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KuUmerMZeitung

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t»r Jnfwatf51. Parzeller in Lnlda. mit Ilnlerhattungs-Meitage „Muflrirte Sonntags-Zeitung"

JK 206.

A Koalitionsfreiheit der Arbeiter.

Von Anfang an sind an dieser Stelle Zweifel daran ausgesprochen worden, ob denn durch das offiziöse Wolff'sche Telegraphenbureau ganz wortgetreu über den Trinkspruch des Kaisers berichtet worden ist, in dem der Monarch in Bad Oeynhausen einen Gesetzentwurf an­kündigte mit scharfen Strafen gegen diejenigen, die Arbeiter von der Arbeit weglocken und zum Streik anreizen wollen. Diese Zweifel scheinen nicht ganz ohne Berechtigung gewesen zu sein. Denn jetzt erscheint die .Kölnische Zeitung' mit einer ganz augenscheinlich von Berlin aus beein­flußten Aeußerung auf dem Plane, die in dem­selben Sinne abgefaßt ist. Es sei — so wird ausgeführt — darauf hinzuweisen, daß es der offiziösen telegraphischen Berichterstattung nicht immer gelungen sei, die Kaiserreden in tadelloser Weise wiederzugeben. Der Kaiser „habe in dem Wunsche und in der Noth- wendigkeit, bei dem Trinkspruche (in Oeynhausen) die kürzeste Fassung zu wählen, den Gedanken der zukünftigen Gesetzgebung in scharf poin- tirter Weise zum Ausdrucke gebracht ....*' Es sei „dringend zu wünschen, daß der Regie­rungs-Entwurf baldigst veröffentlicht werde".

Dieser letztere Wunsch wird jedenfalls im ganzen Reiche getheilt werden. Wenn er erfüllt wird, dann wird man ja sehen, in welchem Sinne es dem Telegraphen-Bureau in diesem Falle nicht gelungen ist, die Worte des Kaisers in tadelloser Weise wiederzugeben. Aber ob nachher die Dinge wesentlich besser stehen werden für die Annahme der Regierungs-Vorlage im Reichstage, darf man wohl schon im voraus bezweifeln. Bemerkens­werth ist es auf alle Fälle, daß auch in der ,Kölnischen Zeitung' angesichts der Worte des Monarchen Zweifel erhoben werden an der Richtigkeit der Berichterstattung.

X Inzwischen hat die sozialdemokratische Presse bereits angefangen damit, die Ankündi­gung eines so scharfen Gesetzentwurfes für die Agitationszwecke ihrer Partei auszu­beuten. „Ein neuer heißer Kampf (um das Koalitionsrecht)" — so ruft der ,Vorwärts' theatralisch aus — ist der deutschen Arbeiterklasse aufgedrängt worden. Es gilt, das schon oft be­drohte Recht der Koalition gegen Unternehmer- übermuth und Regierungsgewalt zu schützen. Wir nehmen den Kampf an, im Vertrauen, daß das gute Recht auf unserer Seite ist und in der sicheren Zuversicht, daß es gelingen wird, die kulturwidrigen Pläne einer unterdrückungswüthigen Unternehmerklasse zu vereiteln . . ." Mit einem Worte, die ganze Sache ist Wasser auf die Mühle der Herren Genossen; und es ist nur ein Glück, daß die Wahlen zum Reichstage dieser Ankündigung vorangegangen sind. Sonst, im umgekehrten Falle, hätten die Befürchtungen der Regierungskreise wahr werden können, daß nämlich im neuen Reichstage das Hundert der

Tre« vis in den Tod.

Es mögen jetzt etwa 35 Jahre sein, da ging der katholische Pfarrer Koblylowitz von Oratow, einer kleinen Gemeinde in der Nähe der großen russischen Stadt Kiew, spät abends rasch zum Hause hinaus; den Manlel hatte er um sich ge­schlagen und außerdem durch Kopsbedeckung und Kragen sein Gesicht fast unkenntlich gemacht.

„Hochwürden gehen noch aus," bemerkte die alte Haushälterin, „wohin wohl? — damit ich Auskunft geben kann, wenn jemand fragen sollte."

„Ich komme bald zurück." erwiderte der noch ziemlich junge Geistliche etwas aufgeregt und unruhig; „Du brauchst niemand wiffen zu lassen, daß ich fortgegangen bin."

Damit wandte er sich zur Thüre.

