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KuldaerMZertung

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mit Itnterhattimgs-Meilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung!'

JE 125.

JuLöcr, Samstag, den 4. Juni 1898

25. Jahrgang.

. Woche»-Rundschau.

(Nachdruck »erboten.)

X Fulda, 4. Juni.

Die Politik hat zwar während der Pfingstfeiertage geruht, nicht aber die Wahlbewegnng, die nun, nach­dem der Entscheidungstag immer näher rückt, in dem­selben Maße lebhafter — um nicht zu sagen: heißer — wird. In einzelnen Kreisen begann sie merkwürdige Blüthen zu treiben, und es ist deshalb gut, daß zur Agitation nur noch vierzehn Tage zur Verfügung stehen, sonst könnte man bei aller Ruhe, durch welche die Wahlbewegung bisher sich auszeichnete, schließlich doch noch die „schönsten Dinge" erleben. Hielt man sich vor Kurzem noch darüber auf, daß der trotz den Sozialdemokraten wühlende ostelbische „Bund der Landwirthe", den sein Programm durchweg doch anerkennenden Konservativen und Nationalliberalen „in's Gehege" gehe, ihnen Wahlkreise zu entreißen suche, und erblickte man darin eine „Geschäftsgewandt­heit", die nicht leicht übertroffen werden könne, so ist das doch nur Kinderspiel gegen das, was die So­zialisten neuerdings ins Werk setzen. Den Bauern­fang, von dem man sonst nur vergleichsweise zu sprechen pflegt, betreiben sie wörtlich und thatsächlich in einer Weise, die wirklich verblüffen muß. Dieselben „Ge­nossen", die man bis dahin nur als die schärfsten Gegner und Bekämpfer aller Lebensmittel-Zölle kannten und die alle diejenigen, welche im Interesse der Land- wirthschaft für Getreidezölle eintraten, mit dem Namen „Brodvertheuerer" belogen, ziehen jetzt, wie der Fuchs in der Kutte den Hühnern predigend, auf dem Lande umher und versprechen den Bauern, daß auch sie, die Rothen, für Getreidezölle eintreten würden, wenn ein­mal der große Grundbesitz aus den Händen der Junker in jene der kleinen Bauern übergegangen sein würde. Man sieht, der Plan ist doppelt „schlau"; er soll nach zwei Seiten hin seine Wirkung thun: einmal soll bei den „dummen Bauern" der Glaube geweckt werden, daß auch die Sozialdemokraten für die Noth- lage der Landwirthschaft ein Verständniß hätten und zu deren Abhilfe mitzuwirken bereit seien, und dann soll ein Gegensatz zwischen Groß- und Kleingrund­besitzern geschaffen, letztere gegen erstere aufgehetzt werden. Könnte man die Sache überhaupt ernst nehmen, so müßte man sich ärgern über die Belei­digung, die für die Landwirthe darin läge, daß die Sozialdemokraten ihnen so wenig Einsicht zutrauen, aber wir vermögen mit dem besten Willen den Vor­gang nur von der heitern Seite aufzufassen, und ähnlich wird es auch ganz gewiß den Bauern gehen. Diese werden, wenn die rothen „Freunde" sich ihnen nahen, denselben unter dem verdienten Hohn die schein­heilige, heuchlerische Maske abreißen und sie mit Schimpf und Schande zum Dorfe hinaus „komplimentiren", daß ihnen das Wiederkommen gründlich verleidet wird. Ebenso werden es Handwerker und Kleinge­werbetreibende machen, denen die Sozialdemo­kraten unter ähnlichen heuchlerischen Versprechungen sich nahen, wie den Bauern; auch sie werden sich er­innern, daß die „Zukunftsstaatler" sonst immer ver­sichern, dem Handwerk wie dem Kleingewerbe sei nicht mehr zu helfen, beide müßten vollends zertrümmert werden, damit die Vertreter dieser beiden so wichtigen Erwerbsstände um so sicherer der Sozialdemokratie verfallen. Alle diese Dinge müssen sozialdemokratischen Rednern, wo solche in Versammlungen anderer Par­teien sich eindrängen und als Redner auftreten, vor­gehalten werden. Und machen sie dann den Versuch, mit nichtssagenden Phrasen darüber hinweg zu gehen,

so muß man sie immer wieder darauf festnageln und daran das Unhaltbare und Unwahre der sozia­listischen Irrlehre nachweisen.

