Fuldaer M Zeitung
JuLöa, Dienstag, den 6. September 1898
25. Jahrgang
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•r Die Revision des Dreysus- Prozesses
dürfte, während diese Zeilen zum Drucke gelangen, bereits beschlossene Sache sein. Als vor einigen Tagen der Ministerrath zusammentrat, um über die Frage Beschluß zu fassen, ob das Ministerium eine Revision des Prozesses anordnen solle oder nicht, konnte er zunächst zu keinem bestimmten Beschlüsse gelangen. Nachher wurde bekannt, daß der Kriegsminister Cavaignac mit aller Gewalt sich gegen die Revision sträubte und dadurch gegen den Willen der Kabinetsmehrheit noch einmal einen Beschluß zu Gunsten der Revision Hintertrieb. Aber er hat dem Drucke nicht Stand halten können, der auf ihn ausgeübt wurde, und so hat er um seine Entlassung gebeten und sie auch erhalten.
Vermuthlich wird Cavaignac nun in der Deputirtenkammer der Führer derjenigen werden, die eine Revision des Prozesses nicht haben wollen. ' Aber deren Zahl wird von einem Tag zum andern geringer; und in der Thal kann ja auch die französische Regierung nichts Klügeres thun, als in die Revision willigen. Jetzt kann sie es thun, ohne sich die geringste Blöße zu geben. Die Entdeckung der Fälschung des Oberstlieutenants Henry an sich ist Grund genug dazu. Außerdem bestimmt ausdrücklich Artikel 443 des französischen Strafgesetzbuches, daß die Revision eines Prozesses verlangt werden kann, wenn einer der Zeugen einer falschen Aussage überwiesen ist, oder aber eine neue Thatsache offenbar wird, wodurch die Unschuld des Verurtherlten sich deutlich herausstellt.
Von dem Letztem kann ja zunächst noch keine Rede sein. Auch innerhalb des Ministeriums steht man vorläufig, wie berichtet wird, auf dem Standpunkte, daß eine Revision des Prozesses 'durchaus noch nicht dasselbe bedeute wie eine Anerkennung der Unschuld des frühem Hauptmanns Dreyfus. Aber die Revision ist in aller Form begründet durch die Fälschung und den danach folgenden Selbstmord des Oberstleutnants Henry; und ohne allen Zweifel fordert nunmehr auch die öffentliche Meinung in Frankreich ebenso sehr diese Revision, wie sie vorher gegen dieselbe eingenommen war. Mit der Aufnahme der Revision wird darum das französische Ministerium ebenso gerecht wie klug handeln.
Die Frau des Hauptmanns Dreyfus hat an die Regierung gleichzeitig von Neuem ein förmliches Gesuch um die Aufnahme dieser Revision gerichtet. Das Gesuch beruft sich in der Hauptsache auf den vorher angeführten Artikel 443 des französischen Strafgesetzbuches. Für Montag ist am letzten Sonntag ein Min iste rr a th .zusammenberufen worden, der sich, nunmehr ohne Herrn Cavaignac, darüber schlüssig machen sollte, ob dem Gesuche der Frau Dreyfus stattzugeben sei oder nicht, lieber das Ergebniß dieser Berathung konnte von vorn herein kein Zweifel obwalten. Das Kabinet wird Herrn Cavaignac fallen lassen, wird einen andern Mann für das Kriegsministerium suchen, etwa Herrn Freycinet ober «inen geeigneten General, und wird dem Gesuche der Frau Dreyfus stattgeben.
Herr Cavaignac ist mit der Versicherung aus
Ans -er Keichsrvacht.
Erzählung von A. Jüngst.
27 ------ (Nachdruck verboten.)
Gesina hatte keine Antwort auf die Klage der Mutter. Wie hätte sie auch Trost spenden können, da sie selbst allen Trostes bar war? Ihr Blick hing an den edlen Zügen des Entschlafenen. Es ivar, als müsfe ihr Auge nun, da er nichis mehr Ton ihrer schmerzvollen Liebe ahnen, da kein unbewachtes Wimpernzucken mehr den Verräther ihres Herzens spielen konnte, sich noch einmal satt sehen an dem geliebten Anlitze.
