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mit Ilnterhattungs-Meilage „ZMstrirte Sonntags-Zeitung" Ptleregage Nr. S (Harmonie).
M 128.
JuLöa, Mittwoch, den 8. Juni 1898
25. Jahrgang.
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Reichstagswahlrecht und Sozial- Reform.
Es ist kein Zufall, daß das allgemeine gleiche, direkte und geheime Reichstagswahlrecht gerade in der Zeit und in dem Maße offene und geheime Feinde gefunden hat, als der geheime und offene Kampf gegen die Fortführung der Sozialreform von 1890 unternommen wurde. Vielmehr hat die Abneigung auf konservativer, freikonseroatioer Seite gegen die Sozialreform im letzten Grunde zum Gedanken einer Beschränkung des Reichstagswahlrechts geführt. Darüber, wie weit man es beseitigen oder beschränken solle, äußert man sich verschieden. Am meisten Beifall hat der Vorschlag gefunden, den Reichstag, z. B. zu zweidrittel, durch die Landtage besetzen zu lassen, deren Abgeordnete durch „das elendeste aller Wahlsysteme" nach dem Maßstabe des Geldsäckels gewählt sind. Beim Landtagswahlrecht kommen eben diejenigen nicht zur Stimmenabgabe, die man heute um das Reichstagswahlrecht bringen möchte, die Arbeiter und die sonstigen „Proletarier".
Das ist ja den Konservativen, Freikonservativen und den meisten Nalionalliberalen das Widerwärtige an der Sozialreform von 1890, die mit den Arbeiterschutzgesetzen begonnen wurde, daß hierdurch den Arbeitern staatlich geschützte Rechte zuerkannt wurden. Damit ist die „Begehrlichkeit" der Arbeiter herangezüchtet, die nun immer mehr „Rechte" sich anmaßen, so daß der Arbeitgeber kaum noch „Herr im Hause" bleibt. Darum wurde alles daran gesetzt, diese Sozialreform zum Stillstand zu bringen. Die Sozialreform von 1881, welche die Arbeiterversicherungsgesetze brachte, läßt man sich zur Zeit noch gefallen und will man eventuell auch weiterführen. Die „Herren"-Stellung des Arbeitgebers bleibt dabei noch gewahrt. Er „spendet Wohlthaten" an seine Arbeiter, die dabei nicht viel mitzureden haben.
Gleich widerwärtig sind den genannten Parteien die Arbeiterorganisationen, die Ge- .werkvereine, in welchen die organisirten Arbeiter es wagen, ihre Interessen den Arbeitgebern gegenüber zu vertreten und ihren „Rechten" auf kürzere Arbeitszeit, höhere Löhne, bessere Behandlung Nachdruck zu geben. Deshalb keine gesetzliche Anerkennung der Berufsvereine, vielmehr Zustimmung zur Einschränkung des Koalitionsrechts <Posadowsky'scher Erlaß) vor allem zur Einschränkung des Vereins- und Versammlungsgesetzes «sVereinsgesetzentwurf von Recke).
Am widerwärtigsten aber ist es in den maßgebenden Kreisen in den genannten Parteien, daß sie sich mit den sogenannten Vertretern der Arbeiter, den Sozialdemokraten, int Reichstage .„herumschlagen" müssen. Wie oft hat Herr von Stumm diesen nicht zugerufen: „Sie haben gar lein Recht, hier zu sitzen und mitzusprechen." Diese sozialdemokratischen Abgeordneten, die nur dem allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrechte ihre Sitze im Reichstage verdanken T I— ■ III ..................Illlll I? IMMIM
Der KaprUerchof.
Erzählung aus dem Leben von Max Benno.
•5 ------- (Nachdruck verboten.)
