Einzelbild herunterladen
 

FuldaerMZeitung

25. JahrgMg.

IuLöa, Freitag, den 9. September 1898

M 205.

Znftratr: Die ein» spalt. Garmond- zeite oder deren Raum 1b Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

Erscheint täglich, m Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Bierteljährl.

Ke;«g»prri» ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

mit Unterhattungs-Meilage „Mujlrirte Sonntags-Zeitung!' peltr»8«Se 0». 2 C&crmonie).

△ Anreizung zum Streik.

In seinem Trinkspruche in Bad Oeynhausen hat, wie schon mitgetheilt, der Kaiser für die bevor­stehende Tagung des Reichstages einen Gesetz­entwurf angekündigt, wonach jeder mit Zucht­haus bestraft werden soll — er möge fein, wer er will, und heißen, wie er will — der einen deutschen Arbeiter, der willig wäre seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhin­dern sucht oder gar zu einem Streik an­reizt.

Ohne Zweifel ist es schon oft genug bei Lohn­bewegungen von Arbeitern zu beklagenswerthen Ausschreitungen gekommen. Bei solchen Gelegen­heiten sind häufig die Gemüther leidenschaftlich bewegt, und es ist durchaus nicht zu billigen, wenn solche Arbeiter, die die Arbeit niederlegen wollen, andere Arbeiter gegen deren Willen in roher und gewaltsamer Weise zu der gleichen Handlungsweise zwingen wollen oder sie an Hab und Gut schädigen aus Rache dafür, daß sie beim Streik nicht mitthun wollen. Natürlich aber bleiben solche Rohheiten auch jetzt nicht straflos. Nach § 153 der Gewerbe-Ordnung wird derjenige mit Gefängniß bis zu drei Monaten bestraft, der „andere durch Anwendung körperlichen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehrverletzung oder durch Verrufserklärung be­stimmt oder zu bestimmen sucht, an Verabredungen (junt Behufs der Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen, insbesondere mittels Ein­stellung der Arbeit oder Entlaffung der Arbeiter) theilzunehmen oder ihnen Folge zu leisten, oder andere durch gleiche Mittel hindert oder zu hin­dern sucht, von solchen Verabredungen zurückzu­treten .... sofern nach dem allgemeinen Straf­gesetz „nicht eine härtere Strafe eintritt".

Vorausgesetzt, daß der Wortlaut aus der Rede des Kaisers recht berichtet ist, sollten nach dem neu angekündigten Gesetzentwürfe viel härtere Strafen eintreten. Zuchthausstrafen werden überhaupt nicht unter der Dauer eines Jahres verhängt, und außerdem ist ja Zucht­haus gleichzeitig eine entehrende Strafe. „Der Sprung vom Höchstmaße von drei Monaten Ge- fängniß bis zur Mindeststrafe von einem Jahre Zuchthaus würde also ein riesengroßer sein.

Schon einmal hat dem Reichstage ein Vor­schlag der Regierung vorgelegen, nach dem Straf­verhärtungen in dem Sinne der Worte des Kaisers eingeführt werden sollten. Der Vor­schlag mit solchen neuen Strafbestimmungen erging an den Reichstag im Jahre 1890 mit der Ge­werbe-Novelle. Damals wurden aber von der Regierung nicht Zuchthaus-Strafen, sondern nur hohe Gefängniß-Strafen verlangt, und dennoch wurde die verlangte Strafverschärfung vom Reichs­tage nicht gutgeheißen. Nach dem Vorfchlage der Kommission des Reichstages, die jene Vor­lage vorzuberathen hatte, wurden die Paragraphen mit den verschärften Strafbestimmungen mit 142 gegen 78 Stimmen abgelehnt. Es ist darum, wie schon gestern an dieser Stelle kurz erwähnt, kaum anzunehmen, daß nunmehr der Reichstag Strasbestimmungen gutheißen sollte, die noch ungleich härter sind als jene von 1890. Das Koalitionsrecht der Ar­

Anf -er Ueichswacht.

Erzählung von A. Jüngst.

30 ------ (Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Um dieselbe Zeit etwa erhielt das trauliche Hinterstübchen des Großohms eine neue Bewohnerin.

Eines Abends im tiefen Winter pochte es noch spät an die Hausthür. Muhme Gertrud, weiche nach dem plötzlichen Tode des Vetters einen Unter­stand bei den Hochkirchners gefunden, öffnete und hätte beinahe die Lampe fallen lassen vor Schrecken, als sie die in Lumpen gehüllte Gestalt, das ver­blichene Antlitz mit den fieberhaft glühenden Augen erkannte.