„O Gott, sein Blut!" flüsterte die Jungfrau schaudernd, als sie den dunklen Flecken streifte, der unter den gefallenen Händen auf dem Gewände sichtbar wurde. „Meinhold, Ihr wäret bei ihm, wie war es möglich, daß Ihr ihn erschlagen lassen konntet?" klagte sie, den Alten vorwurfsvoll anschauend.
„Ach, wäre ich bei ihm gewesen, der Degen des Mörders hätte zuerst meine Brust durchbohren müssen. Ader ich kam zu spät."
„So erzählt doch, was Ihr gesehen. Wir wissen ja von nichts. Oder hast Du schon gehört, Mutter, wie das Furchtbare sich zugetragen?"
Frau Edeltraut fuhr heftig empor.
„Was schiert es mich, wie es geschah, daß ich meinen Hans hier leblos vor mir liegen sehe. Hans, mein Sohn, eine Leiche, und Rose! seine Mörderin! O, und dabei denken zu müssen, daß dieses leichtsinnige Mädchen der Inhalt seines Dichtens und Trachtens, seines letzten bewußten Gedankens gewesen!"
dem Amte geschieden, daß er nach wie vor von der Schuld des Dreyfus überzeugt fei. Der Tag wird nicht mehr fern fein, an dem ein neues Gerichtsurtheil über diese Frage ergehen wird.
* * *
Den neuesten Drahtmeldungen zufolge hat das französische Ministerium einstimmig beschlossen, das Wiederaufnahme-Verfahren im Dreyfus-Prozesse anzuordnen. Nunmehr sucht man einen General als Nachfolger Cavaignac's im Amte des Kriegsministers zu gewinnen. An erster Stelle wird als muthmaßlicher Nachfolger General © auffier genannt.
ß Die Engländer in Oberegypten.
Von ganz entschiedenem Waffenglücke sind feit Jahresfrist die Engländer am oberen Nil begünstigt worden; genauer gesagt, die englisch-egyptische Armee unter dem Oberbefehl des englischen Generals Küchen er. Mit großer Umsicht, kluger Bedacht- samkeit und unerschütterlicher Ausdauer ist General Kitchener zu Werke gegangen, und mit Stolz kann er nun von sich sagen, daß er der kulturfeindlichen, barbarischen und blutigen Gewaltherrschaft der neuen Khalifen ober Mahdis ein Ende gemacht hat. Die ganze Kulturwelt kann ihm dafür dankbar sein, einerlei ob dabei die Erweiterung gerade des englischen Machteinflusses in Betracht kommt oder nicht.
Der erste Feldzug des Generals Kitchener gegen die Derwische oder Mahdisten schloß mit der Einnahme des wichtigen Platzes Berber, gleich wichtig für den Handel sowohl, als auch für weitere Kriegsunternehmungen. Denn mit der Einnahme der Stadt Berber war wiederum der beste Handelsweg zwischen dem oberen Nil und dem rothen Meere eröffnet. Nach diesem ersten großen Erfolge ist General Kitchener zunächst mit großer Umsicht bedacht gewesen darauf, daß zunächst der Besitz des Eroberten durchaus gefestigt wurde, damit dasselbe als sichere Grundlage für weitere Unternehmungen benützt werden konnte. Erst nachdem dies geschehen war, ist Kitchener von Neuem vorgegangen, und nunmehr hat er den Khalifen in einer neuen entscheidenden Schlacht vollständig geschlagen.
Diese Schlacht hat am letzten Samstag statt- gesunden. Nach einem Drahtberichte, den General Kitchener in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach London gesandt hat, haben die Derwische Samstag früh die englisch-egyptische Armee angegriffen, und zwar mit ihrer ganzen Macht. Augenscheinlich waren sie von dem Heere Kitcheners so hart bedrängt, daß sie Alles auf einen Wurf setzten. Und es handelte sich auch um die Plätze Omdurman und das wichtige Khartum. Aber der Khalis hat das Spiel verloren. Nach mehrstündigem Kampfe, der von feinen Truppen mit großem Feuer ausgenommen worden war, waren diese vollkommen geschlagen. Das ganze Heer des Khalifen wurde zerstreut. Der Khalis selbst floh, zuerst nach Omdurman, nachher von Omdurman weg weiter den Nil aufwärts, nachdem die Stadt Omdurman von den Truppen des Generals Kitchener eingenommen worden war. Nach einem Sonntag
„Nicht doch, Frau Ebeltraut, seine letzten Gedanken, seine letzten Worte galten Euch und Jungfrau Gesina."