Nicht besser wie den Sozialdemokraten ergeht es in der Wahlagitation den Kartellbrüdern und den „Sammlungs"-Politikern, die, scheinheilig und pharisäisch wie die erstem, dem Volke vorzuschwindeln suchen, die zuerst vom Finanzmimster v. Miquel pro» klamirte „Sammlungs"-Politik bezwecke lediglich die Hebung der wirthschaftlichen Lage, die Förderung des Volkswohles und was derartiger schöner Reden mehr sind, während sie in Wirklichkeit doch zunächst auf die Mattsetzung des Centrums im Reichstage ge­richtet ist. Deshalb müssen Centrumswähler es als ihre erste und wichtigste Aufgabe betrachten, diese Gefahr zu beseitigen; sie dürfen somit unter keinen Umständen ihre Stimme einem Sammlungs-Kandidaten geben, mag man in Wahlaufrufen und Wahlreden auch noch so schöne Worte für denselben zurechtmachen.

Die bayerische Abgeordnetenkammer hat unmittel­bar vor Psingsten die Geistlichen-Besoldungs- aufbesserungs-Vorlage zum zweiten Male ab­gelehnt, in Folge dessen dieselbe in dieser Kammer- Session überhaupt nicht mehr zu Stande kommen kann. Daß die Kammer damit im Sinne der übergroßen Mehrheit des Volkes gehandelt hat, könnte man auch dann ruhig annehmen, wenn nicht die Liberalen wie ein Mann dafür gestimmt hätten, was an sich schon jeden überzeugungstreuen Katholiken bedenklich machen müßte, denn sonst pflegt es die Manier der liberalen Herren nicht zu sein, insbesondere Geistlichen gegen­über so freigebig zu sein und ihnen gewissermaßen Wohlthaten aufdrängen zu wollen. Das Centrum konnte der Vorlage allein schon deshalb nicht zustimmen, weil dieselbe, ganz nach preußischer Manier, die Parität in gröblichster Weise verletzte. Die protestanti­schen Prediger waren den katholischen Geistlichen gegenüber in einer Weise bevorzugt, die man in einem in seiner großen Mehrheit katholischen Lande nicht begreifen kann, und der liberale Kultusminister hatte auch noch den traurigen Muth, diese unerhörte Bevorzugung der protestantischen Minderheit zu ver- theidigen und zu erklären, eine völlige Parität sei ganz unmöglich, also die höhere Besoldung protestantischer Prediger etwas Selbstverständliches! Darauf konnte es seitens des Centrums nur eine Antwort geben: Ablehnung der Vorlage, und da die Bauernbündler mit ihm stimmten, erfolgte denn auch die Ablehnung. Der Regierung bleibt es nun überlassen, eine Vorlage einzubringen, die den Grundsätzen des Rechtes und der Gerechtigkeit entspricht.

In Belgien haben am Pfingstsonntag im Anschluß an die acht Tage vorher erfolgten Hauptwahlen die Stichwahlen zur Kammer und zum Senat stattgefunden. Das Ergebniß derselben hat den Er­wartungen der vereinigten Gegner der Katholiken, der Liberalen und Sozialdemokraten, sehr wenig entsprochen. Die Katholiken haben bei den Wahlen noch zwei neue Kammersitze erobert, so daß nunmehr ihre Mehrheit von 110 auf 112 Sitze gestiegen ist, denen nur ins- gesammt 40 Liberale, Radikale und Sozialdemokraten gegenüberstehen. Am schlechtesten sind die Liberalen weggekommen, die jetzt nur mehr die lächerlich geringe Zahl von 6 Mandaten besitzen und in Folge dessen zur vollsten Bedeutungslosigkeit herabgesunken find. Das ist die schwere, aber verdiente Strafe für die vielen Verbrechen und Schandthaten, die der belgische Liberalismus am- Volke begangen hat. Mögen die anderen Parteien, insbesondere auch die Katholiken, aus diesem tragischen Schicksale der Liberalen die richtige Lehre ziehen, damit ihnen nicht einst dasselbe Loos widerfährt!

