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25. Jahrgang.
IuLöcl, Dienstag, den 24 Mai 1898
M 116.
Druck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei petersgah'e Nr. 2 (Harmonie).
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Der- Hanauer Handelskammer möchten wir dringend empfehlen, die nachstehenden zutreffenden Ausführungen der ,Köln. Volksztg.' über die Verhältnisse der Deutschen Reichsbank abdrucken und an alle Firmen des Handelskammerbezirkes versenden zu lassen. Diese Ausführungen werden bei der die überwiegende Mehrheit bildenden kleineren und mittleren Geschäftswelt gewiß Interesse erregen und zum besseren Verständniß der bereits auf Kosten der Gesammt- heit gedruckten und von der Handelskammer verbreiteten Reden der Vertreter der haute finance beitragen. Der orientirende Artikel lautet:
Das Schicksal der deutschen Uerchsdank wird in den Händen des deutschen Reichstages ruhen, den die Wähler durch ihre Stimmabgabe in wenigen Tagen zu berufen haben werden; denn nach § 41 des Bankgesetzes hat das deutsche Reich das Recht, zuerst zum 1. Januar des Jahres 1891, alsdann aber von 10 zu 10 Jahren, also zunächst zum 1. Januar 1901, nach vorausgegangener einjähriger Ankündigung entweder die Reichsbank aufzuheben und die Grundstücke derselben gegen Erstattung des Buchwerthes zu erwerben, oder die sämmtlichen Antheile der Reichsbank zum Nennbeträge zu erwerben. Zur Verlängerung der Frist ist die Zustimmung des deutschen Reichstages erforderlich. Schon ist die Kündigung zum 1. Januar 1891 nur unterblieben, nachdem mit Zustimmung einer außerordentlichen Hauptversammlung der Reichsbank-Antheils- eigner die Gewinn-Vertheilung abgeändert worden war. Wer da weiß, was die deutsche Reichsbank für die große Bankwelt bedeutet, wird es begreiflich finden, daß der letzteren alles daran gelegen ist, die Kündigung zum 1. Januar 1901 abzuwenden und die Verlängerung der Frist bis 1911 möglichst ohne Opfer durchzusetzen. Um dies zu erreichen, bringt sie schon jetzt geschäftliche Opfer. Wie erst unlängst im Handelstheil der Kölnischen Volkszeitung' dargethan worden ist, hat sie sogar bei der im April ds. Js. wieder so emsig betriebenen Jagd nach dem Golde (vergl.Nr. 291 und312) die größte Zurückhaltung sich auferlegt und ein Verfahren eingeschlagen, welches von dem früher bei ähnlichen Anlässen beliebten ungemein abstach. Die Banken machten nämlich von der durch die Gestaltung der Wechselpreise ihnen sich darbietenden Gelegenheit, Gold aus der deutschen Reichsbank mit Nutzen für ihre eigene Tasche nach dem Auslande zu schaffen, sehr wenig Gebrauch; die Beweggründe dazu waren nicht nur durchsichtig, sondern wurden noch dazu von ihrer eigenen, ungeschickten Presse schonungslos enthüllt, indem diese es offen einräumte, die deutschen Bankkreise schienen geneigt, der Gold-Ausfuhr thunlichst sich zu enthalten, um nicht der Reichsbank unbequem zu werden und sie etwa zu weiterer Zinsfuß-Erhöhung zu drängen. Damit traf man ohne Zweifel das richtige; dem ist aber noch hinzuzufügen, daß es bei jener Enthaltsamkeit der be- theiligten Bankkreise wohl auch sich darum handelt, der bimetalliftischen und „agrarischen" Agitation gegen die derzeitige Verfassung und Leitung der deutschen Rcichsbank nicht noch mehr Wasser auf die Mühle zu liefern. Ist einmal die Verlängerung des derzeitigen Reichsbank-Vorrechtes um einen längeren Zeitabschnitt glücklich unter Dach gebracht, dann wird man so hübsche Vortheile, wie sie die Gold-Ausfuhr nach dem Auslande nicht selten darbietet, nicht in den Wind schlagen, wie man es heute thut, um nicht — noch viel größere sich zu verscherzen. Die heutige Verfassung und Geschäftsführung der deutschen Reichsbank ist eben den großen Geldleuten und Banken so vortheilhaft, daß sie an der unveränderten Fortdauer mindestens das nämliche Interesse haben, wie die deutschen Großgewerbe an der Fortdauer der gegenwärtigen Handelsvertr. gs- Politik. Da nun aber die Interessen der großen Bankmächte im allgemeinen nicht die der breiteren Schichten der Bevölkerung zu sein pflegen, dürfte es angebracht erscheinen, noch vor den Wahlen zum Reichstage hmem zu leuchten in das Getriebe des Bankwesens, welches sehr vielen, ja wohl den meisten Wählern einem Buche mit sieben Siegeln gleicht.