„Ach!" murmelte die Matrone leise, und ein weicherer Zug milderte den starren, verzweiflungsvollen Schmerz in ihrem Gesichte. „So hat'er uns nicht vergessen? Sprecht, Meinhold! Erzählt, was Ihr wißt."
„Ihr erinnert Euch, edle Frau, daß ich gestern Abend meinen Herrn beschwor, nicht mehr zu reiten. Als er dennoch auf feinen Willen beharrte, stand es ebenso fest bei mir, ihm zu folgen, koste es was es wolle. Während ich in der Gaststube des goldenen Schlüssels auf den versprochenen Gaul wartete, fielen an einem der Tische Bemerkungen über die schöne Thürmerstochter, die mir das Blut zu Kopfe steigen ließen. Ich konnte es kaum abwarten, daß ich mich in den Sattel schwingen konnte. Das Pferd war gut; wenn es auch kein so edles Thier war wie jenes, das Herr Gunomar meinem Gebieter geschenkt hatte, so war doch der Falbe durch den scharfen Ritt am Morgen noch nicht völlig ausgeruht; sonst würde ich ihn schwerlich eingeholt haben. Schon in Fegersheim erblickte ich meinen Herrn, wie er in geringer Entfernung vor mir hintrabte; und als er in Limersheim vom Pferde sprang, war ich ihm dicht auf den Fersen. Bevor ich ihn jedoch erreichen konnte, sah ich Junker Adalbert in einem Bauernhause verschwinden. Absteigen und mein Rößlein an den nächsten Baum binden, war das Werk eines Augenblicks. Arhemlos stürzte ich in die Küche, aber mein Herr hatte das Haus durch eine Seitenthür schon wieder verlassen. Ich hörte nicht weiter auf das keifende Bauernweib,
früh in London eingelaufenen weiteren Berichte des Generals Kitchener sind bei dem Kampfe nur hundert Engländer gefallen, darunter ein Offizier.
Mit dem neuen Siege Kitcheners ist der Feldzug gegen den Khalifen noch nicht beendet. Aber es ist durchaus anzunehmen, daß seine Macht dadurch vollkommen gebrochen ist, und daß er nicht mehr im Stande sein wird, sich noch einmal aufzuraffen zu ernstlichen Kriegsunternehmungen. Das heißt also, der Feldzug dürste damit entschieden sein; und wahrscheinlich wird dieser Siegesnachricht sehr bald die Meldung folgen, daß General Kitchener auch Khartum eingenommen hat.
Der Kaiser ist bereits Sonntag früh von dem durch Kitchener erfochtenen Siege unterrichtet gewesen, und er hat desselben gedacht in einer Ansprache, die er nach einem auf dem Waterloo- Platz in Hannover am Sonntag früh abgehaltenen Feldgottesdienste an die Truppen des zehnten Armeekorps gehalten hat. Der Kaiser erinnerte dabei an die Waffenbrüderschaft der Engländer und Deutschen in der Schlacht von Waterloo und forderte die Truppen auf, in ein dreifaches Hurrah auf die Königin von England einzustimmen. Uebereifrige Pressemänner in London deuten das vielleicht wiederum als ein Zeichen für die Wahrheit der Mär von dem deutsch-englischen Schutz- unb Trutzbündniß zu Gunsten der Unternehmungen Englands in fremden Erdtheilen. Mögen sie es immerhin thun. Jeder ehrliche Deutsche wird sich freuen, wenn zwischen Deutschland und England ein freundliches Verhältniß herrscht, das zu bestimmten Abmachungen und zu Vortheilen für beide Länder führt. Aber an die Verwirklichung der eigentlichen Wünsche der eifrigen Londoner Herren ist niemals zu denken, nämlich daß die deutsche Politik sich vor den englischen Jnteressen- Wagen spannen lassen wird, um den Engländern die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
* *
Die Verluste des Khalifen müssen außerordentlich groß sein. Die Zahl der gefallenen Derwische wird auf 15,000 (?) angegeben. Der Khalis hat sich anscheinend nach Kordofan gewandt. Die englischen Blätter sind sehr erfreut über die Kundgebung des deutschen Kaisers bei Hannover. Außerdem hat Kaiser Wilhelm aber auch telegraphisch der britischen diplomatischen Agentur in Kairo seine Glückwünsche ausgesprochen.
