KuIoaerMZeitung
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JK 183.
Jutöa, Samstag, den 13. August 1898
25. Jahrgang
M Erstes Matt.
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Wegen des Festes Mariä Himmelfahrt wird die nächste Nummer unseres Blattes erst am Dienstag ansgegeben.
* Zum Kapitel Reichstags- Wahlrecht.
Die Feinde des wichtigsten Volksrechtes, des 'bestehenden Reichstags-Wahlrechtes, sind fortgesetzt an der Arbeit, ihre Minen gegen dieses Recht zu legen, das ihnen, je mehr es sich gegen sie entscheidet, umso verhaßter wird. Zwei von dieser Sorte sind neuerdings mit Broschüren an die Oeffentlichkeit getreten, in denen sie frischweg den Staatsstreich, die Abschaffung des Reichstagswahlrechts verlangen, falls der Reichstag sich nicht zu einer Verschlechterung desselben, wie sie in den Broschüren gefordert wird, verstehe. Und da natürlich nicht anzunehmen ist, daß der Reichstag zu diesem Verbrechen die Hand bieten werde, bliebe, nach Ansicht jener Leute, eben nichts Anderes übrig, als der Staatsstreich, der gewaltsame Umsturz von Oben.
Der eine von den Beiden, welche zu diesem 1 Verbrechen rathen, ist ein „Edelster der Nation" und trägt denselben Namen, wie der preußische Minister des Innern, v. d. Recke. Er meint, das Reichstags-Wahlrecht sei keineswegs ein so werthvolles Volksrecht, wie die „Demokraten" behaupteten, sonst würden nicht so viele ihre Wahlpflicht nicht erfüllen. Wie steht's denn in -dieserHinsicht mit dem Dreiklassen -Wahlrecht, bei dem meist nur kleine Minderheiten wählen? Ist das denn mehr werth? Er will den Reichstag durch „Delegationen der Landtage der deutschen Staaten" gewählt haben. Das wäre natürlich das Ideal aller Junker und Geldprotzen. Ein ^.schöner" Reichstag käme dabei heraus. Und wenn diese Aenderung nicht auf friedlichem Wege durchzuführen sei, müsse sie mit Gewalt durch- -gesetzt werden, mit Säbel und Flinte. Sehr einfach!
Der Andere, der unter angenommenem Namen 'schreibt, will zwar nicht gleich so radikal vorgehen, meint aber doch, wenn der Reichstag nicht selbst seine Enthauptung vornehmen wolle, dürfe die Regierung vor dem Staatsstreich nicht zurück- fchrecken. Er will den Reichstag nach Berufen und Erwerbsklassen zusammengesetzt haben, also eine Art Kastenparlament. Und die,Kreuzztg.', welche die gemeingefährlichen Vorschläge bespricht, gibt schließlich ihren Segen dazu. Allerdings macht sie auf das Bedenkliche der Vorschläge aufmerksam, räth auch der Regierung, erst mit dem neuen Reichstag es zu versuchen, mit dem sich doch vielleicht leben lasse, sagt aber schließlich auch, sie könne sich „vorstellen, daß einmal ganz energische Mittel gewählt werden müßten, wenn lks gar nicht anders ginge", wenn nämlich mal ..,,200 Sozialdemokraten in den Reichstag gewählt und etwa das ganze Militär- und Marinebudget
Ans der Deichswacht.
Erzählung von A. Jüngst.
8 ------ (Nachdruck verboten.)
Als Gesina die Wendeltreppe nach ihrem Kämmerlein hinaufstieg, lauschte sie einen Augenblick an der Thür des Großohms. Die Harfe war verstummt, ein leises Flüstern wie halblautes Gebet drang durch die Fugen. Gesina zögerte, dann pochte sie mit leichtem Finger an und öffnete.
„Ich wollte Euch noch eben geruhsame Nacht wünschen, Großohm," sagte sie, auf der Schwelle stehen bleibend.
„Komm nur herein, mein Kind! Es thut meinem alten Herzen wohl. Deine Stimme zu hören, wenn ich auch Dein Antlitz nicht sehen kann."
Gesina trat nun vollends in das holzgetäfelte Stüblein, das durch ein vor dem Marienbilde brennendes Lämpchen norhdür flig erhellt war. Was sollte auch dem Großohm das Licht, da er blind war seit manchem Jahre schon, und die guten Geister, welche bei ihm ein- und ausgingen, des irdischen Schimmers entbehren konnten.
