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FuwaerWZeitung

25. Jahrgang.

IuLöcr, Samstag, den 14. Mai 1898

Inserat«: Die ein­spalt. Garmond­zeile oder deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend. Rabatt gewährt.

Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feier­tage. Vierteljährl.

Kerugsprris ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

mit Anterhattungs-Meikage „Illuffrirle Sonntags-Zeitung!' pelersgaffe Nr. 2 (Harmonie).

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Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 14. Mai.

Eine ereignißreiche, an seltenen Ereignissen reiche Woche liegt hinter uns; der bedeutungsvollste Vorgang, sowie der unter so außergewöhnlichen Umständen er­folgte Schluß des Reichstages am 6. Mai, demselben Tage, an welchem vor fünf Jahren der Reichstag aufgelöst wurde, weil er die Militärvorlage abge­lehnt hatte. Ob dieses Datum zum Schluß des nun­mehr entlassenen Reichstages in einer gewissen Absicht gewählt war, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls hat das merkwürdige Zusammentreffen Anlaß zu allerlei Betrachtungen gegeben. Der Kaiser hat den Reichs­tag selbst geschlossen und diesen Akt mit einem Glanz und einer Pracht umgeben, die bis dahin beim Schluß einer Reichstagsperiode noch nicht aufgewendet worden waren. Rur einmal geschah Aehnliches: als der Kaiser im Juni 1888 zum ersten Male, nachdem er zur Re­gierung gelangt war, den Reichstag eröffnet hatte. Die Absicht, den Schluß so feierlich zu gestalten, scheint erst kurz vorher entstanden zu sein, da man nach den getroffenen Festsetzungen angenommen hatte, der Kaiser werde am 4. Mai die Reise nach Lothringen antreten. Die Reise wurde nun um zwei Tage verschoben, und der Reichstag beendete Hals über Kopf seine Arbeiten, um den Schluß am 6. zu ermöglichen.

Die Einzelheiten des Schlußaktes dürfen wir als bekannt voraussetzen und somit ein Eingehen auf die­selben an dieser Stelle uns ersparen. Besonderes Jn- tereffe erregen einige Stellen der Reden, die der Kaiser bei der Schlußfeier, wie bei dem Mahle, das er dem Reichstage gab, und an dem die Reichstags­mitglieder sehr zahlreich theilnahmen, gehalten hat. Da berührte vor allen: sehr sympathisch, daß der Kaiser die Erhaltung auch der kirchlichen Grund­lage unseres öffentlichen Lebens entschieden betonte. Seinen vollen Werth aber erhält dieses Wort erst, wie auch das vom Kreuze, das er bei der Abendtafel sprach, wenn das Volk die Sicherheit hat, daß auch die Regierungen dasselbe zum Leitstern ihres Handelns machen. Hier indeß tauchen sofort ernste Zweifel auf, insbesondere hinsichtlich der Regierung, welche dem Kaiser als König von Preußen am nächsten steht, der preußischen. Man wird nicht behaupten können, daß die preußische Regierung für die Erhal­tung der Grundlagen des kirchlichen Lebens genügend sorge, wenn man sich erinnert, daß sie der Beseitigung der Reste der Kulturkampf-Gesetzgebung und der Aufhebung des Jesuiten-Gesetzes, die der Reichstag bereits vier Mal beschlossen hat, fortgesetzt und beharrlich widerstrebt. Wenn in dieser Haltung die Willensäußerung des Kaisers eine Wendung zum Guten bewirken sollte, so würde das allein die Thron­rede zu einer für alle Zeit denkwürdigen machen. — Die Rede, die der Kaiser bei dem Mahle hielt, hat, wie alle Tischreden, einen ganz anderen Charakter wie die Thronrede; sie hat mehr Schwung, lautet geho­bener und kann natürlich auch nicht in dem Maße die Kritik vertragen, wie die erstere.

Daß die Art und Weise, wie der von freiwilligen und bezahlten Preßlakaien früher so viel verlästerte und beschimpfte Reichstag vom Kaiser geehrt und ge­feiert wurde, zu interessanten Gegenüberstellungen An­laß bot, ergibt sich aus der Natur der Sache.