„Rosel," schrie sie auf, „Rosel, woher kommst Du?"

„Geradewegs von Paris, Gesina." — Die Unglückliche war in unheilbaren Wahnsinn ver­fallen und kannte niemand mehr. „Ich soll im alten Hochkirchnerhaus meinen Liebsten erwarten, den Hans. Du weißt choch, meinen Hans, der ein vornehmer Herr geworden ist und mich zur Edeldame machen wird."

„Um Gotteswillen, Rosel, Du redest irre."

„Das sagen sie immer," versetzte Rosel mit einem verächtlichen Aufwerfen der welken Lippen. „Darum hat der Vicomte, der mir mein Glück nicht gönnte, mich in das Haus mit den vielen Fenstern sperren und streng bewachen lassen, aber ich war ihnen zu schlau. Ich bin ihnen ent­wischt und habe mich durchgefragt und durch- gebettelt. Straßburg und das Hochkirchnerhaus, das wußte ich ja ganz genau. Aber was läßt

beiterwürde vollkommen inFragegestellt werden, wenn der Reichstag derlei annehmen wollte. Damit würde derReichstag sich aber unmittel­bar in Widerspruch setzen gegen manche Grund­sätze, die der Kaiser ehedem mehrfach als maßgebend aufgestellt hat für die Beurtheilung und Behandlung von Lohnbewegungen der Ar­beiter. Am 6. April 1889 sprach der Kaiser dem Abg. Rösicke gegenüber die Ansicht aus, daß die Arbeiter gleichberechtigt sein müßten mit den Unternehmern. Kurze Zeit danach empfing der Kaiser eine Anzahl von Arbeitgebern im Berg­bau und sagte bei dieser Gelegenheit, es sei ja menschlich natürlich, daß jedermann versucht, sich einen möglichst günstigen Lebensunterhalt zu er­werben; und es sei erklärlich, daß die Arbeiter mehr oder weniger ihr Lohn in Verhältniß ge­bracht sehen wollen zu dem Gewinne der Unter­nehmer. Und dann kamen die bekannten kaiser­lichen Erlasse vom 4. Februar 1890: als „eine der Aufgaben der Staatsgewalt" bezeichnet es der zweite jener beiden Erlasse, der an den preu­ßischen Handelsminister gerichtet war, daß „die wirthschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichbe­rechtigung gewahrt bleiben".

Jetzt schreibt der Konservative .Reichs- bote' zu der Rede des Kaisers in Oeynhausen unter anderem folgendes: „Wenn man die Auf­reizung zum Streik und Behinderung freiwilliger Arbeiter unter so schwere Strafe stellt, dann wird der Streik für die Arbeiter so gut wie werthlos. Wenn aber der Staat den Arbeitern dieses Schutzmittel für ihre Interessen werthlos macht, dann muß er ihnen ein anderes Mittel geben. Denn schutzlos darf er sie nicht machen, und das will der Kaiser gewiß nicht. Denn er hat in Bieleseld (Rede im vorigen Jahre!) allen Ständen Schutz für ihre Arbeit zugesagt, und dieses Schutzes ist doch vor allem der arme Arbeiter bedürftig . . ." Wenn der Staat, so meint das genannte konservative Blatt, den Ar­beitern den Streik nimmt, so muß er zum Ent­gelt „den Arbeitern eine andere, bessere, auf Recht und Gerechtigkeit begründete Waffe zum Schutze ihrer Interessen geben". Also auch das konservative Blatt steht auf dem Standpunkte, daß die Verhinderung des Streiks an sich eine Ungerechtigkeit gegen den Ar­beiter sein würde.

