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mit Anterhattungs-Mkage „MuKrirte Sonnlags-Ieilung!' peterszaffe Nr. 2 (Larmonie).

Jahrgang.

JuLöcr, Samstag, den 21. Mai 1898

M 114

Wochen-Rundschau.

(Rachdruck verboten.)

X Fulda, 21. Mai.

Nunmehr ist auch der preußische Landtag am „Ende seiner Tage" und damit am Schlüsse der ersten fünfjährigen Legislaturperiode angekommen: am Mitt­woch Vormittag ist er, ebenso wie am 6. Mai der Reichstag, durch den König im hiesigen Stosse mit einer Thronrede geschlossen worden. Ein Mahl ist allerdings, wie den Reichsboten, den Landboten nicht gegeben worden, vielleicht mit Rücksicht darauf, daß unter den am 6. Mai Geladenen sich auch Landtags­abgeordnete befanden, die dem Reichstage angehörten und somit in gewissem Sinne an jenem Mahle auch der Landtag betheiligt gewesen ist. Wenn auch der Landtagsschluß seit geraumer Zeit für den 18. Mai in Aussicht genommen war, so blieb es doch bis in die letzten Tage hinein zweifelhaft, ob es möglich sein werde, diese Absicht auszuführen, denn in beiden Häusern harrten noch wichtige Vorlagen der Erledi­gung, und es ließ sich nicht mit Gewißheit Voraus­sagen, ob diese Erledigung so glatt und anstandslos vor sich gehen werde, daß der Landtag zum 18. sein Material vollständig aufgearbeitet habe.

Im Herrenhause standen, von einigen kleineren Vorlagen abgesehen, vor allem noch die Pfarrer- Besoldungsgesetze zur Berathung, die, wie im Abgeordnetenhause, so auch hier gerade von konser­vativer Seite stark angefochten wurden, nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern wegen der Regelung des protestantischen Pfründenwesens, in der eine An­zahl Mitglieder einen Eingriff in kirchliche Vermögens­rechte erblickten. In der Kommission fanden diese Be­denken so starke Vertretung, daß hier die Annahme des Gesetzes in der Fassung des Abgeordnetenhauses mit nur 8 gegen 7 Stimmen erfolgte. Das hätte schlimme Aussichten für das Zustandekommen des Ge­setzes im Hause selbst wecken können, und wer weiß, welches Schicksal demselben beschieden gewesen wäre, wenn nicht die Regierung „hinter den Koulifsen" mit Hochdruck gearbeitet und den „Herren" klar gemacht hätte, daß das Gesetz angenommen werden müsse, weil der Schluß des Landtags unter allen Umständen am 18. erfolgen werde, somit keine Zeit mehr zu Aen- derungen vorhanden sei. Diese Zwangslage brachte auch ein Redner zum Ausdruck, indem er betonte, seit zwei Stunden — nach Verlesung der den Schluß an­kündigenden königlichen Botschaft — sei eine Aenderung eingetreten, die ihn zum Aufgeben seiner Bedenken gegen das Gesetz veranlasse und nöthige, dafür zu stimmen. So wurden denn am Montag, nachdem Kardinal-Fürstbischof Kopp das katholische Ge­setz befürwortet hatte, beide Gesetze mit großer Mehr­heit angenommen und damit ein Werk zum Abschluß gebracht, dessen Zustandekommen namentlich von den protestantischen Geistlichen gewünscht ward, eine Zeit lang aber ernstlich gefährdet erschien. Die Ungleich­heit in den Gehältern der protestantischen und katho­lischen Geistlichen zum Nachtheil der letzteren ist auch in diesem Gesetze aufrecht erhalten — wie man's in Preußen nicht anders gewöhnt ist!