Aus der Thätigkeit des nunmehr der Vergangen­heit angehörenden Reichstages verdient noch erwähnt zu werden die am letzten Tage der Session verhandelte

Hohe Ziele.

Roman von L. von Neidegg.

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Augenblicklichen Erfolg konnte Frau von Tennenbach bis jetzt nicht aufweisen; es war ihr nicht leicht gewesen. Jemand zu finden, der überhaupt von dem Dasein dieses Mannes irgend etwas wußte. Erst nach langem Hin- und Her­schreiben hatte sie herausgebracht, daß thatsächlich ein solcher gelebt. Längst war er gestorben, be­graben und vergessen; über seine Familie, wenn er je eine besessen, wußte Niemand Auskunft zu geben.

Auch ihre Erwartung, den Sohn von seiner Liebe abzubringen, so bald er vom Gegenstände derselben getrennt war, hatte bisher als trügerisch sich erwiesen. Sie hatte sich die Sache sehr leicht vorgestellt; war sie doch von der Ueberzeugung durchdrungen, daß er wohl der Mann sei, um sich von seiner Frau gänzlich beherrschen zu lassen, nicht aber um sich dieselbe, Schwierigkeiten zum Trotz, zu erringen. In mehr denn einer Beziehung hatte bei Behandlung dieser Herzensangelegenheit ihre viel gepriesene Klugheit sie im Stich gelaßen. Bei ihrer mit den Jahren zunehmenden Herrsch­sucht neigte sie ohnehin dazu, gewaltsame Fäden zu zerreißen, statt mit geschickter Hand sie sachte zu entwirren. In diesem Falle, wo ihr lange gehegter Wunsch in Frage gestellt war, glaubte sie gar nicht entschieden genug vorgehen zu können, und häufte dadurch Fehler auf Fehler. So war es ein Fehler gewesen, Martha mit auf die Reise zu nehmen, dem Sohne die unwillkommene Be-

sozialdemokratische Interpellation, was die Re­gierung angesichts der bedeutend gestiegenen Getreidepreise zu thungedenke, ob siebeabsichtige, die Getreidezölle zeitweilig aufzuheben. Die Regierung gab die für den Augenblick jedenfalls zutreffende Ant­wort, daß die aller Wahrscheinlichkeit nach nur vor­übergehend hohen Getreidepreise einen Grund zur zeit­weiligen Aufhebung der Zölle ihr nicht böten, daß sie aber die Angelegenheit im Auge behalten, und, wenn die Preissteigerung weiter andauern sollte, in Erwägungen darüber treten werde, welche Maßregeln daun zu ergreifen seien. Die große Mehrheit des Reichstages stimmte dieser Auffassung umso mehr zu, als eben, wo die deutsche Landwirthschaft kein Getreide mehr zu verkaufen hat, eine Aufhebung der Zölle lediglich dem Spekulantenthum und dem Auslande zu statten kommen würde, nicht aber den Brodkonsumenten; das Brod würde dann keineswegs billiger werden.

