FuUmerW-Zettung
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Julöa, Mittwoch, den 25. Mai 1898
25. Jahrgang
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5 Das Reichstags-Wahlrecht.
Die Gefahren, die dem Reichstags- Wahlrecht drohen, sind neuerdings schon recht gründlich beleuchtet worden. Aber die hohe Bedeutung dieser Frage rechtfertigt durchaus eine fortgesetzte Behandlung derselben. Hat doch erst in der allerneuesten Zeit wieder das Hamburger Bismarck-Blatt verrathen, welche Wünsche man hegt. Danach sollte die geheime Stimmabgabe ganz beseitigt und das Alter derer, die wählen dürfen, von 25 auf 30 Jahre hinauf- gesetzt werden: und niemand sollte wahlberechtigt sein als der, der an dem Orte der Wahl schon 2 bis 3 Jahre seinen Wohnsitz hat.
Kürzlich hat uns ein konservatives Blatt erzählt, Fürst Bismarck habe seinerzeit nur halb gezwungen der Einführung des Reichstags-Wahlrechtes in der heute gütigen Form zugestimmt. Es sei ihm nichts Anderes übrig geblieben, um die Zustimmung aller Bundesstaaten zu erlangen. Aber sehr bald hat sich innerhalb der preußischen Regierung der Wunsch geregt, das Reichstags-Wahlrecht wieder „rückwärts zu revidiren". Im Jahre 1883 war im preußischen Abgeordnetenhause ein Antrag eingebracht worden auf Einführung der geheimen Wahlen für dieses Parlament und auch bei den Kommunalwahlen in Preußen. Und bei dieser Gelegenheit — es war ant 5. Dezember 1883 — führte der damalige preußische Minister des Innern, Herr von Puttkamer, nicht nur eine sehr scharfe Sprache gegen den Antrag, sondern gleichzeitig auch gegen das geheime Reichstagswahlrecht. „Gewiß — so führte damals Herr v. Puttkamer aus — wir haben nach der Gründung des Norddeutschen Bundes für die politischen Wahlen zum Reichstage geheime Abstimmung eingeführt: aber es wird zu untersuchen sein, ob sich diese Institution bewährt, und ob sie nicht vielmehr das Gegentheil von dem erreicht hat, was man mit ihrer Einführung zu erlangen hoffte. Nach der Erfahrung, die wenigstens für den Reichstag vorliegt, ist dies int höchsten Grade zweifelhaft. Wir sind der Meinung, daß unsere politischen Sitten und der ganze Stand unserer politischen Moral seit Einführung des geheimen Wahlrechtes im Reichstage keine Fortschritte gemacht hat. Wir sind int Gegentheil der Meinung, daß wir uns seitdem in bedenklicher Weise auf einer schiefen Ebene befinden. Es wird Sache der Erwägung der königlich preußischen Staatsregierung fein, ob sie nicht int Gegensätze ju dem Anträge des Herrn Antragstellers daraus
Hohe Ziele.
Roman von L. von Neidegg.
^l ------ (Nachdruck verboten.)
Hermanns sanguinisches Temperament hatte sich seiner Mutter Schweigen auf die ihm zusagendste Weise ausgelegt. Er redete sich ein, sie habe den Widerstand gegen seine Absichten nufgegeben und zögere nur noch dies einzugestehen. Damit beruhigte er sich denn vollkommen. Eine Atmosphäre von sonniger Lebensfreudigkeit war ihm Bedürfniß; offener Kampf, entschiedenes Auftreten widerstrebte ihm. Wo es nicht anging, in Frieden mit einander auszukommen, war «r dafür durch Laviren, Vermitteln, durch allerhand ■Heine Auswege sich einen erträglichen Zustand ZU verschaffen. Rege man sich nicht allzu sehr auf, konnte er oft behaupten, sondern lasse die Dinge ruhig ihren Lauf gehen, so legten sie auf die eine oder andere Weise sich immer wieder zurecht, und man verliere darüber nicht den Genuß des Augenblickes.
