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FutdaerMZeitung

M 147

JuLöcr, Samstag, den 2, Juli 1898

* Dre Sozialdemokratie

verantwortlich: Für die Redaktion Ios. Lan«, sür Inserat« I. Varzeller in Fulda.

Sie nicht ohne eine besondere Absicht hierher ge­schickt hat. In der Heimath wären Sie ohne Zweifel jenes schwankende Rohr geblieben, das jeder Wind hin und her treibt. Der Kern Ihres Herzens ist gut, allein an der Schale klebt so mancher Schmutz, der entfernt werden muß. Der Herr hat Sie in eine harte Schule geschickt. Bis jetzt haben Sie allerdings fast nur die Schön­heiten des Seemannslebens kennen gelernt, doch es bleiben auch die Schattenseiten, die Gefahren und Kämpfe, nicht aus. Betrachten Sie Ihr Loos als eine Schickung der weisen Vorsehung, welche am besten weiß, was uns frommt. Erfüllen Sie Ihre Pflicht, dann wird sicher Alles noch gut. Den Verdacht gegen Ihre Braut theile ich nicht. Aus Ihrer Erklärung geht hervor, daß das Mädchen fromm und gottesfürchtig ist. Glauben Sie mir, wer Gott die Treue hält, bricht sie den Menschen auch nicht. Ihre Eltern müssen in Kenntniß gesetzt werden. Sie dürfen über Ihr Befinden nicht länger im unklaren sein. Sobald wir auf dem Festlande find, werde ich ihnen in Ihrem Namen mittheilen, daß der Sohn gut auf­gehoben ist und dereinst als ein braver Mensch heimkehren will. Voraussichtlich reise ich das nächste Jahr wieder nach Deutschland zurück. Dann werde ich sie aufsuchen. Ich habe bei Ihnen daheim manchen Bekannten, der in militärischen Kreisen Einfluß besitzt, und will versuchen, einen Strafnachlaß oder doch eine Milderung für Sie auszuwirken. Dann kehren Sie zurück in die Heimath und nehmen die leichte Buße auf sich und gedenken im Kreise Ihrer Lieben manchmal des allen Freundes, der es herzlich gut mit Ihnen meint."

Inserate: Dien«, spalt. Garmond­zeile oder der« Raum IS Pf., Re- Hamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

Ausland.

* Arüssek, 1. Juli. Wie aus dem Kongo- staate gemeldet wird, griffen mehrere hundert Auf­ständische amTanganjika-Seedie Kolonne des Lieutenants Chargois an, welche 177 Mann stark war. Chargois mußte sich auf seine Reserven zurückziehen, ergriff aber mit deren Hilfe wieder die Offensive und zersprengte die Aufständischen vollständig. Dieselben hatten 25 Todte und 50 Verwundete, während die Truppen des Kongo­staates nur 5 Todte und 27 Verwundete zu ver­zeichnen hatten. Lieutenant Chargois erhielt einen Schuß in die Achselhöhle.

X Saris, 1. Juli. Das neue franzö­sische Kabinet des Herrn Brisson hat sein erstes Gefecht in der Deputirtenkammer ziemlich gut bestanden. Donnerstag in später Abendstunde ist nach langer und theilweise sehr erregter Debatte eine von dem Abgeordneten Dujardin - Beaumetz beantragte Tagesordnung mit 315 gegen 230 Stimmen angenommen worden, die der Regierung ihre Billigung ausspricht für die von dem Minister­präsidenten Brisson abgegebenen politischen Er­klärungen. Also hat Herr Brisson, wie voraus­zusehen war, auch in den Reihen der Gemäßigten für den Augenblick Freunde gefunden. Immerhin bleibt das Kabinet Brisson ein Ministerium der Minderheit, und es ist keineswegs anzunehmen, daß dasselbe sehr langen Bestand haben wird. Aus den Erklärungen, die Herr Brisson abgab.

Deutsches Deich.

