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KuIdaerMZeitung

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verantwortlich: Für die Redaktion Ios. Sau«, für Inserate I. parzeller in Fulda.

mit Zlnterßattltngs-Meilage „IlkuKrirte Konnlags-Ieilung." T**“

Jutöa, Samstag, den 2. Juli 1898

25. Jahrgang.

HlnentöeHEch als Leitstern in den Wirrnissen des politischen Lebens ist die katholische Presse. Das hat sich ganz besonders wieder bei den letzten Reichstagswahlen gezeigt, welche mit einem so herrlichen Erfolg für das Centrum abschlossen. Während manche Parteien mit einem Wahler- gebniß noch nicht auf der Bildfläche erschienen waren, konnte das Centrum schon eine stattliche Anzahl von wiedergewählten Abgeordneten auf­weisen. Das Centrum verfügt über den festesten Stamm der Wählerschaft, welcher nicht wankelmüthig bald nach dieser und bald nach jener Seite hin neigt. Das Centrum ist aber auch im besten Sinne des Wortes eine, ja die eigentliche Volkspartei.

Einen nicht geringen Antheil an dem glän­zenden Resultat hat die katholische Presse, der eine große Aufgabe zugewiesen ist. Die Presse soll anfeuern, ermuntern, ermahnen und, wo es nöthig ist, auch ein ernstes Wort reden. Sie macht den katholischen Mann auf die Gefahren aufmerksam, klärt ihn auf über Verleumdungen und Verdächtigungen der Gegner, weist Angriffe nach Gebühr zurück und ist das hauptsächlichste Bindeglied zwischen der Centrumsfraktion und unserem braven katholischen Volke. Die,Fuldaer Zeitung^ hat sich während der fast 25 Jahre ihres Bestehens stets als ein treues Centrums­blatt erwiesen, das maßvoll in der Form, ent­schieden in der Sache, für die Freiheit und Rechte der Kirche wie des Volkes eintritt. So soll es auch in Zukunft bleiben.

Wir richten daher an unsere Freunde und Leser die Bitte, für immer weitere Verbreitung unserer Zeitung mitwirken zu wollen. Der Abonnementspreis beträgt nur 50 Pfq. den Monat, 1,50 Mk. das Quartal.

Bestellungen nehmen alle Postanstalten, Land­briesträger sowie unsere Zeitungsträger und die Expedition (Harmonik) entgegen.

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 3. Juli.

Die Reichstags-Stichwahlen, die nunmehr sämmt- lich beendigt sind, haben das Bild der Hauptwahl vom 16. Juni vervollständigt, deren erfreuliches Er- gebniß dahin bestätigt, daß die Bestrebungen der „Sammlungs"- und Kartellpolitiker kläglich Schiff­bruch erlitten haben, und daß der nächste Reichstag eine Kartellmehrheit, die den politischen Rechten des deutschen Volkes gefährlich werden könnte, nicht auf­weisen wird. Die Zusammensetzung der Volksver­tretung wird im Wesentlichen dieselbe sein, wie im alten Reichstag: das Centrum bleibt nach wie vor die ausschlaggebende Partei; es kann mit der Rechten wie mit der Linken, je nachdem die Verhält­nisse es erfordern, eine Mehrheit bilden. Gegen das Centrum aber kann im Reiche nicht regiert werden, jedenfalls nicht in volksfeindlichem Sinne. Die Einzel- orgebnisse auch der Stichwahlen sind den Lesern der ,Fuldaer Zeitz? längst bekannt und wir können uns daher hier auf eine kurze Wiedergabe des Gesammt- Ergebnisses der Reichstagswahlen beschränken.

