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25. Jahrgang.
gtufda, Donnerstag, den 26. Mai 1898
M 118.
Druck und Verlar der Laldaer Actiendruckeret peters-age llr. 2 (Larmonic).
£ Sozialdemokratischer Unsinn.
Der neueste Unsinn, den die Sozialdemokratie zur Beschwindelung der Mafien ersonnen hat, besteht darin, daß die nordamerikanische Republik als etwas Herrliches hingestellt wird gegenüber dem alten Europa, in dem nach neuester Lesart alles morsch und faul und im Absterben begriffen sein soll. Das alte Europa soll an- geblich „in seinen Grundfesten wackeln", weil im spanisch-amerikanischen Kriege „eine neue Macht aus ihrer Neutralität herausgesprungen" ist, nämlich die „große Republik jenseits des Meeres", wo „kein Militarismus ist, keine uferlosen Flotten und doch eine gewaltige, eine überwältigend ge-
dem Berliner sozialdemokratischen Centralorgan dermaßen gut gefällt, daß es m solche schwulstige Lobhudeleien desjenigen Staatswesens ausbricht, nämlich der nordamerikanischen Republik, das mehr als irgend ein anderes in der Welt vom Geldsack, ganz und allein vom Geldsack regiert wird. Daß das so ist, das wissen natürlich die Schreiber solcher Sachen ganz genau. Sie müssen es wissen, denn die Thatsache ist so außerordentlich bekannt, daß sie jedem auch nur einigermaßen gebildeten Mann vollkommen geläufig ist. Und noch mehr: es ist noch gar nicht so lange her, da warnte ganz dieselbe ozialdemokratische Presse vor der Auswanderung mch Nordamerika, vor dem Elende, dem dort die Arbeiter verfallen würden, und vor der chrankenlosen jeder Rücksicht baren Ausbeutung >er menschlichen Arbeitskraft durch gewissenlose geldgierige Unternehmer. Was soll man sagen u einer solchen erbärmlichen Zeitungs-Mache?
So gern machen die Sozialdemokraten in ihrer Presse und in ihren Versammlungen anderen Parteien den Vorwurf der Demagogie, das heißt Versuch, das Volk zu bethören und zu verführen durch falsche Vorspiegelungen. Hier aber hat das Berliner sozialdemokratische »Centralorgan" durch seine unsinnige Redensarten von der neuen großen Macht jenseits des Ozeans ein so außerordentlich unrühmliches Meisterstück verlogener Demagogie abgelegt, daß es darin nie mehr von anderen übertroffen werden kann. Jetzt sagt man von einem Menschen, der besonders stark in der Erfindung von Thatsachen und im Aufstellen falscher Behauptungen ist: Er lügt wie gedruckt. Von jetzt ab ändert man vielleicht das Sprüchlein und sagt in Zukunft: Er lügt wie der .Vorwärts'!
v-ra-tt-ortlich: Sir die Redaktion Io!. San«, für Inserate I. Parzeller in Anlda.
Deutsches Reich-
Berlin, 25. Mai.
* Bei Schluß des Döberitzer Gefechtsex erzirens hielt der Kaiser folgende Ansprache: Zunächst bemerkte der Kaiser, daß er heute die Brigade exerzirt habe, weil der 29. Mai auf den ersten Pfingstfeiertag falle, und fuhr darauf fort: „Es geschieht dies nach altem Brauch, denn Ich will an dem Ehrentage der Brigade mit ihr zusammen sein. Jetzt sind es zehn Jahre her, daß Ich die hohe Ehre hatte, als Kommandeur der Brigade mit Euren Vorgängern sie Meinem hochseligen Vater in Parade vorzuführen. Es war dies die einzige Parade, die weiland Seine Majestät Kaiser Friedrich III. abzuhalten im Stande war." Im weiteren Verlaufe der Ansprache wies der Kaiser darauf hin, daß durch jenes Exerziren vor dem todtkranken Kaiser Friedrich der Brigade eine große Ehre widerfahren sei: „Die Ehre, unter dem brechenden Auge des Siegers von Königgrätz, von Weißenburg und Wörth und des Helden von Sedan zu exerziren . . . Damals haben wir uns gelobt, dieses denkwürdigen Tages stets eingedenk zu sein. Deshalb exerziere Ich alljährlich an diesem Tage mit der Brigade, und Ich hoffe, daß Ihr (die darauffolgenden Worte verhallten im Wind) . . durch Fleiß und treue Pflichterfüllung im Frieden und frisches, unaufhaltsames Draufgehen im
mit Zlnterhattungs-Meilage „Mustrirte Sonntags-Zeitung'.'
wattige Elementarmacht".