Das Abgeordnetenhaus hat in der letzten Woche seiner Tagung vier volle lange Sitzungen auf die zweite und dritte Berathung des Gesetzes über das A ner b e nr e ch t für den größeren Theil der Provinz Westfalen und einige niederrheinische Kreise der Rhein­provinz verwendet. Das hatte der Widerstand ver­schuldet, den die Nationälliberalen dem Zu­standekommen des Gesetzes bereiteten, welches das ländliche Erbrecht der betreffenden Distrikte nach der dort herrschenden Sitte gesetzlich festlegen soll und von den zuständigen Vertretungen der Landwirthschaft be­fürwortet worden waren. Die meist aus Industriellen, Handeltreibenden und Geldleuten bestehenden Fraktionen der Nationalliberalen und Freisinnigen aber hatten entdeckt, daß sie von den ländlichen Interessen mehr verständen als die Landwirthe selbst und suchten des­halb das Gesetz zu Hintertreiben. Es war ein Ver­gnügen, nicht für Sachverständige allein, sondern auch für Unbetheiligte, zu fehen, wie „warm" und „besorgt" die nationalliberalen Herzen für die Landwirthe schlugen und wie sie sich bemühten, den Vertretern der Land­wirthschaft im Haufe das „klar" zu machen. Leider waren diese, wie die große Mehrheit, zu der auch das Cent rum gehörte, verblendet und undankbar genug, an das „gute Herz" der Nationalliberalen nicht zu glauben. Aus Rache beantragten sie dann in einer Sitzung zwei Mal namentliche Abssimmung und ver­hinderten dadurch die Verabschiedung des Gesetzes am Montag; erst am Dienstag konnte sie erfolgen.

Den Schluß der Landtagsverhandlungen bildete die Besprechung derCentrums-Jnterpellation über den Arbeiterausstand am Piesberge bei Osnabrück. Die Sachlage ist den Lesern bekannt: die Bergleute haben die Arbeit eingestellt, nicht, um etwa einen höheren Lohn zu erhalten, sondern aus ge­wissen Gründen, weil die Grubenverwaltung von ihnen verlangt, daß sie auch an Feiertagen, an denen seither die Arbeit ruhte, arbeiten sollen. Da das Oberbergamt in Dortmund das Vorgehen der Gruben­arbeiter guthieß, und außerdem dem Vorstande beS- Gewerkvereins christlicher Arbeiter die Berechtigung zur Vertretung der ausständigen Arbeiter absprach, richtete das Centrum an die Regierung die Frage, ob sie diese Entscheidung des Oberbergamts billige, und welche Stellung sie in der Angelegenheit einnehme. Nachdem der Centrumsabg. Brandenburg die Inter­pellation eingehend begründet und namentlich auf das

erhebende Beispiel hingewiesen hatte, welches schlichte Arbeiter hier geben, die, um das höchste irdische Gut, die Freiheit ihrer Religionsübung zu schützen, schwerere materielle Nachtheile ertragen, antwortete der Handels­minister ganz so, wie es dem heu tigensozialen Kurs der Regierung entspricht: er hielt die Maßnahme der Grubenverwaltung für gerechtfertigt; durch die Schwie­rigkeit des Betriebes des Bergwerks und die ungünstige finanzielle Lage der Gesellschaft sei sie dazu genöthigt, und er könne deshalb auch das Vorgehen des Ober­bergamts nicht mißbilligen. Er bedauere den Aus­stand, in den die Regierung aber nicht eingreifen könne, und hoffe, daß die Arbeiter bald wieder zur Arbeit zurückkehrten, was er ihnen nur dringend empfehlen könne. Die Centrumsabgg. Dr. Porsch und Stötzel, der früher selbst Bergarbeiter war, traten entschieden für die Arbeiter ein, die für das höchste Ideal kämpfen und deshalb alle Unterstützung verdienten. Sie wiesen das Unhaltbare des Standpunktes der Regierung nach und forderten dieselbe auf, auch jetzt noch auf eine gütliche Einigung hinzuarbeiten, was der Minister aber wiederholt ablehnte. So ist einstweilen nicht ab­zusehen, löte der Streik enden soll. Man kann aber nur wünschen, daß die bessere Sache der Arbeiter den Sieg davontragen möge.

Am Dienstag sollte auch noch die Interpellation der Konservativen über die hohen Getreide­preise und die für die Versorgung des Heeres im Kriege daraus drohenden Gefahren zur Verhandlung kommen. Dies geschah aber nicht: wie die Konser­vativen behaupten, aus Rücksicht auf die Geschäftslage des Hauses — nach Ansicht der liberalen Presse aber, weil die Regierung den Interpellanten abgewinkt habe und diese in' Folge dessen die Interpellation zurückge­zogen hätten. Wie dem nun auch sei: ein kluger Streich war die Interpellation unmittelbar vor „Thores- schluß" und in dem Augenblicke, wo die Getreidepreise wieder am Fallen waren, jedenfalls nicht, und die Konservativen mögen an dem Hohn, mit dem sie die liberale Presse jetzt übergießt, vielleicht noch leichter tragen, als dies bezüglich des Ergebnisses einer Be- sprechung der Interpellation der Fall gewesen sein würde. Daß dieser Vorgang ihre Wahlaussichten ge­bessert hätte, wird gewiß Niemand behaupten wollen.

