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FuldaerMZettung
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mit Mnlerhattungs-Meitage „Zllustrirte Sonntags-Zeitung
M 129.
Irrlöa, Freitag, den 10. Ium 1898
25. Jahrgang.
Dimck und verlas der Fuldaer Actteudruckerei peterrgaffe Nr. 2 (Larmonie).
verantwortlich: Für die Redaktion Jof. Berne, für Inserate J. parzeller in Fulda.
A Das Centrum und die kommende Reichstagswahl.
Kurze Zeit ist es her, daß Minister Dr. v. Miquel die Trommel zum Sammeln gerührt. Der Appell erging an die Kartellbrüder: Konservative, Reichspartei und Nationalliberale sollten sich zusammenschaaren, um, wie das Centrum von vorn herein richtig erkannte, die ausschlaggebende Stellung der Centrums-Fraktion im Reichstage zu erschüttern. Man konnte es nicht verwinden, daß das Centrum, dem man so gern ungerechterweise Mangel an nationaler Gesinnung vorwirft, in der Entscheidung nationaler Fragen die führende Rolle spielte. Daher die vielen schmählichen Angriffe auf den verfloßenen Reichstag, dem selbst die Schluß- Thronrede ihre hohe Anerkennung nicht versagte, daher das sehnliche Verlangen, eine Kartellmehrheit zu Stande zu bringen, welche das Centrum an die Wand drücken und zur Bedeutungslosigkeit herabwürdigen sollte.
Der Sammlungswirbel ist verklungen, die Wirkung, welche man von ihm erhofft, hat er verfehlt: eine Sammlung im Miquel'schen Sinne ist nicht zu Stande gekommen Dank dem Partei- Egoismus unserer Gegner und ihrer widerstreitenden Jnteressen-Politik. Nichts destoweniger liegt aber auch jetzt noch für uns Centrumswähler aller Anlaß vor, auf der Hut zu sein, daß unser Besitzstand nicht geschmälert wird und daß die ausschlaggebende Stellung des Centrums durch doppelte Mehrheitsbildung im Reichstage erhalten bleibt. An der Erreichung dieses Zieles mitzu- wirken erheischt das Interesse aller Stände des Centrums; möge daher der 16. Juni euch, Centrumswähler, vollzählig und einig an der Urne sehen!
Worin liegt die Bedeutung der doppelten Mehrheitsbildung für das Centrum und seine Wähler? Die Bedeutung ist zweifacher Art. Gewöhnlich sagt man, auf der einen Seite sei sie positiver, auf der anderen negativer Natur; das will sagen, daß es dem Centrum vermöge der doppelten Mehrheitsbildung ermöglicht ist, einmal Geseye und Anträge zur Annahme gelangen zu lassen, und zweitens ihre Annahme zu verhindern. Wir wollen die Bezeichnung „positive" und „negative" Wirksamkeit des Centrums hier beinhalten, obgleich das Verhindern des Zustandekommens eines Gesetzes, also die Erhaltung eines gegenwärtigen Zustandes ebenso gut als eine positive Leistung aufgefaßt werden kann.
Mit wem bildet das Centrnm die doppelte Mehrheit? Bald mit der Rechten, bald mit der Lmken. Die Nationalliberalen, die zu den Kartellparteien gehören, können wir hier zu der Linken nicht mitrechnen. Die Mehrheit wird also auf der einen Seite mit den Konservativen, der Reichspartei und den Nationalliberalen gebildet, auf der andern Seite mit den drei-linksliberalen Parteien, der freisinnigen Volkspartei und der deutschen Volkspartei, sowie mit den Sozialdemokraten. Die Rechte in dem bezeichneten Sinne zählt mit den verwandten „Wilden" (d. h. denjenigen Abgeordneten, die einer Fraktion nicht angehören) etwa 140 Mitglieder, die Linken etwa lio Mit- gheber. Die 12 Antisemiten und 20 Polen
nehmen eine Zwischenstellung ein. In vielen Fällen sind sie bei der Abwehrmehrheit, aber häufig genug und zwar gerade bei wichtigen positiven Fragen sind sie bei der zustimmenden Mehrheit. Aus dem Gesagten erhellt, daß die Gefahr, es werde das Kartell zu stark, viel größer ist, als daß es die Linke werde.