„Hochwürden, ich wollte noch bemerken, daß -v)9r Gewehr nicht an seinem Platze ist — ich finde es nirgends!" — rief die ängstliche Frau dem Pfarrer nach.

„Ach was, das Gewehr — das wird sich fchon finden," sagte er hastig, und damit ver­schwand er in dem Dunkel der Nacht.

Die Haushälterin wandte sich einem hinteren Stüblein zu; hier lag das Mütterchen des Pfarrers im Bette, gebrechlich und alt. „Ach, wie bang ist mir," seufzte diese, „ich meine, es müsse etwas Besonders über mich kommen."

„Und Hochwürden waren so sonderbar heute, ich kann es nicht begreifen," fügte die Haus­hälterin bei; es muß ein besonderer Gang sein, den er zu machen hat."

„Es wird wohl wiederum eine arme Seele sein, inmitten der russischen Schismatiker der er

IuLöa, Samstag, den 10. September 1898

25. Jahrgang.

sozialdemokratischen Abgeordneten voll würde. „Welch eine Politik!" — so ruft 'gerade ent­gegengesetzt das Stöcker'sche,Volk' aus. — „In dem Augenblicke, wo zum ersten Mal Verwirrung und Spaltung in den Reihen der Sozialdem»- kratie sich gezeigt hat, schweißt man sofort die ent­standenen Riffe durch wuchtige Hammerschläge wieder zur alten Einheit zusammen!"

Daß auch der konservative Berliner.Reichs­bote' recht lebhafte Zweifel darüber äußerte, daß die Regierung mit dem angekündigten Gesetzent­würfe auf dem rechten Wege sei, ist bereits be­richtet worden. Die konservative Parteipresse hüllt sich in Schweigen, und zustimmend haben sich lediglich nur diejenigen wenigen Presse-Organe geäußert, die in ganz ausge­sprochener Weise die Interessen der Unter­nehmerschaft vertreten; so die Berliner ,Post' des Herrn Freiherrn v. Stumm und einige Organe, die unmittelbar im Dienste und Solde des Centralverbandes der Industriellen stehen. Auch die Presse des Bundes derLandwirthe, voran die.Deutsche Tageszeitung', ist der An­sicht, daß die Aeußerung des Kaisers sich „nur auf Gewaltthätigkeiten beziehen könne, durch die die Theilnahme am Streik erzwungen oder jemand an der Arbeit gehindert wird. Eine so harte Bestrafung eines bloßen Versuches oder einer nur wörtlichen Aufforderung zur Streik- Theilnahme sei wohl nicht zu erwarten."

Mit der Beschränkung des Koalitionsrechtes der Arbeiter ist es dasselbe wie mit einem Aus­nahme-Gesetze gegen die Sozialdemokratie. Alle Aenderung in dem Sinne der Beschränkung der gegenwärtigen Rechte kann nur Erbitterung und weitere Unzufriedenheit erzeugen. Alle folche Aenderung würde die beste Agitation für die Zwecke der Sozialdemokratie sein und damit gleichzeitig ein Schritt weiter in der Annäherung zur sozialen Revo­lution.

Deutsches gtetdj.

Berlin, 9. September.

+ Während seines Aufenthaltes in Westfalen ist der Kaiser bei den vielen dort veranstalteten Empfängen oft in die Lage gekommen, Ansprachen zu halten. So ist auch eine Abordnung des westfälisch en Bauern Vereins unter Führung seines Vorsitzenden, des Freiherrn v. Landsberg- Velen, empfangen und durch eine huldvolle An­sprache ausgezeichnet worden. „Ich werde — so sprach sich unter anderem der Kaiser nach mehr- sach übereinstimmenden Berichten aus — getreu dem Vorbilde meiner Vorfahren, dem Bauern­stände stets meinen besonderen Schutz und mein besonderes Wohlwollen angedeihen lassen. Wenn ich trotz großen Widerstandes und nach großen Kämpfen das Gesetz über das An- erbenrecht in Westfalen durchgesetzt habe, so habe ich das gethan einerseits in dem Bewußtsein der Richtigkeit der Gründe, die Sie soeben angeführt haben, anderseits auch in der Hoffnung, daß dasselbe vorbildlich sein wird für andere Provinzen, wo ein Bauernstand mit ähnlichen Grundsätzen vorhanden ist... . Durch solche ernste Arbeit wird mehr erreicht als durch ssasBBRSBsisaBia insgeheim beistehen muß," tröstete die Mutter; „Du weißt ja, wie schrecklich die russischen Be­amten uns Katholiken verfolgen; wir wollen, wenn Du mit Deinen Arbeiten fertig bist, den schmerz­haften Rosenkranz für meinen Sohn beten."

