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FuldaerMIeitung

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M 208.

JuLöcr, Dienstag, den 13. September 1898

25. Jahrgang

A Der Meuchelmord in Gens scheint doch wirklich nicht die Thal eines Wahn­sinnigen zu sein, wenn man das Wort „wahn­sinnig" in seiner gewöhnlichen Bedeutung nimmt. Der Mörder scheint wahrhaftig ganz von dem Gedanken beseelt gewesen zu sein, daß es ihm als einem Anarchisten zukomme, Fürsten zu er­morden; und im Uebrigen ist er allem Anscheine nach ein vollkommen richtig denkender und über­legender Mensch, der seine Handlungen begeht mit dem vollen Bewußtsein dessen, was er thut. Nach den bisherigen Befunden und nach den Ergebnissen, die bisher das mit dem Mörder an­gestellte Verhör ergeben hat, muß man sagen: der an der Kaiserin Elisabeth von Oester­reich begangene Meuchelmord ist die -wohlüberlegteundmitvollemBewußt- fse in ausgeführte That ein es Anarchisten.

In den Verhören trägt der Mörder eine vollkommen bei spiel lose Frechheit zur Schau. Alle an ihn gerichteten Fragen beantwortet er -mit ganz offen zur Schau getragenem Hohne. 'Eine Verschwörung gegen das Leben der Kaiserin .in aller Form ist anscheinend nicht vorhanden 'gewesen. Wohl aber scheint Luigi Luccheni Mit­wisser gehabt zu haben. Auch vor der Ausführung der Thal war er bekanntlich von einem Manne begleitet, von dem die Schilderung der Augen­zeugen sagt, daß er ein schlecht gekleideter alter Mann sei mit einem Barte, der ehedem roth war. .Luccheni selbst muß auf seine Mordwaffe sehr gut eingeübt gewesen sein. Denn obwohl diese Waffe ein rohes Instrument ist, eine zu einem Stilett umgewandelte dreikantige Feile, ist .der Stoß mit unheimlicher Sicherheit geführt worden. Das Mordinstrument ist mehr als 8 Zentimeter tief eingedrungen und hat das Herz so unheim­lich gut getroffen, daß dasselbe vollkommen von dem Stoße durchbohrt worden ist. Luccheni muß -also aller Wahrscheinlichkeit nach seine That nicht ohne die nothwendige schauerliche Vorübung vollbracht haben. Als ein Polizei­kommissar dem Mörder die Mordwaffe vorzeigte, sagte dieser ganz ruhig: „Das ist mein Eigen- thum. Ich schenke es euch."

Die Schweizer Polizei hatte wohl vor­her ihr Augenmerk auf mehrere der gegenwärtig sich umhertreibenden italienischen Anarchisten ge­richtet; auch auf den Mörder Luccheni. Und heimlich, ohne daß die Kaiserin es wissen sollte, waren einige Geheimpolizisten nach ihrem Auf­enthaltsorte Caux beordert worden. Aber die Kaiserin kam doch dahinter und verbat sich so­fort sehr nachdrücklich die Anwesenheit und die Begleitung der Beamten. Erst nachher blieben diese letzteren fort — ein Charakterzug mehr, um der gemordeten Fürstin die allgemeine Volks- , Zuneigung zuzuwenden; freilich leider auch eine recht bittere, eine entsetzliche Lehre: nämlich die, daß Mitglieder von Herrscherfamilien, auch Frauen, nicht ohne die Mithilfe der geheimen Polizei irgendwo in unserem Festlande Europa sicher sind wor mörderischen Ueberfällen. Noch unheimlicher gestaltet sich der Eindruck, wenn man erfährt, daß Luccheni Anarchist seit seinem 13. -Jahre ist und bei einem der mit ihm angestellten "Verhöre ganz ruhigen Tones die Aeußerung that:

In den Sergen.

Novelle von Maria Radkersberg-Radnicki.

------- (Nachdruck verboten.)

„Bitte, ein Damen-Koupee dritter Klasse!" Mit diesen Worten wandte sich ein junges Mädchen an den Schaffner des nach Landeck in Tyrol abgehenden Zuges, welcher im Begriffe stand, die letzte der noch offenen Koupeethüren Hu schließen.

„Keins mehr frei. Nur einstweilen schnell hier herein, Fräuleinchen, der Zug geht schon," ver­setzte er gutmülhig, schob die Ankommende in das Koupee, dessen Thür er in der Hand hielt, und schloß hinter ihr zu.

