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mit Ilnterhaltungs-Meikage „Mustrirte Sonntags-Zeitungs
M 207.
JuLöcr, Montag, den 12. September 1898
25. Jahrgang.
L Die Kaiserin von Oesterreich ermordet.
Eine That, schier unbegreiflich in ihrer wüsten Rohheit, unverständlich in ihren Beweggründen, ist am letzten Samstag in Genf verübt worden: der italienische Arbeiter Luigi Luccheni hat dort die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich durch einen Stoß mit einem dreikantigen Stilett ermordet.
Freitag Nachmittag war die Kaiserin Elisabeth von Caux her über Montreux nach Genf gekommen und dort im Hotel Beaurivage abgestiegen. Freitag Abend fchon bei einem Rundgange durch die Stadt sollen ihr verdächtige Gestalten gefolgt sein. Samstag Mittag P/a Uhr verließ die Kaiserin das Hotel wieder, um den Eildampfer „Genöve" zu besteigen und mit diesem nach Montreux zurückzukehren. Sie war von einer Hofdame und einem Kammerdiener begleitet. Da plötzlich, am Quai Montblanc, stürzte sich ein Mensch auf die Kaiserin und versetzte ihr mit einem dreikantigen Stilett einen Stoß, der einen Centimeter tief unterhalb der rechten Brust eindrang. Die Kaiserin fiel nieder unter der Wucht des Stoßes. Sie erhob sich indessen wieder und schleppte sich noch bis zu dem Schiffe, wo sie dann das Bewußtsein verlor. Auf das Drängen der Personen des Gefolges gab der Kapitän das Abfahrtszeichen. Bald aber wendete das Schiff wieder und kehrte zum Landungsplätze zurück. Die Kaiserin, die das Bewußtsein nicht wieder erlangte, wurde auf einer aus Rudern und Segeln gebildeten Tragbahre nach dem Hotel Beaurivage zurückgetragen. In fliegender Hast wurden Aerzte und ein Geistlicher herbeigerufen. Dann verschied die Kaiserin 3 Uhr Nachmittags, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.
Der Mörder Luccheni hatte sich, gefolgt von einem alten Manne mit langem Barte, der Kaiserin genähert. Nach der That wollte er entfliehen. Aber zwei Droschkenkutscher, die mit1 ihren Gefährten am Dampferlandungsplatze hielten, faßten den Menschen, und ein Gensdarm brachte diesen dann mit der Hilfe eines Fährmannes zur Polizeiwache. Luccheni leistete keinen Widerstand. Er sang und äußerte unter Anderem: „Ich habe sie gut getroffen. Sie muß todt sein." Nach seinen Angaben ist Luccheni als Kind italienischer Eltern am 21. April 1873 in Paris geboren worden. In Parma hat er seiner militärischen Dienstpflicht genügt. Er hielt sich zuletzt in Lausanne auf und war nach Genf gekommen in der Absicht, den Herzog von Orleans zu tödten, der sich hier gerade aufhielt. Den Herzog verfehlte er. Aber er erfuhr, daß die Kaiserin von Oesterreich in Genf sei, und er beschloß, diese zu tödten. Er hatte dieselbe früher in Budapest gesehen und erkannte sie sofort wieder. In Lausanne hatte der Mörder, wie viele italienische Arbeiter, am Bau des neuen Postgebäudes gearbeitet.
Kaiser Franz Joseph hielt sich, als die schauerliche That begangen wurde, im Schlosse Schönbrunn bei Wien auf. Der erste Generaladjutant des Kaisers, Graf Paar, erhielt die Todesnachricht zuerst von der Hofdame der Kaiserin, der Gräfin Szapary; und ihm fiel darum dietraurige Aufgabe zu, dem Kaiser die
Treu bis m den Tob.
(Schluß.)