Berlin, 1. Juli.

ff Von Höch st er Stelle, so berichten Berliner Morgenblätter vom Freitag, soll eine K««dgeva»g au sammtkiche Deamteu bevor­stehen, worin ihnen die Betheiligung ander Sozialdemokratie auf das strengste ver­boten wird. Fortlaufend soll dem Kaiser über

eine sozialdemokratische Stimme abgeben. Alle diese Leute wollen, wenn sie einmal sozialdemo­kratisch wählen, nur ihrer Unzufriedenheit Ausdruck geben mit ihrer gegenwärtigen Lage. Sie werden von dem Augenblicke an nicht mehr sozialdemokratisch wählen, wo sie mit ihrer Lage zufrieden sind. In diesem Sinne ist es ganz besonders auffallend, daß diesmal so viele sozialdemokratische Stimmen in rein ländlichen Wahlkreisen abgegeben worden sind. So bei­spielsweise in Ostpreußen. In dieserProvinz wurden im Jahre 1890, von der Stadt Königs­berg abgesehen, nur 5700 sozialdemokratische Stimmen abgegeben. 1893 waren es 12400 und diesmal waren es schon 30000 — ein so über­raschend schnelles Wachsthum der sozialdemo­kratischen Stimmen in einem bestimmten Bezirke muß auch seine bestimmten Gründe haben, und je&er," den es etwas angeht, möge bei Zeiten sorgfältig forschen nach diesen Gründen und ernst­lich danach streben, sie aus der Welt zu schaffen.

Dann aber erklärt sich das Anwüchsen dkl sozialdemokratischen Stimmen im Allgemeinen daraus, daß erstens die Sozialdemokratie in allen Wahlkreisen Kandidaten aufgestellt hatte, und zweitens, daß die W a h l b e t h e i l i g u n g bei den Sozialdemokraten und bei ihren Mit­läufern ungleich reger ist als bei den anderen Parteien. Würden beispielsweise die Centrums­wähler in Köln und in Düsseldorf diesmal ebenso fleißig zur Wahlurne gegangen sein wie die Sozialdemokraten, dann würde in beiden

Wie beim Wetterleuchten der Himmel bald hier, bald dort im elektrischen Widerscheine glüht und überall im Feuer zu stehen scheint, so leuchtete fast bis an den dunklen Horizont hinan die schneeige Spur des Schiffes und der Räder. Ein sanftes Licht war darüber ergossen, und wohl in jeder Minute flammten verschiedene Flächen mit einander in hellem Lichte auf, jetzt hier, jetzt dort. Ein prächtiges Schauspiel, ein wahres Wetterleuchten im Ozean!

Das Gespräch der beiden war bei dem feffelnden Anblicke auf einige Minuten verstummt.

Nach einer längeren Pause nahm Pater Hubertus das Wort.

„Heute also, mein Sohn," sagte er und ergriff Hugos Hand, „ist der letzte Abend, den wir hier gemeinsam genießen, und morgen gilt es, Abschied zu nehmen. Wir haben manche glückliche Stunde an diesem einsamen Plätzchen verlebt und so vieles Schöne gesehen. Vergiß es niemals. Und wenn Dir eine Anfechtung naht, dann denke an den alten Mann, der Dich lieb gewonnen hat, wie einen Sohn, und an seine Worte; bete mit Ser­ratien int Herzen, und Du wirst erhört werden. Lebe wohl! Vielleicht wird uns ein baldiges Wieder­sehen gewährt!"

Hugo war so ergriffen, daß er nicht sprechen konnte; stumm küßte er dem väterlichen Freunde die Hand.

Es war spät geworden, und beide begaben sich in ihre Hängematten zur Ruhe.

Am anderen Tage lief die „Themis" int Hafen Colon ein, und damit war das Reiseziel des Paters Hubertus zu Wasser erreicht. Er verabschiedete sich von dem guten Bob und verließ das Schiff,

