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FuwaerMZeitung

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verantwortlich: Für die Redaktion i. v.: Iol. Jorg für Inserate I. parzeller tn Fulda.

mit Zlnterhaltungs-Meitage „Mustrirte Sonntags-Jeilung"

M 190

JuLöcr, Dienstag, den 23. August 1898

25. Jahrgang.

dreimal begeistert in den Ruf ein und singt dann stehend, begleitet von den Musikkorps, die Na­tionalhymne.)

Pfarrer Schürmann-Duisburg (stürmisch begrüßt): Indem ich Sie herzlich willkommen heiße, soll ich Ihnen hrute über die Verdienste des Zentrums um die Arbeiterschutzgesetze reden. Wir Arbeiter müssen dem Zentrum innig dank­bar sein und werden ihm in Zukunft Treue halten. (Bravo.) Arbeiterschutz und Zentrum sind zwei Namen, die von Anfang an mit ein­ander innig verbunden sind. Redner ergeht sich dann, oft von lautem stürmischem Bravo unter­brochen, eingehend über die Thät'gkeit des Zentrums in der Arheiterfrage Wir haben viel erreicht; an der Spitze marschirt ein Arbeiterkaiser und ein Arbeiterpapst, und die führende und ausschlag­gebende Partei im Reichstag ist unsere Partei, ist das Zentrum. (Beifall.) Ihm wollen wir unser Herz und unsere Hand und unsere Stimme weihen bis zum letzten Atbemzug. (Stürmischer Beifall) dann wnd der Thurm des Zentrums unbezwingbar sein! Schon lange haben seine Feinde auf seinen Einsturz gehofft und sie haben verursacht, Theile davon abzubröckeln. Aber sie haben sich dabei nur die Finger wehe gethan! (Beifall und Heiterkeit.) Und der größte Feind des Zentrums, der große Hasser, ist ins Grab gesunken, ohne daß er das Centrum hat kürzen können. (Stürmischer Beifall.) Und fo wollen wir von hier fortgehen mit dem felsenfesten Vor­satz-, treu und standhaft zu halten zu dem ruhm­reichen katholischen Zentrum. Mögen denn die Feinde machen was sie wollen: wir werden un­besiegbar sein und während ringsum die Leichen der Feinde die Gräber um diesen Thurm füllen, wird von seiner Zinne die Flagge wehen auf der geschrieben steht: Für Kirche, Glauben uno Vaterland! (Stürmischer, minutenlanger Beifall.)

Reichs- und Landtagsabg. Stötzel (mit leb­haftem Beifall begrüßt): Sie werden alle mit mir das Gefühl haben, daß die Temperatur hier eine sehr hohe ist (Heiterkeit), und wenn auch die Kameraden, die mit mir von Essen herüber­gekommen sind — ich bin stolz darauf, mich Ihnen als Ihr Kamerad vorstellen zu können (Bravo!) - sagen werden, daß es vor den Hochöfen noch heißer ist als hier, so werden Sie mir zugestehen, daß roh uns hier auch im Lagerfeuer befinden (Heiterkeit), hier oben ist es noch wärmer, und Sie werden mich daher entschuldigen, wenn ich mich etwas kurz fasse, lieber das mir gestellte Thema, die Arbeiterorganisationen, ist schon so viel gesprochen worden. Die Organisation, so führt Redner weiter aus, fei nicht bloß eine Noth- wendigkeit, sondern auch ein Recht für den Ar­beiter. Die Thatsache, daß in einem bestimmten Falle die Arbeitsgeber nicht nur über die Arbeits­kraft ihrer Arbeiter, sondern auch über ihre Seele und über die Betätigung ihres Glaubens ver- ügen wollten, zeige das zur Genüge. (Beifall.) Aber nicht nur ein Recht sondern sogar eine Pflicht bestehe für den Arbeiter, sich zu organi- iren, das fei er sich selbst, feiner Familie und der Allgemeinheit schuldig. Für den katholischen Arbeiter könne es sich bei einem solchen Zu- ammenschluß selbstverständlich nur um eine Or-