Einige Tage später öffnete sich die Gefängniß- thür des Verhafteten, und es trat ein der Hilfsorganist und Staatsschullehrer aus dem Orte des Geistlichen. Verwundert blickte der Geistliche auf. Warum kant dieser Mann zu ihm'? Der russische Oberbeamte hatte dem Pfarrer zuleide denselben in Oratow angestellt, um ersteren möglichst zu plagen, und das hatte auch der Hilfsorganist ge- than. Auf alle erdenklichste Art hetzte er gegen den treuen Geistlichen und suchte ihn bei der russischen Regierung anzuschwärzen. Nun aber kam er ganz gebeugt herein und warf sich weinend zu den Füßen des Pfarrers nieder. „Hochwürden/ rief er, die Hände ringend, „o helfen Sie mir Ruhe finden — hören Sie meine Beichte an." —
Eine halbe Stunde — dreiviertel Stunde dauert es, bis der Kerker sich öffnete. Bleich und verstört trat der Organist heraus und ging rasch von dannen. Draußen vor dem Gesängniß aber schaute er nochmals mit triumphirend höhnischem Blicke hinauf zu dem vergitterten Fenster und murmelte: „Jetzt ist ihm der Mund geschloffen — nun bin ich sicher."
Der Pfarrer aber kniete in seiner Zelle. Er hatte sein Angesicht in den Händen begraben und betete und stöhnte abwechselnd.
„Nicht mein Wille, sondern der deine," murmelte er, „gib Gnade Herr, zu dem, was du befiehlst, und leg mir auf, was du willst."--
Sechs Wochen später fand die Verhandlung statt. Der Pfarrer weigerte sich, zu sagen, wo
Schreckensbotschaft zu überbringen. „Mir bleibt doch nichts erspart auf dieser Welt" — das sollen die einzigen Worte gewesen sein, die der Kaiser hervorbrachte. Dann versank er in dumpfes Schweigen. In Wien wurde die Trauerkunde erst spät am Abend des Samstag bekannt. Dann aber zogen dichte Menschen- schaaren nach dem Platze vor der Hofburg, in der Hoffnung, der Kaiser werde von Schönbrunn herein nach der Hofburg kommen. Der Kaiser kam nicht, sondern blieb in Schönbrunn. Aber erst nach langer Zeit zerstreuten sich die Menschenmassen wieder.
Am 4. Mai 1854 hielt die noch nicht ganz siebzehn Jahre alte Prinzessin Elisabeth, Tochter des Herzogs Maximilian in Bayern, *) Hochzeit mit dem damals 24 Jahre alten Kaiser Franz Joseph. Sie, die „schönste Prinzessin von Europa", gewann damals im Sturm die leicht entzündlichen Herzen der Wiener. Mit vier Kindern war die Ehe gesegnet: Erzherzogin Sofie, im zarten Kindesalter gestorben; Erzherzogin Gisela, jetzt Prinzessin Leopold von Bayern; Erzherzog und Kronprinz Rudolf, in der Unglücksnacht vom 30. Januar 1889 aus dem Leben gefchieden; Erzherzogin Marie Valerie, vermählt mit dem Erzherzog Franz Salvator von Oesterreich. Eine Schwester der Kaiserin war die Herzogin von Alenxon, im Mai vorigen Jahres ebenso jäh aus dem Leben gerissen, als Opfer der gräßlichen Brandkatastrophe des Wohlthätigkeits - Bazars in den Champs Elysöes in Paris. Ein Bruder der Ermordeten ist der als Augenarzt bekannte Herzog Karl Theodor in Bayern, das Haupt der herzoglichen Linie.
Für Kaiser Franz Joseph gestaltet sich die Schreckensthat besonders tragisch. Oesterreich- Ungarn rüstet sich, um das 50jährige Regierungs- Jubiläum seines Herrschers zu begehen — da trifft der Mordstahl des Meuchelmörders die langjährige Lebensgefährtin! Schwer geprüft im Leben, mußte die Kaiserin Elisabeth auch noch in dieser schrecklichen Weise aus dem Leben scheiden.
Welche Beweggründe trieben den Luccheni zu seiner That? Man kann es kaum glauben, daß es nur der Anarchismus gewesen sei. Denn warum sollte gerade diese Fürstin das Opfer werden, die schon lange von allen politischen Dingen sich zurückgezogen hatte und ihr Leben nur noch ausfüllte mit Handlungen der Menschenliebe und der Barmherzigkeit? Wäre es so, dann müßte die gesittete Welt mit vielfachem Abscheu von dem Anarchismus sich abwenden, der zu so unbeschreiblich rohen und niedrigen Schandthaten führt. Aber fast möchte man annehmen, daß in Luccheni zum Anarchismus sich Wahnsinn gesellte — so wüst und grauenvoll ist seine That!
