KuldaerMZeitung
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mit Ilnterhattungs-Weitage „Zlluflrirte Sonntags-Zeitung!'
M 201.
JuLöa, Momag, den 5. September 1898
25. Jahrgang
Nochmals das Ergebnis der Reichstagswahlen.
Das Bureau des Reichstages ist als rettender Engel erschienen und hat nach den beim Reichstage eingegangenen Wahlakten eine vorläufige Zusammenstellung der Ergebnisse der letzten Reichstagswahlen gemacht. Dies ist in diesem Jahre zum ersten Mal geschehen — hoffentlich nicht zum letzten Mal. Denn bis das statistische Reichsamt mit seiner Zusammenstellung der Wahlergebnisse auf dem Plane erscheint, pflegt eine geraume Zeit zu vergehen; und fo hat nun das Bureau des Reichstages eingegriffen, wohl in dem fehr richtigen Gefühl, daß es hier eine empfindliche Lücke auszufüllen gibt. Das Bureau des Reichstages hat sich dadurch Anspruch auf die dankbare Anerkennung aller Parteien erworben, und dies um fo mehr, als durch seine Wahlstatistik die zahlreichen Fehler richtig gestellt werden, durch die Professor Hickmann's seinerzeit viel besprochene Zusammenstellung beeinträchtigt war.
Den Nationalliberalen hatte Prof. Hick- mann einen Zuwachs von 163,000 Stimmen angedichtet. Jetzt stellt es sich heraus, daß diesmal um 20,000 Stimmen weniger für die nationalliberalen Wahlbewerber abgegeben worden sind als im Jahre 1893. Damals hatten sich auf die nationalliberale Partei 997,000 Stimmen vereinigt, diesmal nur 975,000. Ferner hat die Hickmann'sche Zusammenstellung der antisemitischen Reformpartei einen nicht unerheblichen Zuwachs zugeschrieben. Aber auch das war verrechnet. Diese Partei hat eine Einbuße von rund 41,000 Stimmen zu verzeichnen; und auch für die antisemitischen Wahlbewerber im allgemeinen ist ein Gesammtverlust von etwa 19,000 Stimmen zu verzeichnen. Nicht unbeträchtlich sind auch die Verluste an Stimmen, die sich aus einer Vergleichung der Stimmzahlen von 1898 und 1893 für die Konservativen ergeben; und zwar sind diese Verluste größer bei den Deutschkonservativen als bei" den Freikonservativen. Ganz anders als bei Prof. Hick- mann gestaltet sich nach dieser ersten amtlichen Zusammenstellung auch das Wahlergebniß für das (Zentrum. Dieses sollte nach Hickmann gegen 1893 nicht weniger als 140,000 Stimmen verloren haben. Daß das Unsinn war, ist schon damals dargelegt worden. Diese falsche Rechnungsweise hatte darin ihren Grund, daß für 1893 Prof. Hickmann auch alle diejenigen Stimmen dem Centrum zugezählt hatte, die da- mals für katholische Freunde der Militärvorlage abgegeben worden waren. Bekanntlich rührten alle diese Stimmen nicht von Anhängern der Centrumspartei her, und zu einem sehr großen Bruchtheile waren sie sogar von ausgesprochenen Centrumsgegnern abgegeben worden, die dadurch dem Centrum Abbruch zu thun vermeinten. Nach der Statistik des Reichstags-Bureaus hat das Centrum einen Verlust von 14223 Stimmen zu verzeichnen, hat also Stimmen etwa in demselben Verhältnisse eingebüßt wie die Konservativen, die 'Nationalliberalen und die Freisinnigen von beiderlei Richtung, aber unter allen diesen Parteien werhältnißmäßig am wenigsten.
Em heiteres Spielchen mit diesen Wahlziffern
Ans der Ueichswacht.
Erzählung von A. Jüngst.
26 ------ (Nachdruck verboten.)
Vorsichtig nahm Meinhold den Verwundeten in seine Arme und tastete nach dem Herzen. Noch lebte er, aber aus tiefer Wunde sickerte das Blut, unaufhaltsam rann die Lebenswelle dahin.