auf dem Wege der Revolution, sondern auf dem Wege des Gesetzes. Unser hl. Vater hat sich der Arbeiter angenommen, wie selten ein Papst vor ihm, und unser Kaiser hat sich der Arbeiter an­genommen, daß er der soziale Kaiser genannt wird. Und wenn in der jüngsten Zeit eine Um­kehr oder wenigstens ein Hali gemacht worden ist, so wollen wir alles daran setzen, daß nicht weiter Halt gemocht wird, sondern vorwärts marschirt wird. (Stürmischer Beifall.) Und nun möchte ich diesen herrlichen Saal, der für die Generalversammlung errichtet ist, nicht besser ein- weihen und nicht besser eröffnen, als daß ich ihn Ihrem Herrn Präsidenten übergebe für Ihre Be- rathungen, aus denen Sie neue Belehrungen und Anregungen schöpfen mögen zu dem Kampfe für die Sache und Ehre Gottes. (Stürmischer, lang- anhaltender Beifall.) Sodann nimmt unter stürmi­schem Beifall das Wort

der Präses des Krefelder Arbeiter-Vereins, Herr Pfarrer Dr. Thywissen. Derselbe be­ginnt seine Ausführung mit dem Segenswünsche: Golt segne die christliche Arbeit! (Die Versamm­lung wiederholt die Segensworte.) Meine lieben Genossen, so darf ich Sie wohl heute nennen. Mit Recht dürfen wir sagen: Wenn es gilt, den katholischen Glauben vor Gott und den Men­schen zu bekennen, wenn es gilt, einzustehen für das Recht in Kirche und Staat, dann sind die Arbeiter gleichsam die Erstlinge, die berufen sind, Farbe zu bekennen. (Sehr richtig!) Wenn ich die bedeutende Zahl sehe, alle einig in dem Be­streben, einzutreten für die Rechte der Kirche, einig in dem Bestreben, nur auf gesetzlichem Wege ihre Lage zu verbessern, dann "bangt mir nicht vor dem Umsturz, dann weise ich auf unsere Arbeiter-Bataillone; so lange wir die haben, wird unser Vaterland durch den Umsturz nicht erschüttert werden. (Bravo!) Nicht Milde und Gnade von den Reichen braucht der Arbeiter, sondern den gerechten Lohn (Stürmisches Bravo!), damit der Arbeiter mit Weib und Kind anständig leben kann, (Bravo!) Das fordern wir im Namen des Christenthums.

Buchdrucker Schlösser (Mitglied des Kre­felder kathol. Arbeitervereins): Hochansehnliche Festoersammlung! Wir leben in einer Zeit, wo die Unterhaltung in den Arbeitervereinen, in den Werkstätten und in den Fabriken um das eine Thema sich dreht: Lösung der sozialen Frage. Da war es unser heil. Vater, der glorreich regierende Papst Leo XIII., der in seinen herr­lichen Encykliken darauf hinwies. Und dieses Vorgehen unseres alloerehrten Ober Hirten ist in das Herz unseres geliebten Landesfürsten ein­gedrungen. Was liegt uns heute, wo wir unter uns sind, wo wir von Nord und Süd, Ost und West zusammengekommen sind, um uns Herz zum Herzen auszusprechen, näher, als das auszu­drücken, was wir wollen und empfinden, als daß wir hier dieser höchsten Gewalten, der geistlichen wie weltlichen Macht gedenken. (Lebhafter Bei­fall.) Ein guter Katholik ist ein guter Patriot. (Bravo) Deshalb bitte ich, einzustimmen in den Ruf: Unser glorreich regierender Papst, unser regierender Kaiser Wilhelm II., sie leben hoch, hoch, hoch! (Die Versammlung stimmte

christlicher Grundlage handeln, l Beifall.) Wenn wir nur den guten Willen haben und ihn in der Praxis bethätigen, dann sind wir allen über. (Stürmischer Anfall.) Sie dürfen versichert sein, das Centrum wird stets auf Ihrer Seite sein, wenn Sie sich auf christlichem Boden organlstren, es wird seinen alten Ehrentitel sich nicht nehmen lassen, wie bisher so auch in Zu­kunft ein Anwalt der Schwachen und Hilflosen zu sein! (Lebhafter Beifall.)

Es^ folgt die Absingung eines gemeinsamen Liedes.

Inzwischen hat Weihbischof Fischer-Köln den Saal betreten. Derselbe wird mit lautem Beifall begrüßt und vom Vorsitzenden Namens der Versammlung herzlich willkommen geheißen. (Lebhafter Beifall.)

Hierauf ergreift das Wort der Vorsitzende des niederrheinischen Verbandes christlicher Textil-Ar- beiter, Peter Michels: Der Herr Vorredner hat gemeint, es möchten auf dem Gebiete der christlichen Arbeiter-Organisation endlich Thaten geschehen. Der christliche Textil-Arbeiter-Verband zahlt schon 4000 Mitglieder. Das ist schon ein schöner Anfang. Wir haben mit den Handels­kammern unterhandelt. Könnten wir fügen, wir hätten Zehntausend, wäre es 'besser. Wir kön­nen nur in christlichen Verbänden gesetzlich etwas erreichen, nicht in Verbänden, welche die Tauben auf dem Dache versprechen, aber die Spatzen in der Hand uns wegfliegen lassen. Gott segne die christliche Arbeit. (Bravo.)