*) Ihre Mutter war eine Schwester des Königs Ludwig I. von Bayern, des Großvaters des jetzigen Königs von Bayern.
.........===== O Ium diesjährigen praktisch-softaleu Kursus de»
VolKsvereius für das Katholische Deutschland
?u Straßburg i. E.
Der diesjährige praktisch-soziale Kursus wird in den Tagen vom 9.—15. Oktober ds. Js. zu Straßburg i. E. abgehalten werden.
er während der verhängnißvollen Zeit gewesen, und ebenso, ob er Niemand in Verdacht hätte. Er betheuerte einzig seine Unschuld; aber umsonst. Alles sprach ja für seine Schuld; das Gericht erkannte nach kurzer Berathung den Pfarrer Ko- bylowitsch von Oratow als schuldig des Mordes und verurtheilte ihn zu lebenslänglicher schwerer Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken.
„Gottes Wille geschehe," war das letzte Wort des Geistlichen, „nach dem Elend und Jammer dieser Erde kommt bald die Seligkeit, welche den Lohn und die Rechtfertigung mir bringen wird. Bis dahin harre ich mit Gottes Hilfe aus in Schmach und Pein."
Nicht lange dauerte es, nachdem er ins Ge- fängniß zurückgebracht war, da trat der Dekan herein, befahl dem Pfarrer, sich zu erheben, und las ihm den Erlaß seines Bischofs Borowsky aus Zytowierz vor, in welchem dieser über den des Mordes überwiesenen Priester die große Exkommunikation aussprach und ihn aus dem Geistlichenstande degradirte.
„Ich küsse die Hand meines Bischofs," sprach der Ausgestoßene, mühsam nach Fassung ringend — „er weiß nicht — er weiß nicht, Gott wird mich —"
Der Arme brach zusammen und stürzte ohnmächtig auf den Boden. — Daß fein Mütterchen gestorben war, vernahm er mit Ruhe: „Jetzt weiß sie schon, daß und warum ich unschuldig bin!"
Einige Wochen später trat ein Zug Sträflinge, zwei und zwei zusammengeschloffen, zu Fuß den Weg nach Sibirien an. Es mochten ihrer 100 fein. Unter ihnen war der einstige Pfarrer
Mit freudiger Erregung hat die katholische Bevölkerung Straßburgs diese Nachricht begrüßt. Männer aus allen Schichten der Bürgerschaft sind eifrig bemüht, den Theilnehmern an der überaus wichtigen und zeitgemäßen Veranstaltung eine würdige Aufnahme zu bereiten.
Es gilt für uns, mitzuwirken an einem Werk, das alle brennenden sozialen Fragen der Gegenwart umfaßt und ihre Lösung als erste und vornehmste Aufgabe erstrebt. Jeder praktisch-soziale Kursus soll einen Schritt weiter führen zum sozialen Frieden. Die Hauptfragen des gesell- fchaftlichen Lebens sollen hier behandelt werden; die christliche Weltanschauung und die Grundsätze der christlichen Gesellschaftslehre sollen durch volksmäßige Darstellung immer weiter Verbreitung finden, und die praktischen Erfahrungen, welche bei den Bestrebungen, die soziale Noth zu heben, gewonnen worden sind, sollen in alle Schichten der Bevölkerung getragen werden. So wird der Eifer und der Wille zur Mitarbeit an dem großen Werk der Erneuerung und Befferung der Gesellschaft angefacht, und es wird zugleich das Ver- ständniß für die einschlägigen Fragen und für die Möglichkeit ihrer praktischen Durchführung, welche ja das Haupt- und Endziel der Bestrebungen des Kursus ist, gefördert werden.
Möge sich daher der diesjährige Kursus eines zahlreichen Besuches aus allen Gauen Deutschlands erfreuen, entsprechend der großen und ernsten Aufgabe, die ihm gestellt ist.
Die Katholiken Straßburgs, als Vertreter des katholischen Reichslandes Elsaß-Lothringen, werden alles aufbieten, um allen Gästen aus Nah und Fern den Aufenthalt im alten Argentoratum so angenehm wie möglich zu gestalten.