Mit scheuem Blicke streifte diese den einzigen -Insassen des Koupee's, einen Herrn anfangs der dreißiger Jahre, der sich bequem auf feinem Sitze ausgestreckt hatte und den Eindringling mit neu­gierigen Blicken musterte. Dann ließ sie sich nieder, drückte sich fest in die Ecke, als sollte ihre kleine, zarte Gestalt möglichst wenig Platz einnehmen in dem Raume, zu dem sie eigentlich nicht berechtigt war, und schaute zum Fenster hinaus. Der Herr setzte mittlerweile seine Musterung fort. Wohl war ein Ausdruck der Unzufriedenheit über feine Züge gehuscht, als er hörte, wie der Schaffner, dem er doch einige seine Cigarren verabreicht hatte, ihm einen Fahrgast dritter Klaffe hineinschieben wollte, aber dieser Ausdruck verlor sich mehr und mehr, je länger er das Mädchen betrachtete.

Ihr Gesicht war vom schönsten Ebenmaß und won der edelsten Form, zumal ihr Profil, welches sich silhouettenhast von dem weißgrauen Wolken-

„Wenn alle Anarchisten ihre Pflicht thun würden, wie ich die meinige gethan habe, dann würde die bürgerliche Gesellschaft schnell verschwunden sein".

Unter solchen Umständen ist es recht erklärlich, daß von Neuem die Nachricht auftaucht, es sollte, wiederum wie im Vorjahre von Belgien aus, der alte Gedanke aufgefrischt werden, inter­nationale Vereinbarungen zu treffen gegen den Anarchismus. Aber freilich kann dieser Gedanke unmöglich in der kurzen Zeit, die feit dem Morde verstrichen ist, schon irgendwie feste Formen angenommen haben. Angeblich soll man in neuester Zeit in Paris, oder viel­mehr von Paris aus, einer organifirten anarchistischen Verschwörung auf die Spur gekommen fein. Die französische Regierung soll daraufhin den russischen Hof verständigt und Sicherheitsmaßregeln getroffen haben zum Schutze des Präsidenten Faure. Aber es ist vorläufig vollkommen unverbürgt, ob an diesen Gerüchten etwas Wahres ist.

♦

* ♦

Der amtliche .Reichsanzeiger' widmet dem Kaiser Franz Joseph folgende Worte der Theilnahme: „Se. Maj. der Kaiser fühlt sich mit den Fürsten und Freien Städten des Reiches wie mit dem ganzen deutschen Volke in innigster Theilnahme an dem namenlosen Unglück geeint, das über den allverehrten Kaiser Franz Jofeph und über die Völker des verbündeten Oesterreich- Ungarn hereingebrochen ist. Mit der tief fchmerz- lichen Trauer um die ihrem hohen Gemahl und ihrem Lande fo jäh entrissene edle Fürstin aus deutschem Blut verbindet sich die allgemeinste Empörung gegen den feigen Mörder, der den Boden der befreundeten Schweiz durch die fluch­würdigste That des Anarchismus entweihen konnte." In Wirklichkeit: hier spricht das amt­liche Organ ganz aus dem Herzen des gesummten deutschen Volkes!

Aus den vielen Einzelmeldungen, welche noch vorliegen, heben wir folgende hervor:

* Oe«f, 12. Sept. Die Kaiserin war am Freitag bei der Baronin Rothschild in Pregny zu Besuch. Das Gefolge war am Samstag Mittag kurz nach 11 Uhr nach Caux abgereist. Um 1/»2 Uhr begab sich die Kaiserin mit ihrer Hofdame Sztaray zur Landungsstelle. Auf diesem Wege nun erfolgte das Attentat. Gräfin Sztaray, welche also Augen­zeugin war, gab folgende Darstellung von dem Attentat:

Gegen 2 Uhr sollte der Dampfer abgehen, die Kaiserin war in bester Laune und bei ausgezeichnetem Wohlbefinden. Um halb zwei verließen wir das Hotel und gingen zu dem Landungsplatz. Wir schritten ruhig auf dem Trottoir des Quai Montblanc am See, da sah ich, wie ein Mann raschen Schrittes seewärts von dem im Hafen liegenden Schiffe an uns herankam und sich der Kaiserin näherte. Er passirte rasch einen Baum zwischen ihm und uns ganz in der Nähe der Kaiserin und schien zu straucheln. Er machte eine Bewegung mit der Hand, ich meinte, um sich aufrecht zu erhalten. Dann lief er weiter. Die Kaiserin hatte eine Bewegung nach rückwärts gemacht und sank zusammen. Ich fing sie auf in meinen Armen. „Ist Majestätnichtwohl?- fragte ich. Die Kaiserin antwortete: „Ich weiß nicht." Ich dachte, das ist wohl vom Schrecken, und fügte bei: „Wollen doch Majestät meinen Arm nehmen." Die Kaiserin meinte: „Danke, nein." Ich ver­suchte trotzdem, sie zu stützen, aber es war kaum nöthig.