Um die Aufgabe der deutschen Reichsbank rrchtrg zu verstehen, muß man die Absicht des Gesetzgebers, der sie schuf, kennen. Nun besagt aber § 12 des Bankgesctzes vom 14. März 1875 Nachstehendes: „Unter dem Namen Reichsbank wird eine unter Aufsicht und Leitung des Reiches stehende Bank errichtet, welche. . .die Aufgabe hat, den Geldumlauf im gesammten Reichsgebiet zu regeln, die Zahlungs-Ausgleichungen zu erleichtern und für Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu sorgen."
Man steht: hier ist mit keinem Worte die Rede davon, daß das Vorrecht der Reichsbank dazu führen soll, dem Reiche oder den Antheils-Eignern des Instituts große geldliche Vortheile zu verschaffen: die Aufgabe der Reichsbank wurde vielmehr darin erblickt, der Allgemeinheit, der Gesammtheit zu dienen. Sehen wir zu, wie sie dieser ihrer Aufgabe gerecht geworden ist.
Im Jahre 1897 vereinnahmte die deutsche Reichs
bank aus dem Wechselverkehr (zu 3,8 pCt.l rund 24 Millionen Mark, aus dem Beleibungsverkehr (zu4,8 pCt.) etwa 5 Mill. M., aus Bankgebühren rund 3 Mill. M., aus anderen Zweigen etwa 0,7 Mill. Mk., zusammen also 32,7 Mill. M' Die Einnahmen aus dem Wechsel- und Beleibungsverkehr - zusammen 29 Mill. Mk. — wurden von einem Gesammtumsatz von rund 9 Äuiüi- arden erbracht, dagegen die übrigen 3.7 Mill. Mk. von einem Umsatz von — 133 Milliarden! Wem gibt dies nicht zu denken? Und woher kommt dies? Zur Erklärung muffen wir uns auf Aufklärungen beziehen, welche hierüber schon im Handelstheil der „Kölnischen Volkszeitung' gegeben worden sind. Bekanntlich fließt das im Umlauf 'befindliche Geld, mag es nun in Papier ober Metall bestehen, zum großen Theile den Banken zu, weil es dort nicht nur eine sorgsame Verwahrung, sondern auch eine gewisse, wenn auch nur mäßige Verzinsung findet, wogegen die Reichsbank eine solche nicht gewährt, was natürlich zur Folge hat, daß die Banken und Banquiers sich bemühen, das bei ihnen zusammengeströmte Geld der Reichsbank so bald als möglich wieder zu entziehen, um es lohnend unterzubringen. So kommt es, daß wie man berechnet hat, die großen, im täglichen Durchschnitt auf etwa 240 Mill. Mark sich belaufenden Summen des Baar- und Giroverkehrs so kurz in der Reichsbank verweilen, daß für den einzelnen Posten durchschnittlich nur ein Aufenthalt von 42 Stunden in der Reichsbank sich ergeben soll. Trotzdem findet die Reichsbank, welche die mehr als 100 Milliarden Umsätze der Giro-Kunden fast umsonst besorgt, dabei ihre Rechnung; denn wenn sie 240 Mill. M. 42 Stunden zinsfrei hat, so macht dies auf den Tag 420 Mill. M. zinsfreien Geldes, die nur zu 2 pCt. gerechnet ihr im Jahre 8,4 Mill. M. Zinsen erbringen.