An die Katholiken Deutschlands, insbesondere an die Katholiken des industriereichen Elsaß- Lothringen und der gewerbfleißigen deutschen Nachbarstaaten, ergeht daher unser Ruf: „Auf nach Straßburg, zum praktisch-sozialen Kursus!"
Anmeldungen und Bestellungen von Wohnungen, welche die genaueren besonderen Wünsche (Privat-, Hotel-, Frei-Wohnung) und die Dauer des Aufenthaltes enthalten mögen, und sonstige Anfragen wolle man gefl. an den Schriftführer des vorbereitenden Komitees richten: Rechtsanwalt Dr. Zenner, St. Leostraße, Straßburg i. E.
Gesuche um Stipendien sind an die Centralstelle des Volksvereins in M.- Gladbach zu richten.
Deutsches Deich.
Berlin, 10. September.
* Neueren Nachrichten zufolge wird das kaiserliche Paar mit einem Gefolge von 60 Personen am 15. November in K,airo ein» treffen. Die Fahrt auf dem Nil soll bis Luxor und Assuan ausgedehnt werden. Der Besuch in Egypten soll nur kurze Zeit dauern. Dennoch trifft der Khediv die großartigsten Vorbereitungen dazu. Allein für die Anschaffung von Pferden und Wagen sind 18000 Pfund aufgewendet worden.
* Der Kaiser hat die junge Königin Wilhelmine von den Niederlanden zum Chef des
von Oratow. Noch einmal von der letzten Höhe schaut er zurück zu seinem Dorfe; ein Stoß mit dem Lanzenschaft von feiten eines Kosaken trieb ihn weiter.
* * ♦
Zwanzig Jahre sind dahin.
Im Pfarrdorfe Oratow waltet längst ein anderer Pfarrer. Der Organist war noch im Orte, aber er schlich krank und unftät umher. Seine Frau, die Nichte des verurtheilteu Pfarrers und Witwe des ermordeten Pietrow, die er bald nach dessen Tod geheirathet hatte, kniete oft stundenlang in der Kirche, betend und weinend.
Und drüben in der benachbarten Stadt, im Hause jenes Beamten, dessen Töchterlein der längst von allen vergessene Pfarrer Kobylowitsch in stiller Nacht getauft hatte, ging's unheimlich zu. Aus einem verschlossenen Zimmer ertönten oft Klagelaute und furchtbare Weherufe, dazwifchen hörte man ein wahnsinniges Weib von einer Taufe, dem katholischen Geistlichen, dem orthodoxen Papste erzählen in abgebrochenen Sätzen.
„Die arme, arme Mama," seufzte dann eine blaffe, unschuldige Jungfrau im blühendsten Alter — der einstige Täufling; und sie fügte an: „Nicht wahr, Papa, wenn vollends Johanna g.ößer ist, dann darf ich ins Kloster? Ich will dem lieben Gott mein Leben schenken, daß die Mama wieder gesund und Du wieder froh wirst."
Und der greife Beamte hatte traurig ja dazu gesagt. Ach, er wußte ja zu gut, daß er durch sein feiges Schweigen den Pfarrer ins Unglück
Hannoverschen Husarenregiments Nr. 15 ernannt. Die Kaiserliche Ordre lautet:
Ich habe Ihre Majestät die Königin der Niederlande zum Chef des Hannoverschen Husarenregiments Nr. 15 ernannt und bestimme zugleich, daß das Regiment fortan den Namen „Husarenregiment Königin Wrlhelmina der Niederlande (Hannoversches) Nr. 15" zu führen hat und auf den Achselstücken bezw. Achselschnüren und Achselklappen, Allerhöchst deren Namenszug nach den mir vorgeleKen Proben tragen soll. Das Kriegsministerium hat hiernach die weitere Bekanntmachung zu veranlassen.
Neues Palais, den 31. August 1898.
Wilhelm.
* Der Generaloberst der Kavallerie, Irei- herr von Doö, Generaladjutant des Kaisers, beging am Freitag den 9. d. M., seinen siebzig- stenGeburtstag. Erhat eine glänzende militärische Laufbahn hinter sich, die am 28. April 1897 den Abschluß erreichte, als er von dem Posten als Oberbefehlshaber in den Marken und Gouverneur von Berlin zurücktrat und sich zur Disposition stellen ließ. Wir wünschen dem schneidigen General, der in allen Lebenslagen ein Vorbild treuester Pflichterfüllung und musterhafter Religiösität war, einen frohen Lebensabend.