Himmel abhob, der durch's Fenster hereinsah. Eine große Bescheidenheit, der es jedoch nicht an Vor­nehmheit gebrach, war in ihrer schlichten, braunen Kleidung und in ihrem ganzen Wesen ausgeplägt, und es lag solch' ein räthselhafter Hauch über ihrer Erscheinung, solch' ein Hauch von stiller Trauer und Ergebung, von heiligem Ernst und Opfermuth, daß Paul Halding den Blick nicht von ihr wenden konnte und unaufhörlich die Frage „Wer mag sie sein" in feinem Kopfe herumdrehte. Er selbst war ein junger Advokat aus Wien mit einer Ueberfülle von Praxis und in Folge dessen auch einer Ueberfülle von rebellischen Nerven, denen zuliebe er jetzt in's Oetzthal reifte. Er nahm das Leben wie die meisten Leute, denen der Erfolg lächelt, bald ernst, bald heiter, bald langweilig, und es war ja auch nur eine wohlthätige Mischung von diesem, was er zur Auffrischung seines gei­stigen und körperlichen Menschen in den Tyroler Bergen suchte.

Das war er. „Wer aber mochte sie sein?" fragte er sich und fetzte ganz ungenirt feine Muste­rung fort. Trotzdem sie nur den blaugrauen Fluchen des Inn und den ihn umsäumenden Bergen ihre Aufmerksamkeit zuwandte, schien sie seinen Blick zu fühlen, denn sie erröthete leicht und ihr Reisetäschchen öffnend, entnahm sie demselben ein abgegriffenes Büchlein und begann zu lesen.

„Ab, da ist ja schon die Martinswand," rief Paul Holding aus.

Sie schien diese Bemerkung ganz zu überhören; sie wandte wenigsten fein Ange von ihrem Buche ab.

„Sie fahren ja nur noch eine kleine Strecke weiter, da können's schon sitzen bleiben, Fräu­leinchen," sagte der Schaffner, welcher kam, um

Wir bestiegen das Schiff. Dort angelangt, fragte mich die Kaiserin: „Bin ich blaß?" „Jawohl, Majestät, das ist die Aufregung." Da sank die Kaiserin neuerlich zu­sammen und verlor das Bewußtsein. Ich und einige Damen auf dem Schiff labten die Kranke. Ich hielt das Unwohlsein für einen vorübergehenden Nervenanfall. An ein Attentat dachte ich nicht und konnte auch keine Idee davon haben. Der Vorgang auf dem Quaitrottoir hatte sich sehr rapid abgespielt. Ich sah keine Waffe in den Händen des Mannes, und als wir die Kleider der Kaiserin lösten, um ihr Luft zu schaffen, bemerkten wir keine Blutspuren. Die Kaiserin kam nochmals zu sich, erhob sich und sagte mit flaterStimme: „Was ist denn eigent ich geschehen?" Das waren ihre letzten Worte. Hierauf sank sie zurück. Leichenblässe bedeckte ihr Antlitz, sie athmete schwer, dann ging das Äthmen in ein Röcheln über. Das Schiff war abgedampft. Ich bat den Kapitän, zurückzufahren. Wir langten wieder in dem Hafen an. Die Kaiserin, voll­kommen bewußtlos, wurde in das Zimmer des Hotels gebracht, wo sie nach einigen Minuten ihren Geist auf­gab, ohne erfahren zu haben, daß sie das Opfer eines Attentates geworden sei: Auch ich erfuhr es erst, nach­dem die Kaiserin tobt und entkleidet war.