Die Thronrede, welche der König beim Schluß­akte verlas, enthält nichts besonders Bemerkenswerthes; sie kann als eine Aufzählung der gesetzgeberischen Ar­beiten bezeichnet werden, welche die beiden Häuser in der abgelaufenen Legislaturperiode erledigt haben. Es ist eine ziemlich lange Reihe von Vorlagen, die den Landtag in den fünf Jahren beschäftigt haben, und wenn die Aufzählung auch sehr trocken sich liest, so kann doch nicht bezweifelt werden, daß die Verfasser der Thronrede beim Niederschreiben derselben nicht geringe Genugthuung empfunden haben, denn der Landtag hat ganz nach den Wünschen der Regierung gearbeitet, und die letztere hat daher allen Grund zu dem Dank, der dem erstern für seine „bereitwillige Mitarbeit" in der Thronrede ausgedrückt wird. Ob auch das Volk zu so uneingeschränktenDankesbezeug- ungen Anlaß hat, ist eine andere Frage, die sich nicht so leicht mit einigen Worten beantworten läßt. Manches von dem, was in den 5 Jahren der Land­tag geschaffen hat, dürfte mit gemischten Gefühlen aus­genommen worden sein, so z. B. das Ansiedelungs- Gesetz, das 100 Millionen Mark zur Zurückdrängung des Polenthums bewilligt, und von dem die Thron­rede eine „Stärkung des Deutschthums" und eine „Hebung der wirthschaftlichen Verhältnisse der östlichen Landestheile" e rh o f ft. Weite Kreise im Volke haben eine ganz andere Ansicht von diesem Gesetze und be­fürchten, daß es in einer Richtung wirken wird, die dem Vaterlande nicht zum Heile gereichen kann. Wenn die Thronrede am Schluffe der Hoffnung Aus­druck gibt, daß es auch in der Zukunft gelingen werde, „den neuen Aufgaben, welche unsere Zeit in immer steigendem Umfange stellt, zum Segen unseres theuern Vaterlandes gerecht zu werden, so wird man nicht verhehlen können, daß diese Hoffnung eine weit zuver­sichtlichere wäre, wenn der Kurs, den die Regierung steuert, dieses Streben klarer und entschiedener zum Ausdruck brächte. Daß eine Mischmasch-Sammel- Politik, wie der Haupt-Steuermann Herr von Miquel sie verfolgt, dem Vaterlande zum Segen gereichen sollte, können wir wenigstens nicht zugeben; diese „Sammel"-Politik führt unseres Erachtens in den Sumpf.

Die mittelparteilichen „Sammlungs"-Politiker, deren Streben das Zustandekommen einer Kartellmehr­heit im neuen Reichstag ist, sind sehr ungehalten darüber, daß der Centrums-Wahlaufruf wie die Cen­trumspresse ihren „schlauen" Plan so nachdrücklich be­kämpfen, indem sie fortgesetzt das eigentliche, wahre Ziel der Miquel'schen „Sammlungs"-Politik: die Ver­drängung des Centrums aus seiner ausschlag­gebenden Stellung, den Wählern vor Augen führen und behufs Abwendung dieser Gefahr zur Anspannung aller Kräfte bei den bevorstehenden Wahlen mahnen. Wenn die Kartellbrüder Leute vom Charakter wären, könnte man sich ärgern über die Zumuthung, die sie den Centrumswählern stellen: für ihre gefährlichsten Gegner einzutreten, für Leute, die, wenn sie die Mehrheit erlangten, im neuen Reichstag alsbald nichts Eiligeres zu thun haben würden, als das bestehende Reichstagswahlrecht so zu verschlechtern, daß vielleicht nie mehr eine volksfreundliche Mehrheit gewählt werden könnte. So aber stimmen ihre „freund­lichen Einladungen" uns zur Heiterkeit, in dem Be­wußtsein, daß die große Mehrheit der Wähler der drohenden Gefahr sich bewußt ist und dieselbe kräftig abzuwehren wissen wird. Wo dies nur irgendwie möglich ist, müssen zunächst Centrumsabgevrdnete unter allen Umständen gewählt werden; wo es nicht zu erreichen ist, werden die Centrumswähler für die Kandidaten an erster Stelle stimmen, der für die Ver- theidigung des bestehenden Wahlrechts entschieden ein­

zutreten verspricht: Nieder mit dem Kartell, nieder mit den Feinden des Wahlrechts! — Das muß die Loosung am Tage der Wahl sein.

