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FuldaerMZeitrmg

Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Bierteljährl.

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für Inserate I. Parzelle» in Lulda. - mit Unterhaltungs-Beilage „Mnstrirte Sonntags-Zeitung!' peterrzaffe H». 2 (Larmome).

M 149.

Iu0öa, Dienstag, den 5. Juli 1898

25. Jahrgang.

rief er. „Das versteht'sich von selbst! Unser Haus steht jedem Bedrängten offen! Ihr könnt bleiben, so lange es Euch gefällt!"

Der gegebenen Weisung entsprechend fuhren die Matrosen eine Strecke weit bis an die Front­seite vor, wo sich ein kleiner Hafen befand. Sie befestigten ihr Boot und folgten dem Manne in's Haus. Sie überschritten mehrere Treppen und Gänge und wurden in ein kleines, aber hübsch ausgestattetes Zimmer geführt. Eine Viertelstunde später sahen sie sich reichlich mit Trank und Speise versorgt.

Es war unseren Helden ausgefallen, daß sich auf der großen Niederlassung so wenig Leben kund that. Außer dem Manne, durch den sie empfangen und mit Erfrischunge» versorgt worden waren, hatten sie noch keinen Menschen gesehen und nur ein paar mal ein schwaches Geräusch oder dumpfe Stimmen zu hören geglaubt. Sie machten sich jedoch nicht viel daraus, sondern ge­noffen mit gutem Appetit das Gebotene und freu­ten sich nach der langen Entbehrung zum voraus auf ein weiches Bett. Dies war wenigstens bei den zwei Matrosen und Hugo der Fall, den trotz der Andeutungen Bob's über den anrüchigen Charakter ihrer Herberge unter den gegebenen Verhältnissen eine vernünftige Erholung als die Hauptsache erschien, mochte sie Herkommen, woher sie wolle.

Diese Anschauung theilte Bob nicht. Sein Mienenspiel drückte eine unverkennbare Unruhe aus. Er hielt bald da, bald dort sein Ohr an die Wand und horchte, schien aber mit dem Er­gebnisse seiner Beobachtungen nicht zufrieden zu sein. Auf die Fragen feiner neugierigen Gefähr­

ten legte er mit der Mahnung zum Schweigen den Finger auf den Mund und vertröstete die Ungeduldigen auf eine spätere Zeit. „Es geht etwas vor," flüsterte er endlich. „Ich habe es gleich bei unserem Gange in dieses entlegene Zim­mer bemerkt, wo man uns sicherlich nicht ohne besonder» Grund untergebracht hat. Seid vor­sichtig und fordert auch nicht durch eine Miene den Argwohn unseres Wirthes heraus, wenn er wieder kommen sollte, so lange ich fort bin. Ich will ein bischen Umschau halten. Er wird jeden­falls nach mir fragen. Dann sagt ihr einfach, ich habe nach unserem Boote gdschaut."

Er öffnete behutsam die Thür, und schlüpfte hinaus. Mit einer Sicherheit, als wäre er schon oft in diesem Hause gewesen, fand Bob sich in den verschiedenen Gängen zurecht und hatte bald das Freie erreicht. Langsam schlich er eine dichte Taxushecke entlang. Tiefe Stille herrschte ringsum. Nur das Gurgeln und Plätschern der Brandung, schlug an sein Ohr. Plötzlich klang durch dieses dumpfe Rauschen ein anderer Ton. Der Matrose hatte deutlich eine menschliche Stimme erkannt. Er ging weiter und vernahm nun aus einer jen­seits der Hecke befindlichen Laube ein lebhaftes, aber zumeist im Flüstertöne geführtes Gespräch. Dennoch verstand Bob's feines Ohr jedes Wort. Auch die Sprechenden sah er, ohne daß von diesen einer eine Ahnung von seiner Anwesenheit besaß. Ein fein gekleideter Herr mit scharf ausgeprägten Zügen, an deren Schnitt man auf den ersten Blick den Hebräer erkannte, redete eifrig in zwei Män­ner hinein, deren Aeußeres einen mehr als zwei­deutigen Charakter verrieth.

„Ihr seid Memmen," grollte der erstere, in

Bestellungen auf die Fuldaer Zeitung werden noch fortwährend angenommen.

* Die Unruhen in Galizien.