Wenn wir nun auch weder Grund haben, die Linke auf Kosten der Rechten, noch umgekehrt die Rechte auf Kosten der Linken allzusehr zu verstärken, so muß unser Augenmerk bei der kommenden Reichstagswahl doch vor Allem darauf gerichtet sein, daß die Bildung eines neuen Kartellreichstags verhütet wird, damit auf der einen Seite der Rechten bei posttiven Arbeiten unsere Mitwirkung nicht fehlt, und wir auf der andern Seite in der Lage sind, mit der Linken eine Abwehrmehrheit zu bilden, wir also den Ausschlag nach der einen oder anderen Seite geben. Wollen wir unsere bisherige ausschlaggebende Stellung im Reichstag fernerhin behaupten, dann heißt es, unsere Kräfte sammeln, dann ersteht für den Centrumswähler, gleichviel welchen Standes, die Pflicht, am 16. Juni seine Stimme im Sinne des Centrums abzugeben!
Ihr Arbeiter, die ihr ein Recht darauf habt, daß man Eure soziale Lage verbessere, daß man Euch menschenwürdig behandelt, wählt keinen Kartellreichstag! Unterstützt die Sozialpolitik des Centrums, diese führt auch zum Ziele. Mögen die Verlockungen der Sozialdemokratie noch so bestechend sein, folgt ihnen nicht, sie sind Blendwerke. Großartige aber unausführbare Versprechungen helfen Euch nicht, es heißt, praktische Politik treiben. Ihr Beamte, namentlich ihr unteren, keinen Kartellreichstag! Schaut um, wer mit mehr Wärme für Euch eingetreten ist als das Centrum! Die Interessen die höchsten Beamten mögen beim Kartell gut aufgehoben sein, Euer Interesse vertritt das Centrum! Darum dem Centrum Eure Stimme! Ihr Bürger, die ihr wollt, daß Eure Volks- rechte Euch erhalten bleiben und daß nicht neue Steuern Euern Schultern aufgebürdet werden, keinen Kartellreichstag! Folget der Fuhne des Centrums, das alle Angriffe auf Eure Rechte und Eure Steuerkraft abschlägt! Und Du, katholisches Volk, das Du keinen Kulturkampf mehr willst, das Du forderst, daß endlich die Reste der unseligen Maigesetzgebung beseitigt werden, daß man dich als ebenbürtig erachte und daß deinen Söhnen die Religion erhalten bleibe, keinen Kartellreichstag! Zeige dich deiner Vergangenheit würdig! Tritt einmüthig am 16. Juni an die Urne heran und bekunde durch deine Wahl, daß trotz allen Anfeindungen unbesiegbar ist die Partei mit der Devise: Iür Wahrheit, Irei- he»1 und Ilechtr
Deutsches Deich.
Berlin, 9. Juni.
x Die offiziösen .Berliner Pol. Nachrichten" hatten behauptet, die Anwesenheit des Marinesekretärs im Gefolge des Kaisers in Stettin sei in Verbindung zu bringen mit der Entwicklung des Reichsmarineamtes in der Richtung eines Iteichs Marine- und Schifffahrts-Amtes.
Diese Nachricht beruht, wie der oberoffiziösen ,Nordd. Allgem. Ztg." von maßgebender Seite mitgetheilt wird, auf Jrrthum. Es bestehe keineswegs die Absicht, Geschäfte in das Reichsmarineamt zu übernehmen, die in das Ressort anderer Reichsämter fielen und dort bisher bearbeitet seien. Der Einfluß der Kriegsmarine und ihrer Organe auf die weitere Entwickelung und Vertretung der allgemeinen See- intereffen sei durch die Stellung des Staatssekretärs der Marine innerhalb der Reichsregierung und durch seine Theilnahme an den Be- rathungen des preußischen Staatsministeriums hinlänglich gewahrt. — Was mag da vor- gehen?
