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M 188.

Kutöcr, Samstag, den ‘20. August 1898

25. Jahrgang.

Zur bevorstehenden Landtagswahl.

Vor den Wahlen zum deutschen Reichstag waren alle Blätter der Katellparteien entrüstet, als katholische Abgeordnete und katholische Zei­tungen die Nachricht brachten von der Gefährdung des Wahlrechts. Nicht im Entferntesten denke auch nur jemand daran, dieses Volksrecht anzu­tasten; das ganze sei vielmehr eine ganz elende Verleumdung und ein ganz gemeines Wahl- manöoer. In dieser Art und Weise suchte man sich dann aufs hohe Roß zu setzen und uns im Tone sittlicher Entrüstung entgegenzudonnern. Und heute —!?

In den Federn konnte die Tinte kaum ge­trocknet sein, mit der die Artikel für das Wahl­recht geschrieben waren, da wurden mit denselben 'Federn schon lange Betrachtungen über die Schädlichkeit und Sinnlosigkeit des Reichstags­wahlrechts geschrieben. In solcher Fülle dringen 'jetzt diele Artikel auf uns ein, daß es scheint, die Verfasser wollten sich für die kurze Zeit der Enthaltsamkeit gründlich entschädigen. Konser­vative, frerkonservative und nationalliberale Blätter, -alle reden verblümt oder unverblümt der Ab­schaffung des Reichstagswahlrechts mit der un­befangensten Miene von der Welt das Wort. 'Wie es umgestaltet werden soll, darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Uns will scheinen, ihrer aller heimlich geliebtes Ideal sei das preußische Dreiklassensystcm; es wagt's nur -keiner auszusprechen.

Glücklicherweise sind alle Artikel und Bro­schüren gegen das Reichstagswahlrecht „akade­mische Erörterungen", die uns nicht die mindeste Sorge bereiten. Im Reichstage ist eine Mehr­heit für die Aenderung des Reichstagswahlrechls nicht zu haben. Auch die Regierung wird sich die Sache erst noch lange unb gründlich über­legen. Die Feinde des Wahlrechts konstruüen sich die Möglichkeit eines Reichstages, der zu allem Nein sagte, so daß die Regierungsmaschine still stehen müßte. Aber bis dahin hat es noch gute Wege und die Negierung wird nicht so thöricht sein, aus Besorgniß vor einer unwahrscheinlichen .Zukunft das Zusammenarbeiten mit „diesem" Reichstage abzulehnen und lediglich um den Kar­tellparteien einen Gefallen zu lhun, auf neuer 'Grundlage einen neuen wählen zu lasten. Die Kartellparteien vermögen sich immer noch nicht -darein zu finden, daß sie nicht mehr die Mehrheit haben, fondern das Centrum die ausschlaggebende Partei ist. Weil ihnen das nicht paßt, bilden sie sich ein, der Regierung dürfe es gleichfalls nicht passen und sie müsse, um einen anderen 'Reichstag zu erhalten, das ganze Reich in Ver­wirrung stürzen. Das sind Träume eines unbe­rechtigten Größenwahns.

Aber nicht allein keine Sorge macht uns das Papierene Bombardement gegen das Reichstags­wahlrecht, sondern inniges Vergnügen. Es hätte nicht zu gelegnerer Zeit kommen können. Wir

Auf -er Urichsmacht.

Erzählung von A. Jüngst.,

13 ------ (Nachdruck verboten.)

Wenige Augenblicke später trat das junge 'Pärchen bleich und still in das Thurmstüblein. "Bei dem feuchtkalten Nebelwehen draußen, muthete Las kleine Gelaß unendlich heimelnd an. In In dem viereckigen, mit Bildern aus der heiligen Schrift geschmückten Ofen schnurrte ein Helles Feuer, eine Kerze brannte auf dem Tische.

Der greise Andreas Mevus saß an seinem -gewohnten Platze, aber die Pfeife mit dem ge­liebten Kraut lag unberührt neben ihm. Auch Muhme Gertrud hatte der Arbeit vergessen. Der Strickstrumpf war den fleißigen Händen entsunken. Gedankenvoll starrte sie vor sich hin in die Flamme. Der Tag, an welchem ihr Liebster «inst von hinnen gezogen, stand mit erschreckender Deutlichkeit vor ihren Augen. Ach, wenn dem Hans, dem frischen jungen Blut, das selbe Loos beschieden wäre! Wenn die Rosel, gleich ihr, «in ganzes Menschenleben hindurch sich sehnen und grämen sollte um einen, der fern auf brauner Heide erschlagen lag!

