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KuldaerMZeitung
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JE 133.
Jutöa, Mittwoch, den 15. Juni 1898
25. Jahrgang.
ÜLZweites ^Caff-1
«K Die Sozialreform. „
Am 17. November 1881 ließ Kaiser Wilhelm I. dem Reichstage durch den Reichskanzler eine Botschaft übermitteln, die auf die Noth- wendigkeit hinwies, Fürsorge zu treffen gegen die Noth, die über den Arbeiter hereinbrechen kann infolge von Krankheit, Unfällen und Arbeitsunfähigkeit. „Die Heilung der sozialen Schäden — so hieß es in jener Botschaft — wird nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein . . . Für diese Fürsorge die rechten Mittel und Wege zu finden, ist eine schwierige, aber auch eine der höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesens, welches auf den sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens steht . . ." Herrliche Worte! Aber derselbe Reichskanzler, der diese kaiserliche Botschaft dem Reichstage verkündete, derselbe Reichskanzler, der sogar einmal das Wort von dem „Rechte auf Arbeit" zur Kennzeichnung eigner Anschauungen anwandte, wurde sehr bald ein Gegner der Fortführung des begonnenen Werkes. In der zweiten Halste der achtziger Jahre lehnte dementsprechend der Bundesrath nacheinander mehrere Gesetzentwürfe ab, die aus dem Reichstage zu dem Zweck hervorgegangen waren, die Arbeiterschutz-Gesetzgebung weiter auszubauen. Schon damals hatte im Reichstage das Centrum die Führung auf diesem Gebiete. Es hat dieselbe seitdem unbestritten behalten. Ja, man kann sagen, daß der unermüdlichen Thätigkeit der Centrumspartei auf diesem Gebiete der „höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesens" der allergrößte Theil aller im Interesse der Arbeiter erzielten Erfolge zu verdanken ist, und daß das Centrum auch für die Zukunft der einzig feste Hort im Reichstage sein und bleiben wird für den weiteren Ausbau der Arbeiterschutz-Gesetzgebung.
Ein Umschwung trat ein durch zwei Erlasse Kaiser Wilhelms des Zweiten, die am 4. Februar 1891 im,Reichsanzeiger' veröffentlicht wurden. Danach sollte es eine der vornehmsten Aufgaben der Staatsgewalt sein, „die Zeit, die Dauer und die Art der Arbeit so zu regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirthschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und iHv Ausspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt bleiben. Aber merkwürdig! Als kaum vierzehn Tage nachher der Kaiser den preußischen Staatsrath mit einer Ansprache eröffnete, enthielt diese Ansprache ganz wesentliche Einschränkungen jener voraufgegangenen
Beispiele ziehen an.
Freundlich lachte die Sonne auf die junge, knospende Erde nieder. Alles mit Frohsinn und neuem Lebensmuthe erfüllend. Und doch, den Mann, der da oben durch das grüne Wiesengelände schritt, schien die Herrlichkeit, die ihn umgab, nicht zu berühren. Wie ein stürmischer Herbsttag lag es auf dem wettergebräunten, energischen Gesicht, und in dem Herzen kochte und brodelte es wie in dem Innern eines Vulkans. Es war aber auch arg; das hatte ihm passiren müssen, ihm, dem erfahrenen Landwirth, dem unfehlbaren Praktikus! Ach, fein Fehler that ihm nicht so leid, aber die gutsherrliche Nase, die er hatte einstecken müssen, — das konnte der gestrenge Herr Inspektor nicht verwinden. Eigentlich war es nur ein kleiner Wortwechsel gewesen, den er mit seinem Gutsherrn gehabt, aber daß er dabei den Kürzeren gezogen, das wurmte. Sein Stolz, sein Ehrgeiz, waren empfindlich verletzt, und er suchte jetzt nur nach einer Ableitung für seinen Zorn. So kam es, daß er einen der Tagelöhner, der ihm gerade in den Weg lief, fast ohne jeden Grund mit heftigen Worten anfuhr. Der Mann schaute erstaunt auf, gab dann aber ruhig und gelassen Bescheid, und nahm unverdrossen seine Arbeit wieder auf.