An erster Stelle steht natürlich das Centrum, welches an Zahl ansehnlich verstärkt aus der Wahl hervorgegangen ist. Gewonnen hat es sieben Wahl­kreise: Allenstein-Roessel, Fraustadt-Lissa, Reichenbach- Neurode, Essen, Dietz-Limburg, Höchst-Usingen, Hom­burg und Kehlheim; verloren nur den Kreis Bochum, der vor fünf Jahren mit geringer Mehrheit von den Nationalliberalen erobert worden war und 2 Kreise in Bayern an den Bauernbund. So hat denn das Centrum einen reinen Gewinn von vier Mandaten zu verzeichnen, und da es beim Schluß des letzten Reichs­tages 98 zählte, wird es in den neuen 102 Mann stark einziehen; es hat damit nahezu die höchste Zahl, die es jemals besaß, 106 im Jahre 1890, erreicht.

Nach dem Centrum sind zunächst die Sozial­demokraten zu nennen, die, wie bei den Haupt­wahlen, so auch bei den Stichwahlen ganz über­raschende Erfolge zu verzeichnen haben, aber — und das ist wohl zu beachten — nur in ausschließlich oder überwiegend protestantischen Wahlkreisen. In katholischen Gegenden haben sie kein einziges Mandat erobert. Wenn die Regierungen und die übrigen Parteien daraus lernen wollten, würde ihnen alsbald klar sein, wie und mit welchen Mitteln man die Sozialdemokratie erfolgreich zu bekämpfen vermag. Die Sozialdemokraten haben insgesammt 21 Sitze ge­wonnen und 12 verloren; es bleibt somit ein Rein­gewinn von 9. Gegen 48 im vorigen, werden sie daher im neuen Reichstage 57 Mann stark sein, und damit die drittstärkste Partei bilden. Wenn die Reichs­regierung den verhängnißvollen Weg, den sie in den letzten Jahren in der Sozialpolitik eingeschlagen hat, nicht verläßt, werden die Sozialisten bei den nächsten Wahlen ganz gewiß_Ln die zweite Stelle der Parteien im Reichstage rücken.

Sehr viel Glück hatte bei den Stichwahlen die schärfere freisinnige Richtung, die freisinnige

Volkspa rtei, die in der Hauptwahl nur einen ihrer früheren Sitze zu retten vermochte, in den Stich­wahlen aber, Dank nicht am wenigsten der ihr von Seiten des Centrums gewährten Unterstützung, 29 Mandate errang. Bisher hatte sie 28; sie wird also im neuen Reichstage 30, zwei mehr als im alten, inne haben. Der schwächlichen freisinnigen Ver­einigung, die nicht Fleisch und nicht Fisch ist, er­ging es weniger gut: gegen 14 Mandate seither, wird sie fernerhin nur deren 12 zählen — für das Volk kein Unglück, denn verlassen kann es sich auf diese Partei nie.

Die Polen, welche es bei den vorigen Wahlen auf 19 Mandate gebracht hatten, haben 5 eingebüßt; zwei davon, die sie an das Centrum abgaben, kann man allerdings nicht als Verlust bezeichnen. Die drei anderen verloren sie einerseits in Folge der neuer­dings wieder scharf gegen sie betriebenen Unterdrück­ungs-Politik, andererseits wegen der Abwesenheit Tau­sender von Wählern, die im Sommer in andern Pro­vinzen als Arbeiter beschäftigt sind. — Erfreulich ist, daß die dem Centrum nahestehenden Deutsch-Han­noveraner, „Welfen", wie die Gegner sie nennen, um zwei Mann verstärkt, 9 gegen bisher 7, zurück­kehren. Auch die mit dem Centrum stimmenden El­sässer haben zwei Sitze neu erobert und zählen jetzt 10.