Die beiden Alten fuhren auf, als die Thür knarrte, und der Gegenstand ihrer Gedanken auf der Schwelle stand.

„Zum letzten Male, Vater!" sagte Hans, dem Thürmer die Hand bietend.

„Zum letzten Male heuer!" versetzte Mevus, aus seinem trüben Sinnen sich aufraffend. „Ich denke, meine morschen Knochen hallen noch so lange zusammen, daß ich Euch einen fröhlichen Willkomm ein läuten kann."

treten allmählich in die Agitation für die preu­ßischen Landtagswahlen ein. Da werden die Kartellparteien, besonders die Herren auf der Rechten, den Wählern wieder alles versprechen und alles ableugnen, was man nur will. Sie werden eine schöne Reform des preußischen Wahl­rechts versprechen und alle bösen Absichten auf die allgemeinen staatsbürgerlichen Freiheiten auf das Vereins- und Versammlungsrecht usw. usw. feierlich ableugnen. Dann mögen sich die Wähler erinnern, wie man's in den Blättern dieser Par­teien vor und nach den Reichstagswahlen über das Reichstagswahlrecht las. Sie werden dann den Werth der Versprechungen und Ableugnungen von dieser Seite zu schätzen wissen.

Unser Bestreben bei den kommenden Wahlen muß vor Allem sein, die Rechte zu schwächen. Den Centrumswählern wird man hier und da wohl wieder einzureden suchen, sie müßten für die Konservativen stimmen, weil diese eine christliche Partei seien und mit dem Centrum Religion, Christenthum und Kirche schützen wollten. Dem ist zunächst zu begegnen mit dem Hinweis darauf, daß die Konservativen in langen Jahren nicht einen Finger für uns gerührt und alle Klagen und Beschwerden des Centrums kaltlächelnd an­gehört haben. Und namentlich ist ihm zu be­gegnen mit dem Hinweis darauf, daß die Konser­vativen nicht allein früher schon das Centrum betrogen haben, z. B. bei der Wahlrechtsreform, fondern daß sie auch soeben wieder gleich den übrigen Kartellbrüdern ihre feierlichen Versiche­rungen bezüglich des Reichstagswahlrechts im Handumdrehen vergeffen haben. Auf die Worte so vergeßlicher Leute ist nichts zu geben und darum muß man sich bei den Wahlen vor ihnen hüten.

o Die Rettung der deutschen Laudwirthschaft.

Ein junger deutscher Gelehrter hat neuerdings entdeckt, wie die so schwerbedrückte deutsche Land- wirthschaft entgiltig zu retten sei und in der ,Kreuz;tg.' ist diese so hohe Wissenschaft und Weisheit der Welt zugänglich gemacht worden. Die Sache ist so einfach wie möglich; man muß die Getreidezölle auf 70 bis 80 Mark für die Tonne erhöhen, aber, damit gleichwohl das Brod nicht theurer werde, einfach das Bäckergewerbe beseitigen. Brod wird nur noch vom Staate ge­backen und verkauft. Also ist damit das Räthsel gelöst, wie das Getreide theurer und zugleich das Brod billiger wird.

Ganz neu ist der Gedanke nicht; der Müller Till, der sich für den Urheber des Antrages Kanitz hält, hat ibn schon in verschiedenen Flugschriften erörtert. Allerdings hat sich Herr v. Plötz dazu­mal für das Brodmonopol nicht begeistern können, sondern den Vorschlag als bedenklich sozialistisch zurückgewiesen. Aber was thut das dem jungen Staatsretter? Das Brodmonopol sei gewiß eine sozialistische Maßregel, aber ein vernünftiger Sozial­politiker werde sich gewiß nicht für die Verstaat­lichung der Textil-, Eisen-, Maschinenindustrie oder der Laudwirthschaft erklären; das Bäckereigewerbe dagegen eigne sich dazu vorzüglich, da hier „faktisch bereits ein privates Monopol vorliegt".