Die Unruhen in Italien sind mit Hilfe der Flinten und Kanonen einstweilen unterdrückt, wie das voraus­zusehen war. Wer daraus aber folgern wollte, daß die Bevölkerung sich beruhigt habe, die aufrührerischen Elemente endgiltig niedergeworfen und die Ursachen der Bewegung beseitigt seien, würde einer verhängniß- vollen Täuschung sich hingeben: wie eine Eiter­beule unter der Oberfläche im Körper fortwuchert, so wird auch die durch den Nothstand mächtig geför­derte revolutionäre Bewegung in Italien unter den scheinbares, durch die Faust des Militarismus erzwungenen Ruhe sich weiter entwickeln, bis das Ge­schwür mit Gewalt aufbricht und den durchsenchten, verfaulten Staatskörper zum Zusammenfallen bringt. Nachdem über 100 der „Aufrührer" in Mailand nie­derkartätscht waren, haben die andern den Kampf auf­gegeben und sich zurückgezogen bis zu einer Zeit, wo sie ihn mit besserem Erfolg wieder aufnehmen zu können glauben, und dieser Tag wird sicher kommen, denn das von der Revolution erzeugte, selbst durch und durch revolutionäre Staatswesen ist am wenigsten geeignet, revolutionäre Umtriebe und deren Ursachen zu be- feitigen; es wird eines Tages von seinen eigenen Kindern umgeworfen und zerstört werden. Bis dahin bleibt ihm noch eine Galgenfrist. In dem Bestreben, ein „Karnickel" zu finden, und getreu ihrem kirchen­feindlichen Charakter, hatte die italienische regierungs­freundliche Presse den traurigen Versuch gemacht, einen Theil der Verantwortung für das Mailänder Blutbad katholischen Ordensgeistlichen aufzuhalsen: eine Anzahl Mönche sei, so wurde berichtet, mit den Waffen in der Hand, als sie auf die Truppen geschossen hätten, in ihrem verbarrikadirten Kloster ergriffen und fest­gesetzt worden. Das war ein „Fraß" für die Kirchen­feinde, auch für unsere deutschen! Jetzt meldet die­selbe Presse kleinlaut, daß die verhafteten Mönche fr ei gelassen worden seien, nachdem sich ihre voll­ständige Unschuld herausgestellt habe. Die Brüder hatten sich einfach gegen die Rotte vertheidigt, die in ihr Kloster einzudringen, dasselbe zu erstürmen ver- fuchte. So hatte hier die Lüge wieder einmal „kurze Beine". Es wär' so schön gewesen u. s. w.