In Italien haben die in verschiedenen Städten, namentlich in Mailand, stattgehabten Aufstände nun auch zu einer Ministerkrisis geführt, die, als sie thatsächlich schon bestand, von den Offiziösen noch ge­leugnet wurde. Wegen ihres Entstehungsgrundes und

** Iagderletmille.

(Eine wahre Geschichte.) (Schluß.)

Dieser friedliche Waldbewohner, eine wahrhaft sympathische Erscheinung, das schüchterne Reh mit seinen anheimelnden Augen wird auf Schritt und Tritt verfolgt. Mit scheelem Auge blickt ihn der Bauer das ganze Jahr hindurch an, und ge- räth in Wutb über den Spitzbuben, der sich auf der jungen Wintersaat einige Blättchen holt, ohne das Herz der Pflanze zu zerstören. Doch diesen Feind fürchtet er am wenigsten. Viel gefährlicher ist tiefer Schnee, der ihm die Nahrung des Winters zudeckt, das Haidekraut, die junge Saat und junges Gezweige. Und wenn der Schnee mit eisiger Kruste überdeckt ist, dann muß er sie mit seinen Läufen durchbrechen und wegscharren, um an die spärliche Nahrung zu kommen. Davon werden sie wund; mit wunden Läufen und von Hunger ermattet schleppt er sich mühsam weiter, und Reinecke, der listige und tückische, folgt ihm auf Schritt und Tritt, um ihn abzuwürgen, wenn er ihn genug ermattet glaubt, um ihn bewältigen zu können. Die Schlinge des Wilddiebs und die Kugel Nimrods verfolgt ihn von Wald zu Wald, von Gau zu Gau; nirgends findet er Ruhe, überall ist er in Acht und Bann erklärt, und nur ein gewaltsamer, schrecklicher Tod macht den weiteren Verfolgungen ein Ende.

So sprach mein Freund Peter; darauf erhob sich Nimrod und dankte Peter für den herrlichen Nekrolog. „Aber," fuhr er fort, ich muß einen

Jrrthum berichtigen, als ob das Reh unstät und flüchtig durch die Gauen Deutschlands ziehe. Es ist kein Nomade, sondern seßhaft trotz aller Verfolgungen; sein Instinkt sagt ihm, zu bleiben, und kein besseres Loos in der Fremde zu erhoffen; und gerade der Gabelbock, der uns jetzt sein Bestes geben soll, ist Beweis dafür.

Ich bin diesem Gabelbock mehrmals im Leben begegnet, und habe sein Geschick belauscht — ich möchte sagen: von seiner Geburt an bis zu seinem Ende. Eines Abends pirschend, stehe ich in einer Waldschneise, den geladenen Drilling in der Hand, da kommt Reinecke beutegierig hergerannt. Wie er auf Schußweite herangekommen, da bemerkt er ein Opfer im nebenstehenden Busche und holt sofort zum Sprunge aus, um es abzuwürgen. Er sollte kein Opfer mehr würgen, und bricht von einer Kugel des Drillings durchbohrt vor seinem Opfer nieder. Ich eile hinzu und finde ein Kitzchen im Busch, vom Schrecken betäubt, und höchstens einige Tage zählend. Ich hebe es auf, durchloche ihm das rechte Gehör und etze es wieder in den Busch. Es klagt mit seinem traurigen, weithin vernehmbaren Ton, und die Alte erscheint alsbald zu seinem Schutze. Mit dem tobten Reinecke ziehe ich ab.

