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mit IlnterhakKmgs-Weilage „Zklnstrirte Sonntags-Zeitung" peterssatle Nr. i (Harmonie).

M 211.

Je* Kreta.

Mehr als 2500 Mann europäischer Trup­pen befinden sich nunmehr in der kretischen Auf­ruhr-Stadt Sanbia, und nicht weniger als zwölf europäische Kriegsfahrzeuge liegen vor der Stadt auf der Rhede, davon allein sieben englische Schiffe. Die englischen Truppen haben alle türkischen Häuser um ihr Lager herum dem Erdboden gleich gemacht. Die türkischen Kaffee­häuser und alle Straßen der Stadt werden sorg­fältig durch englische und türkische Truppen be­wacht — kurz, ein geradezu riesiges Aufgebot von bewaffneter Macht ist vor und in der Stadt Kandia entfaltet worden.

Nun sollte man meinen, daß eine Bestrafung derSchuldigen eintreten müßte. Das brauchte ja keine barbarische Züchtigung mit neuem Blut­vergießen zu sein. Aber geschehen sollte doch unbedingt etwas, um den übermüthigen Aufrührern zu zeigen, daß unter der Herrschaft europäischer Kulturmächte asiatische Barbareien nicht mehr ungestraft geduldet werden. Indessen es bleibt alles ruhig vor Kandia, und Niemand regt sich, um über die Mordbrennerbande zu Gericht zu sitzen. Das ist sicherlich unklug und falsch gehandelt. Denn diese Unthätigkeit muß unbe­dingt bei den christlichen Einwohnern der Insel den Eindruck machen, daß die Muselmanen ohne Strafe Alles thun können, was sie wollen. Das muß am Ende neue Empörung bei den christ­lichen Kretern erwecken, und die Folge davon könnte sehr leicht die sein, daß dem christlichen Theile der Bevölkerung die Geduld reißt, und daß sie von Neuem selbstständig zu den Waffen greifen gegen die Mohamedaner. Sie befinden sich gegenwätig in der günstigern Lage. Die Christen nämlich beherrschen vollkommen das ganze Innere der Insel, während die Moha­medaner hinunter, nach den Küsten gedrängt sind. Diese Vortheile könnten also leicht die Christen zu neuen Waffengängen reizen und damit aufs Neue zum Kriege auf der Insel führen, wenn der Gerechtigkeit durchaus nicht entsprochen und eine Strafe über die Aufrührer verhängt wird.

Freilich ist die ganze Lage ausnehmend schwierig. Weder den Türken noch den Griechen darf die Herrschaft auf der Insel überlassen werden. Ueberließe man sie den Türken, so würden diese bald wieder mit der Ausrottung der Christen beginnen. Und überließe man die Herrschaft den Griechen, bann würben sehr halb bie Christen über bie Türken herfallen unb mit biesen ein Ende zu machen suchen. Nun brauchte man es ja kaum zu bedauern, wenn die Insel Kreta von den Türken gänzlich befreit würde. Aber nach dem Grundsätze der Gerechtigkeit dürfen doch auch die Machte nicht zu Gewaltthätigkeiten gegen die mohamedanische Bevölkerung die Hand bieten.

Somit gelangt man immer und immer wieder zu dem Gedanken, der Insel einen G o u v er n e u r zu geben, der weder von den Türken noch von den Griechen abhängig ist. Aber wenn sich ein solcher Gouverneur auf der Insel behaupten und die Insel wirklich regieren soll, bann muß er so mächtig sein, baß sowohl bie Christen als auch bie Türken vor ihm Respekt haben unb seine Macht fürchten; unb es wirb wiederum außer-

In den Kergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

4 ------ (Nachdruck verboten.)

„Grüß Gott, liebe Mutter! Wie froh bin ich, daß ich wieder bei Dir bin," tönte von der Thüre her eine freundliche Stimme.

Aber die Frau am Fenster verharrte in ihrer steifen Haltung, schaute zu den Wolken empor, die am Himmel umherzogen, und wandte keinen Blick der Eintretenden zu.

„Phrasen," murmelte sie. „Wenn es Dich so zu mir hingezogen hätte, hättest Du Dich wohl mehr beeilt, zurückzukommen, anstatt jede Viertel­stunde Rast zu machen und am Bach zu sitzen und zu träumen".