Von dem geschloffenen Reichstag wendet sich die Aufmerksamkeit dem künftigen, am 16. Juni neu zu wählenden zu. Von einer lebhaften Wahlbewe­gung ist bis jetzt nicht viel zu merken, und auch die verschiedenen Wahlaufrufe, die nunmehr sämmtlich er­schienen sind, haben in dieser Hinsicht wenig förderlich gewirkt. Eine Ausnahme dürfte hier indeß der Wahl­aufruf des Centrums machen, der wohl zug­kräftiger wirken wird, als der irgend einer anderen Partei; denn er kann mit Recht darauf Hinweisen, daß Alles, was im verflossenen Reichstage zu Stande ge­kommen ist, nur mit Hilfe des Centrums und seiner ausschlaggebenden Mitwirkung erreicht werden konnte. Daraus allein schon erhellt, wie wichtig es ist, daß diese ausschlaggebende Stellung dem Ceutrum auch im neuen Reichstage gesichert wird. Die Katholiken müssen aber auch deshalb Alles einsetzen, um eine möglichst starke Fraktion in den Reichstag zu entsenden, weil sie von keiner anderen Partei die entschiedene Wahrung ihrer religiösen Interessen zu erwarten haben. Je stärker und geschloffener aber das Centrum auftreten kann, um so erfolgreicher auch vermag es zu wirken. Aber nicht nur die kirchlichen Interessen gebieten uns, treu zum Centrum zu halten, sondern auch die Erhal­tung unserer bürgerlichen Freiheiten — diesmal ganz besonders, denn das Bestreben der Regierung sowohl wie der sogenannten Mittelparteien, der Konservativen und Nationalliberalen, geht dahin, bei den Wahlen eine sogenannte Kartellmehrheit zu erreichen, die das Centrum aus seiner ausschlaggebenden Stellung verdrängen und der Regierung in Allem willfährig sein würde. Eine der ersten Thaten dieser Kartell­mehrheit würde die Abschaffung des allge­meinen, gleichen und direkten Wahlrechts sein, des wichtigsten Rechtes, welches das deutsche Volk noch hat. Auf diese Gefahr macht denn auch der Centrumsaufruf dringend aufmerksam und mahnt die Wähler, unter allen Uinständen das Zustandekommen einer Kartellmehrheit zu verhindern. Wir sind über­zeugt, daß unsere Parteigenossen dieser Mahnung nach Kräften zu entsprechen suchen, denn schon der bloße Selbsterhaltungstrieb weist darauf hin.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat in den letzten Tagen diePfarrerbesoldungsgesetze in zweiter und dritter Lesung berathen und sie in der von der Kommission beschlossenen Fassung angenommen. Ob­schon von keiner Seite irgend welcher Anlaß dazu ge­boten wurde, konnten die Nationalliberalen es nicht über sich gewinnen, bei dieser Berathung ihre kultur­kämpferischen Gelüste zu unterdrücken; einer ihrer „Führer", der die lustige Figur spielt, der Wupper- thaler Abg. v. Eynern, hatte die Unverfrorenheit, von den katholische» Geistlichen zu verlangen, sie möchten auf die Summe, um welche in der Kommission den Staatsschuß für sie erhöht wurde, zu Gunsten der protestantischen Prediger, von denen sie bevorzugt seien — verzichten! Und dabei erreichen die Prediger ein Gehalt von 4800 Mk., die kathol. Pfarrer dagegen

nur 3200 Mk.! Das ganze Haus lachte den „Spaß­macher" aus, und damit war die Sache erledigt. — Das Herrenhaus wird die Vorlage am Samstag berathen und zweifellos sie in der Fassung des Abge­ordnetenhauses annehmen. Dann soll der Landtag am 18. d. Mts. geschlossen werden, wie es heißt, durch den Kaiser selbst.

Auch im österreichischen Reichsrath war mit Rück­sicht auf die enorm gestiegenen Getreidepreise ein An­trag auf Aufhebung der Getreidezölle gestellt worden. Während die Regierung Anfangs geneigt schien, dem Antrag näher zu treten, ist sie schließlich doch davon abgekommen, einmal weil, wie sie erklärte, eine Er­mäßigung der Brodpreise doch nicht eintreten würde, und dann, weil die ungarische Regierung einen gleichen, im dortigen Abgeordnetenhause gestellten An­trag nicht annehmen zu können erklärt hatte. Die Maßregel hätte aber nur dann wirksam sein können, wenn sie in beiden Kronländern durchgeführt worden wäre.

In Frankreich haben am vergangenen Sonntag die Wahlen zur Deputirtenkammer stattgefunden. Ein irgendwie übersichtliches Ergebniß liegt zwar noch nicht vor, da nicht weniger als 183 Stichwahlen statt­zufinden haben, aber das kann doch schon gesagt wer­den, daß das Ministerium Meline eine Schwächung durch die Wahlen nicht erfahren hat.