„Ach, Hans, Ihr wißt nicht, wie beklommen mir das Herz um Euch ist!" klagte die Muhme und fuhr mit dem Rücken der Hand über die Augen. „Gerade so — —"

„Um Gottes Willen, Muhme, so schweiche doch," unterbrach Rosel die Greisin unfreundlich. „Der Hans weiß schon lange, wie Dir zu Muthe gewesen, als Dein Hinz und Kunz Abschied von Dir genommen."

Die Muhme schaute bekümmert auf ihr Pflegekind. War die Rosel sich denn immer gleich? immer nur auf sich bedacht, ohne alles Verständniß für die Gefühle anderer?

„Laßt nur, Muhme Gertrud!" bat Hans sich iebreich zu ihr neigend. „Ihr dürft heute mit )er Rosel nicht schelten. Ste bedenkt nicht, was ’ie tagt in ihrem Schmerz. Wir wollen auch >as Weh dieser Stunde nicht verlängern. Bester, ich gehe."

„Aber nicht, ohne daß Ihr mir noch einmal Bescheid gethan in dem Türkheimer Brand, Herr Sohn. Hatte zwar gedacht, wir wollten den Rest des Fäßleins zu siöhlicherer Feier aufheben als zum Abfchiedstrunk. Doch fo Gott will, kehrt Ihr in Bälde zurück, und die Elsässer Reben bringen jedes Jahr neuen süffigen Wein. Schenk' ein Base!"

Als aber die Becher mit einem „Gesegn'es Gott"! und „Gut Heil und guten Weg!" zu­sammenklangen, trat der Knecht ein und sagte mit feiner heiseren Stimme:

„Eben kommt ein Bote von der Citadelle mit dem Befehle des Generals, daß morgen früh um neun Uhr mit allen Glocken geläutet werden solle.

Also soll die Regierung nicht säumen; sie stellt die niedrigsten Brotpreise fest und gewährt den Landwirtheu „Kanitzpreise". Damit werden auch die Handelsverträge nicht verletzt. Allerdings der ziffermäßige Beweis für die Durchführbarkeit des schönen Planes ist nicht leicht. Der Ver­fasser gesteht: „Genaues über den heutigen Ver­brauch von Bäckerbrod wissen wir nicht; beider ernsthaften Erwägung der Frage müßte natürlich erst eine genaue Enquette vorgenommen und eine vollständige Produktions -Statistik durchgeführt werden." Aber das hindert ihn nicht, als­dann noch feine Rechenexempel vorzuführen, die als eine „ernsthafte Erwägung der Frage" allerdings von Niemand angesehen zu werden beanspruchen können. Recht aussichtsvoll ist die Forderung des Verfassers, daß der Staat den Getreidebetrag, den er von jedem einzelnen Landwirth zu Mono­polzwecken ankaufen solle, wobei es zugleich Be­obachtung verdient, daß er die andauernde Ein­fuhr von fremden Weizen als nöthig ansieht, da der deutsche Weizen kein backfähiges Mehl gebe. Er gibt ein Mischungs-Verhältniß von 3:1, in schlechten Erntejahren sogar 2:1 zu. Mit 3000 Bäckereien und Brodfabriken soll das Reich hin­reichend versorgt werden. Ob an der Spitze dieser Bäckereien Wirkliche Geheime Ober-Back- räthe stehen werden, wird leider nicht gesagt. Ein Ministerium für die Brodangelegenheiten wird aber schwerlich umgangen werben können.

Daß bet Staat, welcher Getreide kaust und Brod backt, auch die Müllerei verstaatlichen muß, versteht sich von selbst, wird vpn dem jungen Ge­lehrten aber vermuthlich erst in einem dritten Ar­tikel — bis jetzt liegen zwei vor — entwickelt werden. Einstweilen beweist er seine Liebe zum Mittelstände durch die Beseitigung des Bäckerei- Gewerbes. Es geht ihm zwar einen Augenblick nahe, daß es nach der Zählung von 1895 nicht weniger als 77,609 selbstständige Bäcker mit 139,959 Gehilfen gibt. Aber er tröstet sich, das sei doch nur der achtzigste Theil der industriellen und landwirthschaftlichen Bevölkerung, und wenn man die Wahl hat, einem „Berufszweige die Selbstständigkeit zu nehmen" oder die Landwirth- schaft die schwersten Erschütterungen durchmachen z:l lassen, so' „dürfte die Frage der Erwägung werth sein". Gewiß, besonders zur Zeit der Hundstage. Sind die vorüber, dann wird voraus­sichtlich her junge Gelehrte mit fammt seinem Brod­monopol vergessen unb darüber froh fein können.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. August.