Die Judenkrawalle in Westgalizien ziehen die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf sich. Und viele fragen ganz erstaunt, wie denn derlei möglich sei am Ende des neun­zehnten Jahrhunderts. Wenn man auf diese Frage antworten will, so muß die Antwort in zwei Theile zerfallen. Zunächst nämlich befindet sich Galizien gar nicht am Ende des neunzehnten Jahrhunderts — wir meinen, das Land ist in Geistesbildung und Kultur um zweihundert Jahre zurückgeblieben. Und zweitens hat man es dort mit einer ganz besonderen Sorte von Juden zu thun. Und wenn man Gelegenheit hatte, die theilweise geradezu erstaunlichen Mißstände kennen zu lernen, die in Galizien auf dem Lande herrschen, dann steht man der Erscheinung dieser Juden­krawalle gar nicht mehr so verständnißlos gegenüber.

Als nach der Theilung Polens das Land Galizien an Oesterreich fiel, bemühte sich die österreichische Regierung, alle selbständigen Regungen in diesem Lande zu ersticken. Alles Aufstreben auf geistigem und auf industrieellem Gebiete wurde beinahe ein ganzes Jahrhundert hindurch unterdrückt. Die Verkehrsmittel wurden in Galizien vollkommen vernachlässigt, und da ist es wohl kein Wunder, daß das Land den Krebs­gang ging, anstatt gleichzeitig mit den anderen Ländern auf dem Wege der Kultur vorzuschreiten. Seit einem Vierteljahrhundert ist dieses schmach­volle Regierungssystem verlassen worden. Aber es versteht sich ja von selbst, daß dessen Wir­kungen nicht so schnell zu verwischen sind.

Die Hauptstadt Krakau selbst macht zum Theil einen noch ganz mittelalterlichen Eindruck. Namentlich hat sich in ihr noch in ganz unver­fälschter Form die „Judenstadt" des Mittelalters erhalten, das Ghetto, in dem die Juden als ver­achtetes, verabscheutes Volk in elenden Wohnungs­höhlen ein noch elenderes Dasein fristen. Dort hat der Jude sich erhalten, wie er ehedem war. Und wenn man einige Studien unter den Juden Galiziens macht, jo bekommt man auch eine Ahnung davon, wie es so kommen konnte, daß die Juden zu diesem verachteten und verhaßten Geschlechte herabsanken. Sie sind zum großen Theile selbst schuld daran — es ist, als ob sie dort noch immer unter dem Drucke des Fluches ständen, der einst über das abtrünnige Volk er­ging. Auch in der Brust der allerverkommensten Betteljuden steckt ein Hochmuth, ein solcher Grad von Unverschämtheit, daß man sprachlos dieser Er­scheinung gegenübersteht, wenn man sie beobachtet. Der Jude dort in Galizien, der in dem Zustande geblieben ist, in dem ehedem alle Juden in Ruß­land, Deutschland und Oesterreich sich befanden, betrachtet sein Volk nach wie vor als das be­sonders auserwählte Volk Gottes, das fremd unter Fremdlingen Hausen muß und von diesen geknechtet und unterdrückt wird, so wie etwa die Juden von den alten Aegyptern oder in Babylon mißhandelt und geknechtet wurden. Durch Jahr­hunderte und wieder Jahrhunderte pflanzte sich

Der Kapellenhof.

Erzählung aus dem Leben von Max Benno.

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Bob hatte sein Ruder in den Grund des Flusses versenkt und dadurch das Boot zum Still­stände gebracht. „Du hast recht," sagte er. „Ich habe es schon vorhin bemerkt und weiß nun auf einmal Bescheid über den Platz, wo wir uns be­finden. Ich selbst war zwar noch nie hier, aber erzählen hörte ich darüber schon mehr als genug. Der Wasserstreifen, auf dem wir das Meer ver­ließen, ist kein Fluß, sondern eine Art natürlicher Kanal, der diese versteckte Bucht mir dem Ozean verbindet, und die infolge dessen den Anforder­ungen des Geschäftsbetriebes jener Firma in so außerordentlich vortheilhafter Weise entspricht. Die Herren haben für ihre Niederlassung nicht umsonst dieses heimliche Plätzchen gewählt. Er­innerst Du Dich noch an mein Urtheil über jenes Hamburger Haus? Das vor uns liegende ist eine Filiale davon und macht fast ausschließlich ; mir in dem von mir damals angedeuteten Ge- ! schäftszweige, über den jedoch nichts im öffentlichen Preiskurant steht."