„Laßt das Gezeter! Lauft ins Dorf nach Hilfe, nach einem Priester!" fuhr er die ihm nachgeeilte Bärbel an, die händeringend und schreiend wie eine Tolle sich geberdete, indeß Rosel schreckerstarrt auf einen Stein gesunken war, und der Vicomte, heftig mit dem Fuße stampfend, nach feinem Reitknechte rief.
Immer tiefer senkten sich die Abendschatten. Der Purpur des Himmels erlosch; ein süßes Zwielicht, das geheimnißvolle geisterhafte Zwielicht der Juninacht, wob sich um die thaufeuchlen Reb- hügel. Zarter Duft stieg von den Wiesen auf, melodisch rauschte der ferne Mühlbach, sanfte Ruhe, heiliger Friede alles — und in dem Weingarten am Abhang, die brechenden Augen zum Himmel gewandt, die bleichen Lippen halb geöffnet, verhauchte ein junges, hoffnungsvolles Leben seine letzten Athemzüge.--
Zur selben Stunde, da Meinhold mit zitternder Angst den matten Herzschlag feines Herrn bewachte und die Sekunden zählte, die vergehen mußten, bis der Priester zur Stelle sein konnte, stürzte der junge Rathsschreiber athemlos in das Gemach der beiden Frauen.
„Verzeiht, Frau Edeltraut, und Ihr, Gesina", stotterte Sigmar, als ob er sich erst jetzt der
leistet sich die »Deutsche Tagesztg/, das führende Berliner Organ desBundes der Landwirthe. Ehedem hatte ja bekanntlich die Wahlstatistik keine besonderen Stimmen für den Bund der Landwirthe zu verzeichnen. Nunmehr führt die Zusammenstellung 121374 Stimmen für Kandidaten des Bundes der Landwirthe auf, und dessen hier genanntes Blatt macht sich den Spaß, seinen Lesern zu erzählen, daß der Bund der Landwirthe nach dieser ersten amtlichen Wahlstatistik „121374 Stimmen gewonnen" habe . . . Nun freilich, 1893 keine und diesmal 121374 Stimmen, das macht um ebenso viele Stimmen mehr. Aber so wenig wir an übergroße Bescheidenheit der Bun- despreffe gewöhnt sind, durch dieses hübsche kleine Rechenexempel hat sich sothane Presse doch so zu sagen selbst übertroffen. Wir wünschen ihr Glück zu ihrer Findigkeit. Aber in Zukunft werden wir uns alle Rechenexempel der Bundespresse doch immer erst zweimal ansehen, ehe wir eines davon glauben.
Eine Thatsache bleibt in dieser amtlichen Wahlstatistik genau so wie bei Prof. Hickmann: das ist die starke Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen. Diese Zunahme beträgt etwa 300000. Ueber ihre muthmaßlichen Gründe ist bereits so viel geschrieben worden, daß wir heute nicht noch einmal darauf einzugehen brauchen. Die Sozialdemokraten haben — das ist einjGrund — alles auf die Beine gebracht, was auf die Beine zu bringen war; und bei den meisten bürgerlichen Parteien ist die Wahlbetheiligung diesmal sehr schwach gewesen. Hat sich doch sogar die Gesammt- zahl aller abgegebenen Stimmen kaum vermehrt, nämlich nur um 78,000, während die Zahl aller Wahlberechtigten von 1893 bis 1898 um nicht weniger als 812 000 gewachsen ist. Außer den Sozialdemokraten haben an Stimmen zugenommen die Deutschhannoveraner, Polen und Dänen.
Schon bald nach den Wahlen wurde allenthalben Beschwerde erhoben über die außerordentlich große Langsamkeit und auch über die Mängel bei der amtlichen Wahlberichterstattung. Dieselben Beschwerden sind zu richten gegen die Langsamkeit in der Thätigkeit des statistischen Reichs am tes. Im ganzen deutschen Reiche müffen die Wahlkommissare diesem Amte die Wahlergebnisse auf dem Drahtwege mittheilen. Aber viele Monate nachher ist noch immer keine Wahl-Statistik des statistischen Reichsamtes erschienen. Spätestens vierzehn Tage nach der letzten Stichwahl könnte dieses Amt mit seiner Stimmen- Zusammenstellung auf dem Platze sein. Warum vergehen viele Monate, bis dies der Fall ist? Es ist dringend zu wünschen, daß diesem Mangel abgeholfen werde.
Deutsches Deich»
Berlin, 3. September.