Die Kartellparteien können einander trösten: alle haben betrübende Erfahrungen machen müssen. Die Konservativen, die im alten Reichstage noch 64 Mann stark waren, haben es nur auf 60 gebracht, die Freikonservativ en, Stumm und Genossen, haben von den 24, die sie zuletzt noch besaßen, noch weitere. vier verloren — schade, daß es nicht noch mehr sind! — und die Nationalliberalen gar, die in den siebziger Jahren den Reichstag vollständig beherrschten, sind von 53 auf 47 zurückgegangen; sie sind saft nur noch ein Gegenstand des Mitleids. Konnten sie doch aus eigener Kraft bei den Haupt­wahlen nur 10 ihrer Sitze behaupten! Das ist die verdiente Strafe für die Sünden, die sie am deutschen Volke begangen hat! Die Antisemiten, die ihren Wählern so manche Enttäuschung bereiteten, haben das mit einem Verlust von 5 Mandaten büßen müssen: statt bisher 16, zählen sie nunmehr 11. Der „schönste" davon, Ahlwardt, ist aber wieder gewählt. Das sagt genug. Diesüddeutsche Volkspartei,diehaupt- sächlich in Württemberg gewählt war und 12 Sitze zählte, hat vier verloren, was auch kaum zu bedauern ist, denn diese sich Demokraten nennenden Leute sind zu Hause fast ebenso schlimme Kulturkämpfer, wie die Nationalliberalen. Das „Beste" zuletzt: der ostelbische „Bund der Landwirth e", der eine Agitation ins Werk gesetzt hatte, daß man hätte meinen können, er werde über 100 Sitze erobern, hat ganze vier Man­date erworben — der Berg hat ein Mäuslein geboren. Ebenso viele hat der bayerische Bauernbund, dieselbe Zahl, wie im vorigen Reichstage. — So zeigt sich also, daß die volksfreundliche Mehrheit int neuen Reichstage etwa 15 Stimmen mehr zählen wird, als im alten, und das ist jedenfalls hoch erfreulich.

Neben den Reichstagswahlen haben auch in der abgelaufenen Woche die in den beiden großen romani­schen Staaten ausgebrochenen Ministerkrisen das öffentliche Interesse fortgesetzt in Anspruch genommen. Die französische Krisis ist nach vierzehntägiger Dauer endlich glücklich beendigt. Nachdem ein „Gemäßigter", Ribot, und zwei Radikale: Sarrien und Peytral, ver­geblich versucht hatten, ein Ministerium zu Stande zu bringen, ist es einem dritten Radikalen, dem früher» Kammerpräsidenten Brisson, nunmehr gelungen. Die Schwierigkeit der Kabinetsbildung lag, und das ist für die französischen politischen Zustände der Gegen­wart äußerst bezeichnend, hauptsächlich darin, daß jede der beiden großen Parteien den größten Platz am Staatstrog haben wollte. Der Streit, der zwischen Opportunisten und Radikalen über die von jeder Partei beanspruchte Zahl Ministersessel entbrannt war, hin­derte die frühere Lösung der Krisis; die Radikalen, obgleich sie auch mit den Sozialisten nicht die Mehr­heit der Kammer bildeten, verlangten für sich mehr als die Hälfte der Minister-Portefeuilles, was natür­lich die „Gemäßigten" nicht zugestehen wollten. Und doch hat jetzt Brisson es fertig gebracht, ein Kabinet zu bilden, in dem seine Parteigenossen die meisten und die besten Posten bekleiden: Präsidium und Inneres, Auswärtiges, Finanzen, Justiz; Unterricht, Krieg und Marine. Auch der Führer der kulturkämpferischen Radikalen, Bourgeois, ist Mitglied des Kabinets und hat das Portefeuille des Unterrichts. Den „Ge­mäßigten" hat man die drei oder vier gleichgiltigeren Ministerien überlaffen. Es ist natürlich nicht daran zu denken, daß das Ministerium Brisson von längerm Bestand sein werde. Die „feindlichen Brüder", Ge­mäßigte und Radikale, werden sich alsbald in die Haare gerathen, und dann hat, wie seit Jahren, die Rechte drc Entscheidung; und sie wird bei der ersten Gelegen­heit, die ihr paßt, das Kabinet zu Fall bringen.