„Aber woher weißt Du es denn?" hielt Hugo entgegen. ,

„Wir Matrosen," fiel Bob ihm ins Wort, i »kommen gar weit in der Welt herum; wir hören 1 und sehen vieles, wovon man selbst durch die i findigsten Zeitungen keine Silbe erfährt. Was der eine nicht weiß, weiß ein anderer, und wenn ! man dann abends hinter einem Glase Grog bei- s sammensitzt, wird erzählt. Auf diese Weise er- j

( diese Anschauung fort von Geschlecht zu Geschlecht; , und je länger sie bestand, desto grimmiger ent- - wickelte sich in diesen Juden der Haß gegen die vermeintlichen Unterdrücker, ein alttestamentarischer Haß: Auge um Auge, Blut um Blut! Wer will

i sich noch wundern, daß nun diese Sorte von i Juden sich rächt an dem Volke, das die Auser- , wählten Gottes knechtete, anstatt sie wie höhere - Menschen zu achten, zu pflegen und zu verehren, : vorausgesetzt daß die Gelegenheit zur Rache i kommt? Und diese Gelegenheit ist gekommen; : und wie ein blutlechzendes Raubthier stürzt sich i der geistig und sittlich verkommene Jude aus i dem galizischen Ghetto auf den armen kleinen ! Bauern und Arbeiter auf dem Lande — denn : dort allein hat er die Macht, sein Müthchen zu . kühlen und seine maßlose, unersättliche Gewinn- : sucht zu befriedigen. Jahrhunderte lang war der Auserwählte Gottes arm, hungrig, elend — geknechtet und unterdrückt von den rohen Fremd­lingen, die eigentlich nach rechter Ordnung der Dinge seine Sklaven fein sollten. Jetzt will er reich werden, schnell reich werden um jeden Preis. Und er kümmert sich nicht im Geringsten darum, wenn er in seinem Beutezuge Hunderte und wieder Hunderte von menschlichen Existenzen um sich herum vernichtet. Norddeutsche und eng­lische Juden, in Berlin beispielsweise die ehedem bekannten Parlamentarier Eduard Lasker und Ludwig Löwe, haben vor einigen Jahr­zehnten einen Bund gegründet, um ihre Stammes- gen offen in Galizien und in umliegenden Gegen­den aus dieser entsetzlichen geistigen und sittlichen Verkommenheit auf eine höhere Stufe zu erheben. Aber bisher haben diese trefflichen Bestrebungen sehr geringen Erfolg gehabt.

Und womit rächt sich der Jude? Womit ge­winnt er die ersehnten Schätze? Mit dem Schnapse! Als sogen. „Arendare" haben die Juden in den Dörfern und in den kleinen Städtchen die „Propinatton" in Pacht und damit das Recht erworben, mit Schnaps zu handeln. In der „Kartschma", in einer gewöhnlich entsetzlichen, schmutzigen und elenden Bretterbude, welche mit Stroh gedeckt ist, wird das wüste Schnapsgift dem Volke verkauft. Ungereinigter Kartoffelspiritus, vierfach mit Waffer verdünnt, vielleicht mit ein wenig Schweseläkher oder mit etwas noch Schlim­merem wieder „scharf" gemacht und versetzt mit irgend einem elenden Präparat aus ätherischem Oel — so findet man häufig das Getränk, das der Jude in der „Kartschma" den Leuten vorsetzt. Und die Leute trinken das wüste Gift, trinken reichlich und viel davon, versäumen Arbeit, Hof, Vieh und Feld, und leider gar oft kommt es vor, daß dann der „Arendar" alles Besitzthum des Bauern für die Trinkschuld einheimst, den Bauern von Haus und Hof vertreibt und dieser nun elend und heimathlos die Reise nach dem Lande jenseits des großen Salzwassers antritt . . . Und wenn genug an den armen, leichtsinnigen Bauern ver­dient ist, dann beginnt die Spekulation bei dem ebenso leichtsinnigen Edelmann. . . Dann aber hat der „Arendar" genug. Er hat sich gerächt. Er ist reich. Er zieht in die große Stadt, nach Krakau, Lemberg, Breslau oder Wien und fängt ein Schnittwaaren-, Pelz- oder Bankgeschäft an. Sein Nachfolger als „Arendar" aber wird ein fuhr ich, wessen Geistes Kind der Hamburger Herr ist, an den Dich Dein wohlwollender Schutz­geist empfahl, und bekam auch Kunde von dieser Faktorei, bereit Zweck und Geschäftspraxis in der Matrosenwelt kein Geheimniß ist, und zwar durch einen braven Jungen, dem man den gleichen Stteich spielte, wie er an Dir versucht worden ist, der aber durch seinen schlauen Kopf und seine Unerschrockenheit wieder aus der Falle entkam. Ich werde Dir das Nähere später mittheilen, wenn wir mehr Zeit haben als jetzt. Ohne Zweifel sind wir bereits bemerkt worden, und es wundert mich, daß man uns so ohne weiteres herankommen läßt. Wahrscheinlich ist das Quar­tier gerade sauber, so daß man wegen eines un­erwarteten Besuches nicht in Sorge fein braucht."