Da kam die Ernte heran. Auf die Bitten der Mutter hin hatte Hugo sein Gewehr auf einige Zeit an den Nagel gehängt und legte bei der vermehrten Arbeit Hand an. Man hatte von der Winterfrucht das Meiste gut heimgebracht, und nur noch ein kleiner Rest lag draußen, für -essen Einheimsung der heutige Tag bestimmt worden war. Hugo hatte ursprünglich durchaus nicht an ein Versäumen dieser Arbeit gedacht, da war aber am gestrigen Abend von den herrschaftlichen Jägern eine Einladung zur Jagd auf einen Hirsch gekommen, der sich in den Waldungen des Barons gezeigt hätte. Dabei durfte er freilich nicht fehlen. In aller Frühe verließ er heimlich mit feiner Flinte den Hof. Er traf die Freunde auf dem verabredeten Platz, und sofort begann tue Jagd auf das seltsame Wild. Spuren hatten sie zwar gefunden, aber den Hirsch selber nicht, als das schwere Gewitter heraufzog. Die Jäger suchten in einer Dorfschenke Schutz und entschädigten sich beim Weine für die mißlungene Jagd. Hugo kehrte in der heitersten Stimmung nach Hause zurück, wo sich dann der lang verhaltene Grimm des Vaters über seinem Haupte entlud.
Noch schmerzlicher als die Mutter wurde Emma, die einzige Tochter des Kapellenhofers, durch die unglücklichen Verhältnisse in der Familie berührt. Sie war ein frommes und sinniges Geschöpf, das wie eine seltene Blume nur in
und mit der Beseitigung dieses Wahlrechtes auf Nimmerwiedersehen verschwinden würden, „wiegeln nun", so klagen jene Herren laut, „durch ihre vom ganzen Lande gelesenen Reden die Arbeiter auf. Sie stellen ohne Unterlaß die anderen Parteien und examinieren sie Über ihre Arbeiter- sreundlichkeit. Selbst die Regierung ist schwach genug, sich von ihnen zu Zugeständnissen an die Arbeiter nur zu oft drängen zu lassen. Das Centrum, das auch nur dem bestehenden Reichstagswahlrecht seine Stärke verdankt und auf die Arbeiter Rücksicht nehmen muß, ist dann auch immer dabei und stimmt in den Ruf ein: Mehr Rechte für den Arbeiter! Auf diese Weise müssen auf die Dauer die Arbeiter und selbst die noch ruhigen und zufriedenen Landarbeiter im Osten verhetzt werden, muß die öffentliche Meinung irregeführt und die Regierung zu Schritten gedrängt werden, die unser ganzes Erwerbsleben auf das empfindlichste schädigen und unsere Interessen nicht am wenigsten. Wir haben keine Lust mehr, von den Arbeitern durch den Reichstag uns vorschreiben zu lassen, wie wir uns mit „unseren" Arbeitern abfinden. Wir, die herrschenden Klassen, wollen auch im Reichstage „Herr im Hause" bleiben." Diese Klagen bilden den Grundton der Reden der ostelbischen Großgrundbesitzer wie der westdeutschen Großindustriellen. Draußen sagen sie es nur unverblümter, wie auf der Tribüne des Reichstages.
Aus dieser Empfindung heraus wird das bestehende Wahlrecht befeindet. So sind die Gegner der Sozialreform freiheitsfeindlich geworden und vom Umsturzgesetz durch die Beschränkung des Koaltitionsrechtes, der Vereinsund Versammlungsfreiheit zur Beschränkung des Reichstagswahlrechts als letzten Etappe gelangt. Gelänge diese, dann wäre damit der entscheidende Hieb auch gegen die Sozialreform geführt. Im Reichstag würbe dann von Sozialreform ebensowenig gesprochen, sicherlich aber ebensowenig darin geleistet werden, wie in dem behaglichen Landtage. Die sozialen Redekämpfe des Reichstages wäre man los und die von ängstlichen Gemüthern in Aussicht gestellten Straßenkämpfe fürchtet man nicht.