In Italien wird immer noch nach Leuten gesucht, die das dort immer anrüchiger werdende Amt der Ministerschaft zu übernehmen bereit sind. So weit hat das „geeinte" Italien es gebracht! Nach dem Senator Finali berief König Humbert den frühern Minister des Auswärtigen, Visconti Venosta, um ihn mit der Kabinetsbildung zu betrauen, die ihm aber „vergeblich gelang". Auch er mußte eingestehen, daß er ein regierungsfähiges Kabinet nicht zusammenbringen könne. Nun ist der ehemalige Kriegsminister Pel- l o ux mit der „ehrenvollen" Aufgabe bedacht worden. Ob er mehr Glück haben wird, als die Andern vor ihm, muß sich bald zeigen; im schlimmsten Falle könnte ja das preußische Vorbild, Generäle zu Ministern zu ernennen, nachgeahmt werden. Wenn aber auch dieses Mittel versagte, bliebe schließlich nichts Anderes übrig, als die Ministerstellen an die Meistfordernden auszu­schreiben — gegen Sicherstellung der Gehälter natür­

lich, wie die Vorsicht in einem dem Bankerott ver­fallenen Staatswesen es erheischt.

Auf dem spanisch-amerikanischen Kriegsschau­plätze in den cudänischen Gewässern beginnen die Dinge nunmehr endlich sich zu „entwickeln". Die amerikanische Besatzungsarmee, die zehn Tage lang auf dem Meere herumschwamm und schon verschollen zu sein schien, ist Ende voriger Woche an der Küste in der Nähe von Santiago erschienen und hat unter dem Schutze der Kanonen der amerikanischen Kriegs­schiffe Landungsversuche gemacht, die auch geglückt sind, so zwar, daß nunmehr die ganze Truppe, etwa 15,000 Mann, sich auf cubanischem Boden befindet. Zu gleicher Zeit griffen die kubanischen Insurgenten von der Land­seite aus die Spanier an, die sich in Folge dessen auf die Festung Santiago zurückzogen.' Da die Amerikaner und die Aufständischen ihnen nachrücken, dürfte es in diesen Tagen zn einer großen, für diesen Theil der Insel vielleicht entscheidenden Schlacht kommen, über deren Ausgang, wenn die amerikanischen Schiffe ihren Truppen nicht mit Geschützfeuer zu Hilfe kommen können, Vermuthungen schwer anzustellen sind. Von Havanna aus sollen 10,000 Mann zur Unterstützung der Spanier im Anmarsch sein. Treffen diese früh­zeitig genug ein, so weiß man nicht, wie es den Ameri­kanern gehen wird, die, wie sich bereits gezeigt hat, in ihren Reihen viel zweifelhaftes Gesindel zählen, das zu Allem eher, als zum Schlagen taugt. Gleich schon beim ersten Zusammentreffen mit den Spaniern rieß ein Theil davon aus und schoß schließlich auf die eigenen Leute. — Eine Meldung, daß Manila sich den Amerikanern oder den Aufständischen übergeben habe, liegt immer noch nicht vor, wie überhaupt feit einigen Tagen die über die Philippinen und die Lage auf denselben eingegangenen Nachrichten s e hr d ü r f t i g sind. DiespanischenKammern sind nach wochen­langen, meist sehr unfruchtbaren, und auch unerquick­lichen Verhandlungen vertagt worden. Die Dis­kussion drehte sich fast ausschließlich um die Frage, war an der traurigen Lage des Landes schuld sei — als ob das unter den obwaltenden Umständen irgend welchen Zweck hätte! Nun soll zu alledcm auch wieder eine Ministerkrisis bestehen. Es scheint fast, als sei das Maaß des über das schwer heimge­suchte Land gekommenen Unglückes noch lange nicht voll.

ß Im Wahlkreise Dortmund-Hörde ist diesmal, wie bekannt, der bisherige sozialdemo­kratische Vertreter des Wahlkreises, Dr. Lütgenau, durch den Kandidaten der Nationalliberalen ver­drängt worden. Dies ist dadurch möglich geworden, daß das Cent rum für die Nationalliberalen eintrat und ihm zum Siege in der Stichwahl verhalf. Man macht daraus der Dortmunder Centrumsleitung einen Vorwurf. Ja noch mehr: man behauptet, die Folge davon fei die gewesen, daß nun die Sozialdemokraten aus Rache in der Stichwahl das Centrum in den Wahlkreisen Bo chum-Gelsenkircheu, Duisburg-Mül- Heim und vielleicht auch Hamm-Soest zu Falle gebracht habe.