möglich sein, mit Sicherheit zu übersehen, ob eine 'Aenderung des bestehenden (preußischen Landtags-) Wahlrechtes sich empfiehlt, und gegebenenfalls in welcher Weise eine solche in Aussicht zu nehmen fei". Diese Hinweise auf die angebliche Noth- wendigkeit immer weiterer Erhebungen ist, wie gesagt, nichts weiter als der Versuch einer Ent­schuldigung dafür, daß die preußische Regierung noch immer nichts gethan hat, um diese höchst nothwendige Reform auf dem Gebiete des Land­tagswahlrechtes anzubahnen. Jetzt müssen die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause noch nach dem alten, und nunmehr durch die Veränderung der Steuergesetze noch weiter ver­schlimmerten Wahlsystem stattfinden. Das wollte die Regierung, das wollten die Konservativen. Und nun ist es auch ziemlich gleichgiltig geworden, ob die Regierung ein Vierteljahr früher oder später mit ihrer Vorlage an den Landtag heran­tritt. Vielleicht thut sie es auch wiederum gar nicht. Vielleichtmacht man sich ein statistisches Material zurecht, das alsdann nach der Ansicht der Regierung „eine Aenderung des Wahlrechtes gar nicht empfiehlt". Jedenfalls ist auf solche Versprechungen vor den Wühlen gar nichts zn geben, um so weniger, wenn diese Ver­heißungen in so zweifelhafter und nach allen Richtungen verklausulirter Form erfolgen wie hier in diesem Falle. Aber eine Thatsache vermögen auch die offiziösen Federn nicht mehr zu leugnen, nämlich daß das Kommunal- Wahlrecht durch die netten Steuergesetze in der 'gröblichsten Weise beeinflußt ist. Derselbe Offiziosus sagt darüber: „Nachdem über die (Kommunal-) Wahlen Ermittelungen angestellt und die Ergebnisse derselben verarbeitet sind, läßt sich eine so weit gehende Verschiebung des Wahlrechtes zu Gunsten der reichern Minorität nicht verkennen, daß Sicherungsmaßregeln gegen eine plutokratische Verbildung des Drei­klassensystems angezeigt erscheinen." Die Erkenntniß kommt erstaunlich spät. An­dere Leute haben dieselbe schon seit geraumer Zeit!

* Nicht uninteressant ist die Thatsache, daß seit Bestehen des deutschen Reichstages die Zahl

25. Jahrgang.

■ der adekige« Mitglieder bei jeder Wahl sich 1 verringert hat. Im Jahre 1871 hatte der Reichstag 180 adelige Mitglieder, 1881 147, 1890 126, 1893 102 und 1898 sind noch 88 Adelige gewählt worden, darunter 6 Fürstlichkeiten. Keinen adeligen Namen weisen nur die freisinnige Ver­einigung, die freisinnige Volkspartei und die süd­deutsche Volkspartei auf. Die Sozialdemokraten haben zwei adelige Mitglieder: v. Vollmar und v. Elm. Die Welfen sind sämmtlich adelig. Von den Polen 5/?, von den Konservativen mehr als 2ls, von den Nationalliberalen ist */« und vom Centrum 1/10 adelig.

* Ueber die „Ke«1r«msdemokratie" phan- tasirt sich die ,Kons. Korr/ allerlei zurecht. Aus der sehr einfachen Thatsache, daß das Centrum sich nicht durch eine Kartellmehrheit wollte aus dem Sattel heben lassen, macht sie das Bestreben, eine demokratische Mehrheit zu erlangen, das dann Dank der monarchischen und patriotischen Grund­stimmung in unserem Volke gescheitert sei. Die Centrumsdemokratie wolle kraft ihrer ausschlag­gebenden Stellung den Kaiser und die Bun­desfürsten zwingen (?), aus ihren Kreisen Minister und Staatssekretäre in größerer Zahl zu entnehmen. Hoffentlich habe der demokratische Centrumspreßfeldzug den nicht demokra­tischen Katholiken die Augen darüber geöffnet, auf welche schiefe Ebene sie durch den demokra­tischen Centrumsflügel mißleitet werden sollten. — Wie wir doch so böse waren, müssen's jetzt durch euch erfahren. Bisher waren wir des Glaubens, die Leute, die dem Kaiser Minister und Staatssekretäre aus ihren Reihen aufzu­zwingen bestrebt seien, ständen der ,Kons. Rorr.' nahe. Sollte sich das wirklich geändert haben?

die Durchführung des Erlasses berichtet werden. Ohne Zweifel ist dringend zu wünschen, daß namentlich alle Beamten sich dieser Betheiligung an der Sozialdemokratie enthalten. Aber ebenso dringend ist zu wünschen, daß den Bedürfnissen der kleinen Beamten und der Bediensteten so viel wie möglich Rechnung getragen werde. Wäre das immer geschehen, dann würden solche Erlasse aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht erst voth- wendig geworden sein.