Die Vertreter der sozialen Wissenschaft, die NationalKonomen, sind ebenso wie die Praktiker der Sozialreform im Centrum wie draußen im Lande, mit den Februarerlaffen 1890 unseres Kaisers darin einig, „daß es eine der Aufgaben der Staatsgewalt ist, die Zeit, die Dauer und die Art der Arbeit so zu regeln, daß die Erhaltung der Gesundheit, die Gebote der Sittlichkeit, die wirthschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiter und ihr Anspruch auf gesetzliche Gleichberechtigung gewahrt bleiben". Ebenso einig sind sie darin, daß nur durch die schrittweise Erfüllung der gerechten und zeitgemäßen, unserer Kulturstufe entsprechenden und auch zum wirthschaftlichen Fortschritte noth- wendrgen Forderungen und Wünsche der Arbeiter die Anbahnung eines friedlichen Verhältnisses zwischen Arbeiter einerseits, Arbeitgeber, Staat Gesellschaft andernseits möglich ist. Die bis- berigen Erfahrungen haben dieser Ueberzeugung Recht gegeben. Diese gesetzliche Sozialreform ist aber nur erreichbar in einem Reichstage, wie er heute gewählt wird. Jede gesetzliche Sozial
liebreicher und zarter Pflege gedieh. Diese hatte sie in reichstem Maße in einem Klosterpensionate zu W. gefunden, wo sie sich vom zwölften bis zum sechzehnten Jahre befand. Die stillen Räume des Klosters wurden eine zweite Heimath für sie. Um so gi eller und abstoßender mußte der Gegensatz auf ihr Gemüth wirken, wenn sie während der Ferien auf den Kapellenhof kam. Dort Eintracht, Friede, Gottvertrauen und Liebe — hier Glaubenslosigkeit, Widerfpruchsgeist, Hader und Streit. Sie brachte deshalb auch mit eifriger Zustimmung der Mutter in der Regel den größten Theil der Ferien nicht daheim zu, sondern bei einer Pensionsfreundin, Luise Walz, deren Mutter, die Wittwe eines Beamten, in W. ein hübsches Häuschen besaß. Luise zeichnete sich nicht nur durch Seelenadel und Herzensgüte, sondern auch durch eine ungewöhnliche Willenskraft aus; und die schüchterne Emma flüchtete sich gern in deren liebreichen Schutz. Dies war dann anders geworden, als Emma das Pensionat für immer verließ. Mit dem schönen Traum ihrer Kindheit war es vorbei. Sie mußte auf den Hof zurückkehren, und die rauhe Wirklichkeit trat oft in den häßlichsten Gestalten vor sie. Emma wurde noch mehr verschüchtert und drängte einen heißen Wunsch, der sich während ihres Aufenthaltes im Kloster mehr und mehr in ihr festgesetzt hatte, in den geheimsten Winkel des Herzens zurück. Als wahre Fest- und Erholungszeit erschienen ihr jedesmal die etlichen Wochen, während deren Luise jedes Jahr zum Besuche auf den Kapellenhof kam. Es schien mit dem aufgeweckten und heitern Mädchen ein guter Geist daselbst einzuziehen; denn
reform wird nur dann Vertrauen bei den Arbeitern finden, wenn ihr die Mitarbeit daran durch das Wahlrecht zugestanden ist. Ein Staatswesen, das ihnen ihr höchstes Recht, das Reichstagswahlrecht, nimmt, werden sie auch als Feind ihrer wirthschaftlichen Rechtsforderung ansehen.
Man will die staatliche Ordnung schützen! Wie kann man aber die Sozialdemokraten mehr mit dem heutigen Staatswesen verknüpfen, als dadurch, daß man sie durch das Reichstagswahlrecht an der staatlichen Gesetzgebung theilnehmen läßt? Wir sollten Gott danken, daß die deutschen sozialdemokratischen Arbeiter noch auf den Parlamentarismus so viel Werth legen und nicht mit den Anarchisten den gewaltsamen Staatsumsturz predigen. Gerade durch die parlamentarische Mitarbeit ist die deutsche Sozialdemokratie den Reformen auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung näher gebracht, so zwar, daß sie jetzt schon zur Betheiligung an der Landtagswahl und zur Unterstützung der nichtreaktionären Parteien die Parole ausgegeben haben. Daß ihnen dabei oft noch die alten geläufigen revolutionären Redensarten mit unterlaufen, vornehmlich den alten Führern aus den stürmischen Jahren, wird die Einsichtigen nicht über das Einlenken vor allem der sozialdemokratischen Arbeitermassen in gemäßigtere Bahnen täuschen. Es werden nicht viele Jahre hingegangen sein, und die Sozialdemokraten im Reichstage stimmen nicht mehr gegen alle Gesetze, sondern thuen mit, wenn auch unter stark radikalen Vorbehalten und Protesten.