Der Pfarrer schritt unterdessen weiter und weiter dem Walde zu. Dort harrte ein Fuhrwerk an verborgener Stelle. Rasch stieg er ein, und fort ging's durch die Nacht. In der Nähe einer ansehnlichen Ortschaft wurde nach zweistündiger Fahrt Halt gemacht; der Pfarrer stieg aus und wandte sich einem großen Hause zu. Hier sehen wir eine rührende Szene. Im hellbeleuchteten Zimmer, deffen Fenster aber sorgfältig verhängt und verschlossen sind, findet die Taufe eines Kindes statt. Der Vater und die Geschwister des Neu- gebornen knieen ringsum in Andacht, leise und rasch vollzieht der Priester die hl. Handlung. Dann spendet er der Wöchnerin die Aussegnung und wendet sich zum Gehen. „Tausendfaches Ver- gelt's Gott! Hochwürden," flüsterte der Mann — offenbar ein höherer russischer Beamter — dem Scheidenden zu: „Sie haben uns einen unschätz­baren Dienst geleistet."

„Wenw man mich nur nicht gewahr wird," erwiderte der Priester.

„Es geschieht nicht. Mein Iwan ist ver­schwiegen, und die Nacht ist dunkel. Aber Sie, Hochwürden, flehe ich an: verrathen Sie mich nicht. Sie wiffen, ich käme um Amt und Brot und würde fürchterlich gestraft, wenn die Regierung erfahren würde, daß ich katholisch bin. Ich bitte, schweigen Sie und denken Sie an meine sechs Kinder!"

„Ich brauche es Ihnen nicht erst zu ver-

Phrasen und hohle Reden, mit denen man den Interessen der Landwirthschast zu dienen sucht.."

X In einer amtlich beeinflußten Mittheilung der oberofstziösen ,Nordd. Allgem. Ztg.' wird ge­sagt, daß der viel besprochene Krtaß des Staats- fekrelärs Grafen v.Sosadorvsky vom II. De­zember 1897 auf die Rede zurückzuführen fei, die der Kaiser am 18. Juni desselben Jahres auf dem Sparenberge bei Bielefeld gehalten habe. In jenem Erlasse wurden bekanntlich Erhebungen angeordnet darüber, in welcher Weise sein wirk­samerer Schutz der Arbeiter gegen den Terroris­mus der sozialdemokratischen Partei erreicht wer­den könnte. „Nunmehr", so wird weiter gesagt, „habe Se. Majestät in seiner zu Oeynhausen gehaltenen Rede dem bereits in Bielefeld aus­gesprochenen Gedanken erneuten Ausdruck ge­geben . . . ." Der Offiziosus schließt mit der Bemerkung: „lieber den Inhalt des Gesetz­entwurfes läßt sich vernünftiger Weise erst reden, wenn derselbe bekannt geworden ist." Bis­her waren wir wirklich der Ansicht, daß Worte des Monarchen für vernünftige Leute durchaus eine gute und zuverlässige Grundlage abgeben müßten für politische Auseinandersetzungen. Nun­mehr aber kann nur fortgesetzt der dringende Wunsch nach beschleunigter Bekanntgabe des Inhaltes dieses Gesetzentwurfes wiederholt werden. Um so mehr liegt die Verwirklichung dieses Wunsches im Interesse der Regie­rung, wenn nach deren Ansicht erst nachher eine „vernünftige" Auseinandersetzung darüber möglich ist. Nach einer Mittheilung, welche die Berliner ,Nationalzeitung' „aus einem der größeren Bundes st aaten" erhält, haben dort die Aeuße- rungen des Kaisers sehr überrascht. Man glaubte nicht, daß die Sache so weit gediehen sei.