Das Mädchen erwiderte nichts. Schweigend schloß sie Hut und Täschchen und auch die beiden Taschentücher, die sie mittlerweile von Kopf und Hand entfernt hatte, in den Schrank.

„Du zürnst mir Mutter?" sagte sie dann und küßte der alten Frau die Hand.

„Sollte ich etwa nicht?" fuhr diese fort, noch immer grämlich. „Vier Sunden sind verflossen seit Ankunft des Zuges im Oetzthal, es ist un­glaublich. Ich habe seit früh keinen Bissen ge­nossen und bin einer Ohnmacht nahe vor Hunger und Müdigkeit." Mit diesen Worten lehnte sie sich in den Sessel zurück und schloß die Augen, und ihr Kopf sank ganz ermattet auf die Schlummer­rolle, die dort hing, nieder.

„Noch nichts gegeffen!" rief das Mädchen erschrocken aus. „Das Essen steht ja fertig im Speiseschrank und ich habe der Weberfrau an­

JuLöcr, Freitag, den 16. September 1898

ordentlich schwierig fein, erstens den geeigneten Mann zu finden für das Amt des Gouverneurs, und zweitens dann den Mann mit der erforder­lichen Macht auszurüsten.

Die beste Lösung der ganzen bösen Kreta- Frage würde ohne Zweifel die fein, die ge­samte mohamedanische Bevölkerung der Insel auf unblutigem Wege von der Jnfel fort« zuschaff en und anderswo anzusiedeln; und fast scheint es so, als sei man diesem Gedanken be­reits naher getreten. Es wird nämlich berichtet, daß man etwa 5000 muselmanische Familien, die ohne Grundbesitz sind, von Kreta nach Anatolien übersiedeln wolle; und man kann nur wünschen, daß es nicht bei dem Gedanken bleibt, sondern daß auch dem Gedanken die That folgt.

Aber mit der Ordnung der Dinge auf der Insel Kreta selbst würde die Kreta - Frage auch noch lange nicht gelöst fein. Denn „das bischen Kreta" ist ein außerordentlich wichtiger Punkt im Mittelmeere, und diejenige Macht, die die Jnfel zu eigenem Besitze gewinnen könnte, würde dadurch ihre Stellung im Mittelmeer ganz wesentlich verstärken. Deswegen auch gönnt die eine Macht der anderen den Besitz der Insel ober bie Herrschaft auf ber Insel nicht; unb aller Voraussicht nach wirb bie Kreta-Frage noch recht lange als richtige sogenannte Seeschlange in ber europäischen Politik eine wenig angenehme Rolle spielen.

Dem beutschen Reiche aber kann man nur Glück wünschen baju, daß es bei Zeiten von allen kretischen Dingen sich zurückgezogen hat.

* Zur Ermordung der Kaiserin von Oesterreich.

* Genf, 15. Sept. Der Mörder Luccheni schrieb an den Präsidenten Ruffy einen Brief mit der Bitte, ihn in Luzern aburtheilen zu laffen, da in diesem Kanton die Todesstrafe noch bestehe. Diesem Verlangen kann natürlich nicht stattgegeben werden. Luccheni erschien am Donnerstag vor der Untersuchungskammer und antwortete französisch auf die üblichen Fragen nach seinen Personalien, er sei kein Franzose und verlange einen Dolmetscher. Er wurde dann ins Gefangmß zurückgeführt. — Die Zahl der in Genf Verhafteten beträgt bisher 18 Personen. Sechs Personen wurden in Lausanne, die übrigen in Gens festgenommen unter dem Ver­dacht, anarchistische Propaganda zu treiben. Am meisten fompromitirt ist ein gewisser Calducci, der eine halbe Stunde vor dem Attentat im Ge­spräch mit Luccheni gesehen wurde. Das Genfer Justiz- und Polizei-Departement hat am Mittwoch 15 Ausweisungsbefehle erlassen. Der in Lausanne am Tage vor dem Attentat Lucchenis wegen Landstreicherei verhaftete Italiener Gualducci ist jetzt als gefährlicher Anarchist erkannt worden. Er hat mehrere Tage mit Luccheni zu­sammen gewohnt, und man glaubt, daß er den Griff des Mordwerkzeugs Lucchenis angefertigt hat. Die Papiere, die man bei Gualducci gefunden hat, sind nicht fein Eigenlhum. Ein anderer in Lausanne verhafteter Anarchist Namens Barbetti steht gleichfalls stark in Verdacht, ein Komplize Lucchenis zu fein. Gualducci und Barbetti sind nach Genf geschafft worden.

empfohlen, jede Stunde zu kommen und nach Deinen Wünschen zu fragen. Warum hast Du durch sie nicht Feuer machen und bas Essen wärmen laffen?" So sprechenb, eilte sie in die nebenanliegende offene Küche, und das Knacken von trockenen Spähnen verrieth, daß sie bereits mit dem Anzünden des Herdes beschäftigt war.