Das Schreiben des Staatssekretärs Grafen v. H»osadowsky an den „notablen Politiker" ist in der gesammten Presse eifrig besprochen worden. Wir glauben aber nicht, daß man sich darüber besonders aufzuregen braucht. Natürlich ist es in der Absicht veranlaßt und verfaßt worden, mit der Veröffentlichung Wahlgeschäfte zu machen. Der Erfolg wird kaum sonderlich groß sein. Dazu ist das Schreiben denn doch zu allgemein in seinen posttiven Ausführungen und zu wenig eigenartig seinem ganzen Inhalte nach. Dieses „Regierungsprogramm" konnte jeder aufstellen, auch wenn er nicht zur Regierung gehört. Das Schreiben kommt auch zu spät, um noch irgend einer Partei die Zirkel stören zu können. Alle haben doch ihre Vorbereitungen so weit getroffen, daß für eine Mischmaschpolitik kein Boden mehr ist, und auf die Mischmaschpolitik läuft doch das Schreiben hinaus. Wenn schon die monatelangen Bemühungen um eine „Sammlungspolitik" auf Grund eines allgemein gehaltenen wirthschaftlichen Programmes nur klägliche Erfolge erzielt haben, so wird ein Brief des Staatssekretärs, mag man noch so eifrig mit ihm hausiren, keine durchschlagende Wirkung mehr hervorbringen. Die Parteiunterschiede und -Gegensätze find denn doch größer und stärker, als so ein Sammler es sich vorstellt. So wenig praktische Bedeutung wir demnach dem Schreiben beilegen, so müssen wir dock denen beistimmen, die das ganze Vorgehen rügen. Wie kommt ein Untergebener des Reichskanzlers dazu, auf eigene Faust ein Regierungsprogramm zu veröffentlichen? Wollte die Regierung, wie angekündigt, oder wohl nur gewünscht wurde, eine Kundgebung zu den Wahlen erlassen, so müßte es in amtlicher Form unter Verantwortung des Reichskanzlers geschehen. Wollte oder konnte man keine amtliche Kundgebung erlassen, so mußte auch der Staatssekretär sich der Einmischung enthalten. Oder wie, wenn nun ein anderer Staatssekretär an einen andern „notabeln Politiker" im entgegengesetzten Sinne schriebe? Formell ist das Schreiben des Staatssekretärs v. Posadowsky nur privater Natur, aber er hat gewußt und beabsichtigt, daß es veröffentlicht und als Regierungskundgebung behandelt werden würde. Darum war sein Vorgehen unseres Erachtens wenig korrekt. Die ,Nordd. Allg. Ztg." erklärt ausdrücklich, das Schreiben enthalte das Programm der Reichsregierung, aber das Programm
sei ja seit langem jedermann hinlänglich bekannt. Wo ist es denn offiziell bekannt gemacht worden? Man konnte es sich aus gelegentlichen Aeußerungen der Minister teilweise zurechtlegen, aber etwas amtliches und bestimmtes hatte man nicht. Dem Bunde der Landwirthe, dessen Presse das Schreiben freudig begrüßt hat, wird es interessant sein, aus der,Nordd." zu ersehen, daß die Regierung vor einem Reichstage bewahrt sein möchte, der extrem agrarische Forderungen gegenüber dem Auslande vertrete. Ein solcher Reichstag würde ein Hinderniß für den Ab- fchluß von Handelsverträgen fein. Die Regierung habe bei der Regelung der wirthschaft- lichen Beziehungen zum Auslande die Grenze des Erreichbaren im Auge zu behalten und brauche einen Reichstag, der nicht extrem und einseitig sei, sondern sich auf einer Mittellinie bewege. Das wäre also ein Reichstag nach dem Muster des Centrums. Da stehen wir „voll und ganz" auf dem Boden des Regierungsprogramms. — Die ,Hamb. Nachr/ knüpfen an das Schreiben die Forderung und Folgerung, daß die Regierung den Worten die Thaten folgen laffen und alle Mittel der Macht, der Gesetzgebung und des sonstigen Einflusses gegen die Sozialdemokratie aufbieten müffe. Das wird nach der Wahl kommen, wenn der Reichstag danach ausfällt.
x „Gewisse Kreise" haben, wie es der ,Nordd. Allg. Ztg." scheint, die Schlußausführungen in dem Jmmediatberichte des Finanzministers, die sich gegen das Drängen der Interessentenkreise nach weiterer Gemähr««g vo« Staatsmittel« richten, auf sich besonders bezogen und daraus folgern zu müssen geglaubt, daß gerade ihnen die verlangte Staatshilfe verweigert werden solle. Das Blatt meint aber, der klare Wortlaut ergebe, daß der Tadel allgemein ausgesprochen sei. Die Neigung, alles vom Staate zu verlangen, sei in allen Erwerbsständen vorhanden, während man der Selbsthilfe einen viel zu geringen Werth beilege. Der Wunsch des Ministers, daß das Drängen nach Staatshilfe in denjenigen Elementen den nöthigen Widerstand finden möge, die die dauernde Kraft des Staates zur Erfüllung seiner wachsenden Kulturaufgaben im Auge behielten, appelire an alle Stände.