Ebenso wenig einverstanden mit einer so scharfen Behandlung von Arbeitseinstellungen der Arbeiter ist das Partei-Organ der National­liberalen, die,Nationallib. Korrespondenz'. Diese hält „eine kräftige Abwehr des Mißbrauches der Koalitionsfreiheit der Arbeiter für geboten; aber es müssen Mittel fein, welche die legitime Anwendung der Koalitionsfreiheit nicht beengen und nicht zu verbitternder Agitation nutzlos Hand­haben bieten". Die ebenfalls nationalliberale ,National-Ztg.' sagt: „Zu einem Streik auf­zufordern oder auch anzureizen, gehört zu dem seit Jahrzehnten bestehenden Ko alitio ns recht, dessen Gefährdung den letztenArbeiter, der noch nicht mit der Sozialdemokratie geht, dieser in die Arme treiben würde . . . Zwar halten wir für gänzlich ausgeschlossen, daß auch nur eine erhebliche Minderheit des Reichs­

Du mich hier auf der Schwelle warten, Gesina? Mich fröstelt!" — sie schauerte zusammen vor Kälte. „Der Hans wird Dich schelten, wenn er heimkommt."

Muhme Gertrud stand rathlos. Verzweifelt rang sie die Hände.

„So laßt die Arme doch ein, Gertrud! Ihr seht ja, wie es mit ihr beschaffen ist," tönte eine verschleierte Stimme dicht hinter ihr.

Gesina, welche das Gespräch am Thore aus dem Zimmer gelockt, trat in den Lichtkreis der Lampe.

„Aus Liebe zu Dir, o mein Gott, und um Deinetwillen, Hans!" flüsterte sie leise, legte die Hand auf den Arm der Wahnsinnigen und führte sie mit freundlichem Zuspruch in das warme Gemach.

Am nächsten Tage wurde das stille Hinter- stübchen des Großohms, bis daher Gesinas Heiligthum, für Rosel hergerichtet. Manch schmerz­lich langes Jahr noch hockte die Unselige aus einem Sitz am Fenster, im bitteren Hohne der Vergeltung sich mit jedem neuen Morgen putzend für den Geliebten, den ihre Leichtfertigkeit in ein frühes Grab gebracht. Der Name des Vicomte de Lapendiöre kam niemals über ihre Lippen. Sein Gedächtniß war wie ausgelöscht aus ihrem kranken Hirne.

Nur als kurz vor ihrem Tode der Schleier wich, welcher ihren Geist gefangen gehalten, erzählte Rosel ihrer treuen Pflegerin in abge­rissenen Sätzen, wie damals nach dem furcht­baren Unglück der Vetter aus der Pfalz sie in Limersheim abgeholt und mit sich nach seinem Hose bei Zweibrücken genommen. Die Muhme,

tages, daß auch nur alle Konservativen einem der­artigen Gesetzentwürfe zustimmen würden; aber es wäre höchst bedauerlich, wenn die Meinung, daß eine derartige Vorlage beabsichtigt sei, von der Sozialdemokratie Monate lang ausgebeutet werden könnte."

Wie das Cent rum sich zu solchen Bestre­bungen stellt, die es auf die Beschneidung der Koalitionsfreiheit abgefehen haben, ist sattsam bekannt: das Centrum ist ein ausgesprochener Gegner solcher Bestrebungen. Das geht für alle, die daran zweifeln könnten, klar hervor aus der Art und Weise, wie int letzten Reichstage die Redner des Centrums den bekannten Ge­heimerlaß des Staatssekretärs Grafen von Posadowsky behandelten. Das Centrum wird auf wirthschaftlichem Gebiete immer für das gleiche Recht für Arbeiter und Unter­nehmer eintreten. Und wenn dem Unternehmer- thum volle und unbeschränkte Koalitionsfreiheit zugestanden wird, so muß dieselbe Freiheit ge­rechter Weise unbedingt in demselben Um­fange auch der Arbeiterschaft zustehen. Alles Andere würde int Widerspruch stehen mit den Grundsätzen der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Deutsches Deich.

Berlin, 8. September.

+ Am Mittwoch Nachmittag hat zu Ehren des kaiserlichen Paares ein weiteres Festmahl der Provinz Westfalen stattgefunden, diesmal in Porta am Fuße des großen Nationaldenkmals an der Porta Westfalica. Bei dieser Gelegen­heit hat der Kaiser einen Trinkspruch aus­gebracht, in dem er darauf hinwies, daß die beste Bürgschaft für den Frieden ein gut gerüstetes Heer sei. „Der Friede wird — so sprach der Kaiser — nie besser gewährleistet fein, als durch ein schlagfertiges, kampfbereites deutsches Heer, wie wir es jetzt in einzelnen Theilen zu bewundern und uns darüber zu freuen die Gelegenheit haben. Gebe uns Gott, daß es uns immer möglich sei, mit dieser stets schneidigen und stets gut erhaltenen Waffe für den Frieden der Welt zu sorgen."