Wie ein Blitzstrahl fiel der Brief seiner Mutter in seine Sorglosigkeit hinein. Erst faßte er dessen Inhalt gar nicht, las ihn wieder und -wieder, und dann ergriff ihn zornige Bestürzung. «Er sah sich einer Reihe von Demüthigungen, Kränkungen und Widerwärtigkeiten gegenüber, denen diese Heirath ihn nothwendig aussetzen ■mußte. Noch war feine Liebe zu Hedwig nicht -erschüttert, aber ihren Besitz mit so vielen Opfern erkaufen zu müffen, dagegen sträubte sich seine weichliche Natur. Wanirn hatte dieser alte Mann, gegen den er im Gefühl immer einen
Bedacht nehmen müsse, ihren Einfluß dafür ein« zufetzen, daß Initiative in Erwägung gezogen werden, welche auf die Abschaffung der geheimen Abstimmung für den Reichstag abzielen."
Das war klar und deutlich gesagt von Herrn v. Puttkamer. Nun sind seitdem zwar fünfzehn Jahre vergangen. Aber es ist zehn gegen eins zu wetten, daß es auch heute noch dieselbe königlich preußische Staatsregierung ist, in deren Bereich das viel erwähnte Material für einen Gesetzentwurf über Aeuderung des Reichstagswahlrechtes sich befindet. Und daß Herr v. Miquel und Herr v. d. Recke keine Minister sind, die für das gütige Reichstagswahlrecht Freundschaft hegen, werden sie selbst nicht ab ftrei'ten wollen.
Wie abgeneigt man in diesen Kreisen allem volksthümlichen Wahlrechte ist, das geht nur allzu klar hervor aus den Schicksalen, die das Wahlrecht in Preußen für Abgeordnetenhaus und Gemeindevertretungen zu erdulden hat. Dieses nach Bismarck „elendeste und widersinnigste aller Wahlsysteme" ist durch die Wirkungen der neuen Steuergesetze noch erheblich elender und widersinniger gemacht worden. Aber niemand rührt auch nur einen Finger, um an dem herrschenden traurigen Zustande etwas zu ändern — int Gegentheil: alle Bestrebungen, in diesem Sinne Besserung zu schaffen, werden mit stillschweigender Uebereinftimmung der Kartellmehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses auf Nimmerwiedersehen in Kommissionen begraben.
Wo solche Thatsachen so deutlich und unzweideutig reden, braucht man gar keine weiteren Beweise mehr. Und alle offiziösen Ableugnungen der Welt könnten diese Thatsachen nicht verschleiern, geschweige denn ganz von der Bildfläche verschwinden lassen.
Deutsches Deich.
Berlin, 24. Mai.
* Das 50jährige IuSikäum des katholische« Dereiusweseus fällt in das laufende Jahr. Im tollen Jahre 1848 hatte man in den führenden katholischen Kreisen seit langem eingesehen, daß es nothwendig fei, allgemeine, für die Erkämpfung der religiösen Freiheit und für die Wahrung der katholischen Interessen bestimmte Vereine zu gründen. Die ersten Schritte zur praktischen Bethätigung dieser Erkenntniß wurden 1848 in. Mainz gethan. Dort waren es Dr. Riffel und Domkapitular Lennig, welche den ersten katholischen Verein, den Pius-Verein, gründeten. Durch zündende Reden, in denen sie mit zwingender Logik die Nothwendigkeit der Gründung von katholischen Vereinen darlegten, gelang es ihnen, die vielfach vorhandene Aengst- lichkeit zu überwinden. An einem Frühlingstage versammelten sich 24 Mann, und man faßte den festen Beschluß, einen Verein in's Leben zu rufen. Einige Tage später hielt man eine zahlreich besuchte zweite Versammlung ab, in welcher der Verein enbgütig ins Leden gerufen wurde. Das Präsidium übernahm der hochverdiente Domkapitular Lennig. In einer weiteren Sitzung nahm der Verein den Flamen Pius-Verein an. Wie Widerwillen gehabt, ihn je über seine Schwelle gelassen? Er hätte sich doch sagen müssen, daß ein Offizier nicht in seinem Hause verkehren könne.