Nach etwa sechs Wochen bin ich mit Pitt und Juno, meinen trefflichen Jagdhunden, auf )em Lindenfeld, meinem Acker. Da höre ich in dem Hafer, der in die Rispen treibt, ein Geräusch. Ich schaue mich um, und erblicke ein Kitzchen, verfolgt von Reinecke, der zuweilen einen Sprung über den Hafer macht, um die Spur seines Opfers nicht zu verlieren. Pit! Juno! hier! kommandire

der begleitenden Umstände muß diese Krisis dem herr­schenden Regiment besonders unangenehm sein. Getreu dem im modernen Italien herrschenden kirchenfeindlichen System suchte die Regierung die Urheber der letzten Aufstände nicht dort, wo sie wußte, daß sie dieselben finden würde — das wagte sie nicht aus Furcht vor der Entschlossenheit der Revolutionäre — sondern im gläubigkatholischen Lager; der „Klerikalismus" sollte wieder das Ableitungsmittel für die öffentliche Aufmerksamkeit sein, damit diese nicht zu sehr nach den wahren Ursachen der Unruhen forsche. Es wurde deß- halb die „Gefahr", welche dem „einigen Italien" von Seiten der „klerikalen Verschwörer" drohe, erfunden und dem Volke als Schreckmittel vorgeführt. Auf das Gesindel aber, welches den Anhang der Piemontesen bildet, wirkt dieses Schreckmittel, wie das rothe Tuch auf den bekannten gehörnten Vierfüßler, und es mußten deßhalb auch Schutzmaßregeln gegen den schrecklichen „Klerikalismus" ergriffen werden. Nachdem der Kar­dinal-Erzbischof von Mailand und der Klerus be­schimpft und verdächtigt, katholische Blätter unterdrückt und deren Redakteure verhaftet worden, sollten — nach preußischem Muster — auch gesetzgeberische Maßnahmen gegen „widerspenstige" Geistliche, wie z. B. Amtsent­setzung, Gehaltssperre u. bergt, beschlossen werden. Darüber nun brach eine Ministerkrisis aus. Während der Justizminister Zanardelli, der am liebsten mit Feuer und Schwert gegen Kirche und Klerus vorginge, die erwähnten Ausnahmegesetze energisch befürwortete, erklärte der Minister des Auswärtigen, an sich nicht viel besser, wie der andere, aus Gründen der aus­wärtigen Politik doch sich entschieden gegen solche Maßnahmen. Und da der Ministerpräsident Rudini eine Einigung der beiderseitigen Ansichten nicht zuwege brachte, reichte das ganze Kabinet seine Entlassung dem König Humbert ein, den Rudini mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragte. Dieses würde viel­leicht eine „andere Nummer" sein, in der Sache aber wird derselbe Faden, der Faden der Kirchen- verfolgung, weitergesponnen, zu den das schlechte Gewissen das piemontesische Raubregiment immer wieder von Neuem treibt, bis es selbst von der Revo­lution verschlungen wird, der es seine Existenz ver­dankt; und dieser Moment naht um so rascher, je mehr der Haß gegen Kirche und Priester sich äußert und — befriedigt wird.

In dem spanisch-amerikanischen Kriege ist es noch immer zu einer entscheidenden Wendung nicht gekommen. Bald meldet man einen entschei­denden Sieg der Amerikaner, bald sollen die Spanier dem Gegner eine große Schlappe zugefügt haben. Trotz der zahlreich einlaufenden oder, besser gesagt, wohl in Folge der zahlreich einlaufenden Nachrichten, welche nicht mit einander in Einklang zu bringen sind, ist man nicht im Stande, sich ein klares Bild über die Vorgänge auf dem Kriegsschauplätze zu machen. Als sicher darf man aber die Meldung ansehen, daß die spanische Flotte den Angriff der Amerikaner auf dem Hafen von Santiago erfolgreich, unter erheblichen Verlusten für die Amerikaner abgeschlagen hat. In Amerika scheint man mehr und mehr zu erkennen, daß man sich leichtfertig in den Krieg gestürzt hat und daß sich die Hoffnung, man werde Spanien bald abthun, nicht erfüllen wird.