* Heber eine Aeorgauisatio« des Schieds- ma««s Instituts schreibt in einem Berichte über die Thätigkeit der Schiedsmänner in Preußen im Jahre 1897 das amtliche ,Just.-Min.-Bl.": Wir reben seit Jahren einer Reorganisation des Schieds- manns-Jnstituts das Wort. Wenn auf jeden Schiedsminn jährlich noch nicht eine bürgerliche Rechtsstreitigkeit und auf je zwei Schiedsmänner noch nicht ein Vergleich entfällt, so ist nach unserem Dafürhalten das ganze Institut überflüssig. Man sollte vor allen Dingen das Erscheinen vor dem Schiedsmann obligatorisch machen und das Nichterscheinen mit Strafe oder mit Versäumnißfolgen belegen. Zur Zeit halten die Rechtsuchenden die Inanspruchnahme des Schiedsmanns für überflüssig, weil sie meist Grund annehmen, daß der Gegner im Termine doch nicht erscheinen werde.
* Eine Zlmprägmrg stkverner Zwanzig- pfennigstücke soll nach einem Bundesraths- beschlusse aus den bei der Reichsbank lagemden
Der KaprUrnhof.
Erzählung aus dem Leben von Max Benno.
6 ------ (Nachdruck verboten.)
Die Mädchen achteten es nicht, wie die Sonne immer tiefer herabsank und zuletzt hinter den bewaldeten Höhen verschwand. Ebenso wenig gewahrten sie den Kapellenhofbauern, der vom Felde her dem Haufe zuschritt. Erst als dieser fast unmittelbar vor ihnen stand, merkte ihn Luise und sprang von ihrem Sitze auf. Eine freudige Ueberraschung prägte sich auf dem Antlitze Ambergs aus, als das Mädchen ihm die Hand zum Gruße bot. Er unterhielt sich mit dem Gaste in längerem Gespräche und betrat erst das Haus, als ihn bas ebenfalls heirnkehrenbe Gesiube an bie vorgerückte Zeit mahnte. Nach wenigen Minuten kam er inbeffen roieber zurück. Ünb btefe huje Zeit hatte, wie es schien, einen vollständigen Umschwung in seiner Stimmung be- wrrkt. Mit finster zusammengezogenen Brauen und zuckenben Lippen ging er schweigend an den Mädchen vorbei nach den Ställen und von da quer über den Hof.
m -5? d.ibstm Augenblick tönte ein Wagengerassel, Peitschenknall und der Hufschlag galoppirender Pferde mit wachsender Heftigkeit von der Straße herüber. Er trat einige Schritte vor und spähte, seme Hand über bie Augen haltenb, über ben Baumgarten ins Freie hinaus. Seine mächtige Gestalt richtete sich brohend empor. Das Getöse kam näher unb einige Sekunben später flog ein mrt zwei schweißtriefenben Apfelschimmeln bespannter Wagen von ber Straße herein. Hugo
stanb auf bem Wagen unb hielt bie Zügel mit starker Hanb, währenb ber jüngere Bruber sich im Innern an ber Leiter festhielt. Der Fuhrmann zog bie Zügel plötzlich straff an, unb bie Pserbe stanben auf einen Ruck wie festgebannt still. Er sprang behenbe vom Wagen unb warf bie Zügel einem herbeigeeilten Knechte zu. Auch Georg, der neben Hugo als das vollendete Gegenstück des schlank gewachsenen Bruders erschien, kletterte auf i)en Boden herab. Er war ein breitschultriger, gedrungener Bursche, an dem jeder Zoll den tüchtigen Arbeiter und Bauern verrieth. Auf dem starken Halse saß ein gewichtiger Kopf mit fast kreisrundem Gesicht, auf dem deutlich ausgeprägte Gutmüthigkeit lag.
Als dieser Luisen gewahrte, eilte er herbei und bewillkommnete sie unbefangen mit kräftigem Handschläge und herzlichem Gruße, während Hugos Mienenspiel beim Erkennen des Gastes eine Verlegenheit und Verwirrung ausdrückte, die mit seinem sonstigen Auftreten im vollsten Widerspruche stand. Endlich faßte er sich und folgte seinem Bruber; er hatte jeboch kaum ein paar Schritte gemacht, als sein Gebankengang burch einen plötzlichen Zwischenfall eine unerwartete Richtung bdkam.