„Du weißt, ich kann das Hin- und Her- laufen von ihr nicht leiden," sprach die Frau int Lehnstuhl grämlich. „Schon wenn sie bie Thüre öffnet unb babei bie ihrige offen läßt, fo daß ich das Geschrei der Kinder und das Sausen des Webstuhls recht deutlich hören kann, wird mir schwindlig. Und erst der Geruch, den sie mit sich bringt! — Hu, und mir von ihr das Essen reichen lassen, von den Händen, die stets so unsauber aussehen unb wer weiß, welchen Schmutz gefegt haben! Mir wirb übet, wenn ich nur baran denke. Darauf rechne nie, denn ich ekele mich vor ihr."

Schweigend band sich das Mädchen eine Schürze vor unb holte das bereits gestern ge­kochte Esten aus bem Schranke. Sie buchte ba­bei an die Frau des armen Webers, die es fo gut meinte und fo dienstwillig war; die vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht arbeitete für den kränkelnden Mann und die allzeit hung­rigen Kinder, und deren Loos nur Sorge und Elend und Mißachtung war. Und bann fiel ihr Auge auf bie Frau am Fenster unb auf ihr schneeweißes Haar; bas Gesicht war so grarn- durchsurcht, ber arme Körper so hilfslos, baß er auch keinen Schritt sich bewegen konnte, unb boch war sie einst geehrt, bewundert und geliebt; unb nun ?

Unsägliches Mitleid und zärtliche Liebe wallte

* Wie«, 15. Sept. Der Zug mit der Leiche der Kaiserin wurde auf österreichi­schem Boden überall mit Glockengeläute em­pfangen. Früh gegen 1h8 Uhr traf derselbe in Innsbruck ein, wo der Statthalter, die Würden­träger und eine Ehrenkompagnie auf bem Bahn­hofe Aufstellung genommen hatten. Zahlreiche Kränze würben niebergelegt. Ueberall erwartete eine große Volksmenge in stummer Trauer ben Zug. — Der Trauerfchmuck ber Stadt Wien macht schon jetzt einen überwältigenden Eindruck. Bis in die entlegenbften Stadttheile hinein sieht man in ben Schaufenstern Büsten, Oelbilder, Kupferstiche, Holzschnitte ober Photo­graphien ber Kaiserin, von Traueremblemen um­geben, ausgestellt. — Der Kaiser von Oester­reich hat verfügt, baß sämmtliche Festlichkeiten anläßlich bes Jubiläums, bei benen bie persön­liche Theilnahme des Kaisers erforderlich sei, unterbleiben sollen. Demnach würden alle Hof­festlichkeiten unterbleiben. Im Obersthofmeister­amt sind alle die Jubiläumsfeier betreffenden Vor­arbeiten eingestellt worden. Nur am 29. November wird im Stephansdome ein Hochamt abgehalten werden. Der Kaiser hat die Absicht kundgegeben, in ben nächsten Monaten in stiller Abgeschlossen­heit feinen einzigen Trost in der Arbeit, der Be­schäftigung mit Staatsangelegenheiten zu suchen. Demgemäß entfallen auch die für den Herbst in Steiermark anberaumten Hochwildjagden. — Von auswärtigen Fürstlichkeiten und Prinzen, die an der Beisetzung der Leiche in Wien theilnehmen und zum Theil schon in ber öster­reichischen Hauptstabt eingetroffen ftnb, feien ge­nannt : Großfürst Alexis als Vertreter bes Kaisers von Rußlanb, Prinz Christian von Schleswig-Holstein als Vertreter ber Königin von Englanb, ber Prinz von Neapel als Vertreter bes Königs von Italien, Prinz Albert als Ver­treter bes Königs von Belgien, Erbprinz Danilo von Montenegro, ber Kronprinz von Griechenland, Herzog Alfred von Sachsen-Koburg und Gotha, der Erbgroßherzog Wilhelm Ernst von Sachsen- Weimar-Eisenach, Erbgroßherzog Friedrich von Raden, Prinz Wilhelm von Hohenzollern und mehrere andere deutsche Fürstlichkeiten refp. deren Vertreter. Kaiser Wilhelm trifft mit Gefolge am Sonnabend früh hier ein und wird Abends wieder abreifen. Prinzregent Luitpold von 83apern trifft morgen, derKönig von Sachsen am Samstag ein. Auch Fürst Ferdinand von Bulgarien wird an den Leichenfeierlichkeiten in Wien theilnehmen. Der französische Präsident Faure und die Regierung beschlossen, zu den Beerdi­gungsfeierlichkeiten in Wien eine spezielle Ab­ordnung zu entsenden, welche aus dem französi­schen Botschafter in Wien, dem General Faure- Biguet und dem Kapitän der Fregatte „Moreau" bestehen soll.