„Aber was ist Dir, mein Liebling?" fuhr der Greis fort. „Es klingen Thränen in Deiner Stimme, und" — er fuhr leise mit der abgezehrten Rechten über ihre Wangen — „Du hast geweint?"
„Es sind schwere Zeiten, Großohm."
Ein feines Lächeln spielte um die Mundwinkel des Herrn Bartolomäus.
„Sehr schwer, darin haft Du recht, Gesina. Nur meint die ungestüme Jugend mit dem Worte -etwas Anderes, als wir ruhig gewordenen An
abgelehnt würden". Dann müßten die Männer am Steuer den Muth haben, zur „ultima ratio“, zu Säbel und Flinte, zu greifen. Wie kindlich! Denkt denn die,Kreuzztg.'nicht daran, daß, wenn einmal 200 Sozialdemokraten gewählt würden, die Armee wahrscheinlich in einem Maaße sozialistisch durchsetzt sein würde, der Säbel und die Flinte wohl eher gegen Diejenigen sich richten würden, welche zur „ultima ratio“ griffen?
Alle diese Erörterungen zeigen, welche Gefahren dem Wahlrechte drohen, und wie das deutsche Volk auf der Hut sein muß, wenn es sich nicht eines Tages dieses Rechtes beraubt sehen will.
Deutsches Deich.
Berlin, 12. August.
* Das neue Armeeverordnungsblatt macht bekannt, daß vom 1. Oktober d. Js. an eine ariderrveite Gliederung des Kriegs- Ministeriums ins Leben tritt. Sie entspricht den im Militäretat vorgesehenen Organisationsveränderungen. Außer der Auflösung der Remon- tirungs-Abtheilung, die durch die Remonte-Jn- spektion ersetzt wird, und der Umgestaltung der Anstellungs-Abtheilung, die künftig Justiz-Ab- theilung heißen wird, haben noch verschiedene Unterabtheilungen des Kriegsministeriums andere Benennungen erhalten. An die Stelle des Militär- Oekonomie-Departements tritt die Bezeichnung „Armee-Verordnungs-Departement", von dessen fünf Abtheilungen die vierte, bisher Servisab- theilung genannt, als „Unterkunftsabtheilung" bezeichnet wird. Das Centraldepartement zerfällt künftig in eine Ministerial- und eine Jnten- dantur-Abtheilung. Das bisherige Departement für das Jnvalidenwesen ist umgewandelt ist ein „Versorgungs- und Justiz-Departement" mit drei Abtheilung n: einer Pensions-, einer Versorgungsund einer Justiz - Abtheilung. Die bisherige Festungs-Abtheilung des Allgemeinen Kriegs- Departements erhält die Bezeichnung „Jngenieur- und Pionier-Abtheilung".
X Die preußische Gerrlraksenosserr- schaftskaffe hat, wie schon berichtet, ihren Zinsfuß erhöht. In der ministeriellen ,Berliner Korrespondenz' wird die Erhöhung damit motivirt, daß die Lage des Geldmarkts allgemein eine Hebung des Zinsfußes in Deutschland erkennen lasse, und daß die Kaffe diesem Umstand umso mehr Rechnung tragen müsse, als sie, um den Zinsfuß in den verflossenen drei Jahren möglichst stetig erhalten zu können, nicht unerhebliche Opfer habe bringen müssen. Gleichwohl dürfte die Erhöhung nicht angenehm empfunden werden.
* Bescheinigungen über Anmeldungen von Wersammkungen waren an einzelnen Orten für stempelpflichtig erklärt worden. Auf erhobene Beschwerde hat nunmehr der Finanzminister entschieden, daß derartige Bescheinigungen nicht stempelpflichtig seien, auch in dem Falle nicht, wenn eine solche ausdrücklich beantragt wird.
x Mit der Reform des Kiseuöatzu- ^ersoueularifs will es nicht vom Fleck. Ein Blatt hatte Mittheilungen darüber gemacht, die jetzt von der ,Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen' für unzutreffend erklärt werden.