Der Giroverkehr, welcher den Hauptumsatz der deutschen Reichsbank ausmacht, trägt also doch nur wenig zur Verzinsung des Kapitals der Reichsbank bei; fast neun Zehntel des Ueberschuffes der Bank rühren vom Beleihungs- und Wechselverkehr her, an welchem aber die gesammte, und namentlich auch die kleinere Geschäftswelt betheiligt ist. Diese hat im Jahre 1897 im Wechsel- und Beleihungsgeschäft die Reichsbank 29 Mill. M. verdienen lassen, während die Bank von Frankreich bei einem Zinsfuß von 2 pCt. (gegen 3,8 pCt. der Reichsbank) statt der 24 Mill. Mk. nur 13,2 Mill. Mark im Wechselverkehr und im Be- leihungsgeschäft bei 3 pCt. (gegen 4.8 pCt.) statt 5 nur 3,1 Mill. Mark, zusammen also bloß 16,3 Mill. Mark ober 12,7 Mill. Mark weniger, als bie Deutsche Reichsbank, alles bei gleichen Umsätzen wie biefe, berechnet haben würbe, mithin hätte ber deutsche Handels- und Gewerbestand, wenn er seine Wechsel und Beleihungsgeschäfte mit der Bank von Frankreich hätte machen können, im Jahre 1897 die Kleinigkeit von 12,7 Mill. Mark ersparen können.
Allein damit ist die Höhe seiner Mehrbelastung noch lange nicht erschöpft. Nach dem amtlichen Zinsfuß ber Deutschen Reichsbank richtet sich nämlich bekanntlich nahezu das gesammte Zins-, Kredit-, Leih- und Diskontgeschäft im ganzen Deutschen Reiche. Setzt die Reichsbank ihren Zinsfuß hinauf, fo empfinden dies alle Handels- und Gewerbekreise, auch jene, welche zu der Reichsbank in gar keiner Beziehung stehen, weil mit diesem amtlichen Zinsfuß auch der aller Kredit gebenden Banken und Geldleute wechselt. Nicht nur der Zinsfuß für Beleihungen wird dann durchgehend? erhöht, auch die Buch-Kredite steigern ihren Zinsfuß mit dem der Reichsbank. Sogar der Zinsfuß der Hypotheken wird durch die Höhe des letzteren heeinflußt; wenn er auch nicht alle Schwankungen desselben mitmacht, so hängt er doch viel vom Durchschnittsstande des im Lande geltenden Wechsel-Zinsfußes ab. Nun hat aber die Deutsche Reichsbank nur ein Grundkapital von 120 Mill. Mark, die Gesammtheit der 146 anderen deutschen Noten-, Kredit- und Hypotheken-Banken aber ein solches von 1853 Mill. Mark; man wird daher kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß diese letzteren etwa den 15 fachen Umsatz der Reichsbank im Kredit-Verkehr machen. Läßt man dies in etwa gelten, so kommt man zu dem Ergebnisse, daß der Verlust der deutschen Geschäftswelt im Jahre 1897 gegenüber ber französischen auf 15X12,7 Mill. M. ober auf runb 190 Mill. M. sich berechnet. Neben all biefen Bank-Instituten bestehen aber bekanntlich in Deutschland noch viele zum Theil sehr bedeutende — wir erinnern nur an das Bankhaus M. A. v. Rothschild u. Söhne in Frankfurt a. M. — Privat -Bankgeschäfte, Darlehens- und Sparkassen, deren Zinsfuß mittelbar oder unmittelbar von den Schwankungen des amtlichen Zinsfußes der Reichsbank berührt wird, und man wird nicht zu weit gehen, wenn man den Umsatz all dieser Banken im Wechsel- und Beleihungs-Geschäfte dem Fünffachen der Reichsbank gleichstellt Dann würde man also zu dem Ergebniß gelangen, daß das geld- und kreditbedürftige Publikum in Deutschland insgesammt um wenigstens das Zwanzig- fache beffen höher belastet wird, was die Deutsche Reichsbank ihren Kunden mehr abnimmt, als die Bank von Frankreich, oder daß der Verlust der deutschen Geschäftswelt im Vergleich mit der französischen im Jahre 1897 die Höhe von 254 Millionen Mark erreicht hat. Was diese Summe für die Schwächung b er Wettbewerbskraft des deutschen Handels, des deutschen Gewerbes und der deutschen Landwirthschaft bedeutet, brauchen wir wohl nicht einmal anzudeuten. Und wer hat dm Vortheil davon? Das Bankgeschäft in seiner verschiedenartigen Form. Wo aber ist der Ausgangspunkt dieser Schwächung der deutschen Wettbewerbskraft zu suchen? Bei der Zinsfuß- Politik ber Deutschen Reichsbank.