Es wird jetzt wieder von neuen Vermittelungs­versuchen gesprochen, die gemacht werden sollen, um dem zwischen den beiden Staaten ausgebrochenen Streit ein unblutiges Ende zu bereiten; diese Versuche sollen von Frankreich ausgehen. Es wäre im Interesse der Menschlichkeit gewiß lebhaft zu begrüßen, wenn sie Erfolg hätten, aber daran ist kaum zu denken, denn die Amerikaner erklären, daß sie zu Verhandlungen erst dann sich herbeilassen würden, wenn sie die Spanier vollständig besiegt hätten. Für die letztere also würde es sich um Sein oder Nichtsein handeln, und sie mußten demnach zu einem Verzweiflungskampf ent- schloffen sein. Was aber in einem solchen ein Volk zu

ich bie geübten Fänger unb beide setzen in ber gezeigten Richtung ein. Bald haben sie die Spur; Pitt schlägt das Kitzchen mit dem Vorderlauf nieder und hält es damit fest, ohne es zu ver­letzen, Juno setzt dem tückischen Reinecke nach, der bei Zeiten Lunte gerochen, und Fersengeld gibt. Ich hebe das Kitzchen auf, das von Schrecken wie entseelt ist. Wie ich es genauer betrachte, finde ich in ihm das Kitzchen, das ich vor circa sechs Wochen schon einmal vor Reinecke geschützt habe. Sein rechtes Gehör ist durchlocht. Ich pfeife Juno zurück und halte noch immer das regungslose Kitzchen in meiner Hand. Da auf einmal kehrt das Athmen zurück, es schlägt die Augen auf und stößt den herzbewegenden Klage­ton aus. Auf seinen Klageruf erscheint alsbald die Alte am Waldessaum und späht nach ihrem Jungen. Ich kommandire Pitt und Juno zur Ruhe, entferne mich einige Schritte und setze das Kitzchen ab, das spornstreichs dem Walde zueilt. Die Alte nimmt es unterdessen wahr, eilt ihm entgegen, und als es dieselbe merkt, schließt es sich ihr an, und beide sind bald im Walde ver­schwunden.

Fast drei Jahre sind verflossen, da pirsche ich wieder eines Abends auf dem Anstand, in einem Busch geborgen. Ein Reh tritt aus dem Walde, um auf der Waldwiese zu äsen. Ich sehe genauer hin und konstatire: es ist ein präch­tiger Gabelbock. Mit größter Ruhe mache ich mich schußbereit. Nun ist er schußgerecht, und der Knall der Büchse hallt in langverhallendem Donner am Walde hin. Lautlos ist der Bock sofort zusammengebrochen. Ich eile hinzu, um

leisten im Stande ist, darüber scheint der amerikanische ftevelhafte Uebermuth sich zu täuschen. Möchte er das auch bezüglich des Streitausgangs!

Nansens Robisonleben im höchste» Norden.

Aus dem Supplementbande zu Nansen: „In Nacht und E i 5", geb. 10 Mk.*) (Mit Genehmigung der Ber- lagshandlung von F. A. Brockhaus in Leipzig.)

Während unserer dritten, der schlimmsten Polarnacht, begann für uns ein einförmiges, trauriges Leben. Aber verhältnißmäßig hatten wir es wirklich gut, hätte es doch schlimmer sein können! Vor allem lag ein sehr beruhigendes Gefühl darin, daß wir uns bewußt waren, auf alle Fälle Lebensmittel genug vor der Thür zu haben: unsere Speisekammer war hinreichend mit Bärenfleisch versehen; Schinken und ganze Thiere waren rund um die Hütte im Schnee aufgeflanzt Dort hatten wir auch das Wenige, was uns vorn Schlittenproviant geblieben war, tief in den Schnee vergraben und sicher vor den Füchsen versteckt.

Die ganze Zeit über lagen wir meistens, bei Tag und bei Nacht, im Schlafsack und schliefen so viel, als wir in vierundzwanzig Stunden fertig brachten. Jeden Morgen kochten wir Fleisch und Bouillon, und abends brieten wir uns ein Beefsteak von Bärenfleisch; zu Mittag aßen wir nicht. Wir wechselten jede Woche mit dem Amte des Kochs ab.