* Oerrf, 12. Sept. Die Mordwaffe ist nach langem Suchen in dem Flur eines Hauses in der Rue des Alpes durch den Hausmeister gefunden, der glaubte, ein Arbeiter habe sie beim Umzuge verloren. Aus diesem Grunde machte er keine Anzeige davon. Die Waffe ist eine dreikantige Feile mit einem plumpen walzenför­migen Holzstiel. Ihre Gesammtlänge beträgt 16,30 Ctm., die Klinge allein ist 11,30 Ctm. lang. Dieselbe zeigt nicht die geringste Blutspur. Die Spitze ist abgebrochen, wahrscheinlich infolge der Erschütterung beim Falle, als der Mörder sie fortwarf. Die Beschreibung des Mörders lautet folgendermaßen: Luccheni ist untersetzt von mittelgroßer Gestalt, sehr kräftig und ge­lenkig. Sein Gesicht ist gebräunt. Er hat einen schwarzen Schnurrbart. Nach Art der itali­enischen Arbeiter trägt er ein blaues Wollhemd und dunklen Anzug. — Mehrere Kutscher er­zählen, sie hätten in den letzten Tagen ver­dächtige Individuen in der Nähe des Hotels „Beau rivage“ gesehen. Am Freitag seien der Kaiserin drei Männer auf Schritt und Tritt ge­folgt. Vor zwei Monaten fand in Zürich in einem Kellerschanklokal eine Anarchistenver­sammlung statt, welcher auch der Mörder der österreichischen Kaiserin beiwohnte. Sieben der Versammlungslheilnehmer wurden damals be­stimmt, je eins der europäischen gekrönten Häupter umzubringen. Bei einer neuen, vor etwa acht Tagen in Zürich stattgehabten Versammlung der Anarchisten wurden die oben erwähnten sieben Mann wegen Nichtaussührung ihrer Aufträge zur Rede gestellt. Luccheni, der auch in dieser Ver­sammlung anwesend war, soll auf den ihm ge­machten Vorwurf geantwortet haben: „Ihr werdet sehen, daß ich fein Feigling bin!" Er verließ darauf Zürich und ging nach Basel, so­dann nach Genf auf die Suche nach einem Opfer, und der Zufall führte ihm ein solches in der Person der Kaiserin von Oesterreich in den Weg.

* Genf, 12. Sept. Die Polizeinote über den Mörder lautet: Luccheni, Luigi, geboren 1873 in Paris, Vater unbefannt, Mutter: Luccheni Luigia aus Borgosandonniuo, Provinz Parma; 1893 zum Deserteur erklärt, stellte er sich selber, wurde prozessirt, verurtheilt und begnadigt, dem Kavallerieregiment Monserrato Nr. 16 zugetheilt, schlechter, unbotmäßiger Soldat. 1896 ging er

das Billet zu koupiren, indem er einen fragenden Blick zu dem Herrn hinüber war. Dieser nickte, die Thür schloß sich wieder und schweigend fuhren die Beiden weiter.

Da geschah etwas Schreckliches: ein schriller, klagender Pfiff, ein Pfiff, welcher Hunderte von Herzen erstarren machte, durchschnitt die Luft.

„Fräulein, ziehen Sie die Füße auf den Sitz," rief Paul Halding aus, und gleich darauf ein furchtbarer Stoß, ein ohrenzerreißender Lärm, ein markerschütterndes Wehgeschrei, ein Gefühl, als würde der Wagen in Späne zersplittert. Kein Schrei, kein Laut selbst war den beiden entfahren.

„Leben Sie, mein Fräulein?" fragte er bann.

„Ja, aber ich bin etwas verwundet," sagte sie mit leiser, noch vor Schrecken zitternder Stimme.

Bei dem Zusammenprall war plötzliche Dun- 'elheit eingetreten, denn der Wagen war umge- allen und ein anderer hatte sich auf ihn ge- choben; da er indeß infolge einer kleinen Boden­erhöhung nicht flach auf der Erde lag, drang immerhin ein Lichtschimmer ein, der für das an die Dunkelheit gewöhnte Auge völlig ausreichte, um alle Gegenstände erkennen zu lassen. Pauls Blick suchte feine Reisegefährtin, sie saß noch in derselben Ecke, nur durch die veränderte Wagen­lage statt auf dem Sitze, auf der Seitenpolsterung und hielt ein Taschentuch gegen die Stirn ge­preßt ; Eiszapfen gleich umstarrten sie die aus der Holzbekleidung herausgeriffenen Stücke der zer­splitterten Fensterscheiben.

„Ich glaube, ich bin mit heiler Haut davon­gekommen," sprach Paul, „nur alle Knochen wie zerschlagen. Warten Sie, Fräulein, wir müssen einander helfen."

nach der Schweiz und wurde Anarchist. Er reifte' angeblich Arbeit suchend, in beständiger Unraft durch Oesterreich-Ungarn, war in Pest, Triest und wurde von den dortigen Konsuln als ge­fährlich signalisirt. Er wurde deshalb überwacht und feine Personenbeschreibung allen Polizei­direktionen mitgetheilt. — Luccheni arbeitete in Lausanne als Steinhauer. Am Samstag wurden in Lausanne mehrere Verhaftungen unter den Freunden und Bekannten Lncchenis vorgenommen; etwa 10 Individuen wurden verhaftet. Die Untersuchung wird mit größtem Eifer geführt.