Vom amerikanisch-spanischen Kriegsschauplätze ist wesentliches Neues nicht zu melden. Seit einer Woche wird „stündlich" eine große Seeschlacht zwischen den beiden Flotten erwartet, die im Ozean in der Nähe der Antillen kreuzen; allein die Erwartung wird hart auf die Probe gestellt. Die amerikanischen und die spanischen Schiffe scheinen bisher vergeblich einander gesucht zu haben. Oder sollten sie gar sich geflissent­lich aus dem Wege gehen? Sicher ist jedenfalls, daß die seither so protzige und siegesgewisse Hal­tung der Amerikaner, die schon meinten, sie wür­den der spanischen Hauptflotte ebenso rasch den Garaus machen, wie deren alten Holzschiffen vor den Philip­pinen, einer weit weniger zuversichtlichen Stimmung gewichen ist; sie bekunden jetzt sogar eine ängstliche Unsicherheit. Ueberall glauben sie die spanische Flotte zu erblicken, die ein reines Schreckbild für sie zu wer­den droht, Nachbem die Amerikaner wiederholt Ver­suche gemacht hatten, auf Cuba zu lauden, jedes Mal aber mit blutigen Köpfen zurückgeschlagen worden waren, machten sie den Versuch, sich der kleine Insel Porto R i c o zu bemächtigen, die als Kohlenstation von höchster Wichtigkeit für die Spanier ist. Die amerikanischen Schiffe beschossen die Hauptstadt St. Johann mit dem Fort gleichen Namens, und die amerikanische Auf­schneiderpresse telegraphirte schon einen „glänzenden Sieg" und die Einnahme der Insel in die Welt hinaus. Der hinkende Bote aber kam bald nach: nicht nur, daß die Amerikaner keinen Sieg erfochten, die Spanier hatten ihnen sogar eine derbe Lektion ertheilt, indem die Batterien des Forts St. Johann zwei amerikanische Schiffe derart bombardirten und beschädigten, daß letztere schleunigst in's Schlepptau genommen und nach dem nächsten amerikanischen Hafen gebracht werden mußten, um vor dem Sinken bewahrt zu werden. Diese, wenn auch nur kleinen Erfolge haben die Stim­mung der spanischen Bevölkerung bedeutend gehoben und auch die Lage des Ministeriums Sagasta, das schweren Angriffen ausgesetzt gewesen war, gebessert. Mögen den Spaniern nun auch größere Erfolge be­schieden sein, wie ihre gerechte Sache sie verdient!

* Gladstone f.

Am Donnerstag, Morgens 5 Uhr ist in seinem Schlosse Hawarden in einem Alter von fast neunzig Jahren der greise Führer der eng­lischen Liberalen gestorben, der „alte Glad­stone", oder, wie seine englischen Parteifreunde ihn mit Vorliebe nannten, der „große alte Mann" (the great old man.) Niemand wird dem Ver­storbenen eine ganz ungewöhnlich politische Begabung absprechen wollen und können. Und ebenso wenig kann ihm jemand die Anerkennung versagen, daß er in jeglicher Beziehung stets als ein außerordentlich achtungswerther Charakter sich bewährt hat.

Gladstone hat während seines langen Lebens bedeutende Wandlungen in seinen politischen Anschauungen durchgemacht. Als strenger Konser­vativer trat der junge Gladstone ursprünglich in das öffentliche Leben ein. Aber allmählich ver­schob sich seine Parteistellung immer mehr nach links, und schließlich genügte seinem nach links strebenden Sinne auch das alte Programm der englischen Liberalen nicht mehr. Er schloß sich mehr und mehr den Radikalen in seinen An­schauungen an und sprengte dadurch selbst den

Zusammenhalt der großen liberalen Partei in England. Namentlich durch sein Home-rule für Irland theilte er die englischen Liberalen in zwei verschiedene Lager. Unbedingt muß ihm aber jedermann zum Lobe und zum Ruhme nachsagen, daß er durch seine friedliebende Politik Großbritannien vor so manchem blutigen Konflikte bewahrt hat, Großbritannien und damit auch manche andere Länder. Und daß Gladstone in allen seinen politischen Wandlungen nur zum Heile seines Vaterlandes zu handeln glaubte, ist ebenso wenig zu bestreiten. Uns Deutschen war er niemals freundlich gesinnt, und daß die Katholiken keinen Freund in ihm hatten, ist teinahe selbstverständlich. Aber das Gute und Große weiß der redliche Mann auch an dem Gegner zu achten.

William Ewart Gladstone war am 29. Dezember 1809 in Liverpool als Sohn eines Großkaufmannes geboren. In den Staatsdienst trat Gladstone im Jahre 1834, nachdem seine parlamentarische Lauf­bahn schon zwei Jahre vorher begonnen hatte. Viermal war Gladstone leitender Minister: von 1868 bis 1874, von 1880 bis 1885, ganz kurze Zeit im Jahre 1886 und zum letztenmal von 1892 bis 1894. Sein Lieblingsplan des irischen Home-rule scheiterte an dem Widerstande des englischen Oberhauses.____________________________

Zur Reichstagswahl.