Bob hatte kaum den Mund geschloffen, als von dem Hause her ein Manu mit einem großen zottigen Hunde auf die Matrosen zukam.

„Halloh!" grüßte er, den Hut schwenkend, und machte dazu ein möglichst unbefangenes Ge­sicht, obgleich fein Mienenspiel einen unverkenn­baren Argwohn verrieth. „Was führt Euch hierher?"

Bob gab den Gefährten ein Zeichen. Sie ruderten ans Land.

„Wir sind Schiffbrüchige," erklärte er, „und wurden nach neuntägiger Irrfahrt auf dem Meere in diese uns gänzlich unbekannte Gegend ver­schlagen. Ich bitte, daß man uns ein paar Tage Obdach gewährt."

Der Mann hatte die kräftigen Gestalten der Matrosen mit einem raschen Blicke gemustert. Freundlich grinsend trat er näher und reichte jedem die Hand. „Willkommen! Willkommen!"

Sohn, jüngerer Bruder, Vetter oder sonst einer aus der Sippe, bis dann auch dieser genug ver­dient hat und sich ein schöneres Dasein an einem andern Orte aussucht.

Nun ist das Verhältniß umgekehrt ge­worden. Die armen Galizier sind die Unter­drückten, liegen am Boden, und der vordem ver­achtete und geknechtete Mann aus dem Ghetto tritt mit Füßen unbarmherzig auf ihnen herum. Da genügt ein kleiner Funke, um die Flammen des Haffes und der Rache hoch auflodern zu laffen. Der ausgeplünderte Bauer will sich selbst helfen gegen den Ausbeuter, da ihm niemand anders hilft. Und in seiner ursprünglichen Roh­heit und Wildheit greift er zum Dreschflegel und zum Feuerbrande . . .

Galizien ist ein schönes, ein außerordentlich fruchtbares Land, das mit Wohlhabenheit ge­segnet fein könnte wie kaum ein anderes Land in Oesterreich. Aber es leidet furchtbar unter den Sünden, die an ihm begangen worden sind, und noch lange Zeit wird es dauern, bis es die Kulturländer rund umher wieder eingeholt haben wird!

Deutsches Keich.

Berlin, 4. Juli.

* Der Kaiser hat Montag Vormittag IOV2 Uhr an Bord feiner Jacht „Hohenzollern" von Travemünde aus die Reife nach Nor­wegen angetreten. Die Kaiserin ist am Sonntag von Plön wieder in Kiel eingetroffen und hat dort im König!. Schlosse Wohnung ge­nommen.

* Reichskanzler Jürst KohenkoHe begibt sich am Dienstag für einige Tage nach feinem Stamm- schloffe Schillingsfürst. Daraus und aus dem Urlaubsantritte des Staatssekretärs von Bülow ist der sichere Schluß zu ziehen, daß Deutschland trotz der amerikanischen Sensattons- und Schwindel­meldungen an allen auswärtigen Wirren, die Philippinenfrage eingeschloffen, gegenwärtig durch­aus nicht beteiligt ist.

* Staatsminister v. Bülow, Staatsfekretär des auswärtigen Reichsamtes, hat einen Urlaub für mehrere Wochen angetreten. Gegenwärtig weilen nunmehr nur noch wenige Minister und Staatssekretäre in Berlin. Staatssekretär v. Bülow wird vertreten durch den Unterstaatssekretär Freiherr v. Richthofen.