Man kann sich kaum etwas Falscheres, etwas Lächerliches vorstellen als diese albernen Redensarten. Weil die Yankees frech genug sind, widerrechtlich spanischen Besitz sich aneignen ju wollen und im Versolgen dieses Beginnens ein paar alte spanische Holzschiffe im Hasen von Manila in den Grund bohren, im übrigen aber sich bis jetzt mit ihren sogenannten Kriegsthaten beinahe nur lächerlich gemacht haben, soll „das alte Europa wackeln" vor dem Ansturm der „großen Republik jenseits des Meeres" — „die eine alte Monarchie des alten Europa dem Verderben geweiht, und eine andere, freilich keine alte, sondern im Gegentheil eine funkelnagelneue (Italien), um ein Haar zu Boden geschmettert — blos vom Luftdruck, den die Bewegung der neuen Macht erzeugt hat. Welche Kraft . . .!"
Auf welche Thatsachen bezieht sich das sozialdemokratische Central-Organ .Vorwärts'? Auf die Tumulte in Italien, die der.Vorwärts' in fortgesetzter, bewußter Fälfchung der Thatsachen eine „Hunger-Revolution" nennt. Wir fühlen nicht den geringsten Naturtrieb in uns, das moderne italienische Königthum in Schutz zu nehmen. Aber ganz nachdrücklichen Widerspruch muß jeder redlich denkende Mann erheben gegen eine solche Lügenverhetzung des Volkes, wie der .Vorwärts'sie mit vollem Bewußtsein treibt. Die Unruhen in Mailand und Turin sind längst erkannt in ihrem wahren Charakter als eine kleine Revo lut io n mit.sozialdem akratisch - anarchistischemHintergrunde, indessen so schwach, daß sie selbst das wenig großartige italienische Königthum nicht bedrohen konnte. Und von einer „Hunger-Revolution" war in Mailand und in Turin auch nicht eine Spur vorhanden. Aber selbst angenommen, das „sozialdemokratische Central-Organ" hätte recht damit, und diese Revolution wäre wirklich, was in der That gar nicht der Fall ist, durch den „Luftdruck der Bewegung der neuen Macht" drüben jenseits des Weltmeeres erzeugt worden. Was sür ein „Luftdruck" müßte das dann sein? Der Luftdruck großkapitalistischen Brodwucher - Schwindels, die Wirkung brutaler Gewinnsucht, ausgeübt von einigen wenigen Millionär-Jobbern und gewerbsmäßigen Spekulations-Geiern der amerikanischen Börse .... und mit solchen Dingen treibt die Sozialdemokratie solchen Hokuspokus!
Aber man muß sich das merken, daß gewinnsüchtige Ausbeutung der Massen durch einige reiche amerikanische Getreide-Jobben
montan, und diesen Fels der Kirche vermag keine sozialdemokratische Hochfluth zu erschüttern “
* Ueber die drohende Gefahr derWerfchkech- ferttttfl des gegeuwärtiHen Ateichstagswahk- rechtes hat der Reichstags- und Landtags-Abgeordnete Dr. Karl Bachem in einer Wahlversammlung in Krefeld sich wie folgt geäußert: Der Abg. Müller (Fulda) hat öffentlich Mit- theilung gemacht, daß bereits Pläne positiv bestehen, das geltende Reichstagswahlrecht, wenn möglich, abzuändern, ja daß sogar schon ein diesbezüglicher Entwurf ausgearbeitet sei. Diese Mittheilung hat ein Dementi erfahren, welches aber nicht den Kern der Sache trifft. Wer im Reichstage jahrelang praktisch mitgearbeitet hat, der weiß, daß die Mittheilung des Kollegen Müller richtig ist; er weiß, daß derartige Pläne that- sächlich bestehen, und daß, um ihre Verwirklichung zu verhüten, es nöthig ist, die Augen offen zu halten. Ich kann aus meiner eigenen Kenntniß die Mittheilung des Herrn Müller noch erweitern, denn es bestehtund es hat bestanden sogar die Idee eines Saatsstreiches, d. h. der gewaltsamen Beseitigung des Reichstagswahlrechtes. Diese Idee ist sogar von einslußreichen Ministern ernsthaft erwogen worden. Ja, sogarrecht groß ist die Zahl der Leute, welche zu der Frage einer gewaltsamen Beseitigung des Reichstagswahlrechtes stehen, wie Wallenstein, als er im Begriffe stand, einen großen Rechtsbruch zu begehen: „Gedacht nur ist's ein riesengroßer Frevel, vollbracht ist's eine rühmenswerthe That."