Während der letzten Tage hielten sich Kaiser «nd Kaiser!« in Hannover auf, wo die Parade des zehnten Armeekorps abzunehmen war. Natürlich fehlte es nicht an feierlichem Empfange in der Stadt Hannover. Zu den vielen und reichen Veranstaltungen bei dieser Gelegenheit gehörte auch ein Prunkmahl für die
Unziemlichkeit seines hastigen Eintritts bewußt werde. „Es war nicht meine Absicht, Euch schon heute wieder und so spät noch zu behelligen. Aber--"
„Wir haben vorhin erst zu Euch geschickt," unterbrach Gesina den sich Entschuldigenden. „Der Laufbursche fand Euch nicht daheim."
„So ist sie also wahr, die wunderbare Mär, die man mir eben im goldenen Schlüssel zuraunte: der Hans ist wieder da?"
„Ja," nickte Frau Edeltraut mit glückseligem Lächeln, „der Hans ist wieder da, ist heimgekommen, wie er gegangen: als mein braver lieber Sohn."
„Und ist ein vornehmer Herr geworden? Sein Diener, der im goldenen Schlüssel eingestellt, soll die fabelhaftesten Dinge, unglaubliche schier, erzählt haben. Das ganze Haus war voll davon, man sprach von nichts anderem. In der Herrenstube wie am Gesindetisch hörte man nur das Wort „Hans Hochkirchner" und stritt um seinen eigentlichen Stand und Namen."
„Adalbert Rsichsfreiherr von Konzenberg", erklärte Gesina feierlich, und ein strahlendes Leuchten ging über ihr Gesicht. „Die Mutter und ich haben es immer gewußt, daß unser Hans etwas Besonderes sein müsse, daß er unmöglich einem unedlen Hause entstammen könne. Ihr habt den wackeren Meinhold wohl nicht mehr getroffen?"
„Leider nein. Der Alte war kurz nach sechs wieder aufgebrochen, um auf einem Gaule des Wirthes seinem Herrn nachzureiten nach Limers- heim. Wen Hans bort aufsucht, brauche ich nicht erst zu fragen."
„Gott Dank, daß Meinhold ihn begleitet!"
Provinz Hannover im Schlosse zu Hannover, und während dieses Mahles hat der Kaiser einen beachtenswerthen T r in k s p r u ch ausgebracht. Er berührte darin die wichtige Angelegenheit des schon so viel besprochenen Mittel! and-Kan als, indem er sagte: „Zu gleicher Zeit erfüllt mich die freudige Beruhigung, daß sich auch in meinem Trinkspruch die Hoffnung erwecken kann auf zukünftige große Entwickelungen, denn die große nationale Unternehmung, die in diesem Winter den Volksvertretern zur Annahme vorgelegt werden soll, wird hoffentlich gerade für diese Provinz von nachhaltiger Wirkung und nachhaltigem Vortheil sein. Das Projekt der Verbindung des Ostens mit dem Westen auf dem Wasserwege hat lange gereift und ist eingehend berathen worden. . . . Möge — so ist mein Wunsch — sowohl durch dieses große Werk, auf dessen Annahme ich hoffend rechne, als durch die Entwickelung ihrer so fchönen, blühenden Landwirthschaft auch die Provinz weiter blühen und gedeihen. . . ." Die Presse des Bundes der Landwirthe fühlt sich durch diesen Trinkspruch des Kaisers unangenehm berührt. Die,Deutsche Tageszeitung' findet, daß „die Stellungnahme des Fürsten für eine künftige, dem Landtage zu unterbreitende Vorlage an sich etwas Ungewöhnliches" fei, und verkündet, daß diese Vorlage, sobald sie dem Landtage unterbreitet sein werde, „der Kritik unterzogen werden solle", „in den Formen und den Instanzen gegenüber, die verfassungsmäßig gegeben sind." Sehr richtig gesagt; das ist das gute Recht von Jedermann. Aber warum wirft die konservative Presse so oft mit Ausdrücken wie vaterlandslos, reichsfeindlich und dergleichen um sich, wenn einmal jemand anders an anderen Vorlagen diese „verfassungsmäßige Kritik" übt? Was dem Einen recht ist, das muß doch dem Andern billig sein. Aber da kommt wieder das uralte Sprüchlein zur Geltung: Und der König absolut, wenn er unfern Willen thut! Nun, wir werden es uns merken.