So entscheiden denn die Wahlen am 16. Juni über das Schicksal der Sozialreform, das an der Erhaltung und Sicherung des bestehenden aber gefährdeten Reichstagswahl- rehts geknüpft ist. Konservative, Freikonservative und Nationalliberale bieten durch ihre Vergangenheit und in der Gegenwart nicht die unbezweifelbare Sicherheit, daß sie das gefährdete Reichstagswahlrecht auch in den schwierigsten Sagen und Konflikten, mit denen wir stets rechnen müssen, sowohl gegenüber Drohungen wie Versprechungen bis aufs äußerste verthei- digen werden. Eine laue Freundschaft für das Reichstagswahlrecht, zumal wenn sie sich erst kurz vor den Wahlen zeigt, bietet nicht die sichere Gewähr. Das Cent rum aber bietet hierfür die vollste Sicherheit, auch schon deshalb, weil es die Erhaltung des bestehenden allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Reichstagswahlrechts für eine Grundforderung der Sozialreform hält, für die es heute wie ftüher mit gleicher Treue und Wärme kämpft.
Mögen die Arbeiter am 16. Juni durch vollzählige Betheiligung an der Reichstagswahl zeigen, daß sie das Wahlrecht als ihr höchstes Bürgerrecht und ihre stärkste gesetzliche Waffe ansehen. Mögen sie die Hut und Sicherheit dieses Wahlrechts in die Hände des Centrums legen!
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni.
ft. Die Kervstreife des kaiserliche« Haares «ach Nakästina ist nunmehr wiederholt Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen den zuständigen amtlichen Stellen in Berlin und Kon-
Amberg, der eine große Vorliebe für Luise gefaßt hatte, nahm während deren Anwesenheit sich so viel wie möglich zusammen, und Hugo vollends war wie umgewandelt. Er blieb oft Tage lang zu Hause und wußte sein Verhalten so einzurichten, daß er dem Vater zu keiner Zurechtweisung oder Rüge Veranlassung gab. Leider dauerte dieser idyllische Zustand nicht lange. Kaum hatte Luise den Hof verlaffen, so war jedesmal bald alles wieder ganz wie zuvor.
Der einzige, an dem die Widerwärtigkeiten auf dem Kapellenhofe fast spurlos vorübergingen, war Hugos jüngerer Bruder Georg. Die gute Laune und den Frohsinn dieses urwüchsigen Burschen hatten alle die ärgerlichen Vorkommnisse bis zur Stunde nicht zu trüben vermocht. Allerdings verkehrte er auch im eigentlichen Wohnhause nicht viel. Sein Gebiet waren die Ställe und die Oekonomie, der er mit Leib und Seele anhing. Um alles Andere, was außerhalb dieser Sphäre lag, bekümmerte er sich nicht. Darum verschlug es ihm auch wenig, daß Hugo sich fast ganz der bäuerlichen Arbeit entzog. Georg sorgte schon dafür, daß man alles int besten Zustande sand.
In den letzten Tagen herrschte auf dem Kapellenhofe eine womöglich noch ungemüthlichere Stimmung als sonst. Mutter, Kinder und Gesinde gingen dem Hofbauern aus dem Wege, und gesprochen wurde ohnehin nicht mehr, als gerade nothwendig war. Amberg befand sich übrigens selten zu Hause. Er verkehrte noch häufiger als gewöhnlich mit feinem Freunde Stern. Es handelte sich um die Ausbeute eines großen Sandsteinbruches, den er in Gemeinschaft mit jenem gekauft
stantinopel gewesen. Wie bekannt, soll die Rückreif über Konstantinopel gehen, und der Sultan läßt sehr umfangreiche Vorbereitungen treffen für den Empfang des kaiserlichen Paares. Das Schlößchen int Parke von Mdiz bei Konstantinopel soll den kaiserlichen Gästen zur Verfügung gestellt werden und wird zu diesem Zwecke vollkommen umgebaut und in feinem Umfange auf das Doppelte vergrößert. Es steht nur noch nicht ganz fest, ob die Hinfahrt oder die Rückfahrt über Konstantinopel führen soll. Aber nicht im Parke von Mdiz selbst, sondern auch an manchen anderen Stellen in der türkischen Hauptstadt regen sich die Hände, um allerhand Vorbereitungen zu treffen für den Empfang der hohen Gäste — freilich fehlt es, wie immer in der Türkei, auch diesmal sehr am nöthigen Kleingeld, und krampfhaft ist die Stadtverwaltung von Konstantinopel bemüht, zur Ve- ftreitung der Ausgaben eine Anleihe von 150,000 Pfund aufzunehmen. Bisher aber scheinen diese Bemühungen noch keinen Erfolg gehabt zu haben.