Für die beiden letztgenannten Wahlkreise trifft das nun tatsächlich nicht zu. Nament­lich in Hamm-Soest ist es das einmüthige Eintreten der Landwirthebündler und Freisinnigen für den Nationalliberalen gewesen, das diesem zum Siege über den Centrumsmann Roeren ver- holfen hat. Das bezeugen die Leiter der Cen- rumspartei im Wahlkreise Hamm-Soest ganz deutlich und unzweideutig, so daß darüber also gar keine Zweifel mehr bestehen können. Es ist auch nicht anzunehmen, daß weitere Kreise über« )aupt an die Möglichkeit gedacht haben, daß das Verhalten der Centrumsfreunde in Dortmund irgendwelchen Einfluß haben könnte auf den Wahlausfall in Hamm-Soest. Für den Wahl­kreis Duisburg-Mülheim liegt nunmehr aber auch ein ganz unzweifelhaftes Zeugniß da­für vor, daß der Wahlausfall dort nicht durch die Abmachungen in Dortmund beeinflußt worden ist. Herr Kaplan Ulrich in Duisburg, Ge­schäftsführer der Centrumspartei dort, richtet in dieser Sache ein Schreiben an Herrn Leasing, den Verleger der,Tremonia' in Dortmund, und spricht sich darin klar und deutlich aus wie folgt: „Nach meiner Ueberzeugung ist unsere Nieder­lage nicht durch das Verhalten der Centrums­partei in Dortmund herbeigeführt worden. . . . Der Grund ist, abgesehen von dem beispiellosen Druck, welchen die Arbeitgeber ausübten, darin zu suchen, daß der weitaus größte Theil der sozialdemokratischen Wähler aus Prote­stanten besteht, welche der . . . jedes Maß übersteigenden konfessionellen Hetze nicht Stand hielten. Schon 1890 . . gaben die Sozialdemo­kraten die Parole für Lieber (Centr.) aus. Aber die „Genossen" in ihrer Gesammtheit folgten der Parole damals ebenso wenig wie jetzt. . ." Also auch den Wahlkreis Duisburg- Mülheim muß man bei der Beurtheilung der Sache von Anfang an aus dem Spiele lassen. Es kann sich vielmehr nur noch handeln um den Wahlkreis Dortmund-Hörde selbst und um den einen Wahlkreis Bochum-Gelsenkirchen.

Ohne Zweifel ist es außerordentlich zu be­dauern, daß Bochum dem Centrum verloren ge­gangen ist. Aber hätten die Dortmunder das verhindern können?

Höchst wahrscheinlich hätten sie wenig und nichts dazu thun können. Ja, wenn es sich um die Vorbereitungen zur Hauptwahl handelt, da hat man Zeit, um allerlei Verabredungen von langer Hand zu treffen und Einflüsse auszuüben auf das Verhalten der Parteien im Allgemeinen. Da können die verschiedenen Wahlkreise wechsel­seitig auf einander einwirken Aber vor den Stichwahlen geht es doch ganz anders zu, zumal wenn die Stichwahlen so kurz wie diesmal auf die Hauptwahlen folgen. Da hat jedermann vor seiner eignen Thür zu kehren und jedermann steht zu, wo er selbst bleibt. Jedem Parteimanne fällt da die Aufgabe zu, an seinem Orte so viel Gewinn wie möglich einzuheimsen für die Sache, die er vertritt, und wie es sich nur immer verträgt mit den Grundsätzen, die vorher von der Allgemeinheit der Partei für die Behandlung der Stichwahlen gutgeheißen und angenommen worden sind. Dabei heißt es handeln, sehr schnell handeln — Schlag auf Schlag muß die Wahlaktion durchgeführt werden, damit man nicht, ehe man es sich versieht, zwischen die zwei berühmten Stühle zu sitzen kommt.