Amberg hatte eine Minute lang, ohne eine Silbe zu sagen, bie bampfenben Pferbe betrachtet, nun brehte er sich plötzlich um unb roanbte sich an bie Söhne mit zornrothem Gesichte: Ihr heillosen Burschen", — tobte er — „Ihr Tag- biebe, bie Pferde so in den Schweiß zu jagen'" Ihr habt natürlich in der Stadt wieder durch eine Sauferei die Zeit vergeudet und nachher durch unsinniges Fahren das Versäumte einzuholen ver
sucht. Ob die Thiere zu Grunde gehen, ist euch inerlei! Von Hugo," fuhr erfortz diewuthsprühen- den Augen eine Sekunde lang auf diesen richtend, „nimmt mich's nicht wunder; denn er ist und bleibt fein Leben lang ein roher und nichtsnutziger Mensch. Daß aber auch Du, Georg, so leichtsinnig sein könntest, hätte ich nicht gedacht! Warum kommt ihr so spät? Ihr konntet schon lang da sem!"
Hugo war bei den Worten des Vaters bleich geworden; wie Wetterleuchten zuckte es aus feinen Augen empor. Ein heftiges Wort schwebte auf feinen Lippen. Er bezwang sich jedoch und stürzte mit einem raschen Blick auf Luise, die mit gesenktem Haupte vor ihm stand, der Hausthüre zu und in fein Stübchen hinauf. Hier riß er das Fenster auf und schaute hinaus. Seine Brust hob und senkte sich mächtig. Er fühlte fein Ge- müth von einem ungeheueren Sturme durchtobt. Warum? Er vermochte sich auf diese Frage selbst keine Antwort zu geben. Geschah es doch nicht zum ersten Male, daß er Derartiges zu hören bekam.
Hugo hatte sich nachgerade so daran gewöhnt, daß es ihn kaum mehr genirte; und doch hatten ihn heute Scham und Zorn fast zu Boden gedrückt. Warum mußte auch Luise Walz dabei sein? Warum hatte man ihn nicht wenigstens in Gegenmart dieses Mädchens geschont? Sie war Zeugin seiner Demüthigung gewesen, sie hatte die vernichtenden Worte des Vaters gehört. Unter dem Einflüsse dieser Gedanken wurde fein Inneres immer wieder aufs Neue in Aufruhr versetzt.
Da wurde die Thür ziemlich geräuschvoll geöffnet und der Bruder trat ein. Die Straf
predigt hatte auf dessen gutmütigem Gesichte feine Spur zurückgelassen. Lachend, aber doch mit wohlgemeintem Vorwurfe wandte er sich an Hugo: „Du bist doch ein eigensinniger Mensch! Warum liesst Du denn davon, wo Du Dich, zum ersten Male vielleicht, so gut rechtfertigen konntest? Der Vater zog gleich andere Saiten auf, als ich ihm erzählte, was unsere Verspätung herbeigeführt hat. Er wollte es Anfangs nicht glauben, daß Du die alte verunglückte Botenliesel zu Dir auf den Wagen genommen und nach Hause geführt habest, und meinte, das sei gewiß auf meinen Antrieb geschehen. Er zweifelt wohl auch jetzt noch daran, obwohl ich der Wahrheit gemäß sagte, wie Alles zuging. Nun, er gab sich zufrieden; das ist die Hauptsache. Die Liefe!, welche ihm voriges Jahr sein krankes Bein geheilt hat, gilt bekanntlich sehr viel bei ihm."
„War Luise noch zugegen?" fragte Hugo mit eigenthümlich befangenem Tone.
„Freilich," erwiderte Georg, „Luise, Emma und die Mutter, bie eben zur Thüre herauskam. Letztere sagte es bem Vater frisch ins Gesicht, er halte Dich immer für schlecht, unb bas sei nicht richtig. Sie wisse es besser, und er könnte es wissen, wenn er nur wollte."
„Und der Vater?" forschte Hugo, Sus dessen Antlitz auf einmal die finstere Miene verfchwand.
„Er brummte etwas vor sich hin, das wir nicht verstanden, drehte sich um und lief fort."
Georg entfernte sich, unb Hugo schaute seltsam bewegt in ben buftenben Garten hinab. Warum freute er sich so über bie gütigen Worte ber Mutter? Er hatte sich schon oft in ber gleichen Lage be= funben, aber niemals viel barum bekümmert, ob