Und doch könnte dieselbe so leicht geändert werden! Das Diskontiren der Wechsel ist nämlich für die Reichsbank nicht einmal mit einer nmnenswerthen Gefahr verbunden; denn von den 7681 Millionen Mk. Wechseln der Reichsbank geriethen im Jahre 1897 nur — 47,000 Mark in Verzug, und die Rücklage für zweifelhafte Wechsel betrug nur 110,000 M. Dabei warf jenes Jahres-Geschäft einen Ertrag von 32,706,000 M. ab, wovon das Reich an Notensteuer und als Gewinn-An- theil 10,665,000 M., Preußen als Jahresrente 1,866,000 Mark erhielt, die Verwaltungskosten 10,669,< 00 M., die Dividende der Antheilseigner aber 9,506,000 M. beanspruchten. Sonach hat das Grundkapital der Reichsbank von 120 Millionen Mark im Jahre 1897 noch mit mehr als 27 Prozent sich verzinst, und wenn man die Verwaltungskosten in Höhe von 10,700,000 Mk in Abzug bringt, rein mit mehr als 16*/» Prozent sich verzinst. Ob diese Thatsache in Einklang zu bringen ist mit dem im § 12 des Bankgesetzes bestimmt ausgesprochenen Grund- und Hauptzweck der Reichsbank? Wir können diese Frage nur verneinen.
Die Reichsbank ist nicht dazu da, eine Erwerbs- Gesellschast zu bilden; dies geht schon daraus hervor, daß § 24 des Bankgesetzes für den Fall eines 6 Prozent überschreitenden Gewinnes ganz bestimmte Vertheilungs- Bestimmungen hinsichtlich des Gewinn-Ueberschuffes vorsieht. (Von dem über 6 Prozent hinausgehenden Ge. winn erhalten die Antheils-Eigener nur ein Viertel, die Reichskasse drei Viertel.) Die Reichsbank ist auch nicht dazu da, eine Einnahmequelle für den Reichs-Fiskus zu fein, und wenn sie es doch ist, so sollte man schon daraus den Schluß ziehen, baß sie ber Umgestaltung bedarf, um ihrer ursprünglichen Ausgabe wieder näher gebracht zu werden.
Läßt unser Geld-Umlauf nicht zu wünschen übrig ? Haden wir nicht stets mit der Sorge um die Behauptung unserer Goldbestände zu thun? Mußten wir nicht, um nicht die Opfer der Jagd nach dem Golde zu werden, innerhalb 15 Monaten 100 Tage einen amtlichen Wechsel- Zinsfuß von 5 Prozent Hinnehmen, während die Bank von Frankreich gegen den Gold-Abfluß mit leichter Mühe sich schützt, indem sie die Noten mit Silber einlöst, wenn siel merkt, daß das Ausland ihr Gold abzapsen will, oder so viel Aufgeld für das Gold verlangt, daß entweder die Goldjäger mit langer Nase abziehen, oder sie selbst in der Lage ist, das ihr dennoch entzogene Gold von anderer Seite wieder an sich zu ziehen?