* Die Aörseukeuer hat mit ihrem Ertrage für den April d. Js., da die Summe von rund 3,9 Millionen erreicht ist, den höchsten monatlichen Stand gewonnen, den sie je gehabt hat. Würde sie den Etatsanschlag, der sich für das Etatsjahr 1898 auf 30,s Millionen beläuft, um nicht weniger als rund 16'/, Millionen übersteigen. Jedoch ist es nach den ,Berl. Pol. Nachr.' mehr als wahrscheinlich, daß die noch ausstehenden elf Monate nicht alle den gleichen Ertrag wie der April abwerfen werden.
* Nach einer offiziösen Jeituugs statt stisi erscheinen 3337 deutfche Zeitungen täglich. Bei 2439 Zeitungen ist eine Auflage von 8,9 Millionen Exemplaren angegeben. Die Gesammt- auflage wird auf 12 Millionen berechnet, also auf je 4 Köpfe der deutschen Bevölkerung entfällt ein Zeitungsexemplar Für Zeitungsabonnements werden in Deutschland 63 Millionen ; ausgegeben. 321 Zeitungen sind konservativ, ’ 318 Centrumsblätter, 300 nationalliberal, 356 linksliberal, 54 sozialdemokratisch und nicht weniger als 900 parteilos außer den Amts-, Kreis- und . Anzeigeblättern.
fassen können: es war ein brennender Schmerz, der sie durchdrang, dazu tiefes Mitleid, hauptsächlich aber die alles überwindende Liebe, die sich mächtig in ihr regte und die Vergebung fand für alles, was geschehen. An Stelle des Vaters, den sie bisher gekannt, den sie so hoch gestellt und vor allen Menschen auf Erden verehrt hatte, war nun ein alter schwacher Mann getreten, der schwer gesündigt, der aber durch tausend Qualen, von Reue und quälenden Vorwürfen gefoltert, durch ein Leben voll Selbstüberwindung sich zur Befierung durchgerungen hatte — der ihrer Sorge und Liebe nicht entrathen konnte.
Er hatte geendet und blickte ihr ins Gesicht. Eine demüthige Frage lag in seinen Augen, sie verstand sie sofort.
„Armer Vater!" sagte sie sanft und legte ihren Kopf an seine Schulter. Die ganze Tiefe ihres Empfindens sprach sich aus in dem Ton, mit dem sie die Worte hervorbrachte: „Armer, lieber Vater!"
„So kannst Du mich noch lieb haben?" fragte er schüchtern.
„Immer und immer. Uns beide trennt niemand; wir können uns gegenseitig nicht entbehren."
Von ihren Knieen aufstehend, fuhr sie liebkosend über sein weißes Haar.
Es war mittlerweile spät geworden, und das Dienstmädchen, das zum Abendessen rief, brachte beiden das Leben in Erinnerung. Sie besannen sich, daß sie vor der Dienerin den Schein zu wahren hatten; deren Rufe folgend, mühten sie sich ab, einige Bissen hinunter zu bringen, einige gleichgiltige Redensarten miteinander zu wechseln.
Kriege, denn darauf ist unsere Zukunft begründet ' . . . Ich werde jenen Tag nie vergessen und in \ Erinnerung daran jedes Jahr mit der Brigade exerziren. Was ich heute von der Brigade im Gefecht und beim Parademarsch gesehen habe, war außerordentlich stramm und erfüllt Mich mit Freude. Ich bin sehr zufrieden mit der Brigade. Adieu, Kameraden!"
* Am heutigen Mittwoch hat Sri«; Keinrich von Kreutzen die chinesische Hauptstadt Peking wieder verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Hafenstadt von Peking, Tientsing, wird die Reise nach Port Arthur und dann über Tschifu nach Tsingtau weiter gehen. Dem Kaiser von China ist der höchste preußische Orden,derSchwarzeAdler-Orden, verliehen worden.