X Die Kandidatenfrage im Wahlkreise Kkeve Gelder« macht den Gegnern des Cen­trums sehr überflüssige Kopfschmerzen. Bisher wurde dieser Wahlkreis durch den Chefredakteur Dr. Marcour-Koblenz vertreten, und es ist sehr die Frage, ob dieser wiederum eine Kandidatur in diesem Wahlkreise annehmen will. Eine Er­klärung hat er jedenfalls dem Wahlkomitee des genannten Wahlkreises noch nicht darüber abge­geben. Der Vorstand des Rheinischen Bauern­vereins hat als Kandidaten an Stelle des Herrn Dr. Marcour den Kommissar des Rheinischen Bauernvereins Herrn Schreiner vorgeschlagen. Aber in Folge bestimmter Gründe besteht bei dem Centrum mit Recht sehr wenig Neigung für diese Kandidatur. Gegen die Aufstellung von Vorstandsmitgliedern des Rheinischen Bauern­vereins im Allgemeinen als Reichstags-Kandidaten har natürlich niemand in den Kreisen der rheini­schen Centrumsleitung etwas einzuwenden. Schon jetzt gehören mehrere von diesen Vorstandsmit­gliedern den parlamentarischen Körperschaften als Mitglieder der Centrums-Fraktionen an. Ueber die Aufstellung eines Kandidaten für den Reichs­tag hat der Wahlkreis selbst und allein zu entscheiden; und das eilt dort gar nicht so sehr, da dort kein anderer als ein ausge­sprochener Centrumsmann Aussicht auf Erfolg hat.

Die Reichstagswahl in dem Wahlkreise chttöen-Küööe« wird immer interessanter. Prinz Carolath-Schönaich hat sich, wie konservative Blätter mittheilen, ansdrücklich geweigert, den so­genannten Sammlungsaufruf zu unterschreiben. Erst dann haben Konservative und Bund der Landwirthe Herrn von Heydebrand als ihren Kandidaten aufgestellt, und erst dann hat der Reichskanzler Fürst Hohenlohe eine Anfrage des Prinzen Carolath dahin beantwortet, daß er, der Kanzler, den Prinzen im Reichstage wiederzusehen hoffe. Das könnte beinahe so gedeutet werden, als mache sich der Reichskanzler Fürst Hohenlohe selbst außerordentlich wenig aus der berühmten Erfindung des Herrn von Miquel von der „Politik der Sammlung". Konservative Blätter fordern nun, daß der Brief des Kanzlers an den Prinzen Carolath im Wortlaute ver­öffentlicht werde. Wir werden ja sehen, was sich weiter aus der Sache entwickelt. Interessant ist sie auf jeden Fall sehr.

* München, 20. Mai. Dr. Sigl erklärt in seinem ,Bayr. Vaterland' daß er wegen „hohen Alters, schwankender Gesundheit und zunehmender Ekelhaftigkeit der Zustände im herrlichen Deutschen Reich und sechs oder sieben anderer Gründe" sich nicht mehr in Kelheim als Reichstags­kandidat aufstellen lasse. Dr. Sigl ist 59 Jahre alt. Das Alter wäre also nicht gar zu hoch; aber die „sechs oder sieben andere Gründe" !_

Gottesdlenftordnung in Fulda.

Sonntag, 22. Mai. Dom. 5, 6, 6s/< und 71/« Uhr bl Messen, 9 Uhr Amt und Predigt, 11 Uhr Christenlehre, 12 Uhr hl Messe, 1'/, Uhr Andacht und Christenlehre, 4 Uhr Bitt-Prozession auf den Frauenberg, 7 Uhr An- dackt in der Marienkapelle. — Stadtpfarrkirche. 5 Uhr bl Messe und Predigt, 7 Uhr hl. Messe, 8 Uhr hl. Messe und Predigt, 91/« Uhr Hochamt und Predigt, 11 Uhr Christenlehre, l1/» Uhr Prozession auf den Frauenberg, 8 Uhr Maiandacht. — Michaelskirche. 10 Uhr hl. Messe. — Pfarrkirche zum hl. Geiste. 8 Uhr Hochamt mit Predigt, 5 Uhr Andacht mit Segen. — Sodalitüt. 1/alO Uhr. - Frauenberg. 5 Uhr hl. Messe mit Maiandacht, 5' -, 6 (1 und 8 Uhr hl. Messen, 9 Uhr Hochamt, 2 Uhr nach Ankunft der Bittwallfahrt aus der Stadtpfarr­kirche Predigt und Bittandacht, 41/. Uhr Bittandacht für die Bittwallfahrt aus dem Dome.