* In der ,Kreuzztg/ lesen wir: „Auf Befehl des Kaisers wird der Kultusminister Dr. Iiosse an der bevorstehenden Einweihungsfeier der Erlöserkirche in Jerusalem Theil nehmen und sich dort vor der Feier bei Sr. Majestät melden. Der Minister dürfte die Reise über Genua und Kairo mit dem Stangenschen Schiffe machen." — Die Meldung klingt etwas sonderbar.
+ Nach der Behauptung eines bekannten — leider nur allzu bekannten! — Offiziosus soll es als ausgeschlossen zu erachten sein, daß dem Landtage von Kippe- Detmold ein Thronfolge- Gesetz vorgelegt werde, ehe „der in jenem Streite angerufene Bundesrath über seine formelle Zuständigkeit sich schlüssig gemacht habe" — denn „die lippische Regierung dürfe nicht die dem Bundes- rathe gebührende Rücksichtnahme außer Acht lassen". Gut, das mag richtig fein. Aber erstens glaubte man bisher allgemein, die Sache sei im Bundes- rathe bereits abgethan; und zweitens, wenn es nun der Bundesrath ebenso macht wie mit dem Jesuitengesetze? Dann könnten noch 10 Jahre vergehen, ohne daß die Sache geregelt würde.
+ In der Presse war das Gerücht von
brach Gesina das drückende Schweigen, welches den Worten des Rathsschreibers gefolgt war. „Als Hans vorhin um die Ecke des Fifchmarktes bog, wurde mir ganz schwer um's Herz. Nun weiß ich ihn in guter Hut."
XIV.
Als Gesina am nächsten Morgen aus den andachtsstillen Hallen dem Münsters trat, sah sie auf dem offenen Platze vor ihrem Hause eine dichtgedrängte Menge. Ein namenloser Schreck befiel sie und ließ ihr Herz in wilden Schlägen klopfen. Daß dort ein Unglück geschehen, ward ihr sofort klar. Aber was? wer? Ihre Mutter ober Hans? Ihre Gebanken flogen mit Blitzesschnelle von einem zum anbern, indeß ihre Füße wie an die Stelle gefesselt waren.
Das Rasseln eines Bauernwagens, der schwerfällig von bannen fuhr, gab ihr Leben unb Bewegung wieder. So war es also Hans.
Mit einem leisen Wehelaut raffte Gesina sich auf und eilte, so schnell ihre zitternden Glieder es gestatteten, dem Hause zu. Das dumpfe Summen des erregten Haufens verstummte bei ihrem Nahen, scheu wichen die Leute auseinander. Gesina fragte nichts, keiner sagte ein Wort, und doch las sie deutlich in den schreckensbleichen Gesichtern, den mitleidig auf sie gerichteten Blicken: „Er ist tobt.“
Eine unnatürliche Ruhe überkam sie. Es war, als ob eine Starrheit von ihrem Herzen ausgehe unb sich erkältend über ihr Fühlen und Denken, über ihren Körper wie über ihre Geisteskräfte lege, so daß sie nur mehr wie eine Gliederpuppe sich bewegen und wenden konnte. Langsam, das stille Auge gerade vor sich hin
einem angeblich angebahnten, ober womöglich schon abgeschlossenen englisch-deutsche« Sch«tz- «ud Drutzöüttdttiffe aufgetaucht. Derlei Bündnisse sind ja in den meisten Fällen erfreulich. Aber daß man es hier mit einem sommerlichen Phantasiegebilde zu thun hatte, war von vornherein klar. Und nun wird damit durch eine halbamtamtliche Berliner Mittheilung aufgeräumt, die feststellt, daß es „für deutsche Leser kaum noch betont zu werden braucht, daß diese Mittheilungen dem Stande der Dinge nicht entsprechen können". Denn, wenn sie richtig wären, müßte „daraus geschloffen werden, Deutschland habe sich verpflichtet, in allen Theilen der Welt der britischen Politik Heeresfolge zu leisten. Dies aber wäre gleichbedeutend mit einem Frontwechsel unserer Politik, von dem selbstverständlich nicht die Rede ist.