Und Hedwig? Einen Augenblick brach die Weichheit seines Herzens hervor, und Rührung wollte ihn übermannen. Hedwig war einst jenes Kind, dem er vielleicht das Leben erhalten, und das kleine süße Geschöpf, das er gerettet, sollte nun — trotz allem! — seine Frau werden! In Liebe und Treue wollten sie einander angehören, bis der Tod sie trennte!
Nicht lange hielt dies weiche Gefühl jedoch vor; sogleich regten sich Selbstsucht und Eitelkeit und erinnerten ihn, daß doch etwas Herab- würdigendes darin liege, sich feine Frau gleichsam von der Gasse aufgelesen zu haben. Das hätte Hedwig sich sagen sollen, die doch Kenntniß oder wenigstens eine Ahnung von der Vergangenheit ihrer Eltern haben mußte. Wie hatte sie nur seine Huldigung annehmen können, sie, die Tochter eines solchen Mannes! Wie mochte sie auch immer von opferbereiter Liebe sprechen, wo doch alle Opfer ausschließlich von seiner Seite kamen! So zwischen Selbstbemitleidung und Liebe schwankend, arbeitete er sich in immer heftigeren Zorn hinein, aus dem er keinen anderen Ausweg wußte, als sich sofort zu Molsberg zu begeben und von diesem Aufklärung über die im Briefe enthaltene Anklage zu sordern.
Molsberg war ausgegangen. Hedwig, nach der er dann fragte, wollte ihn abweisen lassen, da der Vater es nicht billigte, wenn sie den Verlobten in seiner Abwesenheit empfing. Das Dienstmädchen mußte ihr aber melden, er habe Wich-
Pius IX. selbst, so wurden auch dem Vereine, der seinen Namen trug, Verfolgungen und Widerwärtigkeiten nicht erspart. Bald war es die ungläubige Tagespresse, welche über ihn herfiel, bald die hessische Bureaukratie, welche ihren Muth an dem jungen Pflänzchen kühlte. Aber nichtsdestoweniger wurde er der Mutterverein von vielen anderen, denn bald überzog das ganze katholische Deutschland ein Netz von Piusvereinen. Allenthalben bildeten dieselben den Sammelpunkt hervorragender katholischer Männer. In Mainz waren es damals Lennig, Dr. Riffel, Dr. Moufang und Dr Heinrich, welche dem Verein fein geistiges Gepräge gaben. Die Pius- Vereine waren die Schule, welche nicht nur die katholisch gesinnten Elemente sammelte, sondern ihnen auch jene Erziehung gab, welche für die späteren Kämpfe nothwendig waren; in ihnen wurden die Geister aufmerksam gemacht auf die Irrlehren der Zeit und so fähig gemacht, den dreißig Jahre später ausbrechenden Konflikt zwischen Staat und Kirche durchzufechten. Vierzehn Jahre früher als die Pius-Vereine in Deutschland erstanden, erstanden in Frankreich die Vincenz-Konferenzen, die im gleichen Jahre, wie die Pius-Vereine, in Deutschland Eingang fanden. Zwei Jahre früher (1846) war von Vater Kolping der katholische ® ef eilen« Verein ins Dasein gerufen worden. Ihnen folgten in den fünfziger und sechziger Jahren die katholischen Kasinos, welche besonders in Baden segensreich wirkten, dann die katholischen Lese-Vereine, Bürger-Vereineusw. Der Kulturkampf brachte neues Leben in die Vereins- thätigkeit. Allenthalben trieb sie die Mitglieder an, sich enger und fester zufammenzufchließen. Die Noth der Zeiten trieb dann dazu, die Jugend und die Arbeiterwelt in Vereinen zu sammeln und sie zu schützen gegen die sie bedrohenden sittlichen und sozialen Gefahren. Wenn wir jetzt nach fünfzig Jahren einen Rückblick werfen auf die Thätigkeit der katholischen Vereine, so dürfen wir mit berechtigtem Stolze sagen, daß sie ihrer Aufgabe in bewundernswürdiger Weise gerecht geworden sind. In Friedenszeit waren sie Sammelpunkte der katholischen Kräfte, in heißen Kampfestagen aber Hochburgen, von denen aus die Angriffe unserer Gegner zurückgewiesen wurden. Die vorstehenden Daten sind dem soeben bei Rudolph Abt in München erschienenen Schriftchen von F. Norikus: „Katholisches Vereinswesen, ein Beitrag zum 50jährigen Jubiläum der katholischen. Vereine", entnommen.