Ernste Nachrichten kommen aus Italien: dort herrschte seit einer Woche in mehreren Städten die Revolution, hervorgerufen, wenn auch nicht gerade unmittelbar veranlaßt, durch den zu bedenklicher Höhe gestiegenen Nothstand. Schon seit Monaten besteht in einzelnen Gegenden des unglücklichen, durch Mißwirth- schaft und unerhörten Steuerdruck ausgesaugten Landes Hungersnoth, die bei den immer weitersteigenden Brodpreiseu das arme Volk zum Verzweiflungskampfe förmlich treibt. Daß nun Sozialdemokraten und ge­heime Gesellschaften diesen Nothstand nach Kräften zu ihren Zwecken auszubeuten suchen, kann nicht weiter auffallen, und unter Mithilfe dieser Elemente ist es denn in mehreren der größten italienischen Städte, wie in Mailand, Livorno, Pavia, Florenz, Neapel, zu blutigen Aufständen, zu erbittertem Kampfe zwischen Bürgern und Militär gekommen, bei dem es auf beiden Seiten viele Todte und Verwundete gab. In Mai­land ging es am schlimmsten her: dort wurden Häuser erstürmt, geplündert und angezündet, mit den Möbeln und sPferdebahnwagen Barrikaden gebckut, aller Ver­kehr wurde gehemmt, das Abfahren von Eisenbahn­zügen verhindert, und an dem Straßenkampfe be- theiligten sich Frauen und Kinder, von denen auch eine Anzahl getödtet ward. Es wird jetzt offen eingestanden, daß die Bewegung auch einen autidynastischen Charakter habe, gegen die Monarchie und das Königs­haus der Piemontesen gerichtet sei. Sollte jetzt viel- leccht das Strafgericht beginnen gegen Diejenigen, die seit 40 Jahren fortgesetzt das Verbrechen des Kirchenraubs begehen, an dem Patrimonium Petri sich vergriffen, „vom Papste gegessen" haben? Wer wollte darüber sich wundern! Denn daß diese Strafe eines Tages kommen müsse, kann nur Derjenige bezweifeln, der das Walten einer einigen, unabänderlichen Ge­rechtigkeit leugnet. Immer wahr bleibt das Sprich­wort: „Wer vom Papst ißt, stirbt daran!"

Vom amerikanisch-spanischen Kriege sind dies Mal besonders hervorragende Nachrichten, wie sie in der vorigen Woche in den Berichten über die Seeschlacht von Manila Vorlagen, nicht zu melden. Seit Sonn­tag allerdings erwartet man einen Zusammenstoß zwi­schen der amerikanische» und der spanischen Flotte in den Gewässern zwischen den Antilleninseln Cuba und Portoriko; bis jetzt scheint er indeß noch nicht statt­gefunden zu haben. Zwar wußten spanische Berichte von einem Seegefecht zu melden, in dem die Ameri­kaner geschlagen worden seien, allein die Nachricht ist offiziell noch nicht beglaubigt. Heute aber kommt auch

aus amerikanischer Quelle die Nachricht, daß zwei amerikanische Kriegsschiffe, anscheinend schwer be­schädigt, in Key-West, der der Insel Cuba zunächst gelegenen amerikanischen Station, am Montag in Sicht gewesen seien. Das würde den Gerüchten von einer Seeschlacht eine gewisse Unterlage geben. In jedem Falle haben die Amerikaner schon ein gut Theil ihrer Siegeszuversicht eingebüßt; sie fühlen sich unbehaglich, weil sie ungewiß sind darüber, wessen sie von der spanischen Flotte sich zu versehen haben, und besorgen fortwährend, die Spanier könnlen vor New-Iork und andern amerikanischen Häfen erscheinen und die be­treffenden Städte beschießen. Die Spannung darüber, was in den nächsten Tagen geschehen wird, ist groß und man kann die Nachrichten kaum erwarten. Daß ein Zusammenstoß auf dem Meere stattfinden wird, der vielleicht für den Ausgang des Krieges entscheidend ist, scheint allerdings nicht mehr zweifelhaft. Möge dabei dem schwer verletzten Recht der Sieg bleiben"!