Das Austoben hatte dem Inspektor doch nicht die gewünschte Befriedigung gebracht, und ärgerlich eilte er, es war gerade Mittag, seinem Hause zu. Wie ein Schmuckkästchen, inmitten blühender Obstbäume lag dasselbe da, aber er hatte gar keinen Blick dafür. Sein Gesicht verzog sich, als er den Hausstur betrat, zu einer häßlichen Grimasse: „Das fehlte noch gerade!" murmelte er verdrossen. Aus der geöffneten Kellerthür zog der Dampf von heißer Seifenbrühe. Das war ihm nun das unangenehmste Parfüm, und Waschtag der widerlichste Tag, den er sich denken konnte.
Auf der Schwelle des Wohnzimmers begegnete ihm seine junge Frau. „O, Karl", meinte sie freundlich, „bist Du schon da?" und ihr Gesicht
Erlasse im ,Reichsanzeiger'. Man sah, daß inzwischen die „kleine, aber mächtige Partei mit Erfolg an der Arbeit gewesen war. Immerhin folgte im März 1890 auf Veranlassung des Kaisers die internationale Arbeiterschutz-Konferenz, und im Mai ging dem Reichstage die bekannte Arbeiterschutz-Novelle zur Gewerbeordnung zu. Nach sehr eingehenden Verhandlungen, an denen vor allen anderen Parteien wiederum das Centrum den Hauptantheil hatte, gelangte die Berathung dieser Novelle im Mai 1891, also erst ein ganzes Jahr danach zum Abschlüsse.
Die Sozialdemokraten aber stimmten gegen das Arbeiterschutzgesetz! Angeblich deshalb, weil sie noch mehr verlangten; in der That aber aus ganz anderen Gründen. Mit zufriedenen Arbeitern können die Sozialdemokraten nichts anfangen. Die Sozialdemokratie braucht unzufriedene Leute; und so sucht sie alles in unserer Gesetzgebung zu verhindern, was zur Versöhnung, zur Milderung der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze in dem Rahmen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung führen könnte. Ebenso macht sie es regelmäßig, wenn es sich bei den Etatsbe- rathungen um Erhöhungen der Ausgaben im Interesse der kleinen Beamten und Arbeiter handelt. Da stellt, des Scheins wegen, die Sozialdemokratie allerhand Anträge, die angeblich der Besserung der wirthschaftlichen Lage der kleinen Beamten und Arbeiter dienen sollen. Aber wenn es sich dann im Etat um die Bewilligung der Geldmittel dazu handelt, lehnt dieSozial- demokratie den ganzen Etat ab. Hinterher kommt den Sozialdemokraten gewöhnlich die Erkenntniß, daß sie wieder etwas Dummes gemacht haben. Und dann meinen sie sich dadurch berauszureden, daß sie behaupten, alles Gute für kleine Leute und Arbeiter komme doch von ihnen; denn sie hätten den Anstoß dazu gegeben! That- sächlich aber schädigt das Verhalten der Sozialdemokratie direkt die Interessen der kleinen Leute und Arbeiter, deren Interessen sie sich anzunehmen vorgibt.