* Wie«, 15. Sept. Konbolenztele- g ramme erhielt Kaiser Franz Joseph seitens der Souveräne, des Papstes, der Staatsoberhäupter nahezu der ganzen Welt, darunter auch Tele­gramme aus Japan, Sansibar, Peru, Chile und Uruguay. Das Telegramm des Papste.s lautet: „Wir beeilen uns. Euerer Majestät unseren tiefsten Schmerz und unsere größte Entrüstung auszudrücken über das fluchwürdige und barbarische

in ihr empor, auf den Fußspitzen schlich sie zum Lehnstuhl hin, legte ihre junge weiche Wange an bie runzelige alte unb „Mutter, liebe, liebe Mutter!" kam es aus ihrer Brust hervor wie ein unterbrücktes Schluchzen. Jnbeß bas war nur für einige Augenblicke unb schon ftanb sie wieder seitwärts im Schatten.

Die Frau hatte sich nämlich, ohne ihren Lieb­kosungen eine weitere Beachtung zu schenken, schnell wieder zu ihrer gewöhnlichen strammen Haltung aufgerichtet und während ihre Nasenflügel auf und nieder gingen, schaute sie wie suchend im Zimmer umher. „Was ist das nur wieder für ein Geruch. Jodoform! Unerträglich. Das wunde Bein des Webers muß wieder aufge­brochen fein, die Thüre steht wie gewöhnlich offen und Du hast vergessen, die unfrige zu schließen. Schau nach, ob dem nicht so ist."

Das junge Mädchen ging, obwohl sie recht gut wußte, daß sie die Thüre ins Schloß gedrückt hatte und daß sie ganz allein die Ursache des Jodoformgeruches war, den ihre Mutter so schlecht vertrug. Sie nahm deshalb das Pflaster, das sie statt des Tuches auf die Wunde gelegt hatte, wieder herunter, spülte sorgsam die Reste von Jodoformgaze ab und ging dann erst hinein, um am Fenster den Tisch herzurichten für sich und ihre Mutter.

Diese, durch das Warten in ihrer verdrieß­lichen Laune noch bestärkt, sprach bei ihrem Ein­tritt in's Zimmer mit Bitterkeit: „Du scheinst Dich sehr wenig zu beeilen, um dem Befinden Deiner Mutter Rechnung zu tragen. Man sieht aus allem, daß ich Dir eine Last bin. Freilich, wie könnte es auch anders sein, ich in meinem

25. Jahrgang.

Attentat, das an der Kaiserin begangen wurde. Wir beten für die edle Seele des erhabenen Opfers und flehen mit heißer Inbrunst zu Gott, daß er — in dessen Macht es liegt — Euere Majestät in diesem grausamen Unglück und in dieser bitteren, die heiligsten Gefühle treffenden Prüfung stärke, und darum ertheilen wir Euerer Majestät und der gejammten kaiserlichen unb königlichen Familie aus dem Tiefsten unseres schmerzlich ergriffenen väterlichen Herzens unseren ganz besonderen Segen." Der deutscheKaiser telegraphirte am 10. September: „Vom Manöver eben zurückkehrend, erfahre ich die entsetzliche Nach­richt von der ruchlosesten aller Thaten. Tief er­schüttert und noch fassungslos kann ich kaum Worte finden, um Dir zu sagen, wie ich für Dich fühle und trauernd den schweren Verlust mit­empfinde. Es ist eine Prüfung des Herrn, bie wir Menschen nicht begreifen können, unb bie nur bnrch ihre fürchterliche Schwere auf uns lastet. — Aber bas ist ber einzige Trost für uns arme Menschen, daß es von oben also bestimmt ist."