Deutsches Reich-
Berlin, 5. September.
* Reichskanzler Iürst zu KoheukoHe ist am heutigen Vormittag 11 Uhr mit seiner Tochter Prinzessin Elisabeth von München nach Alt-Aussee abgereift. — Staatssekretär des Auswärtigen von Bülow hat sich von seinem Urlaubsaufenthalt aus Semmering zurückbegeben.
h Nach einer Mittheilung des .Reichsanzeigers' bestätigt sich die schon anderweit veröffentlichte Meldung, daß das Aiaulschou Heviel zum Freihafen erklärt worden ist. Nach einem Drahtberichte des Gouverneurs von Kiautschou hat diese Erklärung am 2. September
sondern folgte, so schnell meine allen Beine mich nur tragen wollten, dem rasch Dahineilenden.
„Als ich dem Weinberge mich nahte, hörte ich einen lebhaften Wortwechsel, hörte deutsche und französische Laute durcheinander schwirren. Meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich: der Junker war mit seinem Nebenbuhler aneinander gerathen. Ich sprang herzu, früh genug, die blanke Klinge durch die Luft blitzen zu sehen, zu spät, um ihren tödtlichen Stoß aufhalten zu können. Gott ist mein Zeuge, daß ich gern tausend Mal gestorben wäre, wenn ich an statt meines Gebieters hätte hinsinken dürfen auf den grünen Rasen! Ich meinte, mir müsse das Herz brechen, als ich so neben ihm kniete und sein kraftloses Haupt in meine Arme nahm, wie vor Jahren das seines erschlagenen Vaters.
„Aber, der Himmel sei ewig gepriesen, Junker Adalbert lebte noch. Wenn er auch rettungslos verloren war — der Franzmann hatte nur zu gut getroffen — sein Herz schlug, sein Odem kam und ging. Ich schrie nach einem Priester, indem ich meinen Rock auszog, und auf die Wunde preßte, um die heftigste Blutung zu stillen. Der Pfarrer des Dörfchens war in wenigen Minuten zur Stelle. Seinen und meinen Bemühungen gelang es, den Ohnmächtigen noch einmal ins Leben zurückzurufen. Er erkannte den Priester und begriff, was dessen Anwesenheit bedeute. „Sterben!" hauchte er mit einem hilfeflehenden Blick, der mir durch Mark und Bein ging. „Sterben! und ich bin noch so jung!" Aber bald hatte er sich wie ein echter Konzenberg wieder völlig in der Gewalt, horchte auf die Worte des Priesters und sprach mit ver-
ftattgefunben. Danach können Schiffe aller Nationen dort Handel treiben, ohne Zölle zu zahlen.
O Mehrfach ist an dieser Stelle betont worden, daß die IriedeusKuudgevuug des Zaren gar keinen Anlaß bieten kann zu Ueberschwäng- lichkeiten. Aber ebenso muß man, wenn man das Gute und Große des Friedensgedankens im Allgemeinen fördern will, die absichtliche Verkleinerung der Zarenkundgebung bekämpfen, wie sie von manchen Seiten her betrieben wird. In diesem Sinne war auch die Meldung in die Presse gebracht worden, es habe zwischen Rußland und Frankreich eine Vereinbarung über die Art der Zarenkundgebung stattgefunden, bevor diese an die Vertreter der verschiedenen Mächte und alsdann an die Oeffentlichkeit gelangte. Es war von vornherein anzunehmen, daß diese Meldung falsch war. Dafür sprach die ganze Haltung der ganz augenscheinlich von der Zaren- funögebung überrumpelten französischen Diplomatie und Regierung. Jetzt wird nun ganz klar und unzweideutig aus Petersburg berichtet, daß „vor der Veröffentlichung der russischen Frie- densnotekeinMeinungsaustausch zwischen Rußland und Frankreich stattgefunden hat". — Sehr richtig wird neuerdings in einem russischen Regierungsblatte, im .Journal de St. Petersbourg' ausgeführt, daß die Frage, die zu lösen es gilt, sehr verwickelt ist, und daß Niemand die Schwierigkeiten verkennen dürfe, die es dabei zu überwinden gibt. Ader „muthig" — so heißt es in der halbamtlichen Kundgebung weiter — „muß man ihnen gegenübertreten, und das Rundschreiben vom 24. August will gerade eine aufrichtige und eingehende Prüfung dieser Frage durch einen internationalen Meinungsaustausch anregen". Die Ergebnisse ähnlicher früherer Kongresse beweisen, daß man mit diesen gute Erfolge erzielen kann. Warum soll das Gleiche nicht bei einer neuen Berathung von Neuem erzielt werden — möglicherweise in noch größerem Maßstabe?