Nach der Annahme der Arbeiterschutznovelle von 1891 war es eine Zeit lang still auf dem Gebiete der sozialreformatorischen Gesetzgebung. Dann machte der Bundesrath dem Reichstage im Mai 1897 eine Vorlage über Abänderung der Gewerbeordnung und des Gesetzes über die Krankenversicherung. Die Vorlage beruhte auf den Untersuchungen der Reichs-Kommission für Arbeiterstatistik, die seit 1892 thätig ist. Die Vorlage erhielt treffliche Bestimmungen im Interesse der Arbeiter, namentlich der weiblichen und jugendlichen Arbeiter und der Personen, die in der Hausindustrie thätig sind. Aber in der Kommission, die der Reichstag zur Vorberathung dieser Vorlagen einsetzte, blieben dieselben unerledigt. Wiederum war im Stillen „eine kleine,
drückte ein wenig Verlegenheit aus. „Du mußt Dich aber noch einen Augenblick gedulden, die alte Liese hat sich heute Morgen den Fuß verstaucht, und so mußte ich mich allein an die Wäsche machen: dazu war Linchen heute so unruhig, ich glaube, das Kind fängt an zu zahnen, da mußte ich denn alle Augenblicke von der Arbeit fortspringen. Ja, Männchen", fuhr sie munter lachend fort, „Du weißt gar nicht, wie sich Dein armes Weib heute Morgen schon hat plagen müssen!" „Ihr Frauen", brummte er ärgerlich, „wißt Euch immer herauszureden." Weder die liebenswürdige Art seiner Frau, noch ihre anmuthige Erscheinung in der netten, sauberen Umgebung vermochte ihn freundlich zu stimmen; und als sie nun mit den Worten: „Ja, Karl, heute müssen wir uns mal mit einem Gange begnügen, ich konnte wirklich nicht so viel Zeit erübrigen", sich entschuldigte, da brach der zurückgedrängte Zorn von Neuem los. „Zum Kuckuck, was soll das heißen! wenn ich müde und hungrig von der Arbeit heimkomme, dann wünsche ich, daß ein anständiges Essen auf den Tisch kommt, und rechtzeitig!"--donnerte er. Erschrocken
schaute die Frau auf. Ach, sie kannte ihren Mann wohl; daß er heftig und egoistisch war, das wußte sie, aber sie liebte ihn doch trotz seiner Schwächen, und da sie eine kluge Frau war, so kam sie auch leidlich mit ihm aus. „Aber Karl", beschwichtigte sie, „ist das Essen nicht schön?" „Schön?" höhnte er, „schön ist etwas ganz Anderes", und rücksichtslos stocherte er an dm appetitlich zubereiteten Speisen umher. Mit Gewalt drängte die Frau die Thränen zurück und zwang sich, ein harmloses Gespräch anzuknüpfen, aber ohne Erfolg, er war und blieb verschlossen. Er sah wohl, wie wehe er ihr that, und im Geheimen verwünschte er seine Laune, ab^er sein Stolz litt es nicht, sein Unrecht einzustehen.
Still und wortlos verließ er das Haus. Es gab einen scharfen Arbeitstag, und in der anstrengenden Thätigkeit vergaß er bald die unerquicklichen Scenen. Nach dem Feierabend führte
aber mächtige Partei" an der Arbeit, und gegen alles Erwarten hat die Regierung diese Vorlage dem Reichstage während seiner letzten Tagung gar nicht mehr zugehe« lassen. Diejenigen Männer in der Regierung, die als Freunde der Weiterführung der Sozialreform galten, mußten abtreten, und nun ist eine andere Richtung ausgekommen, die unter dem tosenden Beifalle der Herren Freiherr v. Stumm und Genossen dahin strebt, dem Arbeiter nichts weiteres zu geben, sondern ihm noch etwas zu nehmen, nämlich die freie Ausübung des Koalitionsrechtes und die Versammlungsfreiheit.
Die Sozialdemokratie will man treffen. Und zu diesem Zwecke begibt man sich auf den falschen Weg der Beschneidung der Rechte a l l e r Arbeiter. Man ist gereizt durch die Ausschreitungen der Sozialdemokratie. Und dafür will man sich rächen an dem ganzen Arbeiterstande — sagen es doch jetzt die Herren v. Stumm und Genossen ganz offen, daß sie nicht einmal den christlichen Arbeitervereinen ein Daseinsrecht zugestehen wollen!
In dieser schwierigen Lage ist die beste Vertreterin des Arbeiterstandes im Reichstage eine Partei, die voll und ganz auf dem Boden der Erhaltung und des weiteren Ausbaues aller Arbeiterrechte steht und gleichzeitig versöhnlich und vermittelnd wirkt — eine Partei, der niemand den Vorwurf machen kann, daß sie aus Eigennutz die Interessen der Arbeiter vertrete. So aber kann einzig und allein das Centrum im Reichstage wirken. Denn die Thätigkeit der Sozialdemokratie hat dem Arbeiter bisher mehr geschadet als genützt, und die Konservativen und Freikonservativen sind zum größten Theil ganz offene Gegner der berechtigten Ansprüche der Arbeiter geworden.
Am besten wird darum derjenige Arbeiter morgen am Wahltage seine Rechte wahren, der seine Stimme dem Kandidaten der Centrumspartei gibt!
Der spanisch-amerikanische Krieg.