h Die preußische« kLaudtagsrvaHke« werden allem Anscheine nach in der zweiten Hälfte des Monats Oktober beginnen. Nach der Meldung eines ostpreußischen Blattes hat der Minister des Innern durch einen Erlaß vom 5. September angeordnet, daß ohne Verzug mit der Anordnung der Vorbereitungen zu den Neu­wahlen vorzugehen ist und alles so weit gefördert wird, daß die Wahl der Wahlmänner in der zweiten Hälfte des Monats Oktober stattftnden kann. Die endgilrige Festsetzung der Wahltage ist noch vorbehalten.

h Der Ausbau von Danzig zum große« Kriegshase« — das ist das Neueste auf dem Gebiete des Heeres- und Flottenwesens. Ruß­land hat aus Libau einen starken Kriegshafen gemacht, und nun soll Deutschland an der Ostsee mit Danzig nachkommen. Der Plan soll in neuester Zett lebhaft erörtert worden fein — so lauten Danziger Meldungen darüber. Aber gleichzeitig sollen wir durch die Versicherung ge­

welche noch die Verlassenschaft des Vaters zu ordnen gehabt, habe später nachkommen und mit ihr dir Wirthschaft des Vetters führen sollen. Aber nach kurzer Frist sei es ihr unmöglich ge­wesen, das einförmige Leben und die Trennung von dem Geliebten zu ertragen. Heimlich in der Nacht fei sie entwichen und habe sich mit dem Erlöse aus dem Verkauf ihrer Schmuckstücke durch­geschlagen nach Paris, wohin der Vicomte aus Veranlassung seines Oheims, des Generals von Monclar, geschickt worden. Lange habe sie nach ihm geforscht, ohne ihn finden zu können.

Endlich sei er ihr vor dem Schlosse von Versailles begegnet in der goldstrotzenden Uniform der Königs­grenadiere an der Seile einer vornehmen Dame in kostbarem Sammtpelze, und da sie auf ihn zugeeilt und in der Freude ihres Herzens seinen Namen gerufen, habe er sie fremd und kalt an­gesehen und in wegwerfendem Tone zu seiner Begleiterin gesagt: „Was willst Du meine Theure! Eine Tollhäuslerin, die nicht weiß, was sie thut!"

„In dem Augenblick", schloß Rosel ihre traurige Erzählung, „riß etwas in meinem Kopf und in meinem Herzen. Alles Blut strömte nach dem Gehirn, es flimmerte und flirrte mir von den Augen, und wie aus blutigem Nebel stieg das Bild des armen Hans vor mir auf. In wenigen Sekunden durchlebte ich ein ganzes Menschenleben. Mein abscheuliches Thun, meine Schuld an seinem Tode stand mir plötzlich lichthell vor der Seele. Meine große Schuld und ihre gerechte Vergeltung! Ihn hatte ich verrathen, um nun selbst so schmäh­lich verlassen zu werden. Das war mein letzter klarer Gedanke. Ich fiel besinnungslos auf das Pflaster und fand mich erst wieder in dem Spital

tröstet werden, daß „vor Ablauf der nächsten 10 Jahre eine Verwirklichung der weit aus- fchauenden Pläne kaum zu erwarten stehe . . ." Wenn niemals, würde es wohl auch nichts schaden!

* Sur Aufbesserung der SfarrergeHäkler wird der.Germania' aus geistlichen Kreisen ge­schrieben: „Nachdem nun das Gesetz über die Pfarrgehälter angenommen und publizirt ist, wäre es auch Zeit, etwas für die Kapläne zu thun; seitdem überall Gehaltsaufbesserungen der Beamten erfolgt sind, stehen die Kapläne und Vikare an manchen Orten niedriger im Gehalt als die Lehrer, mancherorts noch niedriger als die Polizei di en er. Vorerst wünschten wir, daß die Etatsposition zur Ausbesserung von Geistlichen beider Bekenntnisse, in ähnlicher Weise wie bei der Pfarrerbesoldung, paritätisch getheilt und der darnach den Katholiken zufallende An- theil nach bestimmten Normen zur Aufbesserung der Kaplansgehälter verwendet würde. Der jetzige Zustand, wo jeder alle Jahre von neuem Gesuche um Beihilfe schreiben muß, ist unbe­friedigend und unhaltbar". — Wir können uns diesem Hilferufe nur völlig anschließen. Die Ver­hältnisse in der katholischen Kirche sind, was die Hilfsgeistlichen anbelangt, gänzlich anders wie bei den Protestanten. Bei den Letzteren kommen die Geistlichen fast ausnahmslos gleich bei der ersten Anstellung oder doch in sehr jungen Jahren in Pfarrstellen. In den meisten preußischen Bis- thümern dagegen müssen die katholischen Kapläne 10, 20 und mehr Jahre warten, bis sie zum Pfarrer befördert werden. Die Diözese Fulda hat beispielsweise nur rund 100 Pfarrstellen, aber rund 180 Priester. Unter solchen Umständen wäre es in der That sehr nothwendig, daß auch für die Kapläne etwas geschähe.