x Amtlich wird das Ergebniß veröffentlicht, das im letzten Monat April die Hinnahme« aus Zolke« ««d Dervrauchskeuer« ergeben haben. Das Gesarnrnt-Ergebniß stellt sich so, daß die Ist - Einnahme für den letzten Monat April die Einnahme während derselben Zeit des Vorjahres um 600,000 Mark übersteigt, nämlich 59,7 Millionen betragt. Die Zölle an sich haben zwar ein Minus von 1,9 Millionen ergeben, und ebenso ist die Branntwein - Verbrauchsabgabe um eine halbe Million kleiner als im Vorjahre; aber die Zuckersteuer hat ein Ergebniß erzielt, das dasjenige des Vorjahres um 2,8 Millionen übersteigt. Die Börsensteuer hat ein Mehr von 2 Millionen, die Post- und Telegraphen-Verwaltung ein Mehr
tiges rnitzutheilen, und darauf wurde er dann eingelassen. Fröhlich kam ihm die Braut entgegen; dachte sie doch, er bringe Nachricht von derzMut- ter, und zwar gute. Vor dem finstern Blicke ihres Verlobten bebte sie aber zurück.
„Um Gottes willen, Hermann, was gibt es?" Ungebändigt, rücksichtslos und brutal brach sein Zorn los. „Was es gibt? Daß ich hinter's Licht geführt bin . . . bloßgestellt, betrogen! Daß Du diejenige nicht bist, für welche Du Dich aus- gibft."
„Du bist krank!" rief sie tödtlich erschrocken. „Du redest irre!"
Er lachte bitter auf. „Wollte Gott, ich redete im Fieber. Hier lies diesen Brief."
Zornig warf er ihr den Brief feiner Mutter hin. Ein Ausdruck tiefen Schmerzes trat in ihr Gesicht bei der rücksichtslosen Handlung; ohne ein Wort des Vorwurfes hob sie aber den Bries auf und las ihn. Mit blitzenden Augen fragte sie bann: „Und Du kannst an die schändliche Lüge glauben ?"
Er athmete auf — dieser Mund konnte nicht lügen.
„Also ist alles nicht wahr . . .?"
„Du kannst zweifeln an meinem Vater? Das hätte ich von Dir nicht erwartet!" sprach sie entschieden. Da — scharf wie ein Messerstich — durchfuhr sie plötzlich die Erinnerung an die Worte der sterbenden Mutter; sie erbleichte, ein Schauer fuhr durch ihre Glieder. „Ich glaube es nicht . . . glaube es nicht, und wenn alle Welt vor mich hinträte, solches zu sagen . . . ich glaubte es nicht", wiederholte sie wie im Fieber.
von 2,7 Millionen, die Reichseisenbahn-Verwaltung ein Mehr von 600,000 Mark.
* Die neue ArmeeSa«s- u«d Huartier- liste ist, wie bereits mitgetheilt, erschienen. Seit der Veröffentlichung der vorigen Liste sind ernannt worden: 6 Generale der Infanterie, 1 Generals der Kavallerie, 21 Generallieutenants, 44 Generalmajors, 77 Obersten, 78 Oberstlieutenants, 253 Majors, 421 Hauptleute, 466 Premierlieutenants und 941 Sekondlieutenants.
* Ueber den Saate«sta«d tm Seiche um die Mitte des Monats Mai veröffentlicht der ,Reichsanzeiger" ausführliche Angaben. Hervorzuheben ist, daß die für das Reich berechneten Saatenstands-Noten des Mai die des April bei Winterweizen, Winterspelz, Klee und Wiesen übertreffen und auch beim Winterroggen die günstigen Aussichten, welche der April eröffnete, in gleicher Stärke weiter bestehen. Eine Vergleichung der Mainoten des laufenden Jahres mit denen der vergangenen letzten 5 Jahre zeigt, daß der Saatenstand von Winterweizen in dem genannten Zeiträume nie so günstig war wie in diesem Jahre, daß er für Sommerweizen, Hafer und Klee dem günstigsten der 5 Jahre gleichkommt, und daß er für Winterspelz, Winterroggen, Sommerroggen, Sommergerste und Wiesen nur von je einem der 5 Jahre in den Aussichten, die er für eine gute Ernte bietet, über troffen wird.