Freilich, ein amtlicher Zinsfuß von 3, geschweige denn 2 Prozent, wie ihn die Bank von Frankreich nunmehr seit Jahren festhält, hätte der Deutschen Reichsbank im Jahre ’897 nur eine Verzinsung mit etwa 5 Prozent gebracht, und das Reich wäre dabei ziemlich leer auggegangen. Allein was würde für dieses eine Einbuße von etwa 10 Millionen Mark bedeutet haben gegenüber einer Ersparniß von 254 Millionen Mark, welche der deutschen Geschäftswelt, wie wir dargelegt haben, dann beschieden gewesen wäre? Auf diese sollte aber doch in erster Reihe Rücksicht genommen werden. So aber, rote die Dinge heute liegen, haben nur die großen Geldmächte den Vortheil von den Einrichtungen der Reichsbank. Sie setzen im Giro-Verkehr mit ihr 119 Milliarden Mark um, die kleinen Wechsel-Einreicher und Beleihung Suchenden aber nur 9’/« Milliarden; trotzdem muß die letztere Gruppe neun Zehntel des Ertrages der Reichsbank aufbringen, während der Giro- Verkehr nahezu gar nicht belastet ist. Die große Geldwelt erspart durch den Giro-Verkehr sämmtliche Beförderungskosten für die Baarsendungen im Ein- und Ausgang; den weitaus größten Theil der Lasten aber müssen die kleinen, unmittelbaren Kunden der Bank tragen, obwohl dieAusdehnungdesGiroverkehrsdieUmsätzederReichsbank verdoppelt hat, womit selbstverständlich auch die Selbstkosten der Verwaltung der letzteren ganz erheblich gestiegen sind. Wer diesen Erwägungen zugänglich sich zeigt, wird nun leicht die dithyrambischen Lobsprüche verstehet, mit welchen die Vertreter der großen Geldmächte bei jeder Gelegenheit die Verwaltung der Reichsbank in Reden und in der Presse so reichlich zu übergießen pflegen Weniger begreiflich aber ist es, daß die Kunden der Bank und alle jene Geschäftsleute im weiten Deutschen Reiche, welche an dem oben berechneten Verluste von 254 Millionen Mark jährlich betheiligt find, diesen Lobeserhebungen gegenüber, die sogar im deutschen Handelstage an- geftimmt worden sind, so völlig stumm geblieben sind, daß sie geduldig zusehen, wie die Reichsbank das meiste Geld aus denen herausschlägt, die es am wenigsten entbehren können, und wie sie bei alledem den Geldumlauf im Gebiete des Deutschen Reiches doch nicht so regelt, wie man es erwarten dürste; fehlt es doch überall an Gold. Es ist bekannt, daß sie die halben Kronen in Gold eingezogen hat und neue Kronen nicht, oder in unzureichendem Maße prägt. Sie verweist vielmehr den täglichen Geldverkehr und den Lohn des Arbeiters auf das entwerlhete Silbergeld und die Scheidemünze. Ihr Notenumlauf ist zu klein, da sie nur 293,400,000 Mark ungedeckte Noten ausgeben darf, und dies ist hinwieder eine Folge ihres ungenügenden Baarschatzes, dieser aber eine Folge unserer Währungs - Politik. Während die Deutsche Reichsbank im Jahre 1897 nur 0,87 Milliarden Mark Baarbestand und nur etwa 1,1 Milliarden Mark Noten durchschnittlich in Umlauf hatte, betragt der Baarschatz der Bank von Frankreich etwa 2,7 Milliarden Mark, und kann diese bis zu 3,2 Milliarden Noten ausgeben.
