen Epis- kopates nunmehr Hirtenbriefe ergehen lassen, in denen sie die Weisungen hinsichtlich der kirchlichen Trauer um die dahingeschiedene Königin ergehen lassen. An dem Leichenbegängnisse in Wien wird der ungarische Episkopat fast voll­zählig Theil nehmen. Angesichts der Landes­trauer steht das politische Leben still. Das Ab­

In den Sergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

5 ------ (Nachdruck verboten.)

Auch in diesem Jahre waren zahlreiche Gäste eingetroffen und alle ließen sich's wohl sein in aller Gemüthlichkeit. Diejenige Persönlichkeit, welche durch ihre elegante Erscheinung und lautes Wesen wohl am meisten Aufsehen erregte, war Fräulein Stella, eine gefeierte Sängerin des Theaters an der Wien. Sie war fast stets in Begleitung von Frau Kesmety, ihrer Gesellschaft­dame, die ihren guten Ruf zu beschützen hatte, jedoch auch stets von einem Schwarm von Ver- ehreren umringt. In der geräumigen Veranda des Gasthofes ging's heute lustig her. Die Mehrzahl von denen, die sich dort an kleinen und großen Tischen gruppirt hatten, waren noch bei den Freuden der Tafel, und nur ein paar Inns­brucker Studenten, welche für den folgenden Tag einen Bestich der Oetzthaler Eiswelt geplant hatten, schauten andächtig auf die in holder Schönheit herübergrüßenden Berge und Fluren und dann wieder zum Himmel empor, um ihn zu fragen, ob er ihrem morgigen Vorhaben günstig sein wolle oder nicht.

_ Dieser fing an, sich aufzuheitern. Ein Heller Strahl huschte über das weithin sich ausdehnende blaue Flachsfeld, und ein Heller Strahl auch über die Gesichter der beiden Studenten, als sie nun ihre Biergläser nahmen und auf einen glücklichen Aufstieg anstießen.

Fräulein Stella, die mit einigen ihrer Ver­ehrer an dem am üppigsten bedienten Tische saß,

ließ wiederum ihr silberhelles Lachen ertönen, so daß es wie ein Glöckchen durch den ganzen Raum schallte und alle Anwesenden sich unwillkürlich nach ihr umschauten.

„Sie haben die Wette verloren, Lieutenant Ludomir," rief sie aus. „lieber den Verbrauch des Champagners behalte ich mir noch das Ver­fügungsrecht vor; denken Sie sich vorerst nur eine Partie aus, womit Sie mich zufriedenstellen können, aber neu und originell muß sie sein."

Nach diesen Worten griff sie wieder zu dem Schüsselchen mit Erdbeeren, welches sie nieder- gestellt hatte und genoß mit lächelndem Behagen die aromatischen Früchte. Jedoch für einige Augenblicke nur, bann blieb ihr die süße Frucht in der Kehle stecken, während sie gespannt zu­horchte, was der mittlerweile eingetretene Wirth der nebenansitzenden Gesellschast erzählte.

„Was sagen Sie, Herr Wirth? Ein Eisen­bahnunglück? Ein wirkliches, echtes? Und noch dazu in nächster Nähe?" rief sie aus und wiederum so laut, daß Alle es hören konnten, denn sie war durch ihren Beruf als Schauspielerin an lautes Lachen und Sprechen gewöhnt.

„Ich weiß nichts Bestimmtes und nichts Näheres. Mein Kutscher, der es mir soeben be­richtet hat, erfuhr es von dem Fräulein vom See, welches jedoch vor einer Viertelstunde ausgestiegen ist, um nach Piburg hinauf zu gehen. Sie soll selbst in dem verunglückten Zuge gewesen sein."

So sprach der Wirth und entfernte sich dann mit einem Achselzucken, um einer andern Gruppe, von welcher er gerufen wurde, dasselbe zu be­richten.