X In Berlin hat am 2. Juli eine Berathimg von Vertretern der preußischen Eifenbahndirek­tionen stattgefunden, in der man sich über nene Tarifsätze für Eilgut und auch für Stück­gut unterhielt. Das Ergebniß dieser Berathung ist, daß vorn 1. Oktober dieses Jahres neue Tarifsätze für die beiden genannten Frachtarten in Anwendung kommen sollen; und zwar sollen diese neuen Tarife billiger als die alten sein. Um rote viel etwa die Tarifsätze heruntergesetzt werden sollen, ist gegenwärtig noch nicht bekannt.

* Durch die Presse macht die Runde eine Notiz, wonach in der vom Reichsamte des Innern herausgegebenen Ka«delsS1atistist zahlreiche und schwere Fehler vorhanden sein sollen. Namentlich soll dies der Fall fein in den amtlichen Angaben über den deutschen Handel

mit Belgien. Demgegenüber erklärt die »Nord­deutsche Allgemeine Zeitung' in halbamtlicher Tonart, daß eine Nachprüfung des Heftes, das mit Belgien sich beschäftigt, die lieberem» stimmung der Zahlen mit den früheren Ver­öffentlichungen des Statistischen Amtes ergeben hat. Immerhin scheinen einige Versehen weniger schwerer Art vorgekommen zu fein. Denn in derselben halbamtlichen Notiz wird hinzugefügt, daß „Druckoersehen bei einem so umfangreichen Zahlenwerke nie ganz zu vermeiden feien . . ." Es ist kaum anzunehmen, daß die ,Norddeutsche Allgemeine Zeitung' die öffentliche Meinung für diese Anschauung auf ihrer Seite haben wird. Aber die Bemerkung ist jedenfalls zutreffend, daß „die Reichsverwaltung nur dann in ver Lage fein wird, den angeblichen Mängeln näher nach­zugehen, wenn solche im einzelnen bezeichnet wer­den." Diese Handels-Statistik hat gegenwärtig bekanntlich eine ganz besondere Wichtigkeit und Bedeutung, weil es sich um die Vorbereitnng der neuen Handelsverträge des Deutschen Reiches zu­nächst mit England und Belgien und später mit anderen Staaten handelt. Die Angabe über vorhandene Fehler und Mängel war zuerst in einem Münchener Blatt erschienen, und dann war die Sache von einem nationalliberalen Berliner Blatte, der,National-Zeitung', weiter verfolgt worden.

h In Pofen soll demnächst eine Mersammkuttg polnischer Naturforscher und Aerzte statt- finben, eine Nachbildung der alljährlich abge­haltenen Versammlungen deutscher Naturforscher und Aerzte. Tschechische Zeitungen hatten den thörichten Vorschlag gemacht, mit dieser Versamm­lung in Posen eine politische Kundgebung zu ver­binden, nämlich eine polnisch-tschechische Ver­brüderungs-Demonstration auf deutschem Boden; und es konnte kaum fehlen, daß unsere über­eifrigen Nationalen, die Hakatisten und ihre Ge- sinnungsgenoffen, von der Regierung ein Verbot dieser Versammlung forderten. Ein solches Ver­bot wird aber keineswegs nöthig werden. Denn auf diese alberne Herausforderung der tschechischen Blätter wird von Posen aus erklärt, daß der Kongreß polnischer Aerzte und Naturforscher lediglich wissenschaftliche Zwecke ver­folgt und dieselben streng bewahren wird.

x Darmstadt, 4. Juli. JmGroßherzog- thum Hessen hat, wie schon gestern an dieser Stelle mitgetheilt, ein Ministerwechsel statt­gefunden. Der nunmehr 73 Jahre alte Minister­präsident Finger ist von seinem Amte zurück­getreten. Sein Nachfolger ist Geheimrath Rothe, bisher Provinzialdirektorin Mainz. Im allgemeinen wird dieser Wechsel in den Personen kaum auch einen Wechsel im System zu bedeuten haben. Herr Minister Finger ist liberal, Herr Rothe ist ebenfalls liberal. Aber im allgemeinen geht Herrn Rothe als Mensch und als Beamter ein guter Ruf voraus. Bisher haben die hessischen Katholiken vergebens danach gestrebt, die letzt m Reste des Kulturkampfes und seiner Ungerechtigkeiten zu be­seitigen. Unter Minister Finger ist dies nicht ge­lungen. Ob das nun unter seinem Nachfolger Roihe gelingen wird? Man muß das abwarten. Bestimmte Schlüffe darauf kann man aus der Entwickelung desselben nicht ziehen.