Was soll nun aber mit der Deutschen Reichsbank geschehen? Sie soll aufhören, eine Bank der Reichsten unter den Reichen des Reiches zu sein und zur wahren und vollen Nationalbank werden, deren Hauptaufgaben, Regelung des Geldumlaufes, Beschaffung von Geldern und Erleichterung der Zahlungs-Ausgleichungen, alle, nicht nur zum Theile erfüllend. Wie kann sie aber zu einer solchen Nationalbank gemacht werden? Viele meinen, nur durch dieVerstaatlichung. Gegen diese sprechen nun aber sogar Viele sich aus, welche einsehen, daß es so, wie bisher, nicht weiter gehen dürfe, weil sie das Bedenken hegen, ein siegreicher Feind werde das Privateigenthum achten, das Staatseigenthum aber wegnehmen. Ja, sind wir denn mit einem Male so w.r- zagt und muthlos geworden, daß wir auf einmal unsere Geldangelegenheiten durch die blasse Furcht beeinflussen lassen? Nein, aus diesem Grunde wären wir nicht gegen eine Verstaatlichung der Reichsbank, aber — aus andern Die Erfahrungen, welche wir in Preußen mit der Verstaatlichung der Privateisenbahn-Gesellschaften gemacht haben, sind wahrlich nicht dazu angethan, für die Ver- staatlichung anderer Einrichtungen Begeisterung zu erwecken ; wir leiden schon genug unter dem unpraktischen Bureaukratismus, als daß wir denselben noch anwachsen sehen möchten. .
Allein wir halten eine Verstaatlichung der Reichs- bank auch gar nicht für geboten, um die gerügten Uebel- stände, wenigstens in der Hauptsache, zu beseitigen. Eine Aenderung in der Währungs - Politik z. B. würde viel wirksamer sein. Indessen ist an eine solche ja vorläufig nicht zu denken; aber auch eine vollständige Umwälzung in der Verfassung der Deutschen Reichsbank und eine Aenderung des Bankgesetzes im Sinne unserer obigen Ausführungen würde schon Wandel zu schaffen geeignet fein, wenn anders sie von der richtigen Voraussetzung ausgingen, daß auf d m bisher verfolgten Wege Halt gemacht und ein ganz anderer eingeschlagen werden muß.
Wir dächten, diese Frage wäre wichtig genug, um mit ihr auch die Männer zu beschäftigen, welche vom Juni d. I. ab das Volk in der Ausübung feiner verfassungsmäßigen Rechte zu vertreten beauftragt werden sollen. Gründliche Umänderung des Bankgesetzes und der Einrichtung der Reichsbank sollte daher einer jener Punkte fein, für welche man dieReichstags-Kandidaten verpflichten sollte.
Welche Gege«sti»nde werden für de« Konifatius-SamMelnerei« mit Unheil gesammelt?
(Flugblatt des Bouifatius-Sammel-Vereins.)
Der Hauptsammelartikel ist Haares Geld. Dieser Artikel verdient es, zuerst genannt und am Schluffe noch einmal erwähnt zu werden. Es ist wahr, was der Sammeldichter singt: „Alte Hosen, Westen, Mützen — Können unsrer Sache nützen, — Doch am besten, das ist klar, — Ist ein Beitrag stets in haar."
Dieses baare Geld wird nun vom Bonifatius- Sammelverein auf verschiedene Weise gewonnen. Zunächst durch die Sammelkästen, wie solche in saft allen Gasthäusern und ähnlichen Lokalen ausgestellt sind. Ich empfehle diese Sammelkasten Ihrem geneigten Wohlwollen. Sodann gewinnt der Bonifatius-Sammeloerein das baare Geld durch Vertrieb der sog. Mitglieds- und Ehrenmitgliedskarten, letztere sind besonders empfehlens- werth. Einen Ehrenposten kann wohl jeder bekleiden „Hast Du", so frage ich mit dem Sammeldichter einen jeden von Ihnen, „hast Du noch keinen Ehrenposten? — Wetze schleunigst aus die Scharte. — Löse — zwei Mark soll's nur kosten — eine Ehrenmitgliedskarte." — Sollte nun der Betrag, der für die verschiedenen Karten gezahlt wird, manchem im Vergleich zu der Wichtigkeit des Bonifatius-Sammelvereins gar zu gering erscheinen, so möge er wissen, daß jede Sammelstelle auch größere Geschenke in baar zu jeder Zeit mit Freuden entgegennimmt.