„Ganz ein neu:s, sensationelles, realistisches

Schauspiel, aber glücklich derjenige, der keine Rolle darin zugetheitt bekommen hat," sagte Lieutenant Ludomir, der eine leidenschaftliche Verehrung fürs Theater hatte und noch in jeder Garnison, wo er stationirt war, wenigstens Liebhabertheater gestiftet hatte.

„Und dennoch werden wir eine Rolle spielen, Herr Lieutenant. Lassen Sie nur schnell einen Wagen anspannen und auch den Champagner einpacken. Sie dürfen mitfahren und Sie Herr Doktor natürlich auch. Tableau: helfende Sama­ritaner an der Unglücksstätte. Die beiden andern Herren müssen jedoch hier bleiben, damit Platz bleibt für die Verwundeten, die wir even­tuell mitbringen. Danken Sie mir, £>erx Lieutenant, denn ich habe statt Ihrer einen ganf neuen orginellen Ausflug entdeckt." Mit diesen Worten erhob sich Fräulein Stella und zog sich in ihre Zimmer zurück, um die Toilette zu wechseln.

Als das elegante Gespann Fräulein Stella's bei der Eisenbahn-Station anlangte, stand Paul Halding auf den zum „Sterzinger Hof", dem einzigen Hotel von Station Oetzthal, hinanfüh­renden Stufen. Er wollte nachfragen, ob kein Wagen nach Oetz zu haben sei, und fein Gesich zeigte recht deutlich, daher verdrießlich war, viel verdrießlicher, als es sich für Jemand ziemte, der einer Lebensgefahr kaum glücklich entronnen war. Als er des herannahenden Wagens ansichtig wurde, flog ein Lächeln über sein Gesicht. Fräulein Stella in ihrer reizenden Sommer-Toilette von weißem Batist mit grünen Schleifen, Fräulein Stella mit dem rosigen Teint, mit den luftigen, übermütigen Augen, den allerliebsten Gräbchen in beiden Wan­gen, war ja selbst wie das verkörperte Lächeln

anzuschauen, und zudem kannte er sie von Wien her.

Paul war mißgestimmt und wußte selbst nicht warum, und gerade darum spürte er doppelt das Bedürfniß zum Lachen und Lustigsein.

Zum größten Aerger von Lieutenant Ludomir, der bis übyx die Ohren in Fräulein Stella ver­liebt war und ihr sogar aus Innsbruck einen Lorbeerkranz bestellt hatte, damit sie der gewohn­ten Spende entbehrend nicht etwa ihren Aufent­halt in Oetz fade und langweilig finden möge, stellte er sich als alter Bekannter vor, und da er noch dazu so glücklich war, in dem Eisenbahn­unglück wenigstens eine Statisten - Rolle gespielt zu haben, wurde er von Stella mit einem solchen Enthusiasmus empfangen, daß Ludomir sich auf die Lippen biß und sich vornahm, den.Eindring­ling desto gründlicher zu ignoriren.

Nachdem Paul den Hergang der Katastrophe und die Ursachen, welche dieselbe herbeigeführt, nach allen Seiten genugsam beleuchtet hatte und zu dem versöhnenden Schlußsätze gekommen war, daß schwere Verwundungen nicht vorgekommen seien und nur der Heizer fein Leben eingebüßt habe, rief Stella mit einem Seufzer der Erleich­terung aus: „Gottlob, daß der arme Schelm nicht etwa verstümmelt ist, so ist er ohne Kampf und Unruhe in's Jenseits hinüber gedampft. Die armen Leute haben ja doch nichts vom Leben."

„Und doch hängen sie nicht minder daran wie die Reichen. Zudem hinterläßt er eine Wittwe mit drei Kindern."

„Die jedenfalls bald wieder einen neuen Mann haben wird. Bei solchen Anlässen wird ja stets so viel gesammelt, daß die Betroffenen zu guter