* Budapest, 15. Sept. Heute Morgen traten die beiden Häuser des Reichstages zusammen, um die Art und Weise der Betheiligung an der Beisetzungs - Feier der Königin festzusetzen. Die Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften er­schienen in Trauer. Im Abgeordnetenhause wur­den auf Vorschlag des Präsidenten folgende Be- schlüsfe gefaßt: Das Haus wird an der Bahre einen Kranz niederlegen, womit das Präsidium und eine Deputation betraut werden und woran alle Mitglieder des Hauses theilnehmen können. Die Niederlegung des Kranzes wird unmittelbar nach der öffentlichen Ausstellung des Sarges statt- finben. Die Mitglieder der Deputation versam­meln sich morgen Nachmittag um 5 Uhr im Palais des ungarischen Ministeriums in Wien. Ein Sonderzug steht den Theilnehmem zur Verfügung. Bei der Feier werden für das Präsidium in ber Kirche, für bie Mitglieder vor der Kirche Plätze reservirt. Das Magnatenhaus beschloß gleichfalls die Niederlegung eines Kranzes mit Schleifen in den Nationalfarben nebst einer Widmung. Der Präsident forderte die Mitglieder auf, sich mög­lichst zahlreich an der Deputation zu beteiligen, damit sich die innige Antheilnahme Ungarns offen­bare.

Deutsches R"ch>

Berlin, 15. September.

X Der Kaiser ist heute (Donnerstag) Vor­mittag, zu den Manövern des Gardekorps in Prenzlau eingetroffen. Auf dem Marktplatze wurde der Monarch von den Vertretern der Stadt begrüßt, und in feiner Erwiderung gedachte der Kaiser auch der scheußlichen That in Genf. „Besonders — so führte der Kaiser unter Anderem aus — müsse jetzt daraus geachtet wer­den, daß den Umsturz-Gelüsten kräftig entgegengetreten werde. Wie nöthig das sei, beweise das fluchwürdige Ereigniß der letzten Tage. Darum sollten gerade die Bürger, die in dieser Hinsicht viel zu nützen vermöchten, immer in Treue und mit vollem Vertrauen zu seiner Person und Regierung halten ..." Vielleicht ist nach diesen Worten dieser oder jener geneigt, armseligen Zustand! Das Sprichwort sagt nicht umsonst, daß es einer Mutter leichter sei, sieben Kinder zu ernähren, wie sieben Kinder eine Mutter."

„Mutter," rief das Mädchen vorwurfsvoll aus.

„Warum bist Du so lange ausgeblieben," sprach diese weiter, mit Ton und Miene eines gestrengen Richters. „Wo hast Du Dich unter­wegs aufgehalten? Bedenke: vier Stunden. Sonst pflegtest Du den Weg von der Bahnstation bis hier in kaum zwei Stunden zurückzulegen."

„Und heute bin ich noch wohl bie größte Strecke Weges gefahren," murmelte ihre Tochter.

„So? Hat man Dir für Deine Holzmalereien in Imst solch einen anftänbigen Preis gezahlt, baß Du Dir biesen Luxus ohne Gewiffensbiffe gestatten konntest?"

„Nein, Mutter, nicht mehr wie sonst," sprach das Mädchen und stand nun dicht vor ihr unb sah ihr voll unb innig in bie Augen. „Ich sehnte mich nach Dir, ich verlangte, so schnell als mög­lich bei Dir zu fein. Es war ein Eisenbahn- zusammenstoß mit bem Zuge, in welchem ich mich befanb, es hätte wenig gefehlt, unb ich wäre nie mehr zu Dir zurückgekehrt."

„Lilian! Du!" kam es wie ein Schrei aus der Brust der vielgeprüften Frau. Sie breitete die Arme nach ihr aus und Mutter und Tochter hielten sich fest umschlungen.

3.

Der Gasthof zur Post in Oetz, welcher seinen Namen mit Recht führte, weil er zugleich die erste und größte Poll- unb Telegraphenstation des ganzen Thales bdöet, war ein wahres Ideal für Sommerfrischler. Er vereinigte mit allem Komfort der Neuzeit ben gewissen patriarchalischen