O Halbamtlicher Ankündigung zufolge „steht dem preußischen Landtage eine wichtige Vorlage für seine erste Tagung auf dem Ge­biete des Wahlrechtes in Aussicht". Daß diese Vorlage nicht schon längst eingebracht worden ist, sucht man damit zu entschuldigen, daß man bis­her die Wirkungen der Steuerreform noch nicht genügend habe übersehen können. Aber auch jetzt wird man es wohl nicht allzu eilig haben damit

Offiziosus sagt weiter! „Erst nach voll­ständiger B-2rbetrung des bei diesen Wahlen (Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause) zu gewinnenden statistischen Materials wird es

Der KaprUerchof.

Erzählung aus dem Leben von Max Benno.

23 ------ (Nachdruck verboten.)

Seine Gedanken schritten zurück in die Zeit seines ungebundenen Lebens in H., wo er manch­mal auch ernstere Anwandlungen gehabt, sie aber jedesmal wieder von sich gedrängt hatte. Er stellte im Geiste einen Vergleich an zwischen seinen damaligen Freunden und dem einfachen Bob, seinen damaligen Empfindungen und Gefühlen, die trotz allen Leichtsinns so oft durch aufsteigende Ge­wissensbisse getrübt worden waren, und seiner nunmehrigen Gemüthsverfassung — und dieser Vergleich fiel wahrlich nicht zu Gunsten der Ver­gangenheit aus. In den wenigen Tagen seit seiner Flucht aus der Heimath hatte er schon so Vieles gehört und gesehen, und er war, er fühlte es, in eine bessere Strömung gebracht.

Die Ahnung erwachte in ihm, daß sein selbst­verschuldetes Mißgeschick die Brücke werden könnte, über die er das Ziel zu erreichen vermöge, das ihm von der Mutter als wahre Lebensaufgabe bezeichnet worden war. Je mehr er sich mit diesen Gedanken beschäftigte, desto kräftiger wurde sein Selbstgefühl und das Vertrauen auf eine Zukunft, die den Wünschen der Mutter entsprach.

Hugo traf mit dem Pater an den folgenden Abenden fast regelmäßig zusammen und gewann zu dem wohlwollenden Manne nach und nach ein so großes Vertrauen, daß er den Schleier von seiner Vergangenheit zog.

Der würdige Herr hörte mit mildem Lächeln die Erzählung des jungen Mannes. „Danken Sie Gott," sagte er, nachdem Hugo geendet, „der

Hugo wußte nicht, wie er dem alten Herrn danken sollte. Doch dieser zeigte ihm am Schluffe hierzu selbst den richtigen Weg. „Wenn Sie, sagte er, meinem Rathe folgen und ich Sie einst auf meinen vielen Wanderungen als glücklichen Mann auf Ihrem väterlichen Gute aufsuchen kann, wird es einer der schönsten Augenblicke meines Wirkens auf dieser Welt sein."

Die Fahrt ging ohne jeden Unfall vor sich. Nach 20 Tagen hatte man die Insel St. Thomas erreicht. Bald nachher tauchte in blauer Ferne eine lang gezogene niedere Gebirgskette auf. Die Umrisse wurden deutlicher und vermischten sich mit den hohen Bergen von Portorico.

Wie ein kleines Paradies zeigte sich das Land in dem lieblichen Wechsel von Berg, Thal und Ebene, von Wiesen und Wald auf diesem idyllischen Platze. Aber immer weiter dampfte das mächtige Schiff an den Inseln Haiti und Jamaica vorbei nach dem Süden.

An einem Abend der vierten Woche standen der Pater und Hugo an ihrem gewohnten Plätzchen und plauderten miteinander. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung mußte jedoch nicht angenehmer Art sein; denn Hugos Mienenspiel drückte eine unver­kennbare Traurigkeit aus. Und doch war gerade heute der Abend so schön. Der Abendstern funkelte in voller Pracht. Rings umher aber erschien der Himmel so schwarz wie die Nacht. Die wilde See schleuderte Myriaden von Wassertröpfchen empor, welche in Bläschen zergehend durch ihre Menge den Horizont finster machten, wie ein dunkler Vorhang. Hinter dem Schiffe glich das breite Kielwasser, so weit der Blick reichte, einem flammenden Sterne.

stellt sich an, als sei sie als die erste Siegerin liefern letzten Wahlkampfe hervorgegangen.