X Die Ileisedispoütioneu des Kaisers sind wieder geändert worden. Morgen Nach­mittag, nach Beendigung der Mainzer Parade, werde er nach Frankfurt fahren, dort mit feiner Gemahlin zusammentreffen und mit dieser zum Besuche seiner Mutter nach Kronberg reifen. Am Sonntag Nachmittag stattet das Kaiserpaar der Kaiserin von Oesterreich in Bad Nauheim einen einftünbigen Besuch ab unb fährt bann nach Wil- helmshöhe, von wo später die Abreise nach Pots­dam erfolgt.

+ Eine merkwürdige Geschichte ist in China passirt. Ein sogenannter Wettreifender, Gugen

Straßburg sei hinsüro eine wälsche Stadt, be­hauptet er."

„Da schlage ja gleich das Donnerwetter drein!" grollte der Thürmer und schleuderte den empor­gehobenen Becher auf den Tisch, daß der köstliche Wein weithin verspritzte. „Nicht einen Glocken­strang rühre ich an, das schwöre ich Euch heilig und theuer. Lieber möchte mir der rechte Arm verdorren, als daß ich meiner Heirnath, der freien deutschen Stadt, zu Grabe läute! Das kannst Du thun, Thomas."

„Wie Ihr befehlt, Meister," entgegnete der Knecht unb hockte neben ben Ofen, unter den ge­senkten Wimpern mit tückischem Blick nach den verstörten Gesichtern der Anderen schielend

„Dann laßt mich gehen, Vater," bat Hans, als er von dem ersten Schrecken sich erholt hatte. „Meine Mutter und Gesina werden sich ängstigen, wenn irgend eine der Gevatterinnen die unum­stößliche Gewißheit ihnen zuraunt. Bislang waren es doch immer nur Muthmaßungen; man hoffte wider allen Anschein von Hoffnung. Gehabt Euch wohl, Vater, und Ihre Muhme! Und Du, Rosel, — ach, Thränen, Thränen in Deinen schönen Augen, Thränen um mich, Röschen, das ertrage ich nicht! Aber da fällt mir ein, beinahe hätte ich's ver- gcffen: die Mutter hat mir ein Andenken für Dich gegeben!“

So sprechend griff der junge Steinmetz in die Tasche und zog ein kleines Kästchen von Ebenholz hervor. Sein Finger drückte auf eine verborgene Feder, der Deckel sprang auf, und in dunkeln Sammt gebettet blickte ein köstlicher Schmuck von Diamanten dem neugierigen Mägdlein entgegen.

„O die prachtvollen Steine!" rief Rosel, die

M-lff, der gleichzeitig Berichterstatter des jüdi­schen ,Berliner Tageblattes" ist, hat sich in der Provinz Schantung, wo die Steyler Missionäre unter Bischof Anzer ihre Niederlassungen haben, als deutschen „Extragesandten" aufgespielt und dort „Gericht" über die Mörder der Missio­näre abgehalten, die er sämmtlich freisprach. Als später Bischof Anzer von seiner Reise zurückkam und bei dem Gouverneur der Provinz sich erkun­digte, wann denn endlich die Mörder der Missio­näre abgeurtheilt würden, erfuhr er von diesem den Sachverhalt. Ob der Herr „Extragesandte" sich einen Ulk erlaubt hat, oder wie sonst die Sache sich verhält, ist noch nicht aufgeklärt. Wie berichtet wird, ist eine amtliche Untersuchung ein­geleitet, die, wenn sie ein Verschulden Wolffs er­geben sollte, zweifellos zu besten Bestrafung füh­ren wirb.