X Eine Versammlung rheinischer Landwirthe

hat am letzten Mittwoch in Köln stattgefunden. Diese Versammlung ist eine Veranstaltung des des Rheinischen Bauern-Vereins. Sie wurde ge­leitet von dem bisherigen Landtagsabgeordneten Graf v. Hoensbroech, und dieser hielt auch den leitenden Vortrag des Tages. Er brachte in seinem Vortrage zum Ausdruck, daß es für das Centrum richtig sei, in wirthschaftlichen Fragen mit den Konservativen zusammen zu gehen, be­tonte aber ausdrücklich, daß er die Worte „in wirthschaftlichen Fragen" sich unterstrichen denke. Graf Hoensbroech muß also der Ansicht sein, daß das Centrum in anderen Dingen wenig oder gar keine Gemeinschaft mit den Konservativen haben will. Darin stimmt er so ziemlich mit dem ganzen Centrum und mit der gesammten Centrumspresse überein. Das ist ja auch gar nichts Neues mehr, sondern entspricht den Ueber- lieserungen des Centrums im Allgemeinen.

Wunderlicherweise fühlte sich Graf von Hoensbroech veranlaßt zu dem Ausspruche, daß „die Centrumspresse absolut nicht zu indenti- fiziren" sei mit „dem Centrum bezw. mit der Vertretung des Centrums". Als Beispiel führte der Redner dafür an, daß die ganze Cen­trumspresse vorher gegen die Flottenvorlage Stellung genommen, daß dann aber die Mehrheit der Fraktion für diese Vorlage gestimmt habe. Das ist richtig, und ohne Zweifel hat damit Graf Hoensbroech einen wunden Punkt berührt, der voraussichtlich noch öfter wird berührt und angeführt werden müssen. Nur hätte er gleich­zeitig sagen müssen, daß die allermeisten parla­mentarischen Vertreter des Centrums nicht nur, sondern auch aller anderen politischen Parteien nach Berlin gekommen sind, ohne vorher nur eine Ahnung davon zu haben, was sie mit der Flottenvorlage anfangen würden. Und beispielsweise hat vorher auch die Presse des Bundes der Landwirthe in Opposition gegen die Flottenvorlage gemacht. Warum führte Graf v. Hoensbroech das Eine an und verschwieg gleichzeitig das Andere?

Dann aber hat Graf v. Hoensbroech gesagt, die Centrumspresse im besonderen habe sich „außerordentlich entrüstet über den wirthschaft­lichen Aufruf, den man Sammelaufruf ge-

gleiterin aufzudrängen, ihn dadurch zu Vergleichen zwischen derselben und Hedwig wie mit Gewalt herauszufordern. Als sie ihren Mißgriff einsah und kurz entschlossen Anstalt zu treffen wußte, das Mädchen unter dem Schutze von Bekannten dem Vater zurückzuschicken, war in Hermann der Widerspruchsgeist geweckt und mit ihm der Ent­schluß zu stillem 'Widerstand bereis feststehend.

Ihr weiteres Benehmen diente nur dazu, den­selben zu verstärken. Obwohl sie dem Sohne ver­boten, Hedwigs Namen in ihrer Gegenwart zu nennen, konnte sie es nicht unterlassen, in weg­werfender Weise mit Stichelreden aller Art des Mädchens zu erwähnen. Hermann blickte dann jedesmal zornig auf, und wenn er auch schwieg, weil er sich seiner Mutter im Wortgefechte nicht gewachsen fühlte, so waren seine Gedanken um so thätiger; sie umkleideten die so lieblos Be- urtheilte mit einem poetischen Schimmer; vor allem aber kehrten sie zu seiner letzten Zusammenkunft mit Hedwig zurück. Vergegenwärtigte er sich diese, so pochte sein Herz laut und stürmisch, und er sagte sich, daß Liebe, wie diese echte, wahre Liebe nur einmal im Leben empfunden wird, und daß das Urtheil der Welt — seiner engen, kleinen Welt — dem eigenen Lebensglück gegenüber doch recht wenig bedeute.

Es war in den letzten Augenblicken vor seiner Abreise aus Gries gewesen; er hatte Hedwig zu svrechen und aus ihrem Munde Nachricht über ihre Mutter zu hören verlangt.