? lieber das Befinden des Staatsministers Ir. von Miquel schreibt die .Norddeutsche Allgem. Ztg/: „Finanzminister Dr. von Miquel ist bereits seit Sonntag wieder in feinen Bureau- räumen thätig. Von feiner Erkrankung ist ihm nur noch eine etwas lästige Affektion der Bronchien zurückgeblieben, welche ihn veranlaffen wird, nach der am 18. d. Mts. erfolgenden Rückkehr des Reichskanzlers Fürsten zu Hohenlohe eine Kur in Ems zu gebrauchen."
O Herr Staatsminister v. Miquel hat über die Knlwickelung der preußische« Ii«a«zen in der Zeit vom 1. Juli 1890 bis zum April 1897 einen ausführlichen Bericht erstattet. Aus demselben ist durch den Preffebesorger des preußi- Finanzministeriums auch ein ausführlicher Auszug an die Blätter gelangt; aber es ist kaum ncth- wendig, noch besonders sich damit zu beschäftigen. Der Bericht ist nämlich im wesentlichen nichts anderes als die Rede, welche Herr v. Miquel im letzten Winter bei der Einbringung des Etats im preußischen Abgeordnetenhause gehalten hat. Daß die Finanzthätigkeit des Herrn v. Miquel dabei nicht schlecht wegkommt, kann man sich denken. Merkwürdig aber ist die Deutung, welche die Erstattung dieses Berichtes in einem Theile ber Presse erfährt. So schreibt die ,@etmania': „Bei der Einbringung des letzten Etats (im preußischen Abgeordnetenhause) sagte Herr v. Miquel, das sei nun der letzte Etat, den er einbringe — wenigstens in diesem Hause, fügte er hinterher hinzu. Ob der Bericht an den Kaiser etwa auch andeuten soll, daß Herr v. Miquel das Ende seiner Amtsthätigkeit nahe gekommen glaubt und er nun die Bilanz ziehen wollte. . . . ?" Es geschieht nicht zum ersten Male, daß die Frage von der Möglichkeit Miquel'- scher Amtsmüdigkeit auf der Bildfläche erscheint. Das geschah schon vorher einmal, als der Herr Minister auch im Laufe des letzten Winters im preußischen Abgeordnetenhaufe darüber sich beklagte, daß „ihm nicht genug Unterstützung zu Theil werde". Unterstützung aus dem Abgeordnetenhaufe heraus meinte der Herr Minister nicht, er meinte damit eine andere Stelle. Immerhin werden wir wohl noch für längere Zeit mit dem großen M. als mit einem Hauptfaktor in der preußischen und deutschen Politik zu rechnen hatte. Der Erfolg schien seinen Erwartungen jedoch nicht zu entsprechen, denn er tarn fast regelmäßig verdrießlich von dem neuen Besitzthurn nach Hause.
Niemand konnte ihm dann etwas recht machen, und da Hugo sich fern hielt, ließ er feinen Zorn an Georg aus, der auch die ungerechtesten Vorwürfe mit einer beispiellosen Geduld und Ruheüertrug.
Da fiel ganz unerwartet ein freundlicher Sonnenstrahl in die Gewitterschwüle. Ohne sich vorher angemeldet zu haben, erschien Luise Walz auf dem Hofe. Bauliche Veränderungen, die im Häuschen der Mutter vorgenommen wurden, hatten sie früher als sonst aus der Heimath verscheucht. Die Söhne waren mit einer Ladung Frucht in die Stadt gefahren, Amberg befand sich mit dem Gesinde auf dem Felde, und so traf der willkommene Gast nur Emma und die Mutter daheim. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Insbesondere Emma war überglücklich. Sie lebte beim Anblicke der treuen Freundin förmlich neu auf. Nachdem Luise sich durch einen kräftigen Imbiß gestärkt und in dem geräumigen Kämmerchen Emmas eingerichtet hatte, betraten die Freundinnen Arm in Arm das Freie und nahmen Platz. Es gab so Vieles zu fragen und zu erzählen, daß ihnen die Zeit im Fluge verging.
Luise stand im gleichen Alter mit Emma, war jedoch größer und stärker gebaut. Auf runden Wangen prangte unter dem reichen blonden Haarfchmucke das purpurne Roth der Gesundheit, und aus den blauen Augen strahlten, mit finnigem Ernst gepaart, Frohsinn und Heiterkeit.
(Fortsetzung folgt.)