X Entgegen den Behauptungen, daß die An­gliederung der Wedizmak Av1Heit««g an das preußische Ministerium des Innern be­schlossene Sache sei, führt Prof. Eulenburg in der.Deutschen med. Wochenschrift' aus, daß die Sache bisher keineswegs abgeschlossen sei. Nach diesen Mittheilungen soll im Verlaufe des Monats Oktober eine eigene Kommission zu­sammentreten, um die Angelegenheit zu erwägen. Die Kommission soll zusammengesetzt werden aus Vertretern der betheiligten Behörden und auch des Finanzministeriums. Man wird ja sehen, was dabei herauskommen wird. Aber nach allem Voraufgegangenen liegt leider die Annahme gar zu nahe, daß es bei der Medizinal-Reform wieder einmal nach der alten Melodie gehen wird: wasch' mir den Pelz, aber mach' ihn mir nicht naß.

+ Die schon gemeldete Begnadigung des ehemaligen Lieutenants v. Mrüsewitz erregt allgemein großes Aufsehen. Brüsewitz hatte be­kanntlich vcr zwei Jahren in einem Safe zu Karlsruhe mit feinem Säbel den Mechaniker Siepmann niedergestochen, weil dieser den Lieutenant mit feinem Stuhle gestoßen hatte, ohne ihn hinter­her um Entschuldigung deswegen zu bitten. Siepmann war alsbald danach gestorben. Brüse­witz wurde vom Militärgericht zu 3 Jahren Gefängniß veryrtheilt, die er nunmehr zur stärksten Hälfte verbüßt hat. Die andere Hälfte der Straf­zeit ist ihm auf dem Gnadenwege erlassen worden.

an der Seine, wo hunderte von Kranken zusarnrnen- gepfercht waren. Wie lange das her ist, ob ein Jahr oder zehn Jahre, weiß ich nicht. Ich habe überhaupt die zerrissenen Fäden verloren, und wie sehr ich mich auch quäle, ich bringe sie nimmer wieder zusammen. Ich weiß nur eines, Gesina, daß Du gut gegen mich gewesen bist, daß Du gesegnet hast, wo Du hättest fluchen müssen. Wer anders als Du hätte auch der armen Ver­rückten sich angenommen, sie gepflegt und gehütet mit immer gleicher Güte? O Gesina, sprich, sage mir, wenn schon Du so großrnüthig mir verziehen, wird da nicht auch Gott mir vergeben — und —" -t sie stockte — „und Hans?"

„Gottes Güte reicht weiter als der Himmel, unb sein Erbarmen Übersteigt alle Grenzen", tröftete Gesina die Unglückliche, die angstvoll nacy^ ihren Händen gegriffen. „Und Hans, unser braver Hans, der im Vertrauen auf Gottes Barmherzig­keit gestorben ist, hat Dir ja lange, lange schon vergeben."

„Erbarmen! Vergebung!" Das waren die beiden Worte, welche fortan auf den Lippen der Sterbenden schwebten, bis ein sanfter Tod ihren Leiden ein Ende machte.

Nach Rosel's Hingang waltete Gesina noch viele Jahre ihres selbstgewählten Berufes in den Räumen des alten Zünftlerhauses. Ihr Leben kannte ttotz feiner Einsamkeit keine Leere, keine Langeweile. Edle ernste Arbeit füllte es ganz aus, der freiwillig übernommene Dienst der Nächsten­liebe heischte all' ihre Kräfte.

Nur wcnn Sigmar Eppendorf, der inzwischen ttotz seiner deutschen Gesinnung zum Rathsherrn aufgerückt war, mit seiner tugendsamen Hausehre