x Daß die Nationalliberalen einen Pro­gramm-Aufruf für die preußischen Landtags- wahken vorbereiten, ist vor einigen Tagen an dieser Stelle berichtet worden. Nunmehr wird bekannt, daß die Konservativen dasselbe be­absichtigen. Am Ende des Monats September oder zu Anfang des Monats Oktober wird nach einer Mittheilung der,Kreuzztg.' über einen solchen Wahlaufruf berathen werden. Vorher will man die Ergebniffe der angekündigten nationalliberalen Partei-Konferenz abwarten. Gestern haben wir berichtet, daß die Wahlmänner-Wahlen für die zweite Hälfte des Monats Oktober in Aus­sicht genommen sind. Somit wird es nun für alle Zeit, sich für die bevorstehenden Wahlen zu rüsten, und namentlich wird auch das Cent rum mit seinen Wahlvorbereitungen nicht im Rück­stände bleiben dürfen. Die Arbeit dafür ist ja schwieriger, als bei den Reichstagswahlen und erfordert deswegen ganz besondere Auf­merksamkeit und Umsicht. Der Wahlauf­ruf der Nationalliberalen wird jedenfalls für die Beurtheilung der Sachlage interessant sein, aber für die Konservativen weit mehr, als für das Centrum. Daß die Konservativen und Frei­konservativen eine Mehrheit für sich int Abgeordnetenhause bekommen, kann kein Centrumsmann wünschen.

+ Em amtliches Organ, die ,Berl. Korresp.' macht darauf aufmerksam, daß das Oberlandes­

sprechen," erwiderte der Geistliche, „es versteht sich ja von selbst, daß ich schweige, schweige unter allen Umständen; darauf gebe ich Ihnen mein priesterliches Wort."

Eine Viertelstunde später sauste das Fuhrwerk wieder dahin durch die Nacht. Dem Priester ist's eigen ums Herz. Warum mahnt's ihn immer so ängstlich zum Beten? Warum sagt's ihm immer wieder: „Bete, damit Du Überwinden kannst?" Warum sieht er immer wieder den Heiland so blutig vor sich unter der Kreuzeslast und hört ihn sagen: „Wenn Du mein Jünger sein willst, so verleugne Dich selbst, verleugne Dich bis zur Kreuzesarmuth und Verlassenheit, gib alles dahin für mich: ich will dann Dein überaus großer Lohn sein." Warum so?

Und fester umfaßt der Pfarrer feinen Rosen­kranz und betet. Am Waldsaum hält der Schlitten wieder; er steigt aus, Iwan grüßt und kehrt um, der Pfarrer schreitet verstohlen dem Dorfe und betritt unbemerkt sein Haus. Aber da kommt ihm schon die Haushälterin entgegen, die Augen voll Thränen, und ruft: „O, Herr Pfarrer, wie lange wartet man schon auf Sie! Man hat den Oekonomen Pietrow erschossen gefunden —"

„Meinen Vetter?" rief der Pfarrer erschrocken aus., »y

„Ja, den Mann Ihrer Nichte," bestätigte die Haushälterin; „er ist ermordet worden. Man wollte es Ihnen anzeigen, der Hilfsorganist ist wohl ein Halbdutzend Mal dagewesen sammt einigen Begleitern, und ich habe ihm feierlich versichern müsfen, daß der Herr Pfarrer nicht anwesend sei."

„Hat Pietrow noch eine Zeit lang gelebt ?“ „Nein, er war tobt, als man ihn fand."

gericht zu Hamm vor einiger Zeit die Frage be­jaht hat, ob Kriegervereine das Recht haben, solche Mitglieder auszuschließen, die sich die För­derung sozialdemokratischer Bestre­bungen angedeihen lassen. An der Berechtigung dazu ist im Allgemeinen wenig gezweifelt worden. Fehlte diese Berechtigung, dann würden ja sicher­lich sehr viele der ausgeschlossenen Mitglieder eine Zurücknahme dieses Ausschlusses auf dem Rechts­wege erftritten haben. Darum handelt es sich also weniger. Die Hauptfrage ist die, ob es denn klug und taktisch richtig ist, in allen Fällen gegen solche Mitglieder mit drakonischer Strenge vorzugehen. Denn man darf als sicher annehmen, daß dadurch viele Leute, die bisher nur ab und zu ein wenig mit der Sozialdemo­kratie liebäugelten, erst zu eigentlichen Sozial­demokraten gemacht werden. Versöhnliche Be­handlung hätte sie vielleicht wieder zurückgeführt. Die — in vielen Fällen noch dazu übereilte — Strenge erbittert die Leute und macht sie nun erst wirklich zu dem, was sie vorher noch nicht waren: zu eingefleischten Sozialdemokraten, denen durch die Strenge der Behandlung noch dazu fo etwas wie ein Martyrerschein verliehen wurde. Durch den Hinweis auf den Spruch des Ober­landesgerichts zu Hamm wird also nichts entkräftet von den vielen Einwürfen gegen die Aus­schließungs-Handhabung der Kriegervereine.