Neben unferm Kopfende standen die Thran- lampen, die Tag und Nacht hindurch brannten: es waren aus Neusilber zurechtgebogene Schalen. Dochte lieferte uns der Inhalt des Doktorfackes: Pflaster und Binden. Der Thran für die Lampen wurde in einem Topfe geschmolzen, der aus dem einen Petroleumfäßchen gemacht worden war.

Wer gerade Koch war, lag vorn int Sacke, und sein Amt war es, die Lampen beständig in Ordnung zu halten; Streichhölzer brauchten wir also nicht. Er mußte auch darauf bedacht fein, rechtzeitig einen Schinken oder ein Brustück, ja manchmal einen ganzen Bären, wenn er klein war, hereinzuholen und zum Herde zu legen, da­mit das Fleisch aufthauen konnte, ehe es gebraucht wurde. Schwarz und häßlich wurde es natürlich von dem Ruße, doch für uns hatte so etwas nichts zu bedeuten.

Der andere, ber frei vom Küchendienste war, sorgte für Süßwaffereis und salziges Eis für die Wirthschaft, ober noch besser für Salzwasser, falls solches zu bekommen war. Salz hatten wir nicht mehr; bas wenige, was wir von ber „gram" mitgenommen (es war ein wenig Tafel­salz in einer Senfkruke), war schon lange, bevor wir aus dem Treibeise kamen, verbraucht

•) In diesem Bande, der eine sehr erwünschte Er­gänzung von Nansens Werk bildet, berichten zwei Be­gleiter Nansen's mit ebensoviel Freimuth als Geschick über ihre interessanten Erlebnisse aus der denkwürdigen Polarexpedition Nansens. Nordahl der Elektriker an Bord, behandelt in seiner Erzählung „Wir Framleute" die ganze Fahrt des Schiffes durch das unbekannte Polareis. Lieutenant Johansen giebt in seinem Be­richte „Nansen und ich auf 86« 14’" eine ebenso sspannende wie anschauliche Darstellung der Erlebnisse auf der kühnen Schlittenreise, die er mit Nansen allein unter­nahm und auf welker die beiden dem Tode mehr als einmal ins Auge schauten.

ihm eoentl. den Rest zu geben;, aber er war bereits vollends tobt. Beim Auswaiben fanb ich bie Kugel int Herzen; aber bas Interessante kommt jetzt. Beim Abhäuten faßte ich ihn zufällig am rechten Gehör unb entdeckte babei: es war durch- locht. Dieser Gabelbock war bas ehemalige Kitzchen, bas ich zweimal vor Reineckens Mord­lust geschützt hatte. Dort ist die Schneise, wo ich ihn zum erstenmal schützte. Dortselbst ist auch das Lindenfeld, in dessen Hafer er vor Reinecke flüchtete; und nicht weit davon ist die Waldwiese, auf welcher die Kugel ihn traf. Dort wurde er geboren, dort hat er gelebt, unb dort hat er ge­endigt ; dort feierte er die italienischen Nächte, hörte das Konzert ber Vogelwelt, unb machte Polonaisen mit. Hier hungerte er im Winter, unb alle Gefahren, benen er ausgesetzt war, ver­mochten nicht, ihn aus der Heimath zu treiben.

Wie er, handeln auch die übrigen; sie halten fest an der Heimath und geben das Gute der Heimath nicht preis gegen die ungewissen Güter der Fremde. „Ost oder West, daheim ist das Best!" Dieses wahre Sprüchwort kommt von Menschen, aber die moderne Menschheit hat es vergessen. Vier Wochen während des Jahres in der Heimath, aber 48 Wochen auf die Berge, auf das Meer, an die Küste, nach Aegypten, um )ie Erbe! sagt bie jetzige fafhionable Welt.

Das Reh kennt bas wahre Sprüchwort nicht, aber es handelt darnach und daran thut es Recht.

„Anna! den Ziemer auf den Tisch! Prosit, meine Herren!" .