* Wie der römische Korrespondent des Stuttgarter ,Deutschen Volksblattes' aus angeblich sicherer Quelle erfährt, hat ^ap6 Leo XIII. die Nachricht von dem raschen Tode des kaum erwählten Erzbischoss Dr. Komp von Freiburg mit großer Betrübniß entgegengenommen. Man sei in vatikanischen Kreisen über die durch den Tod des Erzbischofs geschaffene peinliche Lage wohl bestürzt gewesen, hoffe aber, daß gerade diese tragische Wendung, welche die Frage der Wiederbesetzung des Freiburger Erzstuhles nunmehr genommen hat, den Großherzog bestimmen werde, seiner Regierung ein weites Entgegenkommen bei den neuerlichen Verhandlungen zu empfehlen. Gegenüber gegentheiligen Behauptungen, welche seiner Zeit in der deutschen Presse auftauchten, könne versichert werden, daß Papst Leo XIII. an sich kein Freund der Praxis sei, Bischöfe von ihrem definitiven Sitz zu entfernen und zu „removiren", und daß ihn auch im vorliegenden Falle nur die badischen kirchenpolitischen Verhältnisse bestimmt hätten, den dringenden Vorstellungen des verstorbenen Fuldaer Bischofs, welcher um Schonung seiner Vergangenheit und Rücksicht auf fein Alter bat, zu widerstehen.
—* Daß die katholische Kirche und das Centrum das einzige sichere ZLoMverk gege« de« Ansturm der Sozialdemokratie bilden, ergibt sich aus der Thatsache, daß in allen Großstädten Deutschlands die Sozialdemokraten das ReichstagsMandat erobert haben, mit Ausnahme der überwiegend katholischen Großstädte Köln, Düsseldorf, Aachen und Krefeld, und im katholischen Rheinlande ist es trotz aller Anstrengungen den Sozialdemokraten nicht gelungen, einen Wahlkreis zu erringen, während sie in den protestantischen Landestheilen überall immer mehr Boden gewinnen und in den Industrie-Bezirken wie in den Großstädten schon längst den Sieg errungen haben. Nur die katholischen Arbeiter haben sich als widerstandsfähig erwiesen. Mit berechtigtem Stolze darf deshalb der jetzige Wahlaufruf der rheinischen Centrumspartei sagen:
„Nicht ein einzig er rheinischer Centrums- Wahlkreis ist in sozialdemokratische Hande gefallen; 1893 durften wir uns zum ersten Male sagen : Die Sozialdemokratie ist im Rheinlande zum Stillstand gebracht, hier und da sogar zurückgegangen, und bei der Nachwahl von 1896 wurde das Centrums - Mandat m der rheinischen Hauptstadt, zum ersten Male seit 1884, ohne Stichwahl behauptet."
Die freisinnige ,Voff. Ztg.' bemerkt dazu: „Das Centrum übertreibt nicht, denn es ist so, es ist wirklich so. Die rheinische Arbeiterschaft ist ultra-
Nachher, in stillschweigender Uebereinkunft, trennten sie sich für den Abend. Der Vater hielt die Tochter lange fest in seiner Umarmung, und das treue Auge, das zu ihm emporfah, hatte weder Vorwurs noch Anklage, kannte nur den warmen Strahl kindlicher Liebe. ,
In ihr Zimmer zurückgekehrt, sank Hedwig vor dem Kruzifixe in die Kniee. Ihre reine Seele bedurfte nach dem Furchtbaren, das sie durchlebt, übernatürlicher Hilfe, um sich zur Ergebung durchzuringen und um zu erkennen, was ihr nun zu thun oblag. Es war ein schweres Opfer, das von ihr gefordert wurde — daß es unvermeidlich sei, mußte sie nach langem, hartem Kampfe sich eingestehen. Bester auch, sie brachte es schnell und freiwillig, ehe sie etwa in Hermann's Augen las, daß er es von ihr erwarte. So sehr sie ihn liebte, eine Ahnung seiner Schwächen war doch in ihr aufgestiegen. Sie wußte, daß seine Natur des Sonnenscheines bedurfte; wäre es da nicht selbstsüchtig, ja frevelhaft gewesen, ihn tn jene Atmosphäre von Trübsinn und Weltentfremdung zu verfetzen, welche fortan ihr Erbtheil geworden? Sie, die Tochter, vermochte das Geschehene zu vergessen, andere konnten es nicht. Sie mußte deshalb mit dem Vater an einen Ort ziehen, wo keiner sie kannte, wo keiner mißachtend auf ihn herabsah, dort mußten sie ein neues Leben an- fangen ... ein neues Leben! Sie schlug die Hände vor das Gesicht "und schluchzte laut auf. Wie anders würde das Leben fein, als ,enes, das ihre Träume ihr vorgezaubert!