Wärter des Grabes. Laß, laß, mein Kmd," wehrte er, als die Jungfrau ihm entgegnen wollte, „ich weiß schon, was Dich drückt! Wenn meine Augen auch nicht mehr Antheil haben am Leben, mein Ohr trügt mich niemals. Ich weiß gar wohl die verschiedenen Schwingungen des Tones zu unterscheiden, weiß, warum die Stimme mit so holdem Klange auf dem einen Namen und anders auf dem andern weilt. Aber gräme Dich nicht, mein Kind, es geht Alles vorüber.
„Verrauscht, verrauscht der Liebe Leid, Verrauscht, verrauscht der Liebe Freud'!"
„Wenn man so lange gelebt hat wie ich, so viele Geschlechter hat dahinfahren sehen mit ihrer jubelnden Lust, ihrem verzweifelnden Schmerz, weiß man, daß nichts Irdisches Bestand hat, daß Gott allein unwandelbar ist, hoch ob aller Zeit und allem Wechsel." Der Greis schwieg einen Augenblick, dann fuhr er hastiger fort: „Und höre, Kind, ich habe Dir auch etwas sonderlich Gutes zu berichten. Heute Nachmittag war ein frommer Jesuit bei mir, der mir ein gar köstliches Büchlein gebracht hat. Das lesen wir morgen zusammen, gelt, Gesina. „Trutznachtigall" benennt sich das seltene Werk und ist von demselben Verfasser, der das „güldene Tugendbuch" geschrieben hat, dem gelehrten Pater von Spee."
Gesina neigte sich liebkosend über die Hand des Blinden. Sie fühlte dankbar die Bemühungen des Großohms, sie in ihrem Liebeslied zu t; offen. Aber das hätte nur Einer vermocht, und dieser Eine war fern von ihr für immer, ferner, als wenn Länder und Meere zwischen ihnen gelegen, trotzdem nur ein Raum von etlichen hundert Fuß ihn von ihr trennte.
Es werde über den Gang der Verhandlungen Stillschweigen beobachtet, bis unter den betheiligten Regierungen endgiltige Vereinbarungen getroffen seien. Alle Berathungen fänden unter Leitung des Reichseisenbahnamtes statt. Man sollte es nicht für möglich halten, daß eine Reform des Tarifs, unter der alle Welt natürlich eine Herabsetzung der Fahrpreise versteht, solche Schwierigkeiten bereiten könnte, wenn man sieht, wie kleinere Staaten, z. B. Belgien, Holland und Schweiz, fast Jahr für Jahr Reformen, d.h. Verbefferungen, einführen. Diese sind uns in dieser Hinsicht schon längst vorausgeeilt, und man sollte meinen, daß es dem deutschen Reiche nicht zur Unehre gereiche, wenn es diesen Ländern, namentlich Belgien, wo man darin am weitesten fortgeschritten ist, die Verbesserungen nachmache. Wie immer, liegt das Hinderniß in Preußen, wo man einerseits nicht von dem hergebrachten Bureaukratismus ablassen will und andererseits sich nicht dazu entschließen kann, die Personen-Fahrpreise zu ermäßigen, weil man in gewohnter engherziger Anschauung davon einen zu großen Ausfall in den Einnahmen befürchtet, während, wie das Beispiel Belgiens zeigt, gerade das Gegentheil der Fall ist, billige Preise die Einnahmen erhöhen, weil dann das Publikum die Eisenbahnen weit mehr benützt. Aber man will, wie reaktionäre Abgeordnete im Landtag schon öfters hervorgehoben haben, ja nicht, daß das Volk so viel auf der Eisenbahn fahre; es soll hübsch zu Hause bleiben. Nur sie, die großen Herren, haben darauf ein Recht, nach Belieben zu fahren.
* Gegenwärtig werden im Auftrage des Ministers für Handel und Gewerbe seitens der Gewerbeaufsichtsbeamten Erhebungen über die Herstellung von Arveiterwotznrmge» angestellt, deren Ergebnisse für die Arbeitsgruppe „Soziale Wohlfahrtspflege" der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 bestimmt sind. In Betracht kommen für diese Erhebungen außer den industriellen Privatbetrieben diejenigen Staats-, Provinzial-, Kreis- und Ortsbehörden, welche für die in eigener Regie beschäftigten Arbeiter Familienwohnungen errichtet oder erworben haben, ferner alle von Baugenofsenschaften und endlich alle von gemeinnützigen Genossenschaften überhaupt, nicht nur für gewerbliche Arbeiter hergestellte Familienwohnungen. Die zuständigen Behörden aller derjenigen Bezirke, welche sich demgemäß an den Erhebungen zu betheiligen haben, sollen dies den königlichen Gewerbeinspektionen zur Kenntniß bringen," worauf ihnen dann zur Ausführung der Erhebungen Fragebogen zugestellt werden sollen.