Haben denn nun die Dortmunder Cen­trumsfreunde nach den allgemein für die Centrumspartei angenommenen Grundsätzen gehandelt? Antwort: ja, ohne Zweifel. Denn erstens hieß es, nirgends soll das Centrum einen Sozialdemokraten unterstützen, und zweitens ist ausdrücklich als Grundsatz für diese Stichwahlen aufgestellt worden, daß das Centrum für den Kandidaten einer andern Partei eintreten sollte, wenn dieser befriedigende Zusagen macht über feine Stellung zum Jesuitengesetz und zum Reichstagswahlrechte. Beide Zafagen hat der Dortmunder Nationalliberale gemacht. Die Dortmunder Centrumsfreunde mußten also schon aus diesem Grunde bei der Stichwahl für den Nationalliberalen eintreten. Außerdem aber hat die Centrumspartei in Dortmund noch ganz andere wichtige Zugeständnisse von den National- liberalen erlangt, so daß in Dortmund bei Nie­mand auch nur einen Augenblick lang Zweifel darüber geherrscht hat, was zu thun sei. Ein­stimmig waren alle der Ansicht, daß das getroffene Abkommen gut sei, denn die Nationalliberalen haben sich nicht nur schriftlich verpflichtet, dem Centrumsmanne zum Siege zu verhelfen, wenn dieser später in die Stichwahl mit dem Sozial­demokraten kommen sollte. Sie haben auch auf kommunalem Gebiete so wichtige Zugeständ­nisse gemacht, daß die Dortmunder Centrums­freunde ein große Dummheit gemacht haben würden, wenn sie das nationalliberale Anerbieten abgelehnt hätten. Dazu kommt, daß höchst wahr­scheinlich bei den nächsten Wahlen das Cen­trum in die Stichwahl mit dem Sozialdemo­kraten kommen wird. Denn die Stimmenzahl des Centrums im Dortmunder Wahlkreise ist in steter Zunahme begriffen. Und somit ist der Wahlkreis durch das jetzt getroffene Abkommen für die Zukunft dem Centrum so gut wie gesichert worden. Wie man ein solches Abkommen einen „politischen Fehler" nennen kann, ist vollkommen unbegreiflich. Es sollte doch niemand sich soweit hinreißen lassen, im Aerger über eigene Mißerfolge solche Ungerechtigkeiten gegen Parteifreunde und Gesinnungsgenossen zu begehen, namentlich dann nicht, wenn man weiß, daß diese letzteren von jeher mit den denkbar schwierigsten Verhältniffen zu kämpfen und diesen Kampfplatz stets willig bis zur Selbstverleugnung auf sich genommen und ohne Ausnahme unermüdlich und mit großem Geschicke sowohl, als auch mit bestem Erfolge durchgeführt haben.

Und schließlich: sollen Centrumsleute ihre Politik, ihre Taktik danach ein­richten, was wohl die Sozialdemo­kraten dazu sagen könnten? Das geht doch nicht. Fest hat man nur das, was man selbst hat. Und gerade um der schönen Augen der Herren „Genossen" willen gehen Centrums­männer nicht einen Schritt! Erleiden wir dadurch einmal an einer Stelle einen Verlust, so ist das an sich bedauerlich. Aber sicherlich wird dann dieser Verlust an anderer Seite doppelt wieder ausgewogen werden.

Die Dortmunder Centrumsfreunde haben recht gehandelt. Und den „poli­tischen Fehler" begehen diejenigen, die sie um ihres richtigen Handelns willen tadeln wollen.

△ ft» »rlnffliche „Äomttfrischc".

Wohin sollen wir in diesem Jahre in die Sommerfrische gehen? So mögen sich manche Beamte, insbesondere Professoren und Lehrer an höheren Studienanstalten fragen, die sich mit den kommenden Ferien auch eine Erholung draußen auf dem Lande gönnen wollen. Tagtäglich bringen nun die größeren Tageszeitungen ganze Reihen