Kaplan Bechem (Krefeld) schlägt vor, die Gefühle der Ehrerbietung, welche die Versamm­lung dem Papste und dem Kaiser erwiesen hat, durch Telegramme zu übermitteln, denen die Ver­sammlung begeistert zustimmt.

Redner verliest sodann einen Brief Sr. Emi­nenz des Kardinals Philippus Krementz, worauf auch an ihn ein Telegramm abgeschickt wird.

Nach Absingung eines Liedes erhält das Wort P. Auracher: Liebe Arbeiter: Neulich hielt ich irgendwo eine sozialpolitische Rede vor einer größeren Versammlung. Ein Berichterstatter be­merkte zu der Rede etwas spitzig: Schade, daß er ein Kapuziner ist, sonst gäbe er einen präch­tigen Wanderredner der Sozialdemokratie ab. (Heiterkeit.) Das war denn doch weit gefehlt. Denn was mich, was uns zu unserem Wirken treibt, ist unser heiliger katholischer Glaube! (Sehr richtig.) Kann ein katholischer Mann, ein katholischer Arbeiter Sozialdemokrat fein? (Nie­mals !) Die Herren verhöhnen unseren Glauben, waschen aber alle Tage sich in Unschuld und mit Wasser und Seife. (Heiterkeit.) Bebel sagte auf einem Parteitag: Wir nehmen jeden an, wenn er auch das Programm nicht versteht, wenn er nur unser Programm annimmt. Dann muß also las Programm doch schon ein Ausbund von Weisheit fein, wenn wir gewöhnliche Menschen es nicht verstehen. (Heiterkeit.) Kann ein katho­lischer Arbeiter mit gutem Gewissen als ver­nünftig denkender Mensch den Sozialdemokraten olgen? (Zuruf: Nein!) Den Arbeiter haben die Sozialdemokraten freilich auch lieb! Deshalb stimmen sie auch gegen alles, was im Reichstag für die Arbeiter beantragt wird. (Heiterkeit.)

□ 45. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands pi Krefeld.

il.

Krefeld, 22. Aug.

Der erste Tag der Katholiken-Versammlung wurde ein geleitet mit einem feierlichen Hoch­amte in der Pfarrkirche zum hl. Joseph für die Mitglieder der katholischen Arbeiter-Vereine. Die Betheiligung an dem feierlichen Akte war äußerst rege. Eine ebenso starke Betheiligung wies der Festzug der katholischen Arbeiter-Ver­eine auf, welcher sich um 3'/e Uhr vom West­wall aus zum Festlokale, dem Drießenhof, in Be­wegung setzte. Derselbe gestaltete sich zu einer imposanten Heerschau der katholischen arbeitenden "Bevölkerung des Niederrheins. An 100 Arbeiter- Vereine waren vertreten, fast alle mit ihren Fahnen: die Mitglieder der Vereine zählten nach Tausen­den, denen es zur großey Freude gereichte, daß isowohl der Ehrenpräsident des Lokal - Komitee's, PrinzJohann Engelbert vonArenberg, als auch der Reichstags-Abgeordnete Prinz von Ärenberg an dem Festzuge theilnahmen. Den Zug eröffnete der Kameradschaftliche Bund Krefeld in grüner Jägertracht mit wallendem Federbusch auf den grauen Filzhüten. Etwa 3U Stunde dauerte der Vorbeimarsch des Zuges, zu dessen beiden Seiten die Menge ein dichtgedrängtes Spalier bildete. In dem Zuge befanden sich etwa ein Dutzend Musik-Korps.