Die Botschaft war ihr gebracht worden, als sie mit einer barmherzigen Schwester am Kranken­lager gesessen, nachdem sie den Vater überredet, für einige Augenblicke Ruhe zu suchen. Ohne

Zögern hatte sie dem Wunsche Folge geleistet und war zu Hermann geeilt. Fest entschlossen, die Seine zu werden, ihm' anzugehören in Freud und Leid, konnte sie in diesem Augenblick ihm unmög­lich ein Gespräch verweigern. Als sie ihm aber in das Gesicht gesehen, da hatte ihr Herz sich in krampfhaftem Leid zusammengezogen: es war wenig mehr von der Begeisterung des vorigen Abends in seinen Zügen zu lesen, und die Worte, die er an sie richtete, wenn auch aufrichtige Theil- nahme bekundend, waren nicht ganz ohne nüchternen Beigeschmack.

Auf seine stürmische Aufwallung vom vorher­gehenden Tage war eben ein Gefühl der Besorg- niß gefolgt. Nach wie vor blieb er entschlossen, um den Preis zu ringen, den er sich vorgesetzt, aber zugleich schreckte er vor den Kämpfen zurück, die er voraussah. Er vergegenwärtigte sich die bitteren Reden seiner Mutter, die schweren Ein­wendungen, die sie erheben,die materiellen Schwierig­keiten, die sie ihm in den Weg legen würde, und verwünschte das Geschick, daß gerade er zu solchen Widerwärtigkeiten ausersehen. Aber als Hedwig vor ihm stand, bleich und verweint, mit dem Ausdruck tiefen Wehes in den dunkeln Augen; als er wahrnahm, wie sie schmerzhaft zusammen­zuckte bei seiner, der früheren Wärme ermangelnden Begrüßung, da kam wie eine unwiderstehliche Macht Mitleid und Liebe über ihn. Er fühlte sich vom leidenschaftlichen Verlangen beseelt, das Mädchen in seine Arme zu schließen, sie zu schützen und zu schirmen vor jedem Weh; kein Kampf schien ihm zu schwer, kein Preis zu hoch in diesem Augen­blick. Ihre widerwillige Hand ergreifend, zog er sie beinahe gewaltsam an seine Lippen.

„Hedwig, meine Hedwig, verweint und über­wacht! Steht es so schlimm um die Mutter?" fragte er mit einer Stimme, welche so überzeugend in ihrer Zärtlichkeit klingen konnte, weil sie auch seine flüchtigsten Empfindungen als tiefgründige und unwandelbare wiedergab.

Sie hatte den ersten Eindruck seines Beneh­mens nicht überwunden. Sanft löste sie ihre Hand aus der seinen; mit aller Gewalt kämpfte sie, um ruhig zu scheinen, dennoch bebten ihre Lippen, als sie erwiderte: „Es steht sehr schlimm, Herr von Hardanger, sie kennt Niemand mehr."

„Herr von Hardanger?" wiederholte er vor­wurfsvoll. „Soll ich denn nicht mehr für Sie sein dürfen, Hedwig?"

„Jetzt ist nicht der Augenblick, solche Fragen zu stellen," erwiderte sie mit erzwungener Kälte, wiewohl jede Fiber in ihr bebte, im stürmischen Verlangen, die Liebe zu offenbaren, die ihr Herz erfüllte. „Später, wenn . . . wenn ..." Sie brachte ihren Satz nicht zu Ende; schwere Thränen, die sie nicht zurückhalten konnte, stürzten ihr aus den Augen.

Die wenigsten Männer können es ertragen, Frauen weinen zu sehen. Hermann, dessen erster Antrieb immer war, allen Leidenden beizuspringen, war keine Ausnahme von dieser Regel. Er fühlte sich überwältigt beim Anblick dieses so tiefen und doch klagelosen Schmerzes; in dieser Minute hätte er Alles hingeben mögen, nur um das Recht zu haben, die Thränen von diesen schönen Augen zu küssen.

„Ich verlange ja nichts, als das Recht, Sie zu trösten und aufzurichten, Hedwig," sagte er