*' Vom Kriegsschauplätze liegen auch heute nur wenige Nachrichten von Bedeutung vor. Amtliche Depeschen aus Madrid melden vom 11. d. M.: Die spanischen Schiffe „Conde Venadito", „Nueva Espana" und „Ligera" liefen aus dem Hafen von Havanna aus, um das kleine, den Hafen blokirende amerikanische Geschwader anzugreifen. Dieses wich einem Kampfe aus und zog sich zurück. Eine zweite Depesche besagt, 11 amerikanische Handelsschiffe seien vor Santiago angekommen, wie man glaube, mit den zur Landung bestimmten Truppen an Bord. Es seien Vorkehrungen getroffen, um einen Landungsversuch zurückzuschlagen. — Vom
ihn der Weg an der Wohnung des Tagelöhners, den er am Morgen so rauh angefahren, vorüber; da er mit demselben etwas bezüglich der Arbeit für den nächsten Tag zu besprechen hatte, so trat er ein; aber wäre fast wieder zur Thüre hinausgestürzt, eine so unausstehliche Luft war in dem kleinen, engen Raume. Der Mann, dem der Kummer und das Elend aus den Augen sprach, trug eine Schürze vorgebunden und hielt in den Armen ein kleines, schreiendes Kind, mit dem er singend auf und nieder ging. In der Stube sah es nicht weniger als einladend aus. In wild"m Chaos lag alles drunter und drüber. Am Tisch saßen zwei kleine Mädchen von sechs und drei Jahren und aßen einen dicken Brei. Plötzlich schrie das kleinere auf, — die Schüssel war ihm vom Tisch geglitten, und der heiße Brei ergoß sich auf die kleinen Füße. Hastig legte der Mann das Kind in die Wiege, stürzte auf das kleine Mädchen zu, ihm die Schuhe und Strümpfe ausziehend und die Füßchen, die zum Glück nicht sehr Schaden genommen, kühlend. Dabei fand er noch tröstende Worte für den kleinen Schreihals. „Martin, Martin!" ließ sich aus der Kammer nebenan eine schwache Stimme hören, „gib doch besser acht, ach, wenn das so fortgeht, liege ich bald drunten, nun ist schon wieder eine Schüssel hin!" „Maria, ich bitte dich," tröstete der Mann, und er suchte seiner rauhen Stimme einen möglichst sanften Ton zu geben, „schau, die Schüssel war die alte mit dem ©prang, die hätte doch nicht mehr lange gehalten, reg Dich nur nicht so auf."
Stumm voller Verwunderung stand der Inspektor da; nein, so etwas war ihm noch nie vorgekommen, er begriff das nicht. Was würde er wohl unter solchen Umständen angefangen haben? — Und der Mann da vor ihm war nicht eine Frauennatur, bewahre! Hatte er ihn, den tüchtigen Arbeiter, doch stets als einen ganzen Mann gekannt. Aber, — was ihm dem gebildeten Manne, vollständig abging — Selbstbeherrschung und christliche Geduld, das besaß diese einfache Seele in hohem Maße.
Sonntag meldet ein Telegramm des Generals Bianco: Ein amerikanischer Kreuzer und zwei Kanonenbote liegen vor Havanna, zwei Schiffe vor Mariel, eins vor Cardenas und zwei vor Caibarien. Dagegen befinden sich vor Matanzas und Cienfuegos keine feindlichen Schiffe. Wir sind ohne Nachrichten aus Caimanera. (Caima- nera ist eine Hafenstadt an der Südküste Cubas östlich vor Santiago, an der Guantanamobucht gelegen.) — Ein Telegramm vom 11. Juni zufolge verlautet in New-Hork, die Zahl der Marinemannschaften, welche am Freitag in der Guantanamobai ausgeschifft wurden, betrage 600. Die Mannschaften haben die Häuser niedergebrannt, um sich vor dem gelben Fieber zu schützen. Die Nachricht wird über Kingston bestätigt mit dem Bemerken, daß die gelandeten Truppen auf den Ruinen der Außenbefestigungen die amerikanische Flagge gehißt hätten und daß die Landung durch amerikanische Kriegsschiffe gedeckt wurde, welche die Spanier durch Granatschüsse aus den Schanzen vertrieben. Es scheint also jetzt festzustehen, daß amerikanische Truppen sich bereits auf Cuba befinden, das Gros der Landungstruppen befand sich Samstag aber noch in Tampa. Ein Brief aus Tampa meldet: Am Mittwoch war die Armee Shafters bereits auf 30 Schiffen, die bereit waren, in See zu gehen, mit Munition, Lebensmitteln und Pferden eingeschifft, als von der Regierung der Befehl eintraf, die Abreise aufzuschieben. Es ging das Gerücht, daß vier spanische Kriegsschiffe gesehen worden seien, im Hafen wurden deshalb Vorkehrungen gegen einen eventuellen Angriff der Spanier getroffen. Da von den eingeschifften Pferden am Donnerstag früh in Folge der Hitze vierzehn verendet waren, wurden die übrigen Pferde wieder ausgeschifft. Die Mannschaften sind jedoch an Bord geblieben, wo sie sehr beengte Unterkunft haben und viel unter der Hitze leiden. Lange kann unter solchen Verhältnissen die Abfahrt sich nicht mehr verzögern.