* Die Konservativen haben in den letzten Jahren immer und immer wieder im Abgeord­netenbause einer gewissen Sehnsucht nach dem Iedkitzschen Aokksschukgefetze Ausdruck ge­geben und dabei darauf hingewiefen, daß eine große Mehrheit dafür vorhanden sei. Wir haben niemals rechtes Vertrau n gehabt, daß sie in dem Zedlitz'schen Entwürfe bis zum Schluß an den­jenigen, die Rechte der Kirche betreffenden Be­stimmungen würden festgehalten haben, die das Centrum fordern mußte. Nunmehr findet unser Mißtrauen Bestätigung. In einer Polemik mit dem ,Hann. Surr.' über das Gesetz bemerkt et kaltblütig:

„Ein paar Bestimmungen über den Einfluß der katholischen Bischöfe auf die Schule und die Lehrer würden, wenn man die Berathung des Gesetzes hätte zu Ende gehen lassen, sicherlich abgelehnt worden sein, denn die ganze konservative Partei war gegen dieselben."

Es unterliegt wohl feinem Zweifel, daß die Handlungsweise der Konservativen ganz dieselbe sein würde.

+ Die preußische Regierung fürchtet die Polen mehr, als die Italiener. Der Verband deutscher Leinenindustrieller hatte den Minister des Innern ersucht, das D-ervot her Meschäftigung polnischer Arbeiter für die Provinzen westlich der Elbe aufzuheben, wenig­stens polnische Arbeiterinnen in den Spinnereien zuzulasten. Der Minister hat das Gesuch abge­lehnt. Polen könnten nicht zugelassen werden, weil dadurch der Zuzug inländischer Polen im Westen nicht verringert würde. Die Leinen- industriellen möchten einen Versuch mit italieni­schen Arbeitern machen, die in größern Trupps nach Deutschland kämen.

x Die Aolen-Ausrottmrgspakitik, die gegenwärtig betrieben wird, genügt den wen­dischen, sorbischen und obotritischen Vertretern des „Deutschthums" noch nicht; sie verlangen jetzt, daß auch gegen die „Dänen" in Schleswig energischer vorgegangen werde. Wie die Miquel- offizwsen .Berliner polit. Nachrichten', deren Herausgeber ein galizischer Jude ist, berichten, sollen in dem nächsten preußischen Etat „neue, nicht unbedeutende Mittel zur Einstellung gelangen be­hufs kräftiger und konsequenter Durchführung der Regierungsaktion in den östlichen Landes- theilen". Dann befürroortet das von einem aus­ländischen Juden herausgegebene Organ ein ähn-

Ohrgehänge heraushebend und gegen den Schein der Kerze haltend. „Sieh doch, Muhme Gertrud, wie das glitzert und funkelt!"

Aber Muhme Gertrud schüttelte abwehrend den Kops.

„Ich mag nicht. Die kalten Steine thun meinen Augen wehe. Thränen, aus Herzensgrund emporgeftiegen, sind edlere Diamanten."

„Wie Du sprechen kannst, Muhme. Als ob ich trotz meiner Thränen mich nicht freuen dürste an der Liebesgabe meines Hans ?" schmollte Rosel.

„Freue Dich, süß Lieb, und trag's zu meinem Gedenken!" sagte Hans, den Arm um die Schul­ter der Gescholtenen legend. Sein Wort klang weich, aber lieber wäre es ihm doch gewesen, Rosel hätte gleich der Muhme keinen Blick für den glitzernden Tand gehabt. „Gütiger Himmel, da schlägt es schon dreiviertel, ich muß Dich lasten. Mutter und Schwester erwarten mich. Aber mor­gen früh um acht, da laß Dein Tüchlein fliegen, Geliebte, da reite ich mit dem reuen Tage in die Welt hinaus!"

Noch einmal umarmte Hans das schöne Mägd­lein und flüsterte ihm ein letztes Lebewohl zu. Dann gewaltsam sich losreißend drückte er dem Thürmer und der Muhme die Hand und eilte mit leichtem Kopfneigen an dem ehrerbietig auf- stehenden Knechte vorüber dem Ausgange zu. Das kriechende Wesen des Pockennarbigen war dem offenen Jüngling zuwider; es kostete ihm jedes­mal Ueberwindung, den Schleicher zu grüßen. Thomas vergalt diese unwillkürliche Abneigung durch doppelten Haß. Auch jetzt ballte er die Faust in der Tasche und sandte dem Enteilenden eine derbe Verwünschung nach.