X Wie die Arbeiter-Fürsorge der Regierung, so droht auch diejenige für die Kandwerster immer mehr zu versumpfen. Das offiziöse Organ des Herrn von Miquel, die von einem galizischen Juden herausgegebenen .Berliner Polit. Nachrichten', die ausschließlich die kapitalistischen Interessen vertreten, äußern sich sehr abfällig über den Befähigungsnachweis, selbst im Baugewerbe, für welches auch Leute ihn fordern, die sonst keine Freunde des Befähigungsnachweises sind. Wenn auch die Regierung diese Auffassung theilen sollte, müßten die Handwerker ihre Hoffnung auf Erlang-
V.
Die Schwalben waren den Störchen nachgezogen ; statt der rastlos kreisenden Vögel strich der Herbstwind um den Münsterthurm, hingen Wolken, fetzen an dem Kranze der Spitze. Nach manch' trübem Regentage war endlich wieder ein schöner Oktobermorgen angebrochen und wob seinen Glanz um Stadt und Münster. Die gewaltige Stein- maffe, welche vorhin grau und düster in die nebelschwere Luft hineingeragt, belebte sich mehr und mehr, je höher die Sonne stieg und ihre goldenen Strahlen über den Wunderbau ergoß. Ernst und hehr, ein Mark- und Merkstein im Zeitenstrome, schaute er nieder auf das Getriebe des Lebens, das, immer anders und doch immer dasselbe, von Jahrhundert zu Jahrhundert zu seinen Füßen sich abspinnt.
Auch heute regte es sich schon früh an allen Ecken und Enden der Stadt. Das geschäftige Völkchen der Gewerbetreibenden eilte hin und her. Deutsche Handwerker und französische Söldner, die sich gegenseitig finstere Blicke zuwarfen und grollende Worte hinüber und herüber tauschten, drängten sich in den engen Gaffen.
Aber rote schwer die Arbeit des Tages auch lastete, wie mächtig der Kampf des Lebens trieb und spornte: jeder Schritt stockte, sobald er den Münsterplatz berührte. Die umwölkte Stirn glättete sich, das zürnende Auge blickte milder, wenn der Schatten des Heiligthums über den mühseligen Weg fiel.
Gesina, welche schon zeitig sich erhoben hatte, trat mit dem Schlage acht aus dem Thore des elterlichen Hauses, um nach alter liebender Gewohnheit der Messe in der Laurentiuskapelle bei-
ung des Befähigungsnachweises recht tief schrauben.
* Die ,Berl. Korr.' bringt folgende Statistik der Krankettverficheruvg: Im Jahre 1896 betrugen im Reiche bei allen Kassen zusammen die Krankheitskosten 109 722 779 Mk. Geleistet wurden an Beiträgen: von den Arbeitgebern 37 109 343 Mk., von den Arbeitnehmern 89 546 858 Mk. Die Zahl der versicherten Arbeitnehmer betrug: 7 944820 (dies ist die für den Durchschnitt des Jahres berechnete Zahl; am Jahresschluß: 7 695 587); mithin entfallen auf 1 Versicherten 13,81 Mk. Krankheitskosten, von ihm gezahlte Beiträge (einschließlich Zusatzbeiträge und Eintrittsgelder) 11,27 Mk., so daß er mehr empfangen hat 2,54 Mk.
* Nach einem nunmehr gedruckt vorliegenden Berichte über die Kntwicketrmg der Gewerk- vereme zählte der Verband 1878 365 Ortsvereine mit 16 500 Mitgliedern; 1885 953 Ortsvereine mit 51000 Mitgliedern; 1891 1315 Ortsvereine mit 58 000 Mitgliedern; 1894 1436 Ortsvereine mit 67000 Mitgliedern; 1897 1633 Ortsvereine mit 80 000 Mitgliedern; am Schluffe des ersten Quartals 1898 1673 Ortsoereine m,t über 81000 Mitgliedern.