>< Das deutsche Geschwader Sei den ^Hrkippine«, das den Amerikanern lange Zeit hindurch so viel Sorge gemacht hatte, hat nunmehr seine Aufgabe erfüllt. Sein ferneres Verbleiben in den Philippinen-Gewässern ist nicht mehr erforderlich, so daß fortan nur noch zwei Fahrzeuge vor Manila liegen bleiben werden. Möglicherweise wird sogar ein deutsches Kriegsfahrzeug genügen, um die Interessen der deutschen Reichsangehörigen auf den Philippinen hinreichend zu schützen.
* Einer Blättermeldung zufolge, soll der vom Reichskanzler in Aussicht gestellte Gesetzentwurf wegen obligatorischer Ileischöescha« so weit vorgeschritten fein, daß der Bundesrath sich alsbald mit dem Entwürfe werde beschäftigen können. Möglicherweise werde der Reichstag schon in der bevorstehenden Tagung den Entwurf vorgelegt erhallen.
* Die preußische« KaudtagswaHke« werden nach einer Meldung der ,National-Zeitung' „keinesfalls vor Anfang November" stattfinden. Eine sonstige Bestimmung über den Zeitpunkt derselben soll noch nicht getroffen sein.
* Zu dem von uns wiederholt behandelten Thema über die katholische« ^rivalschnke» i« ISeimar-Kisenach hat die.Germania' eine längere Zuschrift erhalten, der wir folgende Sätze entnehmen: „Die ungleiche Behandlung der katholischen Privatschulen im Großherzogthum ist eine schreiende Ungerechtigkeit. In Geisa sind ungefähr 20 protestantische Schulkinder. Um diesen die Wohlthat einer Konfessionsschule zu verschaffen, wurde von der Regierung eine „protestantische Abtheilung" errichtet. Man sollte nun erwarten, was diesen 20 protestantischen Kindern recht, das sei den 275 katholischen Kindern in den vier größeren weimarischen Städten billig. Aber weit gefehlt! In Apolda sind 75, desgleichen in Weimar 75, in Eisenach sogar 85 und in Jena 40 katholische Schulkinder. Wenn keine Abänderung des Schulgesetzes nothwendig war, um in Geisa eine „protestantische Abtheilung" zu errichten, warum ist auf einmal eine solche Abänderung nothwendig, wenn es sich um Errichtung katholischer Abtheilungen handelt? Hier sieht man wieder einmal recht deutlich, wie Katholik en und Protestanten mit zweierlei Maß gemessen werden. Früher wurde die Parität im Großherzogthum gerühmt, jetzt unter
gewendet durchschritt sie die Menge, langsam erstieg sie die wenigen Stufen der breiten Stein« treppe. An der halb geöffneten Thür stand Kätherle, den Kops gegen die Sperrbalken gelehnt, den Fürtuchzipfel an den thränenschimmern- den Augen.
„Wo — wo", stieß Gesina hervor und schwieg wieder, da ihre Kehle wie zusammengeschnürt war, und sie jede einzelne Silbe mühsam herauswürgen mußte. „Wo — liegt er?"
„Ach Gott, so wißt Ihrs schon, Jungfrau Gesina? Hans, unser Hans ist todt," schluchzte die Alte. „Gestern kam er so frisch, so fröhlich dahergesprengt, daß einem das Herz im Leibe lachte, wenn man ihn nur anschaute, und heute haben sie ihn gebracht: die Füße voraus, erblaßt und kalt."
„Wo liegt er?" wiederholte Gesina ihre Frage.
„Sie haben ihn in die Stube des Großohms getragen. Die Mutter wollte es so. O du meine Güte, daß ich das noch erleben muß, das herzige Büblein, welches ich oft auf meinen Armen gewiegt, vor mir dahinfahren zu sehen! Hätte doch Gott mich altes nutzloses Weib abberufen, statt des frischen jungen Blutes! Was soll ich Überhaupt auf der Welt, wenn der Hans nicht mehr da ist?"
Gesina erwiderte nichts. Sie fragte sich nur verwundert, was sie alle noch auf der Welt sollten, wenn Hans nicht mehr auf ihr wellte. Ueber diesen Gedanken grübelnd, stieg sie die Treppe i’-tn Stübcken des seligen Großohms hinan. sie aber die Hand auf die Thürklinke legte, wich die todesähnliche Starrheit, laut aufjammernd, stöhnend, ließ sie die Arme