Außer dem baaren (Selbe sammelt der Boni- fatius-Sammelverein solche Gegenstände, die an und für sich im Einzelnen oder doch für den Besitzer keinen oder nur einen sehr geringen Werth haben, die aber in größeren Massen einen lohnenden Ertrag liefern. Zu diesen Artikeln gehören sämmtliche Metallabfälle oder verbrauchte Gegenstände von Metall, als Zinn, Zink, Blei, Kupfer und Messing. Besonders ist zu beachten die Zinnumhüllung von Bonbons, Chokolade, Käse, Thee, Seife, Schnupftabak u. s. w., als sog. Staniol; ferner die Metallhülsen von Flaschen und Krügen, und die Bleiplomben von Säcken.
Der Bonifatius - Sammelverein sammelt alte und ausländische Münzen. Der Bonifatius-Sammeloerein hat zwar nicht die Vollmacht, alte Münzen wieder in Kurs zu setzen, aber er weiß sie auf andere Weise zu verwerthen. Selteüe Münzen bietet er nämlich Münzen-Sammlern zum Kauf an, die übrigen verkauft er als Metall.
Ein sehr einträglicher Artikel sind goldene und silberne Schmucksachen. Sie lachen und denken, der Bonifatius-Sammeloerein fei unverschämt. Aber mit nichten. Er verräth vielmehr gerade bei diesem Artikel, daß er sehr wohl das alte Sprüchlein kennt: „Bescheidenheit ist eine Zierde." Er ist nämlich zufrieden mit zerbrochenen, veralteten, verbrauchten Schmuck- fachen, die dem Eigenthümer oder noch weit öfter der Eigenthümerin nicht mehr nützen. Ich mache besonders aufmerksam auf zerbrochene oder veraltete Ringe, Ohrgehänge, Broschen, Armbänder, Halsketten, Taschenuhren u.s.w.
Sehr gern nimmt der Bomfatius-Sammel- verein auch die Abschnitte oder Spitzen von Cigarren, sowie beschädigte Cigarren. Ausgeschlossen von dieser Sammlung sind aber angerauchte Cigarren und die Reste von verrauchten Cigarren, sog. Cigarrenstummel. Falls diese zwischen die Abschnitte kommen, werden die Abschnitte ebenfalls werthlos.
Auch sind Cigarrenbänder ein recht lohnender Sammelartikel; doch sind sie vollständig werthlos, wenn sie unsauber oder durchgeschnitten sind.
Der Bonifatius-Sammeloerein sammelt ferner Briefmarken,sowohl deuts che, wie ausländische. (Die deutschen 3-, 5- und 10-Pfennigmarken haben den geringsten Werth.) Nur ist dabei zu beachten, daß die Marken möglichst sauber und vollständig unbeschädigt sein müssen. Eingerissene ober solche Marken, an benen bie Zacken des Randes abge- schnitten oder abgerissen sind, haben keinen Werth mehr. Streisbänder, Postkarten und Briefkouverts mit eingedruckten Werthstempeln sind womöglich ganz abzuliefern. Ausländische Marken und Postkarten haben im allgemeinen einen höheren Werth als deutsche; besonders sind alte Marken, aus den Jahren vor 1870, erwünscht. In mancher Familie werden alte Briefschaften aufgehoben, die mit Marken beklebt find oder in deren Kouverts Marken eingedruckt sind. Der Bonifatius-Sammelverein hat für solche alte Marken und ganze Kouverts die schönste und beste Verwendung.
Bemerkt sei zum Schluffe, daß für die Diözese Fulda die Centralstelle des Bonifatius-Sammelvereins der Fuldaer Aktiendruckerei übertragen ist.