□ In Nr. 185 der ,Fuld. Zeitung' brachten wir einen Leitartikel über die „Imparität auf dem Gebiete der Volksschulen in Preußen", der sich gegen einen Artikel des ,RH. Kurier' richtete. In diesem Artikel war u. A. eine Parallele gezogen zwischen der Uebernahme der evangelischen Societätsschule in Hünfeld auf den Gemeindeetat und der Nichtübernahme der katholischen Schulkinder in S ch ö n e b e r g (Reg. Bez. Potsdam), wo 300 katholische Schulkinder gezwungen sind, evangelische Schulen zu besuchen. Nach weitern Jnformationenj bedarf diese Gegenüberstellung von Hünfeld und Schöneberg doch einer Aufklärung, zumal in dem betr. Artikel der „Schulbehörde" der Vorwurf der ungleichen Behandlung katholischer und evangelischer Schüler gemacht wurde. Die richtige Schlußfolgerung aus den vorliegenden Thatsachen müßte vielmehr dahin lauten, daß die Provinzial-Verwaltung in Brandenburg sich ein Muster und Beispiel nehmen könnte an unserer Provinzial-Verwaltung in Kassel, wo der Grundsatz zur Geltung gekommen ist, daß dem Einen recht ist, was dem Andern billig ist. Da über die Einrichtung neuer Schulen und ähnliche Angelegenheiten in letzter Instanz vom Provinzial-
löschender Stimme die Gebete nach, die jener ihm vorsagte. Mit rührender Andacht empfing er die heiligen Sakramente und küßte dankbar die Hand, welche ihm den Leib des Herrn gereicht. Kein Laut der Anklage, des Murrens kam über seine Lippen."
„Gott! Vergebung! Mutter! Gesina!" waren seine letzten, kaum noch verständlich geflüsterten Worte. Dann sank sein Haupt zurück auf das Bündel Heu, welches eine mitleidige Hand ihm untergeschoben, und mit einem tiefen Athemzuge war feine Seele entflohen.
„Und Rosel? Der Vicomte?" fragte Gesina nach einer Pause, in welcher man nichts gehört hatte als das Schluchzen der beiden Frauen. Die Abschiedsworte des Sterbenden, sein letztes Liebeszeichen für sie halte den Bann gebrochen und den thränenlosen Schmerz in einen Strom von Zähren aufgelöst.
„Ich habe keines von Beiden wieder gesehen. Ich sah überhaupt alles nur wie durch einen dichten blutgefärbten Schleier. Das Einzige, was ich weiß, ist, daß viele Menschen an der Unglücksstätte sich sammelten, daß Flüche und Verwünschungen laut wurden, und hilfreiche Hände genug bereit waren, die Hülle des Entseelten nach dem nahen Bauernhause zu tragen. Dort habe ich die Leichenwacht bei meinem theuern Junker gehalten und mich bann, sobald der Morgen graute und der Wagen des Wirthes bereit war, mit meiner traurigen Last auf den Weg gemacht. Nun erübrigt mir nur noch, die Unglücksbotschaft nach Konzenbcra zu bringen, auch gerade wie vor 25 Jahren. Habe ich da-vollbracht, mögen sie mich getrost zur letzten Ruhe betten. Dann ist doch Alles zu Ende!"