Uermischtes.
* Mündlicher Hrufl aus einem Luftballon. Einen gewaltigen Schreck bekam letzthin der Mililärposten, der vor der Jägerkaserne in Lübben Dienst that, als plötzlich aus hohen Lüsten die Worte an sein Ohr schlugen: „Ist das hier Lübben?" — Der Soldat, der nun in einer Höhe von etwa 100 Metern über sich ein mächtiges Luftschiff dahingleiten sah, beantwortete die Frage mit: „Irr wohl l" — „Ist das die Kaserne?" hörte der Posten nun weiter fragen. Nachdem er auch diese Frage bejahend beantwortet hatte, erwiderte einer der Insassen des Ballons: „Dann grüßen Sie meinen Bruder, den Lieutenant . . . ., welcher jetzt übt!" — worauf der unge- thüme Koloß lautlos, wie er gekommen, weiterzog und im Morgengrauen verschwand.
* Anzüglich. Dame (in einem Porzellangeschäft eine Nämenstasse kaufend); „Schade, die Tasse hat gerade bei dem Namen einen Fleck." — Prinzipal (zum Verkäufer): „Bitte, die Dame wünscht einen unbefleckten Namen."
Eine glühende Röthe flog über des Tagelöhners Gesicht. „Ach, Herr Inspektor!" meinte er entschuldigend, „Sie dürfen sich hier nicht umschauen; sehen Sie, so gehts, wenn einem die Frau fehlt, da steht gleich Alles auf dem Kopf, ja, als meine gute Marie noch gesund war, da sah es ganz anders aus, aber jetzt — wir Männer wissen uns eben schlecht zu helfen. Des Nachbars Lene schaut wohl des Tags über ein bißchen nach und bedient die Kranke, aber die ist ja auch noch ein halbes Kind, und am Abend, da habe ich zu thun, wenn nicht Alles verkommen soll. Aber das macht alles Nichts, wenn nur meine arme Frau wieder gesund würde; freilich, daran ist nicht denken, der Arzt meint, sie sei schon im letzten Stadium der Schwindsucht. In der Stadt soll nun ein gescheiter neuer Doktor sein, die Botin hats meiner Frau erzählt, und da meint meine Frau, der könne ihr vielleicht helfen, ich glaubs freilich nicht; aber schon um der Kranken den Willen zu thun, möchte ichs versuchen. Da er aber arg theuer sein soll, und ich das von meinem täglichen Lohne nicht bestreiten kann, so möchte ich den Herrn Inspektor bitten, mir noch die Ueberstunden zu überlassen."
Der Inspektor versprach es ihm, und als er ging, mußte er sich unwillkürlich vor dem armen Manne tief verneigen. Er schämte sich, wenn er an die Größe dieser Seele und an sein Gebühren vom Morgen dachte. Als er heimkam und seine Frau ihm freundlich mit dem Linchen, der kleinen rosigen Menschenknospe, auf dem Arm entgegentrat, da flog er ihnen entgegen, legte seinen Arm um Mutter und Kind und flüsterte leise: „Ach, Frauchen, ich war heute Mittag doch ein rechter Bär, ich habe gesehen, was es ohne Frau ist, was sollte ich nur beginnen ohne Euch beide?" Die Frau schaute erstaunt auf, sagte aber Nichts, drückte nur innig seine Hand, und eine Thräne perlte in ihren Äugen.