* Nach der vom Reichseisenbahnamt aufgestellten Statistik über die in Deutschland (ausschließlich Bayerns) imMonatJunid. I. vorgekommenen KiferrvaHu-ZLetrievsrmfäKe waren im Ganzen 194 Unfälle zu verzeichnen. Die Betriebslänge betrug 40,440 Kilometer, an Zugkilometern wurden geleistet 31,716,379, so daß je ein Unfall auf 177 Kilometer Betriebslänge oder auf 139,107 Zugkilometer entfällt. Bei den Unfällen wurden 54 Personen getödtet und 126 Personen verletzt. Von den Getödteten waren 3 Reisende, 26 Bahn- und 1 Postbeamter, 25 fremde Personen ausschließlich der Selbstmörder. Verletzt wurden 4 Reisende, 95 Beamte und 27 fremde Personen.
* Mehrfach ging in der letzten Zeit die Nachricht durch die Blätter, daß der Wund der LaudrvirtHe im neuen Reichstag eine eigene Fraktion gründen wolle. Dagegen verwahrt sich nun die ,Deutsche Tageszeitung' mit folgender Erklärung: „An die Gründung eines neuen Fraktitönchens denken weder die Bundesmitglieder, die sich keiner Fraktion anzuschließen gedenken, noch diejenigen, die als Deutschkonservative gewählt worden sind oder gewählt werden sollen. Dazu sollte man uns denn doch zu gut kennen, als daß man uns für fähig hielte, die Bedeutung unserer Bewegung abzuschwächen."
X Uebet die preußische Derrvattrrugs- erzählte, wie eben einzelne Blätter berichten, Fürst Bismarck nach seiner Entlassung einem Besucher, als ein Hauptgebrechen der „jetzigen preußischen Verwaltung" erscheine ihm die Besetzung der Verwaltungsstellen nach politischen Grundsätzen. Der alte preußische Landrath, der seinen Posten bis an sein Lebensende bekleidete und die Preußen stark gemacht habe, fei ausgestorben. Die Landrathstellen befänden sich heute bereits zur Mehrzahl in den Händen junger politischer Streber, die sie als eine möglichst kurze Durchgangs-Station zu höheren Posten betrachteten, ihren Bezirk nicht genau kennen lernten, dagegen bestrebt feien, sich dem Minister
zuwohnen. Als sie unter den Tragsteinen des Erkers stand, und das lichtüberfluthete Gotteshaus in so vollkommener Harmonie vor ihr auf- stieg, begriff sie gar wohl, wie der Geist, der dieses Meisterwerk geschaffen, Hans von Kindheit an in seinen Bannkreis gezogen und nicht wieder losgelassen habe. Sie hätte sich den geliebten Ziehbruder auch gar nicht denken können unter den lärmenden Zunftgenossen ihres verblichenen Vaters, deren Zunge so locker war, deren Wehr so lose in der Scheide steckte. Ja, wenn der Hans Waffen hätte tragen dürfen gleich den Edlen von Hohenlandsperg, den Herren von Rappoltstein und den andern erbgesessenen Junkern des Elsaß, wie doch seine Geburt zweifellos ihn berechtigte!
Gesina hatte in diesen Tagen viel nachgesonnen über die Erzählung der Mutter, auch mit dem Großohm darüber berathen, und beide waren zu dem Ergebniß gekommen, die Eltern hätten genauere Nachforschungen anstellen, bessere Umfrage halten müssen. Ehedem war Gesina das nicht ausgefallen. Da hätte es ihr selber unmöglich gedünkt, daß der schöne, blauäugige Knabe, dessen sonniges Wesen einen lichten Schein über das ganze Haus warf, wo anders Kindesrechte und Kindesliebe zu fordern und zu geben habe als in dem alten Zünftlerhause am Münsterplatz. Aber jetzt, seit die schwarzlockige Zauberin da oben ihn in ihre Netze gelockt, hätte sie ihn am liebsten mit Wehr und Wall umgeben in fester Felsenburg gewußt. Wie spät war doch der Hans gestern Abend wieder heimgekommen! Früher hätte er nicht zu schlafen vermocht ohne das Kreuzzeichen der Muster aus Stirn und