+ Den neulich verbreiteten aöentenerkichere Gerüchte« folgen nunmehr die unvermeidlichen amtlichen und halbamtlichen Berichtigungen. So läßt sich die ,Nordd. Allgem. Ztg.' hochoffiziös vernehmen wie folgt: „Von Belgrad aus war kürzlich (durch die ,Frankf. Ztg.'! Red.) die Mit­theilung verbreitet worden, der Kaiser habe in Petersburg die Einverleibung Bosniens und der Herzegowina in die österreichisch-ungarische Staatsmonarchie anregen lassen. In mehreren deutschen Blättern ist dieser Meldung bereits widersprochen worden. Wir sind ermächtigt, sie für vollkommen erfunden zu erklären."

* Vor Kurzem wurde in der Presse erklärt, der erste Vorsitzende des Mundes der LXvd- rvirthe, Freiherr v. Wangenheim, be­zahle keine Staatssteuern. Jetzt wird von der ,Pomm. Reichspost' zugegeben, daß Herr von Wangenheim keine Einkommensteuer bezahlt. Das eiugeweihte Blatt bezeichnet nur die Nach­richt, daß der erste Vorsitzende des Bundes keine Staatssteuern bezahle, als Unwahrheit und fügt hinzu: Er zahlt wohl Staatssteuern (Ergänzungs­steuer), nur keine Einkommensteuer, weil er aus seinem Gute (Klein Spiegel) nichts herauszuwirth- schaften vermochte. Die Kosten des Extra- zuges zur Hochzeit seiner Tochter habe nicht Herr v. Wangenheim bezahlt, sondern die Hoch­zeitsgäste hätten den Betrag aufgebracht. Herr von Wangenheim habe nur die Garantie dafür übernommen, daß mindestens 50 Mark von seinen Hochzeitsgästen an Fahrgeld aufkämen. Die Hoch­zeitsgäste zahlten aber in Wirklichkeit nur 46,60 M., so daß Herr v. Wangenheim für den Extrazug 1,40 Mk. Zuschuß leisten mußte. Dieser Zuschuß sei nur erforderlich gewesen, weil fast alle Gäste — sogar ein lebendiger Minister — wegen Mangels an Abtheilen zweiter Klasse die dritte Klasse benutzten.

„In Gottes Namen! Nun laßt mich allein."

Damit schritt der Pfarrer die Treppe hinauf. Es war ein Uhr Nachts. Wenige Minuten nach­her schlief er fest.

Als er wieder erwachte — es war kaum eine Stunde nachher —, stand ein russischer Polizei­beamter sammt ein paar Kosaken vor dem Lager des Geistlichen.

„Sie sind verhaftet," sagte der erstere, „stehen Sie sofort auf."

Zum Untersuchungsrichter gebracht, erhielt der entsetzte Geistliche die Kunde, er sei wegen Verdachts des Mordes an dem unglücklichen Bauern verhaftet. Das Doppelgewehr des Geist­lichen war, vom Pulverdampf geschwärzt, in der Sakristei gefunden worden, die tödtliche Kugel war aus dem Gewehr gekommen, der Pfarrer hatte dies selbst nicht leugnen können.

Wie ist das Gewehr in die Kirche gekommen? — Wie kam es aus ihrem Zimmer? — Wer hat es roeggenommen ? — Wer abgeschoffen? — Auf alle diese Fragen hatte der Pfarrer nur die Antwort: Ich weiß es nicht. Aber diese Antwort gilt eben bei Gericht nicht viel.

Ob der Herr Pfarrer einen Verdacht auf jemand habe, der den Bauern getöbtet haben könnte, wurde weiter gefragt.

Der Pfarrer fragte entgegen: „Wer hat den Verdacht auf mich gelenkt? Wer hat das Ge­wehr gefunden und die Sache angezeigt?"

Er bekam keine Antwort darauf und fügte nun an: „Da ich einen Unschuldigen auch nicht in die geringste Verlegenheit bringen möchte, so will ich den Gedanken verschweigen, der mir eben aufgestiegen ist, — es wäre zu gräßlich."