Pünktlich um 5 Uhr eröffnete der Präsident des Lokalkomitees, Dr. Urfey, die Versammlung >mit dem katholischen Gruß und wies in seiner einleitenden Ansprache darauf hin, wie das Komitee, um den Arbeitern die Theilnahme an der Katholiken­versammlung zu ermöglichen, den Präsides der sämmtlichen Arbeitervereine den Vorschlag gemacht habe, heute als Vorversammlung zur General­versammlung eine Arbeiteroersammlung zu veran- ftalten. (Bravo!) Das Lokalkomitee freut sich, 'Sie hier zu sehen, wo Sie Gelegenheit haben, öffentlich zu bekunden, daß Sie festhalten wollen an der katholischen Kirche und Ihrer katholischen Religion. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren, es wird behauptet, die Arbeiterfrage fei nur eine Magensrage und der Arbeiter kümmere sich um weitere Ideale nicht. Als wir heute Morgen beim •Credo den herrlichen Gesang anstimmten r „Ich glaube an den Sohn Gottes, empfangen vom hl. Geist, geboren aus Maria der Jungfrau", da •senkten sich die sämmtlichen Fahnen zur Erde und da beugten sich die Tausende von Arbeitern, um Gott die Ehre zu geben und ihm zu huldigen. (Stürmischer Beifall.)

Sie sind nicht gewillt, den Himmel, wie man sagt, den Spatzen zu überlassen, sondern Sie alle reklamiren den Himmel. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Wir werden unsere Gegner bekämpfen mit dem Schwert des Glaubens. Wir werden sie bekämpfen mit dem Schnellfeuer des Gebetes (stürmischer Beifall) und wir werden nicht eher ruhen, als bis wir mit diesem Schnellfeuer unsere Gegner nicht vernichtet haben, sondern sie herüber­geführt haben zu uns. (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Wir wollen eine Verbesserung unserer Lage, die höchst nothwendig ist, herbeiführen, nicht

Auf der Ueichswucht.

Erzählung von A. Jüngst.,

15 ------ (Nachdruck verboten.)

„Das Mädchen hat es ihm cmgethan," er­klärte Sigmar, „rein angethan. Er glaubt unent­wegt an sie, trotzdem ich mehr denn einmal von dem Gemunkel der Leute über ihre Liebelei mit dem Franzosen in meinen Briefen habe ein fließen kaffen. Sie ist in Wahrheit sein Verhängniß. Ihren Verlust würde er niemals überrotnbin."

„Niemals," bestätigte Gesina tonlos.

„Ist es da Recht, Gesina, daß Ihr um einer unerwiderten Steigung willen die schönsten Jahre Eures Lebens vertrauert, Euch, die Mutter und mich unglücklich macht? Ich verlange ja nicht, daß Ihr mich lieben sollt, wie Ihr den Hans geliebt habt und noch liebt. Ich begreife, daß er, der Klügere, Schönere, Liebewertbere, Euer ganzes Herz ausgefüllt hat. Darum will ich mich gern bescheiden und geduldig mit dem vorlieb nehmen, was Euer Großmuth mir zu spenden vermag. Aber Ihr dürst nicht einsam durchs Leben gehen, dürft nicht schutzlos zurückbleiben, wenn Gottes Wille einst Eure Mutter hinweg­ruft. Und seht, darum freute es mich, daß ich Euch gerade hier in dem Zimmer des Großohms traf. Der wackere, alte Herr verstand trotz seiner Blindheit gar wohl, in den Herzen der Menschen lesen. Er wußte um Eure Liebe, wußte um die meinige. Am Tage vor seinem Tode, als ich zum letzten Male bei ihm war und ihn um seinen Segen bat, nahm Herr Bartolo- mäus meine Hand in die feinige und sagte: „Den habt Ihr aus vollem Herzen, lieber Sohn !"

„Hört Jhr's, (Sifina, er sagte: „lieber Sohn!" Und," fuhr er fort, roenn einmal dir Zeit kommt, daß Ihr dem armen Kinde da unten, das sich härmt und grämt um feine thörichte Siebe, Euer Herz wiederum anbieten dürft, sagt ihm, daß ich Euch sterbend meine freudige Zustimmung ge­geben, daß ich nach dem Mißgeschick des Hans nichts sehnlicher verlangt habe, als meinen Lieb- wg an Euerer Seite glücklich zu roiffen." Ach, Sefina, gilt Euch der letzte Wunsch eines Ver- torbenen, die ausharrende Treue eines Lebenden )enn nicht mehr als das Hirngespinst einer Siebe, die Ihr selbst als hoffnungslos erkennt?"

„O Gott! daß ich Euch wehe thun muß. Euch, meinem einzigen Freunde!" schluchzte das Mädchen, und Helle Thränen rannen über ihre Wangen. „Vergebt mir, Sigmar, aber ich kann nicht anders. Meine Siebe ist nicht mehr mein; ich ::ann sie nicht bannen und zurückrufen, sie nicht wechseln wie ein Kleid. Ich habe mein Herz an Hahs gehangen, ehe ich wußte, was es um die Minne ist. Sie ist mit mir gewachsen, und groß geworden und,wird nur mit meinem Leben erlöschen. O sagt, daß Ihr mir nicht grollt, Sigmar!"