* Die Bäckermeister Deutschlands beabsichtigen zur Avmetzr von Streiks einen zwei Millionenfonds zu schaffen. Die Obermeister sämmtlicher Bäckerinnungen sollen demnächst zu einer Konferenz zusammengerufen werden, um über die Bildung des großen Streik-Abwehrfonds zu berathen. — Für die durch den Brodboykott geschädigten Hamburg-Altonaer Bäckermeister sind von 25 Innungen über 6000 Mark eingegangen. Der Centralverband hofft 50000 Mark nach Abschluß der Sammlungen nach Hamburg senden zu können.
* Die Sachverständigenkonferenz, die zur Prüfung der kaiserlichen Verordnung über den Derkehr mit Arzneimittek« einberufen worden war, ist nach zweitägigen Berathungen am Freitag geschloffen worden. Sie hatte darüber zu berathen, inwieweit es einem wirklichen Bedürsniß des Droguistengewerbes entspreche und mit den wirthschaftlichen Rücksichten auf den Apothekerstand vereinbar ist, die Zahl der vorn freien Verkehr ausgeschlossenen Arzneimittel einzuschränken, und wie weit die Klagen der Droguisten über ihre gegenwärtige Rechtsunsicherheit begründet sind.
X Recht wenig Sympathie dürfte sich der preußische Minister des Innern von der Recke in weiteren Volkskreisen durch ein Rundschreiben erwerben, daß er an die Magistrate der preußischen Städte hat ergehen lassen. In dem Rundschreiben verlangt der Minister, daß mehr Pokizei angeschafft werde; denn — so besagt das Rundschreiben — es „gibt Städte mit eigener Polizei, in denen auf 2000 Einwohner nur ein Beamter kommt, während ein solcher mindestens auf 1200 bis 1400 Einwohner entfallen müßte. Besonders Städte mit zahlreicher industrieller Bevölkerung, wo häufiger Arbeitermassen sich sammeln, die zu Ausschreitungen hinneigen, und wo die Agitation unlauterer Elemente platzgreist, haben eine Vermehrung der Polizei anzustreben ..." Wer wundert sich noch darüber, wenn der Staat Preußen immer mehr in den Geruch eines Poli- zeistaates im unangenehmsten Sinne des Wortes geräth? Die städtischen Behörden wissen doch wahrhaftig doch selbst ganz genau, wie viel Polizei
gebracht und daß seine Frau darob den Verstand verloren hatte.
Es war spät am Abend, da stand der neue Pfarrer von Oratow am Sterbebette des Organisten und Staatslehrers, nachdem er ihn mit den heil. Sterbesakramenten versehen hatte. Er öffnete die Thüre und lud die schon harrenden Gemeindeältesten und Beamten ein, herzutreten und zu vernehmen, was der Sterbende ihnen sage. Und der bekannte nun alles: daß er den Bauern P.etrow erschossen, um dessen Witwe heirathen zu können, daß er den Verdacht auf den Pfarrer gelenkt, und endlich, daß er dem Pfarrer den Mord gebeichtet habe. — „Ich wußte, daß der Geistliche lieber als Verbrecher stirbt, als das Beichtsiegel verletzt," fügte er bei; „ich habe mich nicht getäuscht, Gott fei mir gnädig." Bald darauf starb er.
Sofort wurde das Urtheil gegen den Märtyrer aufgehoben und dessen Freilassung verfügt. Als nach Wochen endlich das Schreiben nach Sibirien kam, da zuckte der dortige Oberbeamte die Achseln: „Zu spät," sprach er, „der Mann ist seit vier Jahren tot, gestorben in den Bergwerken. Schade — er war so still und hat immer gebetet."
Der Himmel war um einen Märtyrer reicher, die Kirche um ein glorreiches Zeugniß zu Ehren des heiligen und segensreichen Bußsakramentes.
Die erzählte Begebenheit fammt den angegebenen Namen ist, soviel ermittelt werden konnte, vollständig der Wahrheit nach roiebergegebeu.
Gottes heilige Kirche ist groß in ihren Be- kennern!