Ihr Berliner „Zentralorgan" will ausgerechnet haben, daß die sozialdemokratifche Partei diesmal etwa'340 000 Stimmen mehr erhalten habe als im Jahre 1893, nämlich 2125 000 Stimmen gegen 1786 000 Stimmen damals. „Dieser neue Riesenerfolg!" — so ruft das Berliner sozial­demokratische Zentralorgan aus: „Eine neue Stimmenzunahme von 340000, von über 1/3 Trillion! Eine Vermehrung der Stimmen um 19 Prozent, um fast ein Fünftel ..." Und dann werden die Bezirke aufgezählt, in denen die So­zialdemokratie mehr Stimmen erhalten hat vor fünf Jahren.

reklamehaften Trommelwirbel tzubt die sozialdemokral.^, <yreffe augenschein- hinwegzutäuschen über bie Jhen , rlage, die die Stichwahlen der So- zlal0-7aokratie gebracht haben. Und noch vor wenigen Tagen klang es im ersten Aerger über diese Niederlagen ganz anders aus den Spalten ihrer Blätter heraus. Da drängte ein „Pfui Teufel" das andere über die abscheulichen Bürger­parteien, daß diese an einigen Orten sich zu- sammenaethan hatten, um den Uebermuth der Herren Genossen durch einige Wahlniederlagen M dämpfen; und daraus konnte man sehr deut­lich erkennen, daß das das richtige Verfahren ge­wesen war. Man kann darum für die nächsten Reichstagswahlen nur empfehlen, daß eine Einigung mehrerer bürgerlicher Par­teien dort, wo es sich machen läßt, schon für die Hauptwahl vorgenommen wird, um die Sozialdemokratie schon bei der Hauptwahl ju schlagen und dadurch ihren Uebermuth noch ein wenig mehr abzukühlen.

Im Uebrigen wollen wir durchaus nicht in Abrede stellen, daß die Sozialdemokratie diesmal erheblich mehr Stimmen aufgebracht hat als ror fünf Jahren. Im Gegentheil: alle Welt ntöv? viefe starke Zunahme der fozial- demokratifchen Stimmen doch recht ge­nau sich merken und recht sehr oie Gefahr würdigen, die aus diesem fortgesetzten An­wachsen der Sozialdemokratie entstehen kann.

Aber Thatsache ist zunächst, daß b e i weitem nicht alle sozialdemokratischen Stimmen von wirklichen Sozialdemokraten herrühren. Das wissen wir längst. Nichtsdestoweniger muß diese Thatsache zur richtigen Kennzeichnung der Verhältnisse stets von neuem festgestellt werden. Jedesmal erhalten die sozialdemokratischen Kan­didaten eine große Menge von Stimmen von Leuten, die gar nicht daran denken, wirkliche Sozialdemokraten zu fein: von kleinen Beamten und Bediensteten, namentlich bei den.Verkehrs­anstalten ; von kleinen Handwerkern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden, und auch von kleinen Grundbesitzern auf dem Lande. Und lange nicht alle Arbeiter wollen Sozialdemokraten fein, die

Erscheint täglich, «.Ausnahme der Sonn- und Feier- tage. Bierteljährl. Heiug-preis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

Städten der Centrumskandidat gleich im ersten Wahlgange gesiegt haben. In dieser Beziehung sollten wir alle von den Sozialdemokraten lernen. Und wenn bei uns im deutschen Reiche zum Wahlrechte auch die Wahlpflicht käme, dann würden aller Wahrscheinlichkeit nach die sozialdemo­kratischen Reichstagsmandate fortgeweht werden wie im Sturme.

Doch die Wurzel des Uebels liegt tiefer. Die ist zu suchen in dem Geiste der Gesetz­gebung der sogenannten liberalen Aera, cer Zeit, in der Fürst Bismarck zusammen mit dem Minister Falk und dem Abgeordneten Lasker und feinen Freunden Gesetze machte und den Geist des Christeiithstms aus der Schule austrieb. Laßt nur die Sonne des Christen- glaubens voll hinein scheinen in unsere Tchlllrn, in unser ganzes öffentliches Leben und in unsere Gesetzgebung, vor Allem in die Gesetzgebung auf sozialem Ge­biete, bann werden die finsteren Geister der Nacht und des Umsturzes bald gewichen sein vor den Hellen Strahlen dieser Sonne, die heiß in die Herzen der Menschen hineinscheint und sie erfüllt mit dem Lichte der einzig wahren Erkenntniß!

mit Unterhattungs-Meilage „Mstrirte Sonntags-Zeitung!'

Peteregaff« Nr. 2 (Harmonie).