x Schon mehrfach ist in der Presse darauf hingewiesen worden, daß der deutsche Kmfuhr- zolk für Iahrräder unrichtig bemessen ist. Eine Aenderung desselben muß darum als erwünscht bezeichnet werden. Der Verein deutscher Fahrrad- Fabrikanten und der Centralverband deutscher Industrieller haben nunmehr einen Zoll von 10 Prozent des Werthes als angemeffen bezeichnet. Von anderer intereffirter Seite war ein Zoll von 50 Mark für jedes fremde Fahrrad vorgeschlagen worden. Aber ohne Zweifel ist diese Ziffer zu hoch gegriffen. In diesem Sinne haben auch schon mehrere Handelskammern ihr Gutachten abgegeben. Einige dieser Kammern weisen in ihren Gutachten gleichzeitig darauf hin, daß die Fahrrad- Industrie bei uns in Deutschland noch nicht so stark entwickelt ist, um ausländische Erzeugnisse ganz entbehren zu können; so die Handelskammern von Hildesheim, Oppeln und andere.
* Der Allgemeinen Fleischer-Zeitung" zufolge ist die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika einem von Deutschland ausgesprochenen Wunsche entgegengekommen und hat die Ausfuhr frische« Schweineffeisches «ach Deulschkavd verboten. Die Vermuthung liegt nahe, daß das amerikanische Ausfuhrverbot erfolgt ist, um einem deutschen Einfuhrverbote zu- vorzukommen.
* Für die SierSrauereieu Mayer«s ist ein in der,Augsburger Abendzeitung" mitgetheilter Beschluß von Wichtigkeit, den am Sonnabend der Bundesrath gefaßt hat. Ein Händler hatte den Antrag gestellt, daß ihm die lieber» gangsabgabe für das von ihm aus Bayern bezogene Bier kreditirt werde. Bei der Berathung dieser Angelegenheit stellte es sich heraus, daß diese Abgabe von einigen Bundesstaaten gestundet werde. Die Mehrheit des Bundesrathes war
Sie jedenfalls war ganz schuldlos, sagte Hermann sich mit Befriedigung. Ob nicht etwa seine Mutter, welche ja Molsbergs haßte, das erste beste Gerücht aufgegriffen und etwa noch aufge- banscht hatte?
„Ich begreife nicht", fuhr Hedwig fort, die mittlerweile alle in ihr aufsteigenden Befürchtungen siegreich niedergekämpft hatte, „ich begreife nicht, wie Du am Vater zweifeln, wie Du ihn ungehört verurtheilen konntest?"
„Verzeih'!" bat er reuig. .„Verzeih'! Ich war außer mir durch die Nachricht. Ich liebe Dich so sehr, und von Dir mich getäuscht zu sehen. Dich verlieren zu müssen, war ein qualvoller Gedanke, daß er mir alle Ueberlegung raubte."
Sie sah ihn wehmüthig an. Auch an ihr hatte er gezweifelt, derjenige, der ihr am meisten vertrauen mußte: In ihrem Eifer, den Vater zu vertheidigen, hatte sie das nicht beachtet. Und das war der Manu, zu dem sie aufsehen und den sie verehren wollte, dem sie angehören sollte, bis der Tod sie schied! Es war ein herber Schmerz, mit dem sie die Schatten wahrnahm, die das Bild trübten, das ihre Liebe vom Verlobten entworfen.
„Geh' jetzt, Hermann," sagte sie tonlos. „Du kennst des Vaters Ansicht über Deine Besuche. Den Brief lasse da, ich will ihn dem Vater zeigen; besser, ich thue es als Du. . . . Jetzt geh' aber."
Er blickte in ihr Gesicht, das ihn beim Kommen mit so freudigem Lächeln begrüßt, und erschrak vor dem Ausdruck tiefen Leides in demselben. Von Reue erfaßt, wollte er sie an sich ziehen, in seine Arme schließen.