Der abgewiesene Freier erwiderte kein Wort; verdrossen drehte er das Barett in seiner Hand hin und her. Er wollte der so schmerzlich Geliebten zürnen und vermochte es doch nicht. Desto mehr wandte sich fein Unmuth gegen den fernen Freund.

„Nicht Euch," sagte er endlich, „aber dem Hans Hochkirchner."

„Um Gottes Barmherzigkeit willen, nicht ihm; er bedarf Eurer ganzen Freundschaft und Treue. Mir sagt eine innere Stimme, daß Hans der­selben mehr denn je benöthigt ist. Wenn auch

der Vicomte von Lopendiöre feit mehr als einem halben Jahre in Colmar weilt, soll das ärger­liche Verhältniß zwischen ihm und der Rosel darum nicht abgebrochen fein. Einmal versuchte die Mutter, sie zur Rede zu stellen, aber sie wußte ihr mit nichtssagenden Worten, wie ein Aal aus der Hand zu entgleiten. Seitdem hat das unselige Mädchen — —"

„Sprecht nicht von ihr. Ich kann den Namen jetzt nicht hören, am wenigsten aus Eurem Munde. Gott sei mit Euch, Gesina! Ob Ihr auch mein Herz aufs schmerzlichste verwundet habt, ich kann doch nicht aufhören. Euch zu lieben. Ich gehe, aber ich komme wieder."

Mit diesen Worten wandte Eppendorf sich zum Gehen; an der Schwelle blieb er jedoch stehen, als erwarte er, daß Gesina ihn zurückrufe. Diese aber hatte feiner nicht mehr acht; sie war neben dem Seffel des Großohn s in die Kniee gesunken und meinte still vor sich hin. Noch ein­mal umfaßte fein Blick die liebliche Gestalt, schwebte ein heißes, leidenschaftliches Wort auf feinen Lippen, aber der Wackere bezwang sich und verließ geräuschlos das Gemach.

Wenige Minuten später ward die Thüre hastig wieder aufgestoßen. Frau Edeltraut er­schien athemlos in ihrem Rahmen.

„Gesina, Kind, sind Nachrichten von Hans gekommen? Schlimme Nachrichten?"

Gesina erhob sich von ihren Kuieen und schüttelte verneinend das Haupt.

„Aber was ist denn geschehen? Der Stadt- schreiber rannte auf die Straße an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und mit einem Gesicht, als habe er eine Todesnachricht erhalten. Und Du hier im Zimmer des Großohms und in Thränen?"

„Ich kann gewiß nichts dafür. Matter," schluchzte die Jungfrau, ihre Stirn an die Schulter der Mutter schmiegend, „Sigmar hat mich wieder gefragt, was er schon einmal gefragt vor Jahren, und--"

..Und Deine Antwort, mein Kind?" forschte die Matrone eifrig.

„Welche Antwort hätte ich ihm geben können als die eine, dieselbe wie damals. Ich bin nicht anders geworden in dieser Zeit und durfte doch, selbst roenn ich wollte, einem so ehrlichen treuen Menschen für fein ganzes volles Herz kein gechecktes zum Entgelt geben."

Frau Edeltraut seufzte. Sie hätte ihr Kind gern in der Hut des braven Mannes sicher ge­borgen gewußt. Die letzten Jahre hatten für sie doppelt gezählt. Die Sehnsucht nach dem Pflegesohne, die Sorge um die einzige Tochter und vor allem der Gram um die leichtsinnige Rosel nagten fort und fort an ihrem Herzen. Sie hatten die hohe Gestalt gebeugt, das braune Haar mit reichlichen Silberfäden durchzogen. Was sollte aus Gesina werden, wenn sie von hinnen ging, und das alternde Mädchen allein stand unter der ihr nicht sonderlich geneigten Sippe? Um des Hans willen waren sie ja ver­feindet mit der alten Rathsherrin wie mit den Treuen und Neuburgen am Hohensteg.

Aber so sehr ihre Vernunft sie auch drängte, dem eifrigen Bewerber das Wort zu reden, Frau Edeltraut verstand die Gefühle ihre Kindes und sagte nichts. Sie strich nur liebkosend über den blonden Scheitel Gesinas und flüsterte:

„Gott helfe Dir und uns allen, Kind! Das Leben ist schwer."

(Fortsetzung folgt.)