* Oe«f, 12. Sept. Um 2 Uhr begann die Autopsie der Leiche der Kaiserin. Die Autopsie ergab das überraschende Resultat, daß die Waffe 8,5 Centirneler tief eingedrungen ist und das Herz ganz durchbohrt hat, so daß die Spitze auf der andern Seite des Herzens heraustrat. Es ist den Aerzten deshalb ein Räthsel, daß die Kaiserin noch 60 bis 80 Schritte bis zum Dampfer gehen konnte und sie schreiben dies der ganz be­sonderen Energie und Willenskraft der Kaiserin zu. Die Wunde ist klein und hat nur 4 Milli­meter Querschnitt.

* Wie«, 12. Sept. Hier waren gestern Vor­mittag schlimme Gerüchte über das Befinden des Kaisers Franz Joseph verbreitet. Diese sind je­doch unwahr. Die Nachrichten über die heroische Selbstbeherrschung des Kaisers beim Empfang der Schreckenskunde werden bestätigt. Später jedoch verfiel der Kaiser in einen Weinkrampf und schluchzte, indem er den Namen der Kaiserin wiederholt von Schmerz überwältigt ausrief. In der Nacht schlief der Kaiser einige Stunden, er­wachte jedoch um 2 Uhr. Arn Vormittag äußerte der Kaiser auf die Frage nach feinem Befinden: „Ich fühle mich verhältnißmäßig wohl, doch fürchte ich eine später folgende Abspannung".

_* Ilom, 12. Sept. Der Papst ist tief er­schüttert von dem Tode der Kaiserin von Oester­reich und sandte ein Beileidstelegramm an den Kaiser ab, ebenso beauftragte er den Nuntius in Wien, der österreichisch-ungarischen Regierung sein Beileid auszudrücken. In der österreichisch- ungarischen Botschaft am Vatikan sprachen die Vertreter de§ diplomatischen Korps, das Kollegium der Prälaten und zahlreiche andere Persönlich­keiten ihre Theilnahme aus.

Deutsches Deich.

Berlin, 12. September.

* Der Kaiser wohnte gestern Vormittag in Potsdam dem Gottesdienste in der Pfingstkapelle bei und empfing darauf den Prof. Dörpfeld, welcher auch zur Frühstückstafel geladen war. Zur Abendtafel war der Gesandte am päpstlichen Stuhl, v. Bülow, geladen. Heute früh begab der Kaiser sich von Potsdam nach Berlin, besuchte die auf der Durchreise nach Kopenhagen im königlichen Schlosse abgestiegenen krovprinzlich griechischen Herrschaften und gab denselben das Geleit nach dem Stettiner Bahnhof. Nachher hörte der Kaiser die Vorträge des Chefs des Civilkabinets, Wirkt. Geh. Raths Dr. v. Lucanus, sowie der Stellvertreter des Chefs des Marine- kabinets und des Staatsekretärs des Reichs­marin eamts.

Behutsam wollte er seinen ebenfalls sonderbar veränderten Platz in der entgegengesetzten Ecke verlassen, doch schon klirrte von oben herab eine in Trümmer gegangene Fensterscheibe geradenwegs auf den Kops des Mädchens nieder und dann in kleinen Scherben herunter. Ein leichtes „O!" entschlüpfte ihren Lippen.

„Armes Fräulein, schon wieder eine Attacke, während ich ganz leer ausgehe," sprach er mit­leidig.

„Es macht nichts, es ist bloß die Oberfläche der Hand," entgegnete sie, blickte jedoch voll Schrecken auf ihre Rechte, an der bereits ein dicker rother Streifen sichtbar war, und dann wie suchend um sich, ob sie nichts fände, das hervor- quillende Blut zu stillen. Zu ihren Füßen ent­deckte sie ein Stück Fenstergardine, und nachdem sie die Glassplitterchen herausgeschüttelt hatte, wickelte sie die verwundete Hand hinein.

„Aber das geht ja nicht, Fräulein," rief er entsetzt und entriß ihr den Fetzen. „Eine grüne Gardine! Es könnten gifthaltige Stoffe darin sich befinden."

Mit diesen Worten entnahm er einem kleinen Necessaire Jodoformgaze, die er als erfahrener Tourist stets bei sich zu führen pflegte, legte sie auf die verletzte Hand und verband sie mit seinem Taschentuche. Mit einer Art liebevoller Sorg­falt betrachtete er dabei dieselbe. Es war eine kleine, schöngeformte, aber kräftige Hand, keines jener zarten, weichlichen Händchen, welche er so oft zum Kuß an. seine Lippen geführt hatte, son­dern eine Hand, welche arbeiten konnte und wahr­scheinlich auch arbeiten mußte.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar," sagte sie mit