Die Thränen hatten ihren Schmerz erleichtert , sie stand auf, und in ihrer ruhig überlegten Weife ging sie daran, ihren Entschluß auszuführen. Sie
Zur Reichstagswahl.
(*) Landtagsabgeordneter P. P. Kahensly ist von einer am 24. d. M. in Limburg a. Lahn abgehaltenen Vertrauensmänner-Versammlung der Centrumspartei einstimmig als Reichstags- Kandidat für den 4. nassauischen Wahlkreis aufgestellt worden.
* Kkverfeld, 25. Mai. In die Wahlbewegung des Wupperthales ist jetzt auch ein h ei- schrieb einen kurzen Brief an Hardanger, in welchem sie ihm sein Wort zurückgab und ihn Bat, es nicht zu versuchen, sie nochmals zu sehen oder sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Sorg- sältig wußte sie jede rührende Redewendung, reden Gefühlsausbruch zu vermeiden — er sollte nicht glauben, daß sie fein Mitleid anrufe; er sollte wissen, daß der Abfchied unwiderruflich beschlossen sei Ueber des Vaters Schuld sprach sie sich nicht aus; wie Verrath an ihn wäre es ihr erschienen.
Mittlerweile hatte ihr Vater ebenfalls an Hardanger geschrieben und denselben ausgefordert, am nächsten Tage zur Nachmittagsstunde sich bet ihm einzufinden. Einen Eilbotenbrief an Tennenbach sandte er noch ab, darauf ordnete er bis tief in die Nacht hinein an seinen Papieren und Rechnungen, hotte in aller Stille einen Handkoffer und packte denselben, behutsam aufhorchend, ob auch kein Geräusch ihn verrathe. Dann erst, gegen Tagesanbruch, warf er fich auf fein Lager.
Nachdem Hermann * seine Braut verkästen, war er von seinem Dienste in Anspruch genommen worden, und die Gedanken an fernen fo traurig sich gestaltenden Liebesroman hatten vor den militärischen Pflichten zurückstehen mästen
In seine Wohnung zuruckgekehrt, wo er ernst- lich mit sich zu Rath zu gehen gedachte, auf welche Weise er eine befriedigende Losung des Zwiespalts herbeiführen könne, fand er eine Botschaft seines Regiments-Kommandeurs vor, die ihn augenblicklich zu sich beschied. .
Die Weisung kam ihm nicht unerwartet, ferner Mutter Brief hatte ihn ja darauf vorbereitet; dennoch berührte sie ihn im ersten Augenblicke
Hohe Ziele.
Roman von L. von Neidegg.
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Der Vater hatte schon erfahren, daß ihr Verlobter sie besucht, und zeigte sich unzufrieden, .daß man ihn eingelassen.
„Er hatte Wichtiges mitzutheilen," rechtfertigte sie sich.
„Wichtiges? Was denn?"
Sie bemühte sich, es auszusprechen, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, die Stimme versagte den Dienst. Wortlos reichte sie dem Vater den Brief.
Er setzte sich an den Tisch, denselben zu lesen, wobei er das Gesicht mit der Hand beschattete. Plötzlich fing die Hand heftig zu zittern an. „Mein armes Kind!" stöhnte er.
Im Nu war sie an seiner Seite. „Ist . .. ist. . . etwas Wahres an der Sache, Vater?"
In den trostlosen Augen, die zu ihr emporsahen, las sie die Bejahung dieser Frage.
„Dann waren es ganz besondere Umstände, die Dich trieben. Sage mir, wie es tarn, armer Vater."
Von ihren Armen umschlossen, begann er seine traurige Erzählung. Er schilderte seine Versuchung, seinen Fall, seine Seelenangst und seine Reue; er sprach vom ver^weiflungsvollen Zustand der Gottverlassenheit, in den er verfallen, aus welchem einzig die aufopfernde Liebe ihrer Mutter ihn errettet.
Was in der Seele der Tochter bei dieser